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23.02.2022

15:10

Interview

Allianz-Vorstand Andreas Wimmer: „Vermögensverwaltung und Lebensversicherung enger verzahnen“

Von: Susanne Schier, Christian Schnell

Die beiden Konzernbereiche passen immer besser zueinander, findet der Manager. Denn die Lebensversicherung ist mehr denn je zu einem Kapitalmarktprodukt geworden. 

0,52 Millionen Euro Gehalt im Jahr 2021

Andreas Wimmer

0,52 Millionen Euro Gehalt im Jahr 2021

Frankfurt, München Andreas Wimmer macht im Allianz-Konzern gerade zwei Jobs gleichzeitig: Seit Oktober 2021 ist er Vorstandsmitglied der Allianz SE und dort unter anderem für den Bereich Asset-Management zuständig. Er folgte auf Jacqueline Hunt, die diesen Posten geräumt hat.

Geblieben sind die Ermittlungen der US-Behörden im Zusammenhang mit Hedgefonds-Verlusten (Structured Alpha) bei der Tochter Allianz Global Investors (AGI). Bei AGI waren die vergangenen Monate vor allem von Sparmaßnahmen geprägt.

Zugleich ist Wimmer bis voraussichtlich Ende März noch Vorstandschef der Tochtergesellschaft Allianz Leben. Sie ist der größte Lebensversicherer in Deutschland und hat angesichts der Dauerniedrigzinsen einen Wandel zu kapitalmarktorientierten Produkten mit geringeren Garantien hinter sich.

Nun setzt Wimmer auf eine noch stärkere Verzahnung von Lebensversicherung und Vermögensverwaltung. Die Kundengelder aus langlaufenden Verträgen sollen die beiden Asset-Manager der Gruppe, AGI und Pimco, vermehrt in alternative Anlagen investieren. Pimco fokussiert sich dabei auf Immobilien, AGI hat vor allem Expertise in den Bereichen Private Equity und Infrastrukturinvestitionen.

Wimmer kann sich perspektivisch auch Zukäufe im Asset-Management vorstellen. AGI und Pimco sollen aber unabhängige Einheiten im Konzern bleiben.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Wimmer, wegen der Corona-Erkrankung Ihrer Nachfolgerin Katja de la Viña bei der Allianz Leben haben Sie seit einem halben Jahr zwei Jobs. Wie funktioniert das für Sie?
Die strategischen Trends sind in beiden Jobs gleich: die weltweite Nullzinspolitik, die Investments in alternative Anlagen und der Trend zu einer CO2-reduzierten Wirtschaft. Wir wollen Asset-Management und Lebensversicherung noch enger verzahnen. Trotzdem freue ich mich, wenn ich Ende März an Katja de la Viña als neue CEO der Allianz Leben übergeben darf.

Das schwierigste Thema, das Sie in der neuen Position übernommen haben, ist die Structured-Alpha-Problematik der Tochter AGI in den USA. Wie wollen Sie die lösen?
Wir haben uns mit dem Großteil der Kläger geeinigt. Jetzt müssen wir die weiteren Verfahren zu Ende bringen. Weil die noch laufen, möchte ich nicht weiter darauf eingehen.

Im Sommer sagte Allianz-Chef Oliver Bäte, dass 93 AGI-Strategien bereits eingestellt wurden, genauso viel sollten in den nächsten 18 Monaten noch mal dazukommen. Wie ist der aktuelle Stand?
Hier muss man trennen zwischen einer allgemeinen Portfoliobereinigung und Structured Alpha. Unter der neuen Führung seit Anfang 2020 gibt es bei AGI das Ziel, Strukturen zu vereinfachen. Wir haben 140 Strategien von vorher 450 herausgenommen. Die Bereinigung geht nun in einen ständigen Prozess über.

