Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

09.08.2020

16:44

Neue Arbeitswelt

Allianz macht Homeoffice zur Dauerlösung – mit weitreichenden Folgen

Von: Carsten Herz, Christian Schnell

Der Versicherer will die Erfahrungen mit Heimarbeit während der Corona-Pandemie nutzen, um die Arbeitswelt innerhalb des Konzerns komplett umzubauen.

Einschneidende Veränderung bei den Arbeitsabläufen. imago images/Westend61

Arbeit im Homeoffice

Einschneidende Veränderung bei den Arbeitsabläufen.

Frankfurt, München Binnen weniger Tage verlagerte der Versicherungskonzern Allianz im März wegen der Coronakrise 90 Prozent seiner Arbeit ins Homeoffice und sagte sämtliche Dienstreisen ab. Für den vielfliegenden Konzernchef Oliver Bäte war dies eine völlig überraschende Erfahrung, die ihm neue Erkenntnisse bescherte. „Ich bin manchmal erheblich produktiver“, bekannte er im Juli öffentlich. Vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehe es ähnlich.

Es ist eine Feststellung, die nun wohl dauerhaft Konsequenzen für den gesamten Konzern mit seinen rund 150.000 Mitarbeitern weltweit haben wird. Die Allianz erwarte, dass längerfristig bis zu „40 Prozent der Mitarbeiter von zu Hause arbeiten“ werden, sagte Allianz-Vorstand Christof Mascher dem Handelsblatt. „Aber auch eine höhere Zahl ist möglich.“

„Home, sweet home“: Für den konservativen Versicherer kommt der Wandel einer Revolution gleich. Gelten die Versicherer doch als eine der traditionell konservativsten Branchen in Deutschland. Aber nun will das Dax-30-Schwergewicht die Erfahrungen mit Heimarbeit während der Corona-Pandemie nutzen, um die Arbeitswelt innerhalb des Versicherungskonzerns komplett umzubauen.

Selbst in der Lebensversicherung habe man es geschafft, den in der Krise fehlenden persönlichen Kontakt zwischen Beratern und Kunden zu ersetzen, frohlockt der Konzern. Die Münchener zählen damit in Deutschland zu den Vorreitern beim Homeoffice.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Auch beim Dax-Konzern Siemens dürfen die Mitarbeiter künftig drei Tage die Woche von zu Hause aus arbeiten. Und bei den ersten Banken hat das Nachdenken über die neue Freiheit am Schreibtisch ebenfalls längst begonnen.

    Corona ist damit dabei, die Arbeitswelt nachhaltig zu verändern und einen Abschied von der Präsenzkultur einzuläuten. Vor allem die großen US-Tech-Konzerne scheinen das Homeoffice-Modell auch nach der Bewältigung der Krise vorantreiben zu wollen.

    Grafik

    Facebook-Chef Mark Zuckerberg erwartet, dass die Pandemie einen tief greifenden Wandel hin zur Arbeit außerhalb des Büros angestoßen hat. Er rechne damit, dass in zehn Jahren rund jeder zweite Beschäftigte des Onlinenetzwerks so arbeiten werde, sagte Zuckerberg bereits im Mai. Natürlich haben die Unternehmen dabei die Annehmlichkeiten für die Mitarbeiter im Blick.

    Die Arbeitnehmer stehen nicht mehr jeden Morgen und jeden Abend in überfüllten Zügen oder auf verstopften Autobahnen herum und gewinnen so wertvolle Zeit, die sich produktiv nutzen lässt.

    Enormes Einsparpotenzial

    Ganz ohne ökonomische Hintergedanken ist der neue Hang zur Heimarbeit im großen Stil allerdings nicht. Versprechen sich die Firmen doch auch einen wirtschaftlichen Nutzen davon, wenn künftig deutlich mehr Angestellte und Arbeiter dem Firmenbüro fernbleiben. „Die Standorte müssen überprüft werden, es geht vor allem um die Ausstattung“, sagt Allianz-Vorstand Mascher. Rund 30 Prozent Bürofläche werde wahrscheinlich längerfristig nicht mehr gebraucht.

    Das habe auch Konsequenzen in der Planung neuer Projekte: „Natürlich schauen wir uns auch Büroflächen noch einmal neu an, die wir bisher in der Planung hatten“, sagt der Allianz-Vorstand.

    „Wo wir beispielsweise bisher mit tausend Arbeitsplätzen geplant hatten, müssen wir nun überlegen, wie wir das virtuell und physisch zusammenbringen.“ Hier rechne der Konzern damit, dass sich die physische Bürofläche reduzieren lässt. Auch von den Reisekosten ließen sich dauerhaft sogar 50 Prozent einsparen, heißt es im Management.

    Der Allianz-Vorstand sagt große Veränderungen für die Arbeitswelt von Europas größtem Versicherer voraus. Allianz SE

    Christoph Mascher

    Der Allianz-Vorstand sagt große Veränderungen für die Arbeitswelt von Europas größtem Versicherer voraus.

    Bisher setzte die Allianz – wie viele andere Großkonzerne auch – darauf, ihre Mitarbeiter in Firmenzentralen und großen Büros an einem Ort zusammenzubringen. Allein auf dem Campus des Versicherers in München-Unterföhring, wo die Zentrale der Allianz Deutschland in einem Gewerbegebiet residiert, arbeiten derzeit noch rund 8000 Beschäftigte auf einer Fläche von gut 390.000 Quadratmetern. Doch die neue Allianz nach Corona könnte künftig deutlich digitaler und dezentraler aussehen als bisher.

