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06.09.2021

04:12

Plattformökonomie

Volksbanken basteln an digitalem Ökosystem mit Dienstleistungen jenseits des Bankgeschäfts

Von: Elisabeth Atzler, Yasmin Osman

Bisher wagen es nur wenige Banken, mehr als Konto, Kredite und Geldanlagen anzubieten. Die Genossenschaftsbanken wollen den Schritt zum „Beyond Banking“ gehen.

„Wir haben in Deutschland die Tendenz, dass wir bei Gesetzen und Hilfsmaßnahen oftmals eher große Unternehmen adressieren und die Ergebnisse schablonenhaft kleinen Firmen übergestülpt werden“, klagt die BVR-Chefin. Uta Wagner / Euroforum

Marija Kolak

„Wir haben in Deutschland die Tendenz, dass wir bei Gesetzen und Hilfsmaßnahen oftmals eher große Unternehmen adressieren und die Ergebnisse schablonenhaft kleinen Firmen übergestülpt werden“, klagt die BVR-Chefin.

Frankfurt Mobilfunkvertrag, Reisebuchung und Handwerker beauftragen per Onlinebanking? Bisher sind solche Angebote bei Geldhäusern nur sehr selten zu finden. Nun machen sich ausgerechnet die Volks- und Raiffeisenbanken, die als konservativ gelten, daran, ein eigenes Ökosystem als Ergänzung zum Bankgeschäft zu schaffen.

Die Präsidentin des Genossenschaftsverbands der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), Marija Kolak, sagte dem Handelsblatt: „Wir wollen ein erweitertes Ökosystem aufbauen. So können Genossenschaftsbanken vor Ort auch in einer immer digitaleren Welt alltagsrelevant für ihre Kunden bleiben. Die Priorität bei dem Vorhaben ist, Kontakt und Schnittstelle zu den Kunden abzusichern.“

In einem zweiten Schritt wollen die gut 800 Volks- und Raiffeisenbanken zusätzliche Erträge erzielen, so Kolak. Konkret bastelt die genossenschaftliche Finanzgruppe daran, mehr Dienstleistungen zum Thema Bauen und Wohnen anzubieten: „Womöglich bis hin zu Unterstützung beim gesamten Immobilienkauf, von der Besichtigung bis zum Notartermin und der Renovierung.“ Zudem prüfen die Genossenschaftsbanken Kolak zufolge, ob sie Plätze in Pflegeheimen vermitteln können.

Die genossenschaftliche Finanzgruppe steht mit ihren Plänen jedoch noch am Anfang. In der aktuellen Konzeptionsphase gehe es erst einmal darum, „die Dienstleistungen festzulegen, die Teil des Ökosystems werden können“, erklärte Kolak. „Wie viel wir investieren, in welche Dienstleistungen und mit welchen Partnern, wird noch innerhalb der Organisation entschieden werden.“

Banken wollen Bedeutung für Verbraucher steigern

Die Möglichkeit, dass Banken jenseits von klassischen Bankgeschäften vor allem ihren privaten Kunden und Kundinnen weitere Dienstleistungen anbieten, wird in der Finanzbranche seit Längerem diskutiert – oft unter dem Schlagwort „Beyond Banking“. Teils ist auch von „Plattformökonomie“ die Rede. Die Banken wären hier die Plattform oder der Marktplatz und brächten ihre Kunden untereinander oder mit Anbietern anderer Produkte zusammen.

Der Aufbau einer Reihe solcher Dienstleistungen gilt als Chance, dass Kreditinstitute auf Dauer attraktiv für Kunden bleiben. Denn die Geldhäuser sehen sich zunehmend den Angriffen von Tech-Konzernen ausgesetzt, die nach und nach ins Bankgeschäft vordringen – und längst eine feste Größe im Alltag vieler Verbraucher sind. Apple und Google etwa bieten seit einiger Zeit eigene Bezahldienste, Apple Pay und Google Pay.

Der Großteil der deutschen Finanzbranche kann beim Thema Ökosystem aber noch kaum etwas vorweisen. Als führend in diesem Bereich gilt in Europa die russische Bank Sber. Sie bietet etliche E-Commerce-Dienstleistungen.

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Laut Tomas Rederer, Partner der Beratungsfirma PwC, gibt es in Deutschland bisher „keine ganzheitlichen Ökosysteme, die von Banken entwickelt worden sind und betrieben werden“. Er erkenne aber vielversprechende Ansätze. „Allerdings müssen die Ideen nun endlich konkretisiert und umgesetzt werden“, so Rederer.

Gleichwohl ist umstritten, inwiefern Geldhäuser überhaupt mit Dienstleistungen fern ihres Kerngeschäfts punkten können – oder ob Verbraucher hier lieber bewährten Anbietern vertrauen. Stefan Roßbach, Partner der Beratungsfirma TME, hält nur Dienstleistungen für sinnvoll, „die nah am Bankgeschäft sind, zum Beispiel ergänzend zur Immobilienfinanzierung“. An Ökosysteme mit ganz anderen Dienstleistungen glaubt er nicht.

Einfacherer Zugang zu Wohnungsgenossenschaften geprüft

Die Volksbanken nehmen sich BVR-Präsidentin Kolak zufolge zunächst vor allem Dienstleistungen zum Thema Bauen und Wohnen vor. Das schließe direkt an die Baufinanzierung an. Sie verweist darauf, dass die PSD Banken, die Teil der genossenschaftlichen Finanzgruppe sind, über den „Persönlichen Immobilien-Assistenten“ (PIA) bereits unter anderem Beratung bei Modernisierungsvorhaben bieten und Gutachter vermitteln. „Wir prüfen, wie PIA weiterentwickelt werden kann“, so Kolak. Sie rechnet für 2023 mit einer weiteren Testphase.

„Auch Dienstleistungen rund um Gesundheit und Pflege könnten Teil des Ökosystems werden“, sagte Kolak. Hier bringe sich der genossenschaftliche Versicherer R+V ein. Die Banken hätten zudem gute Kontakte in diesen Sektor. Schließlich sei ein Teil der Pflegeheimbetreiber genossenschaftlich organisiert. Der Zugang zu Wohnungsgenossenschaften sei ebenfalls als Teil des Ökosystems denkbar.

Einige Geldhäuser, auch Genossenschaftsbanken, starten bereits eigene Plattformen – auch weil sie nicht bis 2023 warten wollen. Henry Rauner, Vorstand der Volksbank Rottweil, ist es wichtig, „schon früher mit einer Plattformstrategie zu beginnen, um Erfahrungen zu sammeln, die wir auch in die Gruppe einbringen können“. Die Bank habe mit einer Handvoll weiteren Genossenschaftsbanken ein eigenes Projekt aufgesetzt und wolle damit möglichst bereits 2022 loslegen.

„Wir hoffen, dass die Plattform ‚Mein RW‘ die Verbundenheit mit unseren Kunden stärkt und Kaufkraft in der Region bindet, nach dem Motto: ‚Genozon statt Amazon‘“, so Rauner.

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