Vita Andreas Wimmer

Der Manager

Andreas Wimmer ist seit Oktober 2021 Vorstandsmitglied der Allianz SE und leitet die Bereiche Asset Management sowie Allianz Life in den USA. Derzeit ist er auch noch Vorstandsvorsitzender der Tochtergesellschaft Allianz Leben, bis Katja de la Viña seine Nachfolge voraussichtlich am 1. April 2022 übernimmt. Wimmer hat diese Position seit Anfang 2020 inne.

Allianz Leben ist mit über zehn Millionen Kunden der größte Lebensversicherer in Deutschland. In früheren Funktionen bei der Allianz verantwortete Wimmer die Bereiche Firmenkunden, Vertrieb, Maklermanagement sowie Produktentwicklung in der Lebensversicherung.
1999 begann er seine Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bankinnovation. Er hat an der Universität Regensburg in Betriebswirtschaftslehre promoviert und einen MBA-Abschluss der Murray State University, USA.

Das Unternehmen

Die Allianz-Gruppe zählt zu den weltweit führenden Versicherern und Vermögensverwaltern. Sie betreut 126 Millionen Privat- und Unternehmenskunden in mehr als 70 Ländern. Ihren Kunden bietet die Allianz Sach-, Lebens- und Krankenversicherungen sowie Assistance-Dienstleistungen und Kreditversicherungen bis hin zu Industrieversicherungen. Die Allianz ist einer der weltweit größten Investoren und betreut im Auftrag ihrer Versicherungskunden ein Investmentportfolio von etwa 809 Milliarden Euro. Zudem verwalten die Asset Manager Pimco und Allianz Global Investors (AGI) rund zwei Billionen Euro für Dritte. Im Jahr 2021 erwirtschafteten über 155.000 Mitarbeiter für die Gruppe einen Umsatz von 148,5 Milliarden Euro und erzielten ein operatives Ergebnis von 13,4 Milliarden Euro. Wegen hoher Rückstellungen für Straf- und Entschädigungszahlungen im US-Geschäft sank der Jahresüberschuss um 2,9 Prozent auf 6,6 Milliarden Euro.

Was könnte noch kommen?
Wir haben sehr viel geschafft. Jetzt kontrollieren wir fortlaufend den Erfolg der verbleibenden Strategien und bauen ab oder führen zusammen, wo es sinnvoll ist.

Das vergangene Jahr war bei AGI von einem Sparprogramm und einem Stellenabbau geprägt. Kommt noch mehr?
Wir verstärken jetzt die Ausrichtung auf Wachstum. Beispielsweise wollen wir bei alternativen Anlagen mehr machen, also bei Immobilien, Beteiligungen, Finanzierungen und Infrastruktur.



Nach alternativen Anlagen suchen bei der Allianz sowohl die Lebensversicherung als auch die Vermögensverwaltung. Wachsen die beiden bisher getrennten Säulen damit operativ zusammen?
Wir sind bisher einer der größten Lebensversicherer der Welt und vermutlich der größte aktive Asset-Manager der Welt. Rund 60 Prozent des gesamten operativen Allianz-Gewinns kommen aus beiden Bereichen. Diese Position wollen wir ausbauen. Bei der deutschen Lebensversicherung wird heute schon ein Drittel von 300 Milliarden Euro an Kundengeldern in alternativen Anlagen investiert. Über unsere beiden internen Investmentmanager sind die Kunden damit in alternativen Anlagen investiert, die für Privatanleger nur schwer zugänglich sind. In diesem Kreislauf ist noch viel mehr drin.

Was genau?
Bei den 200 Milliarden Euro, die wir jetzt bereits in alternative Anlagen investiert haben, ergänzen wir uns heute schon. Pimco hat sich mit der Allianz Real Estate verstärkt die Kapitalanlage in Immobilien vorgenommen, AGI investiert seit Jahren in Private Equity und Infrastruktur. Wir schauen uns viele Themen gemeinsam und global an, am Ende ist es eine Umsetzung in der jeweiligen Gesellschaft.