    „Jetzt sehen wir, dass wir zentrale Betriebsfunktionen virtuell darstellen können“, sagt Mascher. „Wir können digital um einen Tisch sitzen. Deswegen werden wir künftig mit kleineren Büros arbeiten.“ Der Versicherer werde aber nicht vollständig auf die physische Präsenz verzichten und wolle das auch nicht.

    Die Folgen könnten dennoch weitreichend sein. Der Deutschlandchef der Unternehmensberatung Bain & Company, Walter Sinn, geht davon aus, dass künftig 20 bis 30 Prozent der Büroarbeitsplätze in Deutschland überflüssig werden. Nach Berechnungen der Berater könnten in den nächsten fünf bis sieben Jahren zwischen drei und fünf Millionen Beschäftigte ihren Arbeitsplatz aus dem Firmenbüro wegverlagern.

    Viele Unternehmen in Deutschland wollen einer Studie zufolge nach der Coronakrise am Homeoffice festhalten – auch in der Industrie. Das geht aus einer Auswertung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hervor.

    Dämpfer für Gewerbeimmobilien?

    Für den Markt für Gewerbeimmobilien könnte das einen deutlichen Dämpfer bedeuten. Zu Beginn des Shutdowns hielten Vermieter von Büroflächen das Homeoffice noch für ein vorübergehendes Phänomen. Doch die lange Corona-Phase hat zu einem Umdenken geführt. Immer mehr Unternehmen machen sich inzwischen Gedanken über ihren Immobilien-Footprint, der den ökologischen Fußabdruck der Bürofläche beschreibt. 95 Prozent aller Manager glauben nach einer Umfrage inzwischen, dass die verstärkte Nutzung von Homeoffice die Krise überstehen werde. Alexander Otto, Chef von ECE, dem größten Betreiber von Einkaufszentren in Europa, sagte dem Markt jüngst bereits eine weitreichende Neuordnung voraus.

    Denn Corona hat vielen Branchen einen unerwarteten Digitalisierungsschub verpasst, der die neue Freiheit mit ermöglicht. So zog auch der Münchener Versicherungsriese im Schatten der Pandemie einige digitale Projekte vor. „Wir haben die Coronakrise zum Anlass genommen, unsere Prioritäten zu überarbeiten“, sagt der Topmanager Mascher.

    Grafik

    „Dabei sind wir zum Schluss gekommen, dass wir Projekte wie den Wandel zu einem digitalen Versicherer beschleunigen.“ So seien einige Transformationsprojekte noch schneller umgesetzt worden, was auf einen extrem großen Widerhall in der Organisation gestoßen sei. Viele Skeptiker hätten gerade während der Coronakrise erkannt, welchen Wert die Digitalisierung für den Konzern habe.

    So will die Allianz schon im nächsten Jahr wieder an die Gewinne vor der Coronakrise anknüpfen. „Ich hoffe, dass wir 2021 wieder einigermaßen zurück sind, wo wir ursprünglich hinwollten“, kündigte Vorstandschef Oliver Bäte Anfang Juli an. Voraussetzung dafür sei aber, dass es nicht zu einer zweiten Corona-Welle mit weltweiten Ausgangsbeschränkungen und Marktverwerfungen komme.

    Auf eine konkrete Prognose verzichtete der Dax-Konzern bei der Vorlage der Quartalszahlen in dieser Woche zwar noch. Das zweite Halbjahr sollte allerdings finanziell besser als das erste verlaufen, wenn die Situation in der Coronakrise stabil bleibe, sagte Allianz-Finanzchef Giulio Terzariol.

    Allianz sieht das Schlimmste hinter sich

    So steuert Deutschlands größter Versicherungskonzern aller Voraussicht nach ohne größere Blessuren durch die Coronakrise. Terzariol machte klar, dass der Münchener Konzern trotz milliardenschwerer Belastungen durch die Pandemie im laufenden Jahr einen operativen Gewinn von mindestens zehn Milliarden Euro erwartet – sofern eine große zweite Corona-Welle ausbleibt.

    „Angenommen, die Situation bleibt stabil, würde ich erwarten, dass die zweite Jahreshälfte besser wird als die erste.“ Die Folgen der Corona-Pandemie summierten sich in den ersten sechs Monaten des Jahres auf 1,2 Milliarden Euro. Entsprechend ging der operative Gewinn um ein Fünftel auf 4,9 Milliarden Euro zurück – für die Analysten eine positive Überraschung.

    Die Coronakrise werde die Allianz nicht bei ihrer strategischen Neuausrichtung aus der Bahn werfen, ist sich auch Mascher sicher. „Wir werden beim Strategieplan einzelne Ziele schneller erreichen als gedacht“, kündigte er an.

    Ökonomisch werde es zwar sicher Auswirkungen auf dieses und das kommende Jahr geben. Der Konzern hatte sein Ziel eines operativen Ergebnisses von 11,5 bis 12,5 Milliarden Euro Ende April zurückgenommen und erwartet 2020 nun den ersten Gewinnrückgang seit neun Jahren. „Aber für unser Geschäftsmodell führt die Krise eindeutig zu einer Beschleunigung“, sagt er voraus. Viele Investoren werden das mit Interesse hören.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×