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08.08.2022

16:29

Versicherung

Die Schere zwischen starken und schwachen Lebensversicherern geht auseinander

Von: Susanne Schier

Herbert Schneidemann, Chef der Deutschen Aktuarvereinigung, rechnet mit einer heterogenen Entwicklung der Lebensversicherer. Nicht alle Anbieter werden vom Zinsanstieg profitieren.

„Im Schnitt werden die Lebensversicherer die Zinszusatzreserve in diesem Jahr ausfinanziert haben“  Torsten Jochim für Handelsblatt

Herbert Schneidemann, Chef der Deutschen Aktuarvereinigung

„Im Schnitt werden die Lebensversicherer die Zinszusatzreserve in diesem Jahr ausfinanziert haben“

Frankfurt Steigende Zinsen sind langfristig gut für die Lebensversicherer – aber einige Anbieter werden davon mehr profitieren als andere. Herbert Schneidemann, Chef der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), prognostiziert im Gespräch mit dem Handelsblatt eine „sehr heterogene Entwicklung“ der Branche.

Anbieter, die hauptsächlich Policen mit kurzen Restlaufzeiten im Bestand und zugleich wenig Geld in festverzinsliche Wertpapiere investiert haben, stehen nach Einschätzung des Chefs des Verbands, der die Versicherungsmathematiker vertritt, gut da. „Wer aber jetzt schon stille Lasten in der Bilanz hat und weiterhin Zinszusatzreserven aufbauen muss, wird es künftig schwer haben“, sagt Schneidemann.

Das heißt: Die Schere zwischen finanziell starken und schwachen Lebensversicherern könnte weiter auseinandergehen.

An den Finanzmärkten macht sich der Zinsanstieg seit Längerem bemerkbar. Vor Kurzem hat die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt den Leitzins erhöht – und zwar überraschend deutlich um einen halben Punkt auf 0,5 Prozent. Selbst das dürfte aber nur ein erster Schritt gewesen sein.

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    Höhere Zinsen sind eine gute Botschaft für die Lebensversicherung, vor allem für die Wiederanlage“, betont Schneidemann. Kaufen die Versicherer jetzt neue Anleihen, holen sie sich damit höhere Renditen ins Depot. Allerdings gibt es auch einen umgekehrten Effekt. „Die bestehenden Kapitalanlagen geraten zunächst unter Druck, da die meisten Versicherer stark in festverzinslichen Wertpapieren investiert sind“, erläutert der DAV-Chef.

    Wegen der gestiegenen Zinsen ist der Marktwert der bereits im Depot liegenden Anleihen aus der langen Phase der Niedrigzinsen gesunken. Wenn der aktuelle Marktwert der Kapitalanlagen geringer ausfällt als die Buchwerte in der Bilanz, entstehen bei den Versicherern sogenannte stille Lasten. Liegt der Buchwert umgekehrt höher als die aktuelle Marktbewertung, spricht man von Bewertungsreserven.

    Grafik

    Während die Gesellschaften laut Assekurata Ende 2021 insgesamt noch über Bewertungsreserven von etwa 150 Milliarden Euro verfügten, ging die Ratingagentur schon im Juni davon aus, dass branchenweit stille Lasten in Höhe von 40 Milliarden Euro entstanden sind.

    Grundsätzlich sind die stillen Lasten kein Problem, solange die Versicherer die Papiere bis zur Endfälligkeit halten. „Bei manchen Anlagen, etwa 100-jährigen Staatsanleihen, dürfte es den Versicherern aber schwerfallen, den Wirtschaftsprüfer zu überzeugen, dass diese tatsächlich bis zum Laufzeitende in den Büchern bleiben werden“, so Schneidemann. Hier könnten seiner Meinung nach Abschreibungen nötig werden.

    Entlastung für die Lebensversicherer gibt es durch die steigenden Zinsen dagegen bei den Anforderungen an die Zinszusatzreserve (ZZR). Wegen der chronischen Niedrigzinsen hat der Gesetzgeber die Branche 2011 verpflichtet, einen Kapitalpuffer zur bilanziellen Absicherung der hohen Zinsgarantien aus Altverträgen aufzubauen.

    In den 1990er-Jahren waren zeitweise Lebenspolicen mit Garantiezinsen von bis zu vier Prozent verkauft worden – im Niedrigzinsumfeld der vergangenen Jahre waren diese Renditen für die Versicherer nur schwer zu erwirtschaften. Laut Assekurata hat die Branche bis Ende 2021 einen ZZR-Bestand von 97 Milliarden Euro aufgebaut.

    „Im Schnitt werden die Lebensversicherer die Zinszusatzreserve in diesem Jahr ausfinanziert haben“, meint Schneidemann. Doch selten habe ein Durchschnitt so wenig ausgesagt wie derzeit, warnt der DAV-Chef.

    Zwar werden die ersten Versicherer wohl beginnen können, die Zinszusatzreserve aufzulösen – um mit dem Geld stille Lasten auszugleichen oder die Überschussbeteiligung für ihre Kunden zu erhöhen. Andere Anbieter aber, vor allem die mit starkem Neugeschäft zur Jahrtausendwende, hätten viele lang laufende Policen im Bestand und werden die Zinszusatzreserve noch einige Jahre lang aufbauen müssen.

    „Wenn diese Versicherer schon in den vergangenen Jahren Bewertungsreserven aufgelöst haben, um die Zinszusatzreserve zu finanzieren, müssen sie jetzt schauen, wo das Geld herkommt“, sagt Schneidemann.

    Solvenz kein Problem mehr

    Durch die gestiegenen Zinsen haben sich auch die Solvenzquoten der Lebensversicherer, die das Verhältnis von vorhandenen zu geforderten Eigenmitteln angeben, deutlich erhöht. Versicherer müssen die Solvenzquote über der Marke von 100 Prozent halten.

    In der Vergangenheit schafften zahlreiche Anbieter dies nur mithilfe von Sonderregeln, die 2032 auslaufen werden. „Ich gehe davon aus, dass aktuell kein Lebensversicherer noch eine Quote von unter 100 Prozent aufweist – selbst ohne Übergangsmaßnahmen“, meint Schneidemann, der auch Chef der Versicherungsgruppe Die Bayerische ist.

    Ein Problem lösen die steigenden Zinsen allerdings nicht: die hohe Inflation. Im Juli lag die Teuerung in Deutschland bei 7,5 Prozent. Für Lebensversicherungen gab es zuletzt nur eine laufende Verzinsung von 2,02 Prozent im Schnitt. Für Schneidemann ist das vor allem eine kommunikative Herausforderung. Die Versicherer müssten den Kunden nun erklären, dass sie „trotz oder gerade wegen der negativen Realverzinsung noch mehr für die Altersvorsorge sparen müssen“.

    Die DAV fordere daher nach wie vor eine Lockerung der Garantieanforderungen bei der Riester-Rente und der betrieblichen Altersvorsorge, damit Versicherer stärker in alternative Anlagen investieren können. Hier sind höhere Renditen möglich, die eine Art Inflationsausgleich bieten.

    Beim Höchstrechnungszins von aktuell 0,25 Prozent, mit dem Lebensversicherer maximal kalkulieren dürfen, erwartet Schneidemann 2023 und auch im Folgejahr keine Veränderungen.
    „Gesamtgesellschaftlich wäre es wichtig, dass die Politik zügig überlegt, wie ein Konzept für die private Altersvorsorge künftig aussehen könnte“, betont Schneidemann. Seit dem Bekenntnis dazu im Koalitionsvertrag sei nichts mehr passiert.

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