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21.09.2022

15:11

Wirecard-Skandal

Anklageschrift hat 474 Seiten – Was die Staatsanwaltschaft Ex-Wirecard-Chef Markus Braun vorwirft

Von: René Bender, Sönke Iwersen, Lars-Marten Nagel, Michael Verfürden, Volker Votsmeier

Sechs Monate hat das Gericht geprüft, nun hat es die Anklage zugelassen. Der Prozess gegen Braun und zwei weitere Manager könnte Anfang 2023 starten. Ihnen drohen lange Haftstrafen.

Markus Braun war Chef von Wirecard dpa

Markus Braun

Der langjährige Wirecard-Vorstandschef Markus Braun sitzt seit Juli 2020 in Untersuchungshaft.

Düsseldorf, Berlin Das Landgericht München I hat die Anklage im Bilanzskandal um den ehemaligen Dax-Konzern Wirecard zugelassen. Das Gericht bestätigte am Mittwochnachmittag entsprechende Informationen des Handelsblatts. Damit ist der Weg frei für einen der spektakulärsten Wirtschaftsstrafprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik.

Der Zahlungsdienstleister Wirecard war am 18. Juni 2020 zusammengebrochen, als sich ein angeblich milliardengroßes Bankvermögen auf asiatischen Konten als Wunschvorstellung entpuppte. Am 25. Juni 2020 stellte Wirecard einen Insolvenzantrag, Gläubiger blieben auf unbezahlten Rechnungen in Höhe von 12,4 Milliarden Euro sitzen.

Vor Gericht verantworten müssen sich deshalb der langjährige Vorstandsvorsitzende Markus Braun, der ehemalige Vizefinanzvorstand Stephan von Erffa sowie Oliver Bellenhaus, einst Wirecard-Statthalter in Dubai. Die Anklage gegen das Trio lautet auf Bilanzfälschung, Marktmanipulation, besonders schwere Untreue und bandenmäßigen Betrug.

Braun und Bellenhaus sitzen seit Juli 2020 in Untersuchungshaft. Im März dieses Jahres erhob die Staatanwaltschaft München I Anklage.

Wirecard: Anklage wegen bandenmäßigen Betrugs gegen Markus Braun

In seiner Pressemitteilung schrieb das Gericht nun: Mit Beschluss vom 21. September 2022 habe die vierte Strafkammer des Landgerichts München I die Anklage „wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs u.a. unverändert zur Hauptverhandlung zugelassen. Der Vorsitzende der vierten Strafkammer wird in Kürze Termine zur Hauptverhandlung bestimmen.“ Vorsitzender Richter in dem Verfahren ist Markus Födisch. Beteiligte rechnen damit, dass der Prozess Anfang 2023 beginnt.

Der Bezahldienstleister mit Sitz in Aschheim bei München galt jahrelang als deutsches Technologie-Wunderkind und stieg bis in den Dax auf. dpa

Wirecard-Zentrale in Aschheim

Der Bezahldienstleister mit Sitz in Aschheim bei München galt jahrelang als deutsches Technologie-Wunderkind und stieg bis in den Dax auf.

Eine Sprecherin Brauns sagte dem Handelsblatt: „Mit Eröffnung des Hauptverfahrens werden die schweren Aufklärungs- und Ermittlungsmängel nicht beseitigt. Sie werden im Gegenteil vertieft – zum Schaden der Wirecard AG, ihrer Aktionäre, Investoren und Kreditgeber.“

Das Gericht sieht es offenbar anders. Sechs Monate prüfte es die Anklageschrift, bevor es sie nun zuließ. Praktisch schafft die Zulassung kein Präjudiz. Doch das Gericht macht mit der Entscheidung deutlich, dass es eine Verurteilung für überwiegend wahrscheinlich hält.

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, drohen den Angeklagten zehn Jahre Haft. Im Prozess dürfte es vor allem zwischen den Verteidigern Brauns und der Staatsanwaltschaft hoch hergehen.

Schwere Vorwürfe in der Anklage gegen Markus Braun

Die Anklageschrift ist 474 Seiten lang und liegt dem Handelsblatt vor. Darin erhebt die Staatsanwaltschaft schwere Vorwürfe gegen die Angeklagten.

Braun, von Erffa und Bellenhaus sei spätestens ab Ende 2015 klar gewesen, dass Wirecard mit dem tatsächlichen Geschäft nur Verluste erwirtschaftete. Die veröffentlichten Zahlen seien erheblich geschönt gewesen, heißt es.

Grafik

Die Ermittler halten den dreien vor, „über Jahre hinweg darauf hingearbeitet“ zu haben, dass Wirecard „als rasant wachsendes, überaus erfolgreiches Fintech-Unternehmen wahrgenommen wurde“. Zu diesem Zweck „erfanden sie angeblich äußerst ertragreiche Geschäfte, vor allem in Asien“.

Dabei soll Wirecard angebliche Milliardenumsätze aus Geschäften mit sogenannten ausländischen Drittpartnern erwirtschaftet haben. Dies sei unter anderem auf Treuhandkonten verbucht und in die Bilanz aufgenommen worden. Tatsächlich habe das Drittpartnergeschäft einschließlich der Treuhandkonten zu keinem Zeitpunkt existiert.

Mit den fehlerhaften Bilanzdaten soll die mutmaßliche Bande die kreditgebenden Banken des Unternehmens um 3,1 Milliarden Euro geschädigt haben. Im Juni 2020 musste Wirecard zugeben, dass 1,9 Milliarden Euro aus der Bilanzsumme nicht vorhanden waren. Es handelte sich um jenes Geld, das aus dem Drittpartnergeschäft stammen sollte und angeblich auf Treuhandkonten auf den Philippinen lag.

