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14.11.2022

10:23

Gewinnprognose

„Haben wir so noch nicht erlebt“: Versicherer Talanx wächst noch stärker als gedacht

Von: Christian Schnell

Trotz hoher Schadenszahlungen rechnet der Versicherer mit einem Nettogewinn von über einer Milliarde Euro. Finanzvorstand Jan Wicke gibt sich gegenüber dem Handelsblatt sehr optimistisch.

Das Unternehmen liefert positive Gewinnprognosen. dpa

Versicherungskonzern Talanx

Das Unternehmen liefert positive Gewinnprognosen.

München Beim Versicherer Talanx machen sich die unsichere Nachrichtenlage und die hohe Inflation in deutlich wachsenden Prämien bemerkbar. Um 18,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum sind die Einnahmen in den ersten neun Monaten angewachsen – auf 41,7 Milliarden Euro. Das gab der Hannoveraner Konzern am Montagmorgen bekannt.

Da sich die hohe Nachfrage nach Versicherungsschutz bis zum Jahresende fortsetzen wird, erhöhte der Hannoveraner Versicherer seine Prämienprognose auf mehr als 50 Milliarden Euro für das Gesamtjahr. Damit erwartet der im MDax notierte Konzern währungsbedingt nun einen Zuwachs von zehn Prozent bei den Bruttoprämien, bisher war man von einem hohen einstelligen Zuwachs ausgegangen. Vorstandschef Torsten Leue sagte in einer ersten Reaktion, er sei sehr zuversichtlich, die ambitionierten Ziele zu erreichen.

Auf steigende Prämien für Versicherungskunden und ein Ende der jahrelangen Rabattschlacht hatten Anfang November auch die Aufseher der Bafin hingewiesen. Die hohe Inflation führte beispielsweise bei Kfz-Schäden in den vergangenen Monaten schon zu höheren Ersatzteilpreisen und Werkstattlöhnen. Ein Trend, der sich Experten zufolge in den nächsten Monaten fortsetzen dürfte und die Versicherungsprämien teurer macht.

Die Versicherer verzeichnen damit zwar höhere Einnahmen, gleichzeitig steigen aber auch die Ausgaben im Schadensfall. Für Talanx bedeutet das, dass das Konzernergebnis in den ersten neun Monaten auf 785 Millionen Euro wuchs nach 723 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.

Um den angepeilten Jahresgewinn von 1,05 bis 1,15 Milliarden Euro zu erreichen, liegt der im MDax notierte Konzern damit im Plan. Auch Wettbewerber wie die Allianz und Axa hatten in der vergangenen Woche bereits deutliches Wachstum gemeldet.

Hohe Schadenszahlungen: „Das haben wir so auch noch nicht erlebt“

Den hohen Prämieneinnahmen stand bei Talanx in den ersten neun Monaten eine hohe Anzahl an Schäden gegenüber. So wuchs die Gesamtbelastung an Großschäden über zehn Millionen Euro in den ersten neun Monaten auf 1,867 Milliarden Euro und liegt damit um 480 Millionen Euro über den eigenen Prognosen. „Das haben wir so auch noch nicht erlebt“, ordnete Finanzvorstand Jan Wicke die hohen Schadenszahlungen ein.

Der Finanzvorstand weist auf die hohen Schadenszahlungen durch Naturkatastrophen und dem Ukrainekrieg hin. IMAGO/sepp spiegl

Jan Wicke

Der Finanzvorstand weist auf die hohen Schadenszahlungen durch Naturkatastrophen und dem Ukrainekrieg hin.

Besonders die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sowie hohe Schäden durch Naturkatastrophen führten dazu, dass sich die Schaden-Kosten-Quote negativ entwickelte. Kippt die Quote, würden die Schadenszahlungen nicht mehr von den Versicherungsbeiträgen gedeckt werden.

Nach 97,6 Prozent im Vorjahreszeitraum liegt sie nach neun Monaten nun bei 98,6 Prozent, womit der Konzern der kritischen Marke von 100 Prozent näherkam. Ab da beginnt die Verlustzone.

Gründe dafür waren hohe Schäden durch Naturkatastrophen in Höhe von 1,4 Milliarden Euro, allein 350 Millionen Euro entfielen auf den Hurrikan Ian, der Ende September in Florida und angrenzenden Bundesstaaten wütete. Im Vergleich zu den Wettbewerbern ist Talanx damit allerdings glimpflich wegkommen.

Die Schäden durch den Sturm in Florida kosteten den Versicherer viel Geld. IMAGO/ZUMA Wire

Hurrikan Ian

Die Schäden durch den Sturm in Florida kosteten den Versicherer viel Geld.

Munich Re meldete in der vergangenen Woche eine Schadensbelastung durch Ian von geschätzten 1,6 Milliarden Euro, Swiss Re sprach von 1,3 Milliarden Dollar. „Wir sind in Florida seit einiger Zeit schon mit den Preisen nicht zufrieden, deswegen ziehen wir uns dort zurück“, so Finanzvorstand Wicke. Dass für Talanx dennoch ein Schaden in dreistelliger Millionenhöhe anfiel, lag an langlaufenden Verträgen sowie an Gesamtportfolios, bei denen der Konzern einen Teil des Risikos absichert.

Schäden aus dem Ukraine-Krieg

Zudem hat Talanx 361 Millionen Euro reserviert für erwartete Schäden aus dem Ukraine-Krieg. Ging man nach den ersten drei Monaten des Jahres noch von 150 Millionen Euro aus, so wurde die Rückstellung schon im Sommer auf 346 Millionen Euro erhöht. Inzwischen habe man weitere Schadensmeldungen berücksichtigt, von denen man annehme, dass sie berechtigt sind, so Finanzvorstand Wicke.


Eine Sondersituation erlebte Talanx zuletzt auch im Türkei-Geschäft. Die hohen Inflationsraten dort hatten für die Kunden Preissteigerungen von teilweise bis zu hundert Prozent zur Folge.

Finanzvorstand Wicke verwies auf die deutlich höheren Entschädigungen, die Kunden im Schadensfall damit erwarten dürfen. Erste Tendenzen der hohen Inflation zeigen sich auch in Deutschland. In der Wohngebäudeversicherung rechnet er im kommenden Jahr mit Preissteigerungen um 15 Prozent durch die höheren Kosten für die Wiederbeschaffung.

Probleme bereiten dem im MDax gelisteten Konzern die Zinswende und die teils erheblichen Kursschwankungen nach neun Monaten. Das Kapitalanlageergebnis lag mit 2,6 Milliarden Euro deutlich unter dem Vorjahresergebnis von 3,5 Milliarden Euro. Dabei kam dem Konzern allerdings zugute, dass er in seiner Anlagepolitik sehr früh auf inflationsgesicherte Anleihen gesetzt hatte und damit zuletzt einen Gewinn von 371 Millionen Euro erlösen konnte.

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