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14.02.2022

13:55

Versicherungen

Die hohe Inflation wird für die Schaden-Unfall-Versicherer und ihre Kunden zum Problem

Von: Susanne Schier, Christian Schnell

Der anhaltende Preisauftrieb macht die Schadensregulierung extrem teuer. In welchen Segmenten Prämiensteigerungen drohen.

Schaden-Unfall-Versicherer: Die hohe Inflation wird zum Problem imago images/KS-Images.de

Sturmschaden

Die hohe Inflation macht Reparaturen an Fahrzeugen und Wohngebäuden noch teurer.

Frankfurt, München Die anhaltend hohe Inflation wird für Versicherer und ihre Kunden zu einem massiven Kostentreiber. Inzwischen zeichnet sich ab, dass die deutlich gestiegenen Rohstoff- und Beschaffungspreise die Kosten für die Kompensation von Schadensfällen spürbar verteuert haben. Die Folge: Die Kunden zahlen deutlich mehr in einigen Bereichen.

„Wir sehen, dass sich die Prämien an die Kostendynamik angepasst haben“, sagte Mario Greco, Vorstandschef des Versicherers Zurich, dem Handelsblatt. Dieser Trend dürfte auch in diesem und im kommenden Jahr anhalten, so der Chef eines der weltweit größten Versicherer.

Bereits die Abrechnung für das vergangene Jahr brachte den Versicherern an etlichen Stellen ein deutliches Minus. Laut den aktuellen Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) haben die deutschen Schaden-Unfall-Versicherer im Jahr 2021 Beiträge in Höhe von 76,6 Milliarden Euro eingenommen. Sie mussten aber auch 62,3 Milliarden Euro an Leistungen ausbezahlen, gut 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Schaden-Kosten-Quote lag bei 102 Prozent. Diese setzt die Aufwendungen für eingetretene Schäden inklusive der Verwaltungskosten und die eingezahlten Beiträge ins Verhältnis – und sollte möglichst unter 100 Prozent liegen. Andernfalls legen die Assekuranzen drauf.

Gründe dafür waren vor allem die Auswirkungen der Coronapandemie sowie hohe Schäden aus Naturkatastrophen. Jetzt macht der zunehmende Preisauftrieb in der Euro-Zone die Schadensregulierung noch teurer. „Eine anhaltend hohe Inflation könnte für die Schaden-Unfall-Versicherer zu einem Problem werden“, warnt Moody’s-Analyst Christian Badorff. Große Herausforderungen sieht er vor allem in der Kfz- und in der Wohngebäudeversicherung.

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    Die großen Notenbanken hatten die Inflation lange als vorübergehendes Phänomen abgetan, doch nun zeigt sich, dass die Teuerung wohl länger auf höherem Niveau bleiben wird als ursprünglich gedacht. So sind die Preise im Euro-Raum im Januar um 5,1 Prozent gestiegen, ein neuer Rekord für die Währungsunion. Und auch in Deutschland ist die Inflation mit einem Plus von 4,9 Prozent höher ausgefallen als erwartet. Die deutschen Schaden-Unfall-Versicherer trifft der Preisauftrieb nach den verheerenden Schäden unter anderem im Ahrtal zu einem besonders kritischen Zeitraum.

    Kfz-Versicherung: Kaum Prämienerhöhungen, aber hohe Schäden

    Vor allem die Kfz-Versicherer stecken laut dem Moody's-Experten Badorff in einem Dilemma: Auf der einen Seite seien viele Menschen während der Coronakrise weniger Auto gefahren. Dadurch habe es weniger Schäden und für die Versicherer kaum Spielraum für Prämienerhöhungen gegeben. Auf der anderen Seite zögen die Preise für Ersatzteile und Reparaturen deutlich an.

    Grafik

    In der Folge könnte diese Entwicklung das gesamte Segment ins Minus ziehen. „Wenn die Pandemie abebbt und es wieder zu mehr Schäden kommt, kann die Schaden-Kosten-Quote vieler Versicherer schnell über 100 Prozent steigen“, so der Versicherungsfachmann. Laut GDV-Zahlen lag die Quote im Jahr 2021 im Branchenschnitt bei 95 Prozent. Bereits im Oktober hatte Moody’s daher den Ausblick für die Schaden-Unfall-Versicherer auf negativ gesenkt.

    Die Ratingagentur Fitch gibt der Branche zwar einen stabilen Ausblick. Doch Analyst Christoph Schmitt nannte bei einer Präsentation ebenfalls die Inflation als einen der Punkte, die den Sektor in diesem Jahr belasten könnten.

