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31.08.2022

09:29

Start-ups

45 Millionen Dollar für Berliner Fintech Topi – diese Start-ups trotzen der Krise

Von: Larissa Holzki, Dennis Schwarz

Das wirtschaftliche Umfeld für Start-ups ist schwierig, viele Finanzierungen platzen. Doch es gibt auch Gründer, die in der Krise neue Investoren gewinnen.

Das Fintech liefert in der Krise eine einfache Lösung für die Beschaffung.

Topi-Gründerinnen Estelle Merle und Charlotte Pallua

Das Fintech liefert in der Krise eine einfache Lösung für die Beschaffung.

Düsseldorf, Frankfurt Die Berliner Finanztechnologie-Firma Topi sammelt bei Investoren 45 Millionen US-Dollar ein. Zwar gerät der Start-up-Sektor im Umfeld aus Ukrainekrieg, Inflation und Zinswende immer weiter in eine Krise. Doch der Fall der Gründerinnen Charlotte Pallua und Estelle Merle zeigt: Sie bedroht keineswegs alle Firmen gleichermaßen. Im Gegenteil: Experten gehen davon aus, dass einige wenige Firmen sogar profitieren könnten. Das gilt einerseits für ganz junge Firmen wie die erst 2021 gegründete Topi. Andererseits für ältere Firmen, die jetzt aus einer raschen Bestenauslese als Sieger hervorgehen.

Topi bietet Händlern eine Plattform, über die sie ihre Produkte zur Miete anbieten können. Die erste Partnerschaft wurde zuletzt mit dem Elektrohändler Gravis geschlossen.

So könnten sich etwa mittelständische Unternehmen mit neuen Computern, Smartphones oder Druckern ausstatten – ohne hohe Einmalkosten, wirbt das Fintech: „Gerade in Krisenzeiten wie diesen ist das eine Erleichterung für die Unternehmen“, sagt Topi-Mitgründerin Charlotte Pallua dem Handelsblatt.

Zwischen zwölf und 36 Monate laufen die Mietverträge, anschließend können Kunden entscheiden, ob sie die Produkte kaufen, sie gegen neue eintauschen oder zurückgeben wollen. Topi überprüft für seine Kunden zudem die Kreditwürdigkeit der Endkunden. Ein Geschäftsmodell, das auch in der Krise funktioniert. „Wir sind ein junges Unternehmen und erfahren auch derzeit noch eine sehr große Nachfrage von Investoren“, sagt Topi-Mitgründerin Pallua.

Etwa 150 Investoren hätten sich seit ihrer ersten Finanzierungsrunde im Dezember 2021 bei ihnen gemeldet. Damals hatte Topi etwa fünf Millionen Dollar eingesammelt.

„Wir glauben, dass einige Top-Firmen aus dem derzeitigen wirtschaftlichen Klima hervorgehen werden – so wie es in früheren Krisen auch gewesen ist“, sagt Jan Hammer, der mit Index Ventures in Topi investiert hat. Die jeweils besten Firmen in ihrer Kategorie, die diese Phase gut meisterten, weiter Fachkräfte anziehen und auch halten könnten, würden auch weiter Geld bekommen.

Ähnlich äußert sich Christian Meermann vom Berliner Frühphasen-Investor Cherry Ventures: „Die besten Firmen werden in Zeiten des Abschwungs gegründet“, sagt er mit Verweis auf den Onlinehändler Zalando, den Taxi-Dienst Uber und das Ferienwohnungsportal Airbnb. Diese Firmen wurden während der Finanzkrise 2008 und 2009 gegründet.

Junge Start-ups im Trend

In Zahlen der Datenbank Pitchbook für Europa ist der Einbruch der Start-up-Finanzierung im Juni erstmals deutlich zu sehen: Wurden 2021 in diesem Monat noch knapp tausend Deals bekannt gegeben, waren es dieses Jahr nur noch 676, dabei ist das Gesamtvolumen der Finanzierungen um ein Drittel eingebrochen.

Erfolg gegen den Trend haben vor allem junge Unternehmen, die anderen Firmen dabei helfen, die großen Probleme der Wirtschaft wie den Energiemangel und die gestörten Lieferketten zu bewältigen.

So konnten die Energie-Start-ups Reverion aus München und Node Energy aus Frankfurt jeweils sieben Millionen Euro einsammeln. Reverion arbeitet an einer Technologie, mit der die Stromerzeugung aus Biogas effizienter werden soll. Node Energy entwickelt eine Software zum Management von Solar- und Windkraftanlagen.

Den Nerv der Zeit trifft auch Luminovo aus München, das eine Software für die Elektronik-Wertschöpfungskette entwickelt. Sie soll laut Firmenangaben helfen, Fehler zu vermeiden, die „zu Milliarden von Elektronikausfällen führen können“ und so die Produktivität steigern. Dafür hat das Start-up zuletzt ein Investment von elf Millionen Euro gewonnen.

