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25.11.2022

04:00

Pflege zu Hause

Für den Pflegefall gerüstet – wie Angehörige die Bürokratie meistern und richtig vorsorgen

Von: Markus Hinterberger

Bundesweit sind über vier Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen, die meisten davon leben zu Hause. Angehörige müssen Beruf und Pflege bewältigen und stehen am Anfang oft ziemlich allein da.

Wer die eigenen Angehören pflegt, muss einiges beachten. dpa

Pflege

Wer die eigenen Angehören pflegt, muss einiges beachten.

München Ein Mensch wird zum Pflegefall – und nicht mal der Ehepartner darf entscheiden, wie es nun weitergeht. Das passiert immer wieder, wenn Familien sich nicht frühzeitig um ein bestimmtes Formular bemüht haben.

Jeder zwanzigste Mensch in Deutschland muss gepflegt werden. Das sind überwiegend alte Menschen, aber auch Zigtausende Kinder und junge Menschen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Diese anderen sind oft die eigenen Verwandten. Laut Statistischem Bundesamt werden in diesem Jahr 80 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt, und etwa genauso viele von ihnen werden dort von Angehörigen umsorgt.

Hilfen für Angehörige wurden schon vor Jahren ersonnen, doch wenn es so weit ist und Pflege für ein Mitglied der Familie organisiert werden muss, stehen viele allein da. Denn was auf dem Papier so einfach erscheint, entpuppt sich schnell als Geduldsspiel. Ein Wegweiser für Betroffene und alle, die für den Ernstfall vorsorgen wollen.

Wer bestimmt, ob ein Mensch ein Pflegefall ist?

Rein rechtlich sind nur Menschen ein Pflegefall, denen ein Pflegegrad von 1 bis 5 zugestanden wurde. Denn ohne die Einstufung haben Menschen, die Hilfe brauchen, kein Anrecht auf Geld- oder Sachleistungen aus der Pflegekasse.

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    Ob die oder der Betroffene noch recht eigenständig ist (Pflegegrad 1) oder rund um die Uhr versorgt werden muss (Pflegegrad 5), bestimmt der medizinische Dienst, den die Pflegekasse beauftragt. Dieser Dienst wird bei Unfällen oft bereits schon von dem Sozialdienst des Krankenhauses, in dem der Patient behandelt wird, angefordert.

    Grafik

    Alle, die gesetzlich krankenversichert sind, sind automatisch auch in der sozialen Pflegeversicherung versichert. Bei den gesetzlichen Kassen unterhält jede Kasse einen eigenen Dienst, der Angehörige berät. Bei den Privaten wurde zentral die Pflegeberatung Compass gegründet.

    Was dürfen Angehörige entscheiden?

    Beim Organisieren der Pflege ist besonders zu beachten, dass Angehörige, so nahe sie dem Patienten auch stehen, nicht für ihn sprechen dürfen. „Am besten man hat sich bereits lange im Vorfeld eine Vorsorgevollmacht geben lassen“, sagt Brigitte Bührlen von der Wir! Stiftung, die pflegende Angehörige berät.

    Sie rät, sich in der Familie untereinander Vorsorgevollmachten zu erteilen. Denn ohne diese Vollmacht, dürfen etwa Ehepartner für den anderen Partner, der nicht bei Bewusstsein ist, keine Entscheidungen treffen, sondern es muss vom Amtsgericht ein Betreuer bestellt werden, der die Interessen des Patienten zu wahren hat.

    Was sind die ersten Schritte, die Angehörige unternehmen sollten?

    Wird ein naher Verwandter pflegebedürftig, ist das für viele zunächst einmal ein Schock, sie sollten aber weder in Teilnahmslosigkeit noch in Panik verfallen. Denn nun geht es darum, gemeinsam mit dem pflegebedürftigen Verwandten die Pflege zu organisieren.

    Hierfür stehen Angehörigen, die sich von jetzt auf gleich kümmern müssen, zehn Tage Urlaub zu, den der Arbeitgeber genehmigen muss. Ganz gleich, wie groß der Betrieb ist und welche Funktion die Person hat, die sich nun kümmern muss.

    Während dieser Tage bekommen Angehörige einen Lohnersatz in Höhe von 90 Prozent des Nettoeinkommens. Um diese Befreiung zu bekommen, müssen sie jedoch dem Arbeitgeber nachweisen, dass der Verwandte mindestens Pflegegrad 1 hat.

    In diesen zehn Tagen sollte der Angehörige gemeinsam mit dem Pflegebedürftigen überlegen, wie die Pflege aussehen soll. Hier stehen Fragen im Vordergrund wie: „Pflege zu Hause oder stationär?“, „Kommt ein Pflegedienst oder pflegen die Verwandten“ und „Wenn zu Hause gepflegt wird, was wird an Ausstattung und Umbauten nötig sein?“.

    Danach entscheidet sich auch, welche Hilfen beantragt werden. Die Pflegekassen oder Medizinischen Dienste der Länder bieten hierbei auch Beratung an. Doch laut Brigitte Bührlen kann es teilweise dauern, bis ein solches Gespräch zustande kommt.

    Sie empfiehlt daher, sich auch auf eigene Faust zu informieren und das Gespräch zur Abrundung zu führen. Auch inhaltlich sollten Angehörige keine konkreten Adressen, Namen und Empfehlungen erwarten. In den Beratungsgesprächen gibt es oft Listen mit Namen und Adressen von Stellen, an die sich Angehörige wenden können. Die Beratung muss neutral und unabhängig sein.