    Schon jetzt steht die Kfz-Versicherung vor Herausforderungen, wie die GDV-Zahlen zeigen. In der Vollkasko und der Teilkasko lagen die Schaden-Kosten-Quoten bereits im Jahr 2021 bei 103 beziehungsweise 104 Prozent. Die Kfz-Versicherung als größte Einnahmequelle der Versicherer ist damit bereits in wichtigen Teilen ein Minusgeschäft. Das lag vor allem an den hohen Schäden durch die Flutkatastrophe im vergangenen Jahr. Von 250.000 gemeldeten Schäden entfielen 50.000 auf bei den Überschwemmungen beschädigte Autos, das sind alles teure Vollkasko-Totalschäden. Die Folge: Die Prämien in der Voll- und Teilkasko werden in diesem Jahr steigen.

    Zu den Katastrophenschäden kommt jetzt noch die anziehende Teuerung, die einen ohnehin bestehenden Trend noch einmal verschärft. „Die Kosten für Ersatzteile steigen seit Jahren schneller als die Inflation", erläutert eine Sprecherin des Marktführers Huk-Coburg. Dieser Trend dürfte sich auch in diesem Jahr fortsetzen.“ Vertragswerkstätten verlangen bei Versicherungsschäden teils Stundenlöhne im dreistelligen Euro-Bereich. Steigende Energie- und Lohnkosten könnten sich im Reparaturbereich erneut bemerkbar machen, so die Huk-Coburg-Sprecherin.

    Nur auf den ersten Blick sieht es in der Kfz-Haftpflichtversicherung, die jeder Autobesitzer abschließen muss, noch etwas besser aus. Hier lag die Schaden-Kosten-Quote im vergangenen Jahr bei 89 Prozent, die Prämieneinnahmen stagnierten allerdings. In Zukunft könnten sich Badorff von Moody’s zufolge hier die Auswirkungen der Inflation besonders deutlich zeigen: „Während Kasko-Schäden häufig schnell beglichen sind, sind die Regulierungszeiträume in der Haftpflicht in der Regel länger – eine steigende Inflation macht die Schäden für die Versicherer dann noch teurer.“

    Wohngebäude-Versicherung: Schon in der Vergangenheit häufig ein Minusgeschäft

    Dramatischer sieht die Lage in der privaten Wohngebäude-Versicherung aus. Hier lag die Schaden-Kosten-Quote im vergangenen Jahr bei 143 Prozent. „In der Wohngebäudeversicherung erzielten die Anbieter schon in der Vergangenheit, also vor dem Rekordschadensjahr 2021, kaum Gewinne. Hohe Belastungen aus Naturkatastrophen, gepaart mit steigenden Handwerkerpreisen und Materialkosten, machen die Sparte für viele Versicherer zum Verlustgeschäft“, sagt Badorff. Auch die Lieferengpässe in der Coronakrise tragen zur schwierigen Situation bei.

    Steigende Baukosten sind zwar schon länger ein Thema für die Versicherer, die weiter anziehenden Rohmaterialpreise könnten aber nach Einschätzung des Fitch-Experten Schmitt nochmals zu einer Verschärfung führen. Viele Wohngebäudebesitzer haben eine sogenannte gleitende Neuwertversicherung abgeschlossen. Das heißt, im Schadensfall bekommen sie ihre Immobilie zu den aktuellen Preisen repariert oder wieder aufgebaut. Dass hier die Versicherungsprämien steigen müssen, liegt auf der Hand.

    Das „Versicherungsmagazin“ hat dazu vor Kurzem einige Anbieter befragt. Demnach planen die R+V Versicherung und die Alte Leipziger in diesem Jahr mit Beitragserhöhungen im zweistelligen Prozentbereich, Signal Iduna mit bis zu zehn Prozent, und auch bei Axa und HDI müssen sich die Versicherten auf erheblich höhere Beiträge einstellen.

    „Manche Wohngebäudeversicherer haben bereits angekündigt, die Prämien deutlich erhöhen zu wollen, und wir erwarten, dass dies marktweit geschehen wird“, sagt Badorff von Moody's. Ähnliche Prognosen trifft Fitch: Die Ratingagentur schätzt, dass die Beiträge in der Wohngebäudeversicherung in diesem Jahr um durchschnittlich neun Prozent steigen werden, nach sechs Prozent im Jahr 2021.

    Lediglich in einem Bereich erwarten die Versicherer durch die steigende Inflation Entspannung. „Auf der Investmentseite führt eine hohe Inflation dazu, dass negative Renditen in Zukunft nicht mehr möglich sein werden“, hofft Zurich-Chef Greco. So könne sein Haus wieder besser investieren als in den vergangenen Jahren.

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