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30.07.2022

09:13

Quartalsergebnisse

Europas Banken trotzen den Rezessionsängsten – doch es gibt auch Verlierer

Von: Dennis Schwarz, Jakob Blume, Yasmin Osman, Gregor Waschinski, Christian Wermke

Viele Großbanken haben im zweiten Quartal überraschend gut verdient und halten an ihren Zielen für 2022 fest. Doch die Gefahr einer Rezession wächst weiter.

Die französische Großbank konnte ihren Nettogewinn  im zweiten Quartal deutlich steigern. Bloomberg

BNP Paribas

Die französische Großbank konnte ihren Nettogewinn im zweiten Quartal deutlich steigern.

Frankfurt, Paris, Rom, Zürich Allen Rezessionsängsten und Inflationssorgen in Europa zum Trotz haben Europas Banken in der ersten Jahreshälfte überraschend gut verdient. Gleich mehrere Institute konnten mit ihren Quartalszahlen die Erwartungen der Analysten zum Teil deutlich übertreffen.

Die Institute selbst stellten klar, dass sie sich für einen möglichen Wirtschaftsabschwung gewappnet sehen: Die französische BNP Paribas sei „gut vorbereitet auf mögliche schwierige Zeiten“, sagte Lars Machenil, Finanzvorstand der Bank am Freitag. Die nach Börsenwert größte Bank der Euro-Zone sehe sich auf Kurs für die Ziele des laufenden Jahres.

Nicht nur BNP Paribas präsentiert sich selbstbewusst. Auch die spanische Santander, die italienische Intesa Sanpaolo und die britische Standard Chartered halten an ihren Prognosen fest. „Trotz der Unsicherheit und wirtschaftlichem Gegenwind bleiben wir zuversichtlich, die Ziele für 2022 zu erreichen“, sagte Santander-Verwaltungsratschefin Ana Botin.

Etwas vorsichtiger gab sich die Deutsche Bank. Zwar betonte Vorstandschef Christian Sewing im „FAS“-Interview mit Blick auf Risiken wie Krieg, Inflation und die weltweite Nahrungsmittelkrise: „Wir sind auf diese Krisen bestmöglich vorbereitet.“ Allerdings hatte die Bank ihre Planungen für das laufende Jahr ungeachtet starker Geschäftszahlen relativiert: Ihr Ziel, eine Nachsteuerrendite von acht Prozent auf das materielle Eigenkapital zu erreichen, sei wegen des schwierigeren Umfelds „herausfordernder“. Das teilte das Institut mit und setzte sich auch für ihr relatives Kostenziel ein weniger ehrgeiziges Ziel.

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    Die Geldhäuser steuern auf unsichere Zeiten zu. Dank der Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) können die Geldhäuser zwar wieder leichter Geld im Kreditgeschäft verdienen – doch dafür wächst die Gefahr einer Rezession. Dazu tragen der Krieg in der Ukraine, der drohende Stopp russischer Gaslieferungen nach Europa, die Inflation und gestörte Lieferketten bei. Sollte das zu mehr Firmenpleiten führen, würde das auch die Finanzinstitute treffen. Die Aktienkurse der meisten europäischen Institute haben sich seit Jahresbeginn verbilligt.

    Grafik

    Die Entscheidung des kalifornischen Vermögensverwalters Capital Group im Frühjahr, sich von seinen Beteiligungen an Banken wie Barclays, Deutscher Bank und Commerzbank zu trennen, interpretierten viele Börsenprofis als Misstrauensvotum gegen die Perspektiven der europäischen Finanzbranche.

    Kaum noch neue Börsengänge

    In einigen Geschäftssparten hat die Unsicherheit bereits ihre Spuren hinterlassen. Das Geschäft mit Börsengängen ist aufgrund des Marktumfelds und wegen Firmenkäufen praktisch zum Erliegen gekommen.

    Bislang können jedoch häufig andere Geschäftssparten die Flaute im Emissionsgeschäft noch ausbügeln: Viele Handelsabteilungen profitierten stattdessen vom volatilen Börsenumfeld und verdienten gut mit dem Kauf und Verkauf von Aktien, Anleihen, Devisen und Rohstoffen. Geldhäuser mit starkem Privat- und Firmenkundengeschäft profitieren von steigenden Zinsen und davon, dass die Kreditnachfrage von Unternehmen und Privatkunden in der ersten Jahreshälfte sehr hoch war.

    BNP Paribas ist dafür ein Beispiel. Die französische Großbank steigerte ihren Nettogewinn im zweiten Quartal um neun Prozent auf rund 3,2 Milliarden Euro. Dazu trugen sowohl das klassische Bankgeschäft wie auch das Kapitalmarktgeschäft bei.

