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25.07.2022

17:32

Ukraine-Krieg

„HSBC wird zum Präzedenzfall“: Moskau will Rückzug ausländischer Kreditinstitute blockieren

Von: Dennis Schwarz, Mareike Müller

PremiumAusländische Banken wollen sich weiter aus Russland zurückziehen. Doch nun könnte Moskau Verkäufe von Tochtergesellschaften ausländischer Banken verbieten.

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine überdenken europäische Banken ihre Aktivitäten in Russland. Imago/Westend61

Finanzdistrikt von Moskau

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine überdenken europäische Banken ihre Aktivitäten in Russland.

Frankfurt, Riga Es ist eine Aussage, die die Strategie von Kreditinstituten in Russland drastisch verändern würde: Moskau will offenbar den Verkauf russischer Tochtergesellschaften ausländischer Banken blockieren.

„Wir haben in unserer Unterkommission darüber gesprochen, dass wir jetzt, bis sich die Situation verbessert, keine Genehmigung für den Verkauf von Tochtergesellschaften ausländischer Banken sowie ihrer Vermögenswerte in Russland erteilen werden“, sagte der stellvertretende Finanzminister Alexej Moisejew laut der russischen Agentur Interfax kürzlich. Moisejew schließe demnach nicht aus, dass das Finanzministerium den Vorschlag unterstützen könnte, die russischen Tochterfirmen der Banken künftig unter die Kontrolle russischer Staatsbanken zu stellen.

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine überdenken internationale Banken ihre Aktivitäten in Russland. Zu den Instituten mit großem Engagement zählen etwa die österreichische Raiffeisenbank International (RBI) und die italienische Großbank Unicredit.

So stellte die RBI zwar ihr Neugeschäft seit Kriegsausbruch vor Ort weitgehend ein. Dennoch machte das Russlandgeschäft mehr als 20 Prozent des Konzerngewinns des ersten Quartals dieses Jahres aus. Das gesamte Engagement liegt nach eigenen Angaben bei knapp 20 Milliarden Euro.

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    Das Russlandengagement der Unicredit belief sich Ende April auf 4,4 Milliarden Euro. Auch die US-Großbank Citi steckt noch tief im Russlandgeschäft. So liegt das Engagement des Geldinstituts aktuell bei rund 8,4 Milliarden Dollar. Es ist das höchste Volumen aller US-Banken.

    HSBC ist sich nach eigenen Angaben über einen Verkauf ihres Russlandgeschäfts an die Expobank einig. Reuters

    Schriftzug der britischen Großbank HSBC

    HSBC ist sich nach eigenen Angaben über einen Verkauf ihres Russlandgeschäfts an die Expobank einig.

    Alle drei Banken erwägen einen Verkauf ihres Russlandgeschäfts oder zumindest von Teilen davon. Die Unicredit prüft Medienberichten zufolge einen vorläufigen Ausstieg. Das Institut erwägt demnach, seine russische Einheit mit einer Rückkaufoption zu veräußern.

    Citi hingegen soll mit dem russischen Geldhaus Expobank über den Verkauf eines Teils ihrer Russlandgeschäfte verhandeln. RBI hält sich nach eigenen Angaben weiterhin alle strategischen Optionen für die Zukunft offen, einschließlich „eines sorgfältig gesteuerten Ausstiegs aus der Raiffeisen Bank Russland“.

    Bislang hat von den europäischen Banken mit Russlandengagement lediglich die französische Société Générale (SocGen) einen Verkauf abgeschlossen. Sie veräußerte bereits im April ihre Russlandtochter Rosbank sowie deren Versicherungstöchter an den russischen Milliardär Wladimir Potanin. Für SocGen war der Verkauf ein Verlustgeschäft: Die Bank musste nach eigenen Angaben etwa zwei Milliarden Euro abschreiben.

    HSBC über Verkauf einig

    Einen Verkauf strebt auch die britische Großbank HSBC an. Sie ist sich nach eigenen Angaben über einen Verkauf an die Expobank einig. „Nach einer strategischen Überprüfung hat HSBC eine Vereinbarung zum Verkauf von 100 Prozent ihrer Beteiligungen an der HSBC Bank (RR) LLC an Expobank JSC unterzeichnet“, sagte ein Sprecher. Der Abschluss der Transaktion müsse noch von russischen Behörden genehmigt werden.

