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17.05.2022

19:18

Versicherungskonzern

Milliardenstrafe im Hedgefonds-Streit: Allianz-Tochter muss sich in den USA schuldig bekennen

Von: Michael Maisch, Christian Schnell, Astrid Dörner

PremiumNach einem Vergleich mit dem Justizministerium ist der Konzern nun bereit, eine Strafe sowie eine Entschädigung von knapp sechs Milliarden Dollar zu zahlen. Dennoch legt die Aktie zu.

Die Allianz ist laut einer Vergleichsvereinbarung mit dem US-Ministerium bereit, eine Strafe von 2,33 Milliarden Dollar zu zahlen. dpa

Allianz

Die Allianz ist laut einer Vergleichsvereinbarung mit dem US-Ministerium bereit, eine Strafe von 2,33 Milliarden Dollar zu zahlen.

Frankfurt, München, New York Der Skandal rund um fehlgeschlagene Hedgefonds-Strategien hat für den Münchener Versicherer Allianz eine neue Qualität erreicht. In einem Vergleich mit dem US-Justizministerium musste sich die US-Einheit der Fondstochter Allianz Global Investors (AGI) des Wertpapierbetrugs schuldig bekennen.

Die US-Behörden werfen der AGI vor, dass sie die Fondsmanager nicht konsequent genug kontrolliert hat. Die Fondsmanager selbst sollen die Entwicklung der unter dem Namen Structured Alpha bekannten Fonds manipuliert haben.

Anleger wie US-Pensionsfonds hatten mit den Fonds zu Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020 sieben Milliarden Dollar verloren. Bisher war davon ausgegangen worden, dass es sich um Fehlspekulationen handelte. Die Allianz-Aktie ging mit einem Plus von 1,7 Prozent aus dem Handel.

Nach einem Vergleich mit den US-Behörden ist die Allianz nun bereit, eine Strafe von 174,3 Millionen Dollar an das US-Justizministerium (DoJ) zu zahlen und 675 Millionen Dollar als Strafe an die US-Börsenaufsicht SEC. Gemeinsam mit den rund fünf Milliarden Dollar, die die Allianz als Entschädigung an rund 25 US-amerikanische Großinvestoren geleistet hat, summiert sich der Schaden für die Allianz auf etwa 5,85 Milliarden Dollar.

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    „Allianz Global Investors hat zugegeben, Investoren über mehrere Jahre betrogen, Verluste verschleiert und Risiken einer komplexen Strategie verschwiegen zu haben“, heißt es in der Einigung mit der SEC, die am Dienstag ebenfalls erzielt wurde. Auch soll AGI es versäumt haben, wichtige Risiko-Kontrollen einzuführen. In der Zwischenzeit wurde die Abteilung für strukturierte Produkte aufgelöst.

    Einigung nach mehr als zwei Jahren

    Gut zwei Dutzend Pensionsfonds und andere große Investoren in den USA hatten die Allianz nach der fehlgeschlagenen Strategie auf etwa sechs Milliarden Dollar verklagt.

    Sie hatte ihnen die Hedgefonds im Volumen von 15 Milliarden Dollar als vermeintlich sichere Anlage verkauft. Zu Beginn der Coronakrise verloren die Anleger aber einen Großteil ihres Einsatzes, als die Aktienmärkte unter Druck gerieten. Sie warfen der Allianz vor, angesichts der zeitweiligen Panik an den Märkten von ihrer Investmentstrategie abgewichen zu sein.

    Für die Allianz verstärkten sich die Probleme im vergangenen Sommer, als neben der SEC auch noch das US-Justizministerium die Ermittlungen in den Verfahren aufnahm. Seither stand die Allianz um Konzernchef Oliver Bäte unter dem Druck der Investoren: Sie bemängelten, dass die laufenden Verfahren sich negativ auf den Aktienkurs auswirkten. Selbst ein Rekordgewinn von 13,4 Milliarden Euro für das abgelaufene Jahr gab dem Kurs keinen Schub.

    Mit der Einigung mit den US-Behörden will der Konzern das Thema nun beenden. Ein Sprecher erklärte, alle Beträge seien durch die Rückstellungen abgedeckt. Bereits in der vergangenen Woche hatte Finanzvorstand Giulio Terzariol betont, dass die gebildeten Rückstellungen von insgesamt 5,6 Milliarden Euro ausreichend seien für Entschädigungen und Strafzahlungen

    Juristisches Nachspiel für Fondsmanager

    Gleichzeitig hat der Milliardenverlust um die fehlgeschlagene Strategie für Fondsmanager der AGI ