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14.07.2022

15:04

Quartalszahlen

Mehr als 40 Prozent Börsenwert verloren: Die deutschen Banken haben Angst vor der Zukunft

Von: Andreas Kröner, Michael Maisch

Das zweite Quartal ist für Deutsche Bank und Commerzbank wohl ordentlich gelaufen. Aber der Einbruch der Aktienkurse zeigt, wie groß die Risiken für den Rest des Jahres sind.

Die deutschen Banken leiden unter der Angst vor einer Energie- und Wirtschaftskrise. dpa

Die Frankfurter Skyline

Die deutschen Banken leiden unter der Angst vor einer Energie- und Wirtschaftskrise.

Frankfurt Optimismus sieht anders aus: „Ich kann nicht verleugnen, dass ich mir Sorgen darüber mache, was uns in den nächsten zwölf Monaten bevorsteht“, sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing vor Kurzem auf einer Branchenkonferenz mit Blick auf die Wirtschaftslage in Deutschland. Tatsächlich scheinen die Investoren seine Skepsis zu teilen: Seit dem Jahreshoch im Februar hat die Deutsche-Bank-Aktie rund 45 Prozent ihres Werts eingebüßt, weit mehr als der Rest der Branche.

Hinter den massiven Verlusten steckt vor allem die Angst vor einer tiefen Wirtschaftskrise ausgelöst durch einen Gaslieferstopp Russlands. Ein Ereignis, das nach Sewings Meinung zu einer schweren Rezession führe, und die könnte wiederum einen Anstieg der Kreditausfälle bedeuten.

Diese Furcht trifft alle europäischen Banken. Der Branchenindex Stoxx Europe 600 Banks hat seit Februar 28 Prozent verloren. Die heimischen Großbanken leiden allerdings besonders, weil die deutsche Industrie stärker als viele andere Länder von günstigen Energieimporten aus Russland abhängig ist.

„Wir sehen einen sich verschlechternden Kreditzyklus für alle deutschen Banken“, schreibt die Morgan-Stanley-Analystin Magdalena Stoklosa in einer aktuellen Studie. Erst vor Kurzem warnte auch Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling die Banken vor den Gefahren durch Zinswende, Inflation und eine drohende Konjunkturkrise.

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    In den Zahlen für das zweite Quartal, die die deutschen Großbanken in den kommenden Wochen veröffentlichen, werden sich diese Sorgen allerdings voraussichtlich noch nicht widerspiegeln. Im Schnitt sagen die Analysten für die Deutsche Bank, die am 27. Juli ihr Zwischenergebnis präsentiert, Einnahmen von 6,5 Milliarden Euro voraus, nach 6,2 Milliarden im Vorjahr.

    Morgan-Stanley-Expertin Stoklosa erwartet, dass das größte deutsche Geldhaus vor allem in seiner Paradedisziplin, dem Handel mit Anleihen, Devisen und Derivaten, punkten konnte. Im Schnitt prognostizieren die Analysten in der Investmentbank für das zweite Quartal einen Gewinn vor Steuern von rund 890 Millionen Euro, das wären fast zwei Drittel des gesamten prognostizierten Vorsteuerergebnisses der Bank von knapp 1,5 Milliarden Euro. Die Schätzungen für den Nettogewinn liegen bei 985 Millionen Euro nach rund 700 Millionen im Vorjahr.

    Höhere Kreditrisiken drohen

    „Die Zahlen für das zweite Quartal werden ordentlich ausfallen, aber wirklich interessant ist der Ausblick auf den Rest des Jahres“, meint ein Großinvestor. „Den Endspurt ihrer Restrukturierung wird die Bank in einem sehr viel schwierigeren makroökonomischen Umfeld absolvieren müssen“, warnt Analystin Stoklosa. Angesichts der volkswirtschaftlichen Risiken hat sie ihre Schätzungen für die Rückstellungen für Kreditrisiken für dieses Jahr um 25 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro angehoben. Für 2023 hat Stoklosa ihre Schätzung sogar mehr als verdoppelt auf rund eine Milliarde Euro.