    Doch das könnte das Geldinstitut vor eine neue Herausforderung stellen. Denn sowohl das Ministerium des stellvertretenden Finanzministers Moisejew als auch die russische Zentralbank müssen derartige Verkäufe absegnen.

    Bei der Zentralbank ist dies immer der Fall, wenn Anteile von mehr als zehn Prozent erworben werden. Bislang sei noch kein Antrag von HSBC eingegangen, sagte eine Sprecherin der Zentralbank dem Handelsblatt.

    Auch wenn die Aussage von Moisejew über die Blockade solcher Deals eindeutig ist: Finanzkreisen zufolge handele es sich vorerst nur um eine „Wunschvorstellung“ des Ministers. Bislang gebe es weder einen Entwurf noch ein Gesetz.

    Auch die Zentralbank zeigt sich skeptisch. Zwar müssten Entscheidungen über den Verkauf von Tochtergesellschaften ausländischer Banken in Russland individuell getroffen werden , sagte die Chefin der Zentralbank, Elwira Nabiullina, am Freitag. Zudem hingen die Vorgänge von der Haltung gegenüber russischen Banken im Ausland ab. Ihrer Meinung nach ergebe es aber keinen Sinn, jetzt die Verwaltung der Tochterunternehmen selbst zu übernehmen.

    In Deutschland hatte etwa die Finanzaufsicht Bafin im April der russischen Großbank VTB die Ausübung ihrer Stimmrechte bei der Tochter VTB Bank Europe untersagt. Damit verlor die Muttergesellschaft aus Sankt Petersburg die Kontrolle über ihre Tochtergesellschaft.

    Szenarien eines Totalverlusts bereits durchgespielt

    Volker Brühl hält die Aussagen von Moisejew für eine neue Strategie Moskaus: „Russland will den Druck auf ausländische Banken erhöhen und so die Kaufpreise für die heimischen Banken deutlich drücken“, sagte der Professor für Banking und Finance und Geschäftsführer des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität in Frankfurt, dem Handelsblatt. Bislang hätten ausländische Kreditinstitute die Möglichkeit gehabt, zwischen einem Verkauf und einer langsamen Abwicklung zu entscheiden. Dies könnte sich bald aber ändern. „HSBC wird zum Präzedenzfall, wie ernst Moskau es wirklich meint“, erklärte Brühl.

    Auf eine Anfrage des Handelsblatts zu einer möglichen Verkaufsblockade reagierte das russische Finanzministerium bislang nicht.

    Die Banken haben das Szenario eines Totalverlusts bereits durchgespielt. Bei der Unicredit würde das im Extremfall einen Verlust von 5,2 Milliarden Euro bedeuten. Bei Citi sind es nach eigenen Angaben zwei Milliarden Dollar. Bei RBI stecken insgesamt 2,4 Milliarden Euro an Eigenkapital in der Russlandtochter.

    Wichtige Stellen werden nachbesetzt

    Aufgrund der Probleme bei den Verkäufen und der ungewissen Zukunft des eigenen Russlandgeschäfts suchen ausländische Banken laut einem Reuters-Bericht seit Juli vermehrt nach Personal. Demnach hat RBI 276 neue Stellen ausgeschrieben, Citi 86. Auch Unicredit soll neue Mitarbeiter suchen.

    RBI bestreitet gegenüber dem Handelsblatt einen Zusammenhang: „Wir sind bereits seit einigen Monaten in Russland auf der Suche nach Mitarbeitern, um diejenigen zu ersetzen, die die Raiffeisen Bank in Russland nach Kriegsbeginn verlassen haben. Das betrifft vor allem systemrelevante IT-Dienste“, sagte ein Sprecher.

    Gemessen an der gesamten Mitarbeiteranzahl erscheint ein Ausbau des Russlandgeschäfts unwahrscheinlich. So beschäftigt RBI etwa 9000 Mitarbeiter vor Ort, bei Citi sind es 3000. „Die Banken machen vor Ort so gut wie kein Neugeschäft mehr. Es geht vielmehr darum, das bestehende Geschäft zu verwalten und den Zahlungsverkehr aufrechtzuerhalten“, sagte Brühl.

    Zudem hätten viele Mitarbeiter aufgrund des Kriegs auch den Standort gewechselt. Diese offenen Stellen müssen laut Brühl nun nachbesetzt werden.

    Mehr zum Thema: „Zeiten werden deutlich schlechter“ – Europas Banken fürchten Enteignungen in Russland

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