    Für pflegende Angehörige gibt es verschiedene finanzielle Unterstützungen. imago images/photothek

    Geld für die Pflege

    Für pflegende Angehörige gibt es verschiedene finanzielle Unterstützungen.

    Daher lohnt es sich, auch selbst Pflegedienste zu kontaktieren oder sich nach einem Pflegeheim umzuschauen, Hilfe in der Nachbarschaft, Kirchengemeinde oder wo auch immer zu organisieren, damit der Bedürftige gut versorgt ist.

    Welche Hilfen gibt es für die Patienten?

    Jedem Menschen, der hierzulande zum Pflegefall wird, steht Pflegegeld zu. Dessen Höhe bemisst sich nach dem Pflegegrad. Daneben gibt es noch Sachleistungen.

    Pflegebedürftige können auch einen ambulante Pflegedienst nutzen. Dieser unterstützt Pflegebedürftige und ihre Angehörigen bei der Pflege zu Hause.

    Gibt es Zuschüsse für Umbauten?

    Die Kasse kann für Pflegebedürftige bis zu 4000 Euro als Zuschuss zahlen, damit die Wohnung oder das Haus des Bedürftigen so umgebaut werden kann, dass er oder sie zu Hause gepflegt werden kann oder selbstständig zu Hause leben kann. Wer vorsorgen will, sollte bereits bei anstehenden Renovierungsarbeiten darauf achten, dass etwa Türschwellen verschwinden, oder das Bad barrierefrei wird.

    Wer hilft Angehörigen, die pflegen?

    Neben dem Beratungsgespräch bieten die Pflegekassen auch Kurse für pflegende Angehörige an. Hierbei lernen Angehörige, auf was es im Umgang mit Menschen, die gepflegt werden müssen, ankommt.

    Angehörige können als Pflegepersonen eingetragen werden. Wer dementsprechend eingetragen ist, kann das Geld von der Kasse für die Pflege des Angehörigen einsetzen und es auch für sich als finanziellen Ausgleich behalten.

    Eine andere Ersatzleistung wie etwa das Elterngeld gibt es nicht. Zudem gibt es alle sechs Monate eine Prüfung durch von der Pflegekasse entsandte Fachleute. Während ihrer Pflegezeit übernimmt die Pflegeversicherung die Sozialversicherungsbeiträge der Pflegeperson.

    Wie können sich pflegende Angehörige im Job freistellen lassen?

    Wer einen Angehörigen zu Hause pflegt, kann sich bis zu sechs Monate vollständig oder zum Teil von der Arbeit freistellen lassen. Angestellte in Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitenden haben einen Rechtsanspruch auf Pflegezeit. Dazu muss der Patient mindestens Pflegegrad 1 haben. Um in dieser Zeit finanziell über die Runden zu kommen, können Angestellte bei der Pflegekasse ein zinsloses Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben beantragen.

    Mit der Familienpflegezeit können sich Angestellte bis zu zwei Jahre teilweise von der Arbeit freistellen lassen, wenn sie einen nahen Angehörigen in häuslicher Umgebung pflegen. Auch hier gilt, dass die Person, die gepflegt wird, mindestens Pflegegrad 1 hat und zu Hause betreut wird.

    Die Arbeitszeit während der Familienpflegezeit muss mindestens 15 Stunden pro Woche betragen. Pflegende können sich diese Zeit aber blockweise zusammenstellen.

    Wer seinen Lebensraum pflegegerecht umbauen lässt, kann dafür Zuschuss von der Kasse erhalten. dpa

    Renovierung fürs Alter

    Wer seinen Lebensraum pflegegerecht umbauen lässt, kann dafür Zuschuss von der Kasse erhalten.

    Angehörige, die pflegen, können ein zinsloses Darlehen beantragen, wie viel bringt das?

    Wie hoch das Darlehen des Bundesamts für Familie ausfällt, hängt vom Einkommen des Antragstellers ab. Eine Angestellte mit 80.000 Euro Bruttogehalt, die von den 40 Wochenstunden, die sie regulär arbeitet, 20 zur Pflege eines Angehörigen zu Hause bleibt, kann während der sechs Monate Pflegezeit 920 Euro monatlich bekommen.

    Die Insgesamt 5520 Euro muss sie dann in 42 Raten zu je rund 131,50 Euro zurückzahlen. Nimmt diese Frau zwei Jahre Familienpflegezeit, bleibt die Höhe des monatlichen zinslosen Darlehens gleich, die Gesamtsumme, die sie dann auch in Raten zurückzahlen muss, vervierfacht sich.

    Ich habe noch keinen Pflegefall in der Familie, will aber vorbereitet sein

    Brigitte Bührlen, die selbst eine pflegende Angehörige war, rät vor allem zur Vorsorgevollmacht. „So bleiben die Angehörigen im Ernstfall handlungsfähig“, sagt sie.

    Darüber hinaus, sollte man das Szenario einmal gedanklich durchspielen und sich umhören, welche Angebote es vor Ort gibt, und mit Freunden und Bekannten, die Angehörige pflegen, sprechen und von deren Erfahrungen profitieren. „Das gibt einem, wenn es denn so weit sein sollte, das Gefühl, nicht allein zu sein“, so Bührlen.

    Es hilft aber auch, ein wenig Geld beiseitezulegen, um die Zeit der Pflege zu überbrücken. Ganz wichtig: Wer einen Angehörigen pflegt, sollte seine eigene Altersvorsorge nicht außer Acht lassen. Es lohnt sich also, bereits vorab etwas Geld zur Seite zu legen, nicht nur um das fehlende Einkommen auszugleichen.

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