Das ebenfalls aus München stammende Tradelink will die Dokumentation von Lkw-Ladungen automatisieren und konnte zwölf Millionen Euro dafür einsammeln. Eine Antwort auf den immer dramatischer werdenden Mangel an Lkw-Fahrern.

Frühphasen-Investor Meermann war mit Cherry Ventures an der Finanzierungsrunde von Luminovo beteiligt. Seine Firma investiere wie auch vor der Krise weiter „in die besten Gründer in großen Märkten“. Denn für die jungen Firmen lägen mögliche Börsengänge meist noch fünf bis sieben Jahre in der Zukunft. Bis zu diesem für die Rendite entscheidenden Zeitpunkt könne sich der Markt längst wieder gedreht haben.

Er beobachtet allerdings, dass die Finanzierungsrunden bei jungen Start-ups wieder etwas kleiner ausfallen. Auch die Bewertungen, die in diesem Stadium oft geheim gehalten werden, seien im Vorjahresvergleich gesunken. Das heißt: Die Firmen werden gemessen an ihren Umsätzen von Investoren jetzt niedriger bewertet.

Große Start-ups schaffen es häufig immer noch, neue Geldgeber zu gewinnen. Celonis

Einhorn Celonis

Große Start-ups schaffen es häufig immer noch, neue Geldgeber zu gewinnen.

Meermann beobachtet den Einbruch schon bei Serie-A-Finanzierungen. Dabei handelt es sich in der Regel um die erste größere Finanzierungsrunde mit Beteiligung mehrerer institutioneller Investoren.

Im vergangenen Jahr seien typischerweise eher zehn bis 15 Millionen Euro gezahlt worden. Und Bewertungen hätten meist bei 50 Millionen „pre-money“ gelegen. Das entspricht der Firmenbewertung noch ohne das zusätzlich eingeworbene Geld. Jetzt liefe es tendenziell eher auf eine Summe zwischen acht und zehn Millionen und eine „Pre-Money-Bewertung“ von 30 bis 40 Millionen hinaus, so Meermann.

Das sind allerdings nur beobachtete Mittelwerte. Teils deutliche Abweichungen nach oben – siehe Topi – sind weiterhin möglich. Auch das Berliner Fintech hält sich in Sachen Bewertung allerdings noch bedeckt.

Auch Einhörner können bei Investoren punkten

Doch Finanzierungsrunden sind in diesen Zeiten nicht auf junge Firmen begrenzt. Auch mehrere der derzeit 35 deutschen „Einhörner“, die bereits auf eine Milliardenbewertung kommen, konnten in den vergangenen drei Monaten große Finanzierungen vermelden und teilweise ihre Bewertungen noch steigern. Zum Beispiel:

Dabei ist eine große Finanzierung nicht gleichbedeutend mit einem „Weiter so“. Bei Sumup fiel die Meldung einer Finanzierungsrunde über mehrere Hundert Millionen Euro zeitlich eng mit der Nachricht einer größeren Entlassungsrunde zusammen. Auch Trade Republic trennte sich von einigen Mitarbeitern. Dort muss offenbar angesichts der Krise deutlich umgesteuert werden.

Trotzdem ist klar: Die Investoren sind wählerischer geworden, im Sommer 2022 gibt es deutlich weniger Deals als im Vorjahr: Jan Hammer von Index spricht von einer „Flucht in Qualität“. Darunter fallen vor allem Geschäftsmodelle, die vergleichsweise wenig Kapital benötigen. Das trifft oft auf Softwarelösungen für Unternehmen zu.

Neben dem Celonis-Investment stach hier zuletzt etwa eine 600-Millionen-Dollar-Finanzierung für Contentsquare hervor. Die Münchner Firma bietet eine Analyse-Software, mit der Firmen die Erfahrungen ihrer Kunden besser nachvollziehen können sollen.

Kein Geld mehr für Marketingschlachten

Und die zwei Jahre alte Berliner Firma Charles will mit ihren frisch eingeworbenen 20 Millionen Dollar eine Onlinehandels-Software weiterentwickeln: Damit sollen Händler Verkäufe über den Messenger-Dienst WhatsApp abwickeln können.

Schwer haben es hingegen derzeit die Expresslieferanten. Firmen, die binnen weniger Minuten Einkäufe nach Hause liefern, brauchen viele Hundert Millionen, um Werbekampagnen zu fahren. Und sie können schnell von Wettbewerbern ausgeschaltet werden, die noch mehr Kapital für die Marketingschlacht um Kunden einwerben konnten. Das Berliner Start-up Gorillas beispielsweise ist seit Monaten auf der Suche nach Investoren – bislang ohne Erfolg.

Diese Sorgen hat Topi nicht. Bis Ende des kommenden Jahres will das Berliner Fintech seine Mitarbeiterzahl von bislang 35 verdoppeln. Darüber hinaus streben die beiden Gründerinnen Pallua und Merle mittelfristig eine Expansion in weitere Länder an.

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