Welche Investments könnte man dann häufiger sehen?
Bei der Transformation der Wirtschaft werden wir noch viel mehr Infrastrukturinvestitionen benötigen, sei es beim Umbau der Stromnetze, der Digitalisierung oder der CO2-armen, klimaneutralen Produktion. Diese Transformation können wir als langfristiger Investor begleiten.

Der Versicherungskonzern will verstärkt in Alternative Anlagen investieren. dpa

Allianz

Der Versicherungskonzern will verstärkt in Alternative Anlagen investieren.

Das klingt nach einer Renaissance des sogenannten Public Private Partnership?
Wir wären gesprächsbereit. Im Ausland haben wir bereits Investitionen getätigt. Auch in Deutschland wäre Raum, mehr zu machen.

Trotzdem bleibt die Vermögensverwaltung der Allianz ein ungleich aufgeteilter Bereich, zu dem Pimco 80 Prozent und AGI 20 Prozent beiträgt.
Der Austausch wird weitergehen. Aber ganz klar: Das sind zwei unabhängige Anbieter, die auch manchmal im Wettbewerb stehen. Solange beide erfolgreich sind, hat jeder seine Berechtigung.

Und wenn es nicht gut läuft?
Im Moment wüsste ich nicht, was da passieren könnte.

Mit der Lebensversicherung kümmern Sie sich um einen weiteren Bereich, der sich stark verändert. Was ist hier Ihr Ziel?
Wir verfolgen eine Capital-light-Strategie und haben im vergangenen Jahr bereits Milliarden an zuvor gebundenem Kapital durch die Absicherung von Lebensversicherungs-Portfolios über Rückversicherungen freigesetzt. Entscheidungen darüber müssen immer die regulatorischen Unterschiede in den Märkten und das Risikomanagement berücksichtigen. Ein anderer Weg ist die Weiterentwicklung von Produkten, um kapitalschonend zu wachsen.

Ist es langfristig denkbar, dass die Allianz nur noch Manufacturer & Designer von Lebensversicherungen wird, wie es Bäte ausgedrückt hat? Das Kapital würde dann woanders verwaltet.
Das sind wir heute schon, wie übrigens auch Rückversicherungen traditionell Teil unseres Geschäftsmodells sind. Der Kunde wird auch in Zukunft die Allianz als Anlaufstelle für seine Police haben wollen. Ich würde insofern nicht davon sprechen, dass wir irgendwann nur noch Manufacturer & Designer sind.

Die Allianz ist bei Lebensversicherungen in Deutschland mit einem Marktanteil von 30 Prozent mit großem Abstand Marktführer. Ist die natürliche Grenze des Wachstums nicht längst erreicht?
Wir streben ein ausbalanciertes Wachstum in den richtigen Segmenten mit den richtigen Produkten an. Da können wir noch viel tun. Ein Beispiel dafür sind die USA: Hier planen wir den Ausbau im Geschäft mit der betrieblichen Altersvorsorge.

Die Lebensversicherung der Allianz war sehr früh bei der Einführung moderner Produkte dabei, bei der Kürzung der Garantie auf 60, 80 und 90 Prozent waren Sie Vorreiter. Was kommt als Nächstes?
Es wird weiter bestimmte Garantieformen geben. Interessant ist aber der Veränderungsprozess auf Kundenseite. Dort sind viele inzwischen offener für mehr Chancenorientierung. Das Thema Nullzins ist greifbar angekommen, damit hat sich ein Verständnis für mehr Chancen mit weniger Garantien entwickelt.

Bedeutet das, dass die Allianz in manchen Bereichen in Zukunft noch unter die Schwelle von 60 Prozent an garantierten Leistungen gehen wird?
Das tun wir heute schon. Dort, wo es nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, können Kunden auch null Prozent Garantien wählen. Wir werden weitere Innovationen bringen, bei denen der Kunde auch während der Laufzeit das Niveau anpassen kann. Und in den USA gibt es beispielsweise extrem erfolgreiche Produktkonzepte, bei denen Kunden zwischen verschiedenen Absicherungsmechanismen wählen können.