    Der Topbanker warnt vor einer Wirtschaftskrise. Reuters

    Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing

    Der Topbanker warnt vor einer Wirtschaftskrise.

    Vorstandschef Sewing hat der Deutschen Bank 2019 einen tiefgreifenden Umbau verordnet und den Investoren bis Ende dieses Jahres eine Rendite auf das materielle Eigenkapital von acht Prozent versprochen. Im Schnitt halten die Analysten allerdings nur einen Wert von knapp über sechs Prozent für realistisch. „Angesichts der düsteren Konjunkturaussichten wäre es nicht tragisch, wenn die Bank ihr Ziel knapp verfehlt“, meint ein einflussreicher Aktionär. Allerdings müsse Sewing beweisen, dass das neue Geschäftsmodell auch in einer Krise trägt.

    Ähnlich sieht die Lage bei der Commerzbank aus. Die Analysten erwarten ein ordentliches zweites Quartal, aber die Angst vor der Zukunft verdirbt die Stimmung der Investoren. Seit Februar hat die Aktie 40 Prozent an Wert verloren.

    Im Schnitt rechnen die Analysten bei der Commerzbank für das zweite Quartal mit einem Gewinn von 293 Millionen Euro, nach einem Verlust von 527 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Finanzchefin Bettina Orlopp hatte sich Anfang Juni auf einer Finanzkonferenz von Goldman Sachs ebenfalls optimistisch gezeigt, jedoch auch auf die große Unsicherheit wegen eines drohenden Gaslieferstopps hingewiesen.

    „Unser operatives Geschäft entwickelt sich sehr gut“, sagte Orlopp. Deutschlands zweitgrößte Privatbank sei deshalb zuversichtlich, 2022 wie anvisiert einen Gewinn von mehr als einer Milliarde Euro einzufahren. Die Risikovorsorge für ausfallgefährdete Kredite soll dabei weniger als 700 Millionen Euro betragen.

    Dem Frankfurter Geldhaus droht neuer Ärger bei der polnischen Tochter M-Bank. Reuters

    Commerzbank-Finanzchefin Bettina Orlopp

    Dem Frankfurter Geldhaus droht neuer Ärger bei der polnischen Tochter M-Bank.

    „Wenn sich die Situation nicht verschlechtert, fühlen wir uns mit dieser Zahl sehr wohl“, sagte Orlopp. „Wenn es zu einem Gaslieferstopp oder einer Rezession kommt, ist das natürlich anders – dann müssen wir die Zahlen anpassen.“ Da die Commerzbank ihre Halbjahresbilanz erst am 3. August vorlegt, hätte sie die Möglichkeit, ihre pauschale Risikovorsorge aufzustocken, sollte Russland die Gaslieferungen nach Deutschland nach der Wartung der Ostseepipeline Nord Stream 1 Ende Juli nicht wieder aufnehmen.

    Sorgen bereitet Orlopp zudem die polnische Tochter M-Bank. Im ersten Quartal war sie dank kräftig gestiegener Leitzinsen in Polen noch hauptverantwortlich dafür, dass die Commerzbank ihren Gewinn mehr als verdoppelte auf 298 Millionen Euro. Im zweiten Quartal muss die M-Bank wegen der Erweiterung der polnischen Einlagensicherung sowie Beiträgen für einen Unterstützungsfonds für in Not geratene Schuldner nun jedoch außerplanmäßige Belastungen verkraften.

    Bald dürfte die M-Bank noch stärker unter Druck geraten, denn polnische Immobilienkäufer sollen das Recht erhalten, Ratenzahlungen für Kredite wegen der hohen Inflation befristet auszusetzen. Ein entsprechendes Gesetz unterzeichnete der polnische Präsident Andrzej Duda am Donnerstag.

    Orlopp hatte bereits vorab deutlich gemacht, dass dies gravierende Folgen für die Finanzbranche hätte. „Die zusätzliche Profitabilität, die Banken im Moment wegen des Zinsumfeldes erlangt haben, würde damit im Prinzip komplett abgeschöpft“, sagte sie Anfang Juni. Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass die Commerzbank Belastungen infolge des neuen Gesetzes nicht im zweiten, sondern erst im dritten Quartal verbuchen wird.

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