    Den größten Beitrag leistete die Privatkundensparte, in der die Gewinne um ein Drittel auf 2,4 Milliarden Euro stiegen. Neben höheren Zinseinnahmen profitierte das Institut dabei auch von steigenden Provisionsüberschüssen. Der Gewinn in der Firmenkunden- und Investmentsparte stieg um 5,3 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro.  

    Gewinntreiber sind steigende Zinsen

    Die spanische Santander, die vor allem im klassischen Bankgeschäft aktiv ist,  profitierte ebenfalls von höheren Zinsen. Der größte Kreditgeber des Landes verdiente netto mit 2,4 Milliarden Euro 14 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Auch das ist ein Wert, der über den Analystenschätzungen lag. 

    Vor allem der Zinsüberschuss, also die Differenz von Zinseinnahmen aus vergebenen Krediten sowie Zinszahlungen für Kundeneinlagen oder Anleihen, stieg deutlich und lag 16 Prozent über dem Vorjahreswert. Damit konnte die Bank auch einen Kostenanstieg und eine über den Erwartungen liegende Risikovorsorge ausgleichen.

    Auch bei der Deutschen Bank liefen die Geschäfte im zweiten Quartal besser als gedacht. Im Firmenkundengeschäft verdoppelte die Bank den Gewinn, mit Privatkunden verdiente das Institut nach einem Verlust im Vorjahr wieder Geld.

    Die spanische Bank profitierte von höheren Zinsen. Reuters

    Santander

    Die spanische Bank profitierte von höheren Zinsen.

    Allerdings steigerten nicht alle Großbanken in Europa ihre Gewinne. Die italienische Großbank Intesa Sanpaolo etwa musste für mögliche Kreditausfälle Rückstellungen in Höhe von 700 Millionen Euro bilden. Bei der Bank macht das Firmen- und Privatkundengeschäft rund die Hälfte des Geschäfts aus. Deshalb sank der Gewinn um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal auf 1,3 Milliarden Euro. Da Analysten mit noch höheren Rückstellungen im zweiten Quartal gerechnet hatten, übertraf Intesa dennoch deren Prognosen.

    Rückschläge in der Vermögensverwaltung

    Rückschläge mussten auch die Schweizer Großbanken verkraften, deren Kerngeschäft meist die Verwaltung von Geldern vermögender und reicher Kunden ist. Die bis Jahresbeginn rekordhohen Bewertungen an den Finanzmärkten hatten auch das Volumen der verwalteten Vermögen bei UBS, Credit Suisse, Julius Bär und Co. in die Höhe getrieben.

    Doch seither hat sich das Klima an den Kapitalmärkten deutlich eingetrübt. Das Vermögensverwaltungsgeschäft leidet unter dem gleichzeitigen Ausverkauf bei Aktien und Anleihen. „In der Krise setzen institutionelle Investoren auf Cash“, sagte Zeno Staub, CEO der Bank Vontobel, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

    Bei der UBS schrumpfte der Vorsteuergewinn in der Vermögensverwaltung um elf Prozent. Bei Julius Bär betrug das Minus 27 Prozent und bei der Credit Suisse sogar 74 Prozent.

    Da die Provisionseinnahmen aus der Vermögensverwaltung für die meisten Institute wichtiger sind als Einnahmen aus dem klassischen Kreditgeschäft, profitierten die Schweizer Geldhäuser auch weniger von den steigenden Zinsen.

    Handelsgeschäft kompensiert M&A-Flaute

    Die britischen Großbank Standard Chartered erzielte dank eines Rekordgewinns in ihrer Handelsabteilung ein Gewinnplus von sieben Prozent. Am stärksten profitierte allerdings Barclays von den volatilen Finanzmärkten: Das Handelsgeschäft der britischen Großbank legte um 70 Prozent zu und schnitt damit im internationalen Vergleich am besten ab. Zum Vergleich: Bei JP Morgan stiegen die Handelsumsätze etwa nur um 15 Prozent. Bei der Deutschen Bank waren es 30 Prozent.

    Dass sich der Vorsteuergewinn von Barclays konzernweit dennoch halbierte, lag zu einem großen Teil an Strafzahlungen, die die Großbank für den unerlaubten Verkauf strukturierter Finanzprodukte in den USA leisten musste.

    Aus der Sicht vieler Investoren überwogen im europäischen Bankensektor aber die positiven Überraschungen: Der europäische Bankenindex Stoxx 600 Banks etwa beendete die laufende Woche mit einem Plus von rund 4,5 Prozent. Seit Jahresbeginn hat der Index allerdings insgesamt 14 Prozent verloren. Und auch DBRS Morningstar-Analyst Arnaud Journois warnt: „Es ist möglich, dass das dritte und vierte Quartal nicht mehr so gut werden für europäische Banken.“

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