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26.09.2018

08:04

Den gesetzlichen Krankenkassen droht in Zukunft wegen der alternden Gesellschaft ein Einnahmeproblem, das die private Krankenversicherung nicht haben wird. dpa

Krankenversicherungskarten

Den gesetzlichen Krankenkassen droht in Zukunft wegen der alternden Gesellschaft ein Einnahmeproblem, das die private Krankenversicherung nicht haben wird.

Krankenversicherung

Aus diesem Grund dürften die Beiträge für gesetzlich Krankenversicherte deutlich steigen

Von: Peter Thelen

Die Beitragssätze der gesetzlichen Krankenkassen dürften sich kräftig erhöhen, prognostizieren Experten. Private Krankenkassen haben ein anderes Problem.

Deutschland altert. Die niedrige Geburtenrate und die steigende Lebenserwartung führen in Zukunft zu deutlich steigenden Krankenkassen- und Pflegeversicherungsbeiträgen. Dabei sind nach einer neuen Studie der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) die Kosten des medizinischen Fortschritts und die höhere Inanspruchnahme von Leistungen durch die älter werdende Gesellschaft zwar auch ein Teil des Problems.

Der größte Druck auf die Beitragssätze der gesetzlichen Kassen entsteht aber durch eine strukturelle Einnahmeschwäche der gesetzlichen Kassen, so Karl-Josef Bierth, DAV-Vorstandsmitglied und Leiter des DAV-Ausschusses Krankenversicherung. Das belegen neue Berechnungen der Versicherungsmathematiker.

Danach steigen die Ausgaben für die Sozialversicherung ähnlich wie das Bruttoinlandsprodukt. Die Einnahmen hingegen würden sich entgegen vieler Prognosen um 0,5 Prozentpunkte pro Jahr langsamer als das Bruttoinlandsprodukt erhöhen.

Vor diesem Hintergrund appelliert Bierth an die Bundesregierung, die seit Jahren zu beobachtende strukturelle Einnahmeschwäche in einem ersten Schritt im offiziellen Tragfähigkeitsbericht der öffentlichen Finanzen zu berücksichtigen. „Ohne diesen nachweisbaren Aspekt wird ein zu optimistisches Bild gezeichnet, was nicht im Interesse der Verbraucher ist“, so Bierth weiter.

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    Im zweiten Schritt sollten dringend Maßnahmen zur Dämpfung der negativen Effekte der strukturellen Einnahmeschwäche entwickelt werden. So könnten durch flächendeckende Tarifverträge oder die Anhebung des Mindestlohns die Einnahmen der Sozialversicherung erhöht werden.
    Laut DAV könnten die Beiträge der gesetzlichen Krankenversicherung von derzeit 15,6 Prozent bis zum Jahr 2060 auf knapp 25 Prozent steigen. In der sozialen Pflegeversicherung ist ohne Berücksichtigung derzeit bereits diskutierter möglicher Leistungsausweitungen ein Anstieg von 2,5 auf bis zu 8,5 Prozent im Jahr 2060 möglich.
    Die privaten Krankenversicherungen schneiden hier deutlich besser ab. Denn sie haben das Einnahmeproblem der gesetzlichen Kassen nicht, weil hier die Beiträge nach dem Krankheitsrisiko und nicht als Prozentsatz vom Einkommen bemessen werden. Hinzu kommen die Alterungsrückstellungen, die verstärkt aufgelöst werden, wenn immer mehr Privatversicherte ins Rentenalter kommen.

    Hier entsteht der Druck auf die Beiträge durch den medizinisch-technischen Fortschritt und die anhaltende Tiefzinsphase. Sollten die Zinsen in den kommenden Jahrzehnten auf ihrem aktuell niedrigen Niveau verharren, erhöht sich der PKV-Durchschnittsbeitrag nach den Berechnungen der DAV inflationsbereinigt bis zum Jahr 2060 um den Faktor 2,7. Kommt es hingegen zu einer Zinserholung ab 2030, reduziert sich der Faktor auf 2,4.

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    In der privaten Pflegeversicherung halten die Aktuare im Extremszenario einen Beitragsanstieg um den Faktor 4,5 für möglich. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass die Prämien in der privaten Pflegeversicherung heute im Vergleich zur sozialen Pflegeversicherung niedrig sind.

    Während privat Versicherte dafür monatlich durchschnittlich 30 Euro zahlen, liegt der vergleichbare Beitrag in der gesetzlichen Pflegeversicherung für Kinderlose bei 123,90 Euro im Monat. Denn für die privatversicherten Angestellten würden aufgrund der vergleichsweise hohen Einkommen in der gesetzlichen Pflegeversicherung die Höchstbeiträge gelten.

    Medizinisch-technischer Fortschritt als Kostentreiber

    „In Anbetracht der in der öffentlichen Wahrnehmung vielfach unterschätzten Bedeutung des medizinisch-technischen Fortschritts als Kostentreiber sollte jede Möglichkeit ergriffen werden, die Effizienz des Gesundheitssystems zu steigern“, so Bierth.

    So ließen sich nach Überzeugung der Aktuare durch den Ausbau der Telemedizin oder der Einführung einer digitalen Gesundheitskarte erheblich Kosten einsparen. Darüber hinaus sollten Ansätze zum „gesunden und selbstständigen Altern“ unterstützt werden. „Ohne einen Paradigmenwechsel im Kosten- und Leistungsmanagement ist das deutsche Krankenversicherungs- und Pflegesystem nicht zukunftsfest. Deshalb muss auch jede Leistungserweiterung, insbesondere in der sozialen wie privaten Pflegepflichtversicherung, kritisch auf ihre künftige Bezahlbarkeit geprüft werden.“

    Für ihre Studie hat die DAV mit zwei Szenarien mit einer unterschiedlichen Entwicklung von Geburtenrate und Lebenserwartung gerechnet. Im Extremszenario bleibt die Geburtenrate bei 1,4 Prozent, und die Lebenserwartung steigt bei Frauen auf 90,3 und 86,8 Jahren bei Männern. Die Netto-Zuwanderung pendelt sich bis 2060 bei 100.000 Personen pro Jahr ein.

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