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01.12.2022

04:00

Bilanzierung

Mehr Komplexität, aber mehr Transparenz: Was der neue Bilanzstandard IRFS 17 für Versicherer bedeutet

Von: Susanne Schier, Christian Schnell

Die neuen IFRS-Regeln sollen mehr Transparenz vor allem im Lebensversicherungsgeschäft bringen – auch wenn die Veränderungen am Anfang wohl für Verwirrung sorgen werden.

Der Versicherungskonzern bereitet Investoren auf die Einführung neuer Bilanzierungsregeln vor. dpa

Allianz

Der Versicherungskonzern bereitet Investoren auf die Einführung neuer Bilanzierungsregeln vor.

Frankfurt Nach langer Vorbereitungszeit treten im nächsten Jahr neue Rechnungslegungsstandards für Versicherer in Kraft. Dadurch wird es zu einigen Veränderungen in den Bilanzen der betroffenen Konzerne kommen. „Die Umstellung bedeutet zunächst mehr Komplexität“, sagte Allianz-Finanzvorstand Giulio Terzariol am Mittwoch. Auf Dauer verspreche man sich aber deutlich mehr Transparenz, vor allem im Lebensversicherungsgeschäft.

„Investoren und Analysten werden voraussichtlich eine Zeit lang unsicher sein, wenn sie auf unsere Zahlen schauen“, sagte auch Talanx-Finanzvorstand Jan Wicke vor Kurzem. Man glaube aber, dass die Zahlenwerke für Anleger besser verständlich werden. „Die Unterbewertung von Versicherer-Aktien wird sich dadurch aufheben“, ist Wicke überzeugt.

Der neue Bilanzstandard IFRS 17 regelt die Bilanzierung von Versicherungsverträgen, also ihre Erfassung, Bewertung und den Ausweis im Geschäftsbericht. Über die Ausgestaltung des Standards wurde jahrelang diskutiert, die Einführung schließlich nach hinten verschoben.

Das Regelwerk ersetzt den bisherigen Standard IFRS 4 und soll zum 1. Januar 2023 zusammen mit dem Standard IFRS 9 für Finanzanlagen, für den es vorübergehend eine Befreiung gab, in Kraft treten. Umsetzen müssen die neuen Regeln die IFRS-Bilanzierer unter den Versicherern. Hierzulande betroffen sind in erster Linie börsennotierte Konzerne wie Allianz, Talanx und Munich Re sowie auch einige europäische Konkurrenten wie etwa Axa und Zurich.

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    Den Geschäftsbericht 2022 werden die Versicherer noch nach den alten Regeln erstellen. Es wird aber Informationen zur Umstellung geben, etwa auch eine Eröffnungsbilanz zum 1. Januar 2023. Im ersten Quartal kommt dann IFRS 17 erstmals offiziell zur Anwendung.

    Konsistente Regeln für Aktiv- und Passivseite

    Die wichtigste Verbesserung sehen die Versicherer vor allem in der konsistenteren Aufbereitung von Aktiv- und Passivseite der Bilanz. Bei etlichen Finanzanlagen, die im Zuge des Zinsanstiegs an Wert verloren haben, müssen die Versicherer geringere Werte ansetzen.

    Künftig müssen die Versicherer auch die Schadenrückstellungen an die Marktgegebenheiten anpassen. Es wird berücksichtigt, wann ein Versicherer für den Schaden voraussichtlich einstehen muss. Dadurch werde das Eigenkapital deutlich weniger volatil, betonte Terzariol am Mittwoch. Grundsätzlich seien die neuen Regeln auch vergleichbarer mit den aufsichtsrechtlichen Vorgaben nach Solvency II.

    Erwartete Gewinne in der Lebensversicherung müssen Versicherer zudem nach IFRS 17 stärker über die Laufzeit des Vertrags verteilen. Ein Teil darf dann nicht mehr im Eigenkapital, sondern muss in eine neue Position – den sogenannten Gewinnspeicher (Contractual Service Margin, CSM) – eingestellt werden. Terzariol bezeichnete den Gewinnspeicher als „starken Pool für künftige Gewinne“. Das Eigenkapital dürfte bei den meisten Versicherern aber zum Umstellungszeitpunkt zurückgehen.

    Der Allianz-Konzern verfügt nach den aktuellen Regeln über ein bilanzielles Eigenkapital von etwa 80 Milliarden Euro. Dieses sinke bei Anwendung von IFRS 9 und 17 auf 60 Milliarden Euro, die CSM betrage etwa 35 Milliarden Euro. Es handele sich dabei vor allem um eine illustrative Darstellung und nicht um eine konkrete Prognose. Die Eigenkapitalrendite dürfte sich Terzariol zufolge künftig um gut einen Prozentpunkt erhöhen, eine Zielrendite von 15 Prozent sei realistisch.

    Umstellen müssen sich Anleger auch beim Blick auf die Gewinn-und-Verlust-Rechnung. Nach IFRS 17 werden keine Bruttoprämien mehr ausgewiesen, sondern ein Versicherungsumsatz. Das bedeutet beispielsweise, dass der in Lebensversicherungsverträgen enthaltene Sparanteil herausgerechnet wird. Der Umsatz wird also niedriger ausfallen als die bisherigen Bruttoprämien.

    Gewinnseitig wird sich dagegen wenig tun. Die Allianz erwartet keine wesentliche Veränderung auf der Ebene des operativen Gewinns – dieser dürfte zu Anfang auf Konzernebene etwas höher ausfallen.

    Im Segment Schaden- und Unfallversicherung dürfte das operative Ergebnis aus dem Versicherungsgeschäft von bisher drei Milliarden auf dann 3,6 bis 3,9 Milliarden Euro steigen, das Investmentergebnis dagegen von drei Milliarden auf 2,4 bis 2,6 Milliarden Euro zurückgehen – wesentlicher Grund sind die Änderungen in der Bewertung der Schadenrückstellungen. Das Konzernergebnis bleibe unter dem Strich auf ähnlichem Level, werde aber etwas schwankungsanfälliger.

    Keine Auswirkungen auf die Dividende

    Terzariol betonte zudem, dass die Umstellung keine Auswirkungen auf Cashflow und Dividende sowie die Solvenzquote habe – was Investorinnen und Investoren beruhigen dürfte. Analyst Alan Devlin von der US-Investmentbank Goldman Sachs hob in einer Studie hervor, dass es nur bescheidene Auswirkungen auf das Betriebsergebnis geben sollte und dass dies den Allianz-Anlegern erleichtern dürfte, die Umstellungen zu begleiten.

    Auch andere Versicherer hatten zuletzt über die Auswirkungen der IFRS-Änderungen berichtet. Der Schweizer Versicherungskonzern Zurich betonte, dass sich am Geschäft und der Dividendenpolitik des Konzerns unter IFRS 17 nichts ändern werde.

    Der französische Versicherer Axa erklärte, dass die Ertragskraft und das Eigenkapital nach Anwendung der neuen Regeln weitgehend unverändert blieben. Zudem würde man alle Ziele der Strategie für 2023 unter IFRS 17 beibehalten.

    Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re will beim Kapitalmarkttag am 15. Dezember über die IFRS-Umstellung sprechen, Talanx am 6. Dezember. „Wichtig für Investoren ist, dass sich nicht unsere Profitabilität oder unsere Finanzstärke ändert, sondern nur die Darstellung“, sagte Wicke.

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