Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

12.06.2022

17:00

US-Börsenaufsicht

SEC-Chef Gary Gensler: Der Mann für die harten Fälle

Von: Astrid Dörner

An der Spitze der US-Börsenaufsicht darf man keine Konflikte scheuen. Gensler liefert und legt sich sowohl mit Wall Street als auch Kryptoszene an.

Der Behördenchef sendet klare Signale an die Betreiber digitaler Währungen. Bloomberg

SEC-Chef Gary Gensler

Der Behördenchef sendet klare Signale an die Betreiber digitaler Währungen.

Frankfurt Die To-do-Liste von Gary Gensler ist lang und gespickt mit komplizierten Fällen. Zu Beginn seiner Amtszeit im vergangenen Frühjahr dominierten die Turbulenzen rund um die sogenannten Reddit-Trader, die für beispiellose Kurskapriolen bei Aktien wie Gamestop, AMC und Blackberry sorgten. Hinzu kommen eine ganze Reihe von Skandalen in der Kryptowelt und Greenwashing-Vorwürfe, für die der Chef der US-Börsenaufsicht SEC schon frühzeitig eine eigene Taskforce eingerichtet hat.

Seine Kritiker glauben, dass er sich übernimmt. Schließlich sind selbst die Ressourcen des wichtigsten Wall-Street-Aufsehers begrenzt, und auch wenn seine Amtszeit mit fünf Jahren länger ist als die von Präsident Joe Biden: Sie könnte im politischen Washington immer noch zu kurz sein, um wirklich etwas zu bewegen.

Gensler indes lässt sich davon nicht aufhalten. Vergangene Woche gab er einen ersten Einblick in seinen Plan, Kleinanleger zu stärken – mit möglicherweise weitreichenden Konsequenzen für die eingespielten Strukturen des billionenschweren US-Aktienmarktes.

Broker wie Robinhood und TD Ameritrade werden derzeit dafür bezahlt, dass sie die Orders ihrer Kunden an sogenannte Marketmaker weiterleiten, eine Art Großhändler für Aktien. Dazu gehören Firmen wie Citadel und Virtu Financial, die die Orders dann direkt verrechnen können, ohne sie an eine Börse wie die New York Stock Exchange weiterzuleiten. „Payment for Orderflow“ heißt dieser Prozess.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der Neobroker Robinhood, der den Boom bei den Reddit-Tradern befeuerte, machte im vergangenen Jahr 71 Prozent seiner Umsätze damit, die Kundenorders an Großhändler weiterzuleiten. Im Gegenzug sind die Trades bei Robinhood – genauso wie bei anderen großen US-Brokern – gebührenfrei.

    Mehr Geld für mehr Kontrolle

    Gensler will nun prüfen lassen, ob Kleinanleger nicht bessere Preise bekämen, wenn ihre Orders direkt an die großen Börsen weitergeleitet würden. Details ließ er vergangene Woche noch offen, doch er signalisiert der Wall Street, dass er sich nicht einschüchtern lässt bei großen Projekten.

    Der 64-Jährige will für seine lange To-do-Liste auch ein größeres Budget. Das sei nötig, um den vielen Betrugsfällen in der Kryptowelt nachzugehen, forderte er bereits im August vergangenen Jahres. „Diese Fälle sind aufwendig. Wir könnten locker zwei- bis dreimal so viele Leute einstellen und hätten immer noch nicht genug“, räumte Gensler ein, der unter der Regierung von Barack Obama die Derivateaufsicht CFTC leitete und zuvor Karriere bei Goldman Sachs gemacht hatte.

    Gensler ist ein ausgewiesener Experte für Kryptowährungen. Vor seiner Berufung an die Spitze der SEC war er Professor an der Eliteuniversität MIT und gab Kurse über Bitcoins und die zugrunde liegende Blockchain-Technologie.

    Das heißt nicht, dass Gensler auch ein Fan digitaler Währungen ist. Im Gegenteil. Der SEC-Chef kündigte im August eine groß angelegte Offensive zur Kryptoregulierung an. Dabei soll es sowohl um die Rolle wertstabiler Währungen, sogenannter Stablecoins, gehen als auch um Börsen und Kryptoplattformen, die das Leihen und Verleihen digitaler Währungen ermöglichen.

    Gensler geht davon aus, dass die Plattformen eine Reihe von Token zum Handel anbieten, die als Wertpapiere einzustufen sind. „Wenn das der Fall ist, dann fallen sie in unseren Aufsichtsbereich, und sie müssen sich bei der SEC registrieren“, stellte er klar.

    Auch die Banken im Visier

    Welche Anbieter er genau im Blick hat, ließ er offen. Er forderte die Akteure auf, „sich mit uns in Verbindung zu setzen und mit uns zusammenzuarbeiten“. Das gilt in der Branche jedoch als unwahrscheinlich. Abschrecken wird das Gensler nicht. Der SEC-Chef hat Ausdauer – sowohl beruflich als auch privat. Der verwitwete Vater dreier Töchter ist neun Marathons und einen Ultra-Marathon gelaufen und hat sowohl den Kilimandscharo als auch Mount Rainier bestiegen.

    Wie wichtig mehr Regulierung im Bereich Stablecoins ist, zeigte jüngst das Projekt Terra-Luna, das innerhalb weniger Stunden zusammenbrach und bei vielen Kleinanlegern einen Totalverlust verursachte.

    Erst am Samstag machte Genslers Behörde erneut Schlagzeilen: Medienberichten zufolge untersucht die SEC Greenwashing-Vorwürfe bei Goldman Sachs. Auch an den groß angelegten Ermittlungen beim Fondshaus DWS ist neben der deutschen Finanzaufsicht Bafin und dem US-Justizministerium die SEC beteiligt. Gensler sendet damit erneut Warnsignale an die ESG-Branche, die sich auf nachhaltige Investments fokussiert.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×