Wirecard-Skandal: Kronzeuge entscheidend für den Prozess

Die Ermittler stützen ihre Vorwürfe vor allem auf die Aussagen eines Mannes: Oliver Bellenhaus. Dem einstigen Vertreter Wirecards in Dubai kommt im anstehenden Prozess eine Doppelrolle zu. Er ist nicht nur Angeklagter, sondern auch Kronzeuge.

Bellenhaus gab Bilanzfälschungen zu und belastete dabei seinen ehemaligen Chef Braun schwer. Dieser weist die Vorwürfe vehement zurück. Seine Verteidiger halten dem Kronzeugen zudem vor, an allen maßgeblichen Stellen gelogen zu haben.

Beteiligte des Verfahrens berichten zudem über Vorwürfe, Bellenhaus habe wichtige E-Mails gelöscht und den kompletten Bestand der Transaktionsdaten aus dem Wirecard-Drittpartnergeschäft zerstört, um dem Verfahren die Beweisgrundlage zu entziehen. Bellenhaus weist den Vorwurf der Lüge und der gezielten Löschung von relevanten Daten zurück.

Insbesondere zum Drittpartnergeschäft gehen die Argumentationen von Bellenhaus und Braun vollständig auseinander. Während Bellenhaus behauptet, es habe dies in den Jahren ab 2016 nicht gegeben, sind Braun und seine Verteidiger von dessen Existenz überzeugt und glauben, dies auch belegen zu können. Eine Bande um Bellenhaus und Ex-Asienvorstand Jan Marsalek, der seit Juni 2020 auf der Flucht ist, habe die Gelder hinter Brauns Rücken aus dem Konzern geleitet, so ihre Argumentation.

Die Verteidiger halten der Staatsanwaltschaft in dem Zusammenhang schwere Ermittlungsfehler vor. Sie habe sich viel zu spät mit wichtigen Konten befasst. Bis heute sei kaum etwas unternommen worden, um den Verbleib der veruntreuten Milliardenbeträge aufzuklären.

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Die Staatsanwaltschaft reagierte kühl auf die Argumente Brauns und seiner Anwälte. In der Anklageschrift führt sie aus, wie die Ermittler die vorgelegten Zahlungsströme untersuchten, darin aber keinen Nachweis für ein profitables oder auch nur existentes Drittpartnergeschäft erkennen konnten.

Unterstützung fanden die Ermittler beim Insolvenzverwalter von Wirecard, Michael Jaffé. Auch er befasste sich intensiv mit den Geschäftsbeziehungen Wirecards und den Geldflüssen. Jaffé fand ebenfalls keine Leistungen, die Wirecard an Drittpartner erbrachte und für die Geld hätte fließen können.

Aufstieg und Fall von Wirecard

1999

Das Start-up „Wire Card“ wird in München gegründet. Der Zahlungsdienstleister will mit Softwarelösungen Onlinehändler, Kreditkartenanbieter und Kunden verbinden.

2005

Markus Braun wird Vorstandsvorsitzender von Wirecard.

2008

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger wirft Wirecard eine irreführende Bilanzierung vor. Der Aktienkurs stürzt ab. Der Konzern erstattet Anzeige.

2015

Die „Financial Times“ (FT) berichtet über Unstimmigkeiten in den Bilanzen von Wirecard. Die Aktie bricht ein. Wirecard stellt die Kritik als Schmutzkampagne von Shortsellern dar.

September 2018

Die Wirecard AG wird in den Dax aufgenommen. Der Aktienkurs erreicht sein Allzeithoch von 197 Euro. Wirecard gilt als deutsches Tech-Wunder.

Februar 2019

Die Finanzaufsicht Bafin untersagt das Shortselling mit Wirecard-Aktien. Die Staatsanwaltschaft München I leitet ein Ermittlungsverfahren gegen den „FT“-Reporter Dan McCrum ein.

Oktober 2019

Auf Drängen des neuen Aufsichtsrats Thomas Eichelmann und des Partners Softbank wird die Wirtschaftsprüfgesellschaft KPMG mit einer Sonderprüfung beauftragt.

April 2020

KPMG kann die Vorwürfe gegen Wirecard nicht ausräumen, die Veröffentlichung des Geschäftsberichts 2019 wird verschoben.

18. Juni 2020

Wirecard muss zugeben, dass 1,9 Milliarden Euro Treuhandvermögen in Manila nicht nachgewiesen werden können. Die Wirtschaftsprüfer von EY verweigern das Testat der Bilanz, Wirecards Aktienkurs bricht massiv ein. Asienvorstand Jan Marsalek taucht kurz darauf unter.

22. Juni 2020

Markus Braun wird festgenommen, dann gegen Kaution freigelassen. Einen Monat später kommt der langjährige Wirecard-Chef wieder in U-Haft.

25. Juni 2020

Wirecard stellt wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung einen Insolvenzantrag.

Die Ermittler zeichnen Braun in ihrer Anklageschrift dabei als Vorstandsvorsitzenden, der zwischen Wunsch und Wirklichkeit generell nicht unterscheiden konnte oder die Realität mutwillig ignorierte. In der Anklageschrift wimmelt es von Hinweisen in diese Richtung. Ein Zeuge berichtete von Terminen bei Braun, bei denen die „Zahlen massiert“ worden seien.

Der ehemalige Chefbuchhalter von Erffa beschrieb, wie Braun ihm regelmäßig Geschäftsabschlüsse mitgeteilt habe, die noch in die Jahresabschlüsse aufzunehmen seien. Diese angeblichen Umsätze stammten aus dem Reich des damaligen Asienvorstands Jan Marsalek und seien der Buchhaltung unbekannt gewesen. Sie seien auf Zuruf Brauns ohne Vertragsdokumentation gebucht worden.

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