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10.05.2022

00:23

Schiffshavarien

Versicherer in schwerer See

Von: Christian Schnell

Weltweit häufen sich die Meldungen über Schiffshavarien und verlorene Fracht. Damit steigen auch die Herausforderungen für die Versicherer.

Neuwagen von Mercedes-Benz stehen auf dem Autoterminal der BLG Logistics Group in Bremerhaven. picture alliance / Ingo Wagner

BLG-Autoterminal

Neuwagen von Mercedes-Benz stehen auf dem Autoterminal der BLG Logistics Group in Bremerhaven.

München Clemens Jungsthöfel hat vergangene Woche mit einer eher ungewöhnlichen Aussage überrascht. Als der Finanzvorstand der Hannover Rück über Großschäden im ersten Quartal berichtete, erwähnte er neben den Bränden in Australien und den Sturmtiefs Ylenia und Zeynep auch den gesunkenen Autofrachter Felicity Ace.

Das mit rund 4000 Autos beladene Schiff hatte im Februar auf dem Weg in die USA erst Feuer gefangen und war dann im Atlantik gesunken. Rund 14 Millionen Euro musste Hannover Rück an Entschädigung leisten.

Havarierte Schiffe, verlorene Fracht, immense Verspätungen, die Auswirkungen von Lockdowns und zuletzt des Ukrainekrieges haben die internationale Schifffahrt für Versicherer zu einer kostenintensiven Branche gemacht. „Die Schäden in der Schifffahrt sind derzeit sehr plakativ“, sagt Johannes Bender von der Ratingagentur S&P Global.

Nachdem sich im vergangenen Jahr das Container-Schiff Ever Given mit seinen 224.000 Tonnen im Suezkanal festgefahren hatte und so einen Teil der weltweiten Warenströme blockierte, häuften sich die Meldungen über Havarien. Anfang Februar lief das Mega-Containerschiff Mumbai Maersk vor der Insel Wangerooge auf Grund.

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    Kurze Zeit später steckte die „Ever Forward“ vor Baltimore fest. In diesen Zeitraum fiel auch der Brand auf der Felicity Ace, auf der zu diesem Zeitpunkt 189 Nobelkarossen von Bentley und rund 1100 Fahrzeuge der Marken Porsche und Audi unterwegs waren.

    Für die Versicherer ergibt sich so ein zweigeteiltes Bild. Während die Zahl der Totalverluste bei großen Schiffen im vergangenen Jahr auf 54 fiel und sich damit der Trend der vergangenen Jahre fortsetzte, wuchs die Zahl der gemeldeten Schiffsunfälle auf rund 3000. Besonders unfallträchtig mit 668 Fällen ist dabei die Gegend vor den Britischen Inseln. Maschinenschäden, Kollisionen und Brände waren die Hauptursachen.

    Unterschiedliche Zuständigkeiten bei Versicherern

    So unterschiedlich die einzelnen Schäden sind, so sehr differenzieren sich auch die Zuständigkeiten der einzelnen Versicherer. Über sie läuft die Kaskoversicherung, die ähnlich wie bei einem Pkw den eigenen Schaden bei einem selbst verursachten Unfall abdeckt. Die Haftpflichtversicherung für Schäden der anderen läuft in der Regel über Spezialversicherungen ab, sogenannte „Protection & Indemnity Clubs“.

    Neben dem Schaden am Schiff selbst geht es auch um die oft teure Fracht, die entweder Schaden genommen hat oder selbst der Auslöser für einen Unfall war. Allein in den vergangenen fünf Jahren haben die AGCS-Experten über 70 Brände gezählt. Falsche oder nicht deklarierte Ladung wie Chemikalien oder Batterien in Containern waren häufig der Grund.

    Etwa fünf Prozent der Container bestehen aus nicht deklarierten Gefahrgütern. „Allzu oft endet ein eigentlich überschaubarer Zwischenfall auf einem großen Schiff in einem Totalverlust“, beobachtet AGCS-Experte Anastasios Leonburg.

    Gefahren durch Elektroautos

    Die Tendenz, dass es in Zukunft häufiger zu Schäden kommt, steigt mit der Zahl der verschifften Elektroautos. Deren Lithium-Ionen-Akkus gelten als hochentzündlich.

    Zudem kann sich die Sicherung von Autofrachtern über Jahre ziehen. Vor zwei Jahren kenterte die Golden Ray in den USA, die Bergung dauerte in diesem Fall zwei Jahre und kostete 800 Millionen Dollar, weil das Schiff in mehrere Teile geschnitten werden musste.

    Die Folge generell bei Schiffshavarien sind oftmals sogenannte „Havarie-Grosse“, also Verfahren, in denen die Ladungseigentümer anteilig an den Verlusten und Kosten für die Rettung des Schiffes beteiligt werden. „Das ist zu einem häufigen und kostspieligen Versicherungsfall geworden“, sagt Rainer Bartzsch von AGCS.

    Hinzu kommt der Krieg in der Ukraine, dessen Auswirkungen auf die Schifffahrt noch immer nicht absehbar sind. „Ein Schaden an einem verloren gegangenen Schiff kann erst sechs bis zwölf Monate später angemeldet werden“, sagt Manuel Adam von der Ratingagentur S&P Global. Die Branche erwartet deshalb Zweit- und Drittrundeneffekte, die sich erst mit Verzögerung abzeichnen.

    Dass Zahl und Höhe der Schäden und damit die Belastungen für die Versicherer weiter steigen werden, zeichnet sich ab. Schon jetzt werden wegen des Booms der Schifffahrt nach den weltweiten Lockdowns Massengutfrachter, Produkttransporter oder Öltanker für den Containertransport eingesetzt, was bei den Versicherern hinsichtlich deren Stabilität, Brandbekämpfungsmöglichkeiten und Ladungssicherung kritische Fragen aufwirft.

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