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03.08.2022

16:13

Quartalszahlen

Commerzbank warnt nach höchstem Gewinn seit 2011 vor „Rezession wie nach der Finanzkrise"

Von: Andreas Kröner

Das Frankfurter Institut hat im zweiten Quartal so viel verdient wie lange nicht mehr. Für 2024 stellt es mehr Gewinn in Aussicht – aber auch höhere Kosten.

Die Commerzbank rechnet 2022 trotz Belastungen durch den Krieg in der Ukraine mit einem Gewinn von mehr als einer Milliarde Euro. dpa

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Die Commerzbank rechnet 2022 trotz Belastungen durch den Krieg in der Ukraine mit einem Gewinn von mehr als einer Milliarde Euro.

Frankfurt Die Commerzbank hat im zweiten Quartal den höchsten Gewinn seit 2011 eingefahren. Doch zum Jubeln ist Manfred Knof dennoch nicht zumute. „Wenn ich auf unsere Bank und die europäische Wirtschaft schaue, habe ich derzeit eher zwiespältige Gedanken“, sagte der Vorstandschef bei der Bilanzvorlage am Mittwoch.

Der Blick in den Rückspiegel bereite ihm zwar Freude, doch der Blick nach vorne sei mit großen Unsicherheiten behaftet, betonte Knof. „Ein Ende des Kriegs in der Ukraine ist nicht absehbar, die Inflation ist die höchste seit vielen Jahrzehnten und die globalen Lieferkettenprobleme lösen sich – wenn überhaupt – nur sehr langsam auf.“

Sollte es zu einem kompletten Gaslieferstopp aus Russland kommen, „würde die deutsche Wirtschaft vermutlich ähnlich wie nach der Finanzkrise 2009 in eine schwere Rezession stürzen“, warnt die Commerzbank in ihrem Zwischenbericht. Das Institut müsste in diesem Fall 500 bis 600 Millionen Euro zusätzlich für ausfallgefährdete Kredite zurücklegen – und würde seine Ziele für 2022 verfehlen.

Aktuell geht die Commerzbank wie die meisten anderen Geldhäuser jedoch nicht davon aus, dass es zu diesem Worst-Case-Szenario kommt. Stattdessen rechnen die Frankfurter im laufenden Jahr weiterhin mit einem Gewinn von mehr als einer Milliarde Euro. Sie wollen erstmals seit 2018 wieder eine Dividende ausschütten.

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    Das Ziel, in zwei Jahren eine Eigenkapitalrendite (RoTE) von mehr als sieben Prozent zu erreichen, könnte das Institut dank steigender Zinsen sogar bald nach oben korrigieren. Finanzchefin Bettina Orlopp sagte, es sehe „ziemlich stark danach aus“. Die Bank befinde sich gerade mitten in ihrer Mehrjahresplanung und werde neue Ziele zu gegebener Zeit kommunizieren.

    Bank ist mit Filialschließungen durch

    Im zweiten Quartal fuhr die Commerzbank einen Gewinn von 470 Millionen Euro ein und übertraf die Schätzungen der Analysten damit deutlich. Im Vorjahreszeitraum war ein Verlust von 527 Millionen Euro angefallen – unter anderem wegen Kosten für den Konzernumbau sowie für ein gescheitertes IT-Projekt.

    Die Erträge kletterten im zurückliegenden Quartal um 30 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro und lagen damit ebenfalls über den Markterwartungen. „Die starke Ergebnisentwicklung zeigt, dass unsere Strategie 2024 auch in einer Phase niedrigen Wirtschaftswachstums greift“, sagte Knof.

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    Der Vorstandschef hat Anfang vergangenen Jahres angekündigt, bis Ende 2024 insgesamt 10.000 Stellen zu streichen – und kommt dabei gut voran. Bis Ende Juni hat sich das Institut bereits von 7700 Mitarbeitern getrennt beziehungsweise Verträge über ihr Ausscheiden unterzeichnet. Die Ausdünnung des Filialnetzes von 790 auf 450 Niederlassungen ist bereits komplett abgeschlossen.

    Bei vielen Investoren wird die Freude über den Konzernumbau und Zinserhöhungen jedoch getrübt durch die Sorgen vor einem russischen Gaslieferstopp nach Deutschland. Die Commerzbank-Aktie, deren Verlauf stark von der Entwicklung der deutschen Wirtschaft abhängt, gewann am Mittwoch zwar rund zwei Prozent. Seit ihrem Jahreshoch im Februar hat sie jedoch rund ein Viertel an Wert verloren.

    „Die Gassituation entscheidet darüber, ob es 2023 eine leichte oder eine schwere Rezession gibt – und damit auch über die Profitabilität der Commerzbank im zweiten Halbjahr 2022 und 2023“, schrieben die Analysten der Deutschen Bank kürzlich in einer Studie.

    Bisher sind bei der Commerzbank wegen der Abkühlung der deutschen Wirtschaft kaum Bremsspuren zu erkennen. Die Basisvorsorge für ausfallgefährdete Kredite belief sich im zweiten Quartal lediglich auf 27 Millionen Euro. Hinzu kamen Belastungen von 228 Millionen Euro im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg – unter anderem wegen des Ausfalls russischer Unternehmen oder deren Tochtergesellschaften. Ein Großteil der Ausfälle war jedoch bereits durch eine im ersten Quartal gebildete pauschale Risikovorsorge abgedeckt.

    Unter dem Strich stieg die Risikovorsorge von April bis Ende Juni somit nur leicht auf 106 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr ist die Commerzbank nun jedoch etwas vorsichtiger und geht von einer Risikovorsorge von „rund minus 700 Millionen Euro“ aus statt wie bisher von „weniger als 700 Millionen Euro“.

    Ärger über polnische Regierung

    Wegen zusätzlicher Belastungen bei der polnischen Tochter M-Bank rechnen die Frankfurter nun zudem mit Gesamtkosten von 6,4 Milliarden Euro statt wie bisher mit 6,3 Milliarden Euro. Die M-Bank muss rund 30 Millionen Euro in einen neu geschaffenen Fonds für Kreditnehmer einzahlen, die in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind. Zudem fällt eine zusätzliche Abgabe von 83 Millionen Euro für die Ergänzung der polnischen Einlagensicherung an.

    Noch stärker belastet das Institut ein neues Gesetz zur Aussetzung von Ratenzahlungen bei Immobilienkrediten. Dadurch erwartet die M-Bank im dritten Quartal negative Erträge von 210 bis 290 Millionen Euro. Mit dem Gesetz will die polnische Regierung private Kreditnehmer angesichts der hohen Inflation und gestiegenen Kreditzinsen entlasten.

    Commerzbank-Chef Knof findet die politischen Eingriffe in Polen „sehr ungewöhnlich, denn die Belastungen gehen einseitig zulasten der Banken“, sagte er. „Wir bezweifeln, dass das mit europäischem Recht vereinbar ist.“ Das Institut prüfe deshalb rechtliche Schritte und auch, „wie wir hier zum Beispiel bei der EU in Brüssel aktiv werden können“.

    Die Commerzbank hält 69,3 Prozent an der M-Bank. 2019 hatten die Hessen eine Veräußerung des Anteils angekündigt, diese dann aber 2020 wieder abgeblasen. Aktuell sei ein neuer Anlauf für einen Verkauf der M-Bank „kein Thema“, betonte Orlopp. Die Finanzchefin räumte zudem ein, dass die Commerzbank ihre Kosten bis 2024 nicht wie anvisiert auf 5,4 Milliarden Euro drücken wird.

    Dieses Ziel sei aufgrund der hohen Inflation und der gestiegenen Energiepreise „so nicht mehr darstellbar“, sagte Orlopp. Das Ziel, das Verhältnis von Kosten zu Erträgen (Cost-Income-Ratio) in zwei Jahren auf 60 Prozent zu drücken, sei jedoch „felsenfest zementiert“.

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    Die Deutsche Bank hatte nach dem absoluten Kostenziel vergangene Woche auch ihr Ziel kassiert, im laufenden Jahr eine Cost-Income-Ratio von 70 Prozent zu erreichen. Während sich die Commerzbank-Aktie auf Jahressicht kaum verändert hat, verloren die Papiere der Deutschen Bank mehr als 20 Prozent. Experten führen dies auch darauf zurück, dass die Commerzbank von steigendenden Zinsen besonders stark profitieren würde.

    Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Einlagezins – die relevante Größe für Geld, das Finanzinstitute bei der EZB parken – Mitte Juli von minus 0,5 auf null Prozent angehoben. Bei ihrer nächsten Sitzung im September erwarten Experten eine weitere Anhebung in den positiven Bereich.

    Der Zinsüberschuss aus dem Einlagegeschäft werde bei der Commerzbank in der Folge 2022 rund 300 Millionen Euro höher ausfallen als im Vorjahr, sagte Orlopp. 2023 kalkuliert sie dann mit einem Zuwachs von 650 Millionen Euro, 2024 sogar mit 800 Millionen Euro.

    Die Bank unterstellt dabei, dass sie selbst einen Teil des positiven Einlagezinses an ihre Kunden weitergibt. Zudem geht Orlopp davon aus, dass Kunden bei steigenden Zinsen einen Teil ihrer Gelder von Girokonten in verzinsliche Sparprodukte umschichten.

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