Was bedeuten Inflation und die anstehende Zinswende für die Lebensversicherung?
Momentan sehen wir bei den Zinsen eher eine kleine Gegenbewegung. Aber wir sind natürlich gespannt, wann endlich die Notenbanken reagieren. Wichtig ist, dass keine Inflationsspirale entsteht. Notenbanken sollten dazu ihren Beitrag leisten.

Grafik

Falls die Inflation entgegen vielen Prognosen doch kein vorübergehendes Phänomen ist - was heißt das dann für die Allianz?
In der Lebensversicherung werden wir davon profitieren, dass wir das Portfolio schon sehr stark umgebaut haben. In der Vermögensverwaltung werden wir verstärkt Produkte anbieten, die den Kunden auch in solchen Marktphasen Schutz vor Wertverlust bieten.

Mit der Rückversicherungslösung im US-Lebengeschäft setzen Sie Kapital frei, das Sie anderswo investieren können. An welche Investitionen haben Sie hier konkret gedacht?
In den USA sehen wir Investitionsmöglichkeiten in neue Produktkonzepte und neue Marktsegmente. Wachstumsmöglichkeiten sehen wir aber auch international.

Wo denn besonders?
Altersvorsorge ist ein weltweites Thema. Asien ist zum Beispiel ein großer Wachstumsmarkt.

Wären auch Übernahmen denkbar?
Akquisitionen sind für uns immer ein Thema, wenn der Preis stimmt. Wir haben erst jüngst in Griechenland zugekauft. Organisches Wachstum hat jedoch für mich Priorität.

Allerdings hat die Allianz in den vergangenen Jahren eher im Bereich Sachversicherung zugekauft. Hat sich Ihre Strategie geändert, sodass vermehrt auch Zukäufe in der Lebensversicherung eine Option sind?
Im vergangenen Jahr haben wir mit Aviva Polen auch eine Übernahme mit großer Bedeutung für das Lebensversicherungsgeschäft getätigt. Wir schauen uns aber auch mögliche Ziele im Bereich Asset-Management an.
Mit Allianz X haben Sie eine Beteiligungsgesellschaft, deren Investments Marktreife erreicht haben. Welche Rolle spielen diese im Gesamtkonzern?
Die Investments von Allianz X sind Teil unserer digitalen Transformation. Im Bereich Schadensbearbeitung sehen wir sehr gute Entwicklungen, die uns im Konzern weiterhelfen. Auch die Investition in Open Gamma im Bereich Vermögensverwaltung ist ein Beispiel, bei dem wir uns Impulse für unsere Digitalstrategie erhoffen.

Wie bewerten Sie die rasanten Entwicklungen in den vergangenen Jahren im Bereich Fintech – beispielsweise mit Spielern wie Trade Republic, die ETF-Sparpläne als die neue und auch bessere Form der Altersvorsorge ausrufen?
Wir sehen, wie die neuen digitalen Plattformen den Weg zum Kunden verändern. In der Coronakrise haben wir massive Umbrüche bei den Beratungsprozessen erlebt. Digitale Beratungstools spielen bei uns inzwischen eine wichtige Rolle. Wir müssen aber auch beobachten, wie digitale Spieler mit ihren Lösungen die Schnittstelle zum Kunden besetzen.

Wo sehen Sie da für sich die größten Chancen und Risiken?
Für bisher völlig unterschätzt halte ich das Thema, mit welchen Plattformen wir sowohl digitale und persönliche Beratung sowie auch die dahinterstehenden Prozesse und die Verwaltung unterstützen können. Das ist eine Riesenchance für uns. Natürlich stehen wir aber auch im Wettbewerb mit den neuen digitalen Playern.
Herr Wimmer, vielen Dank für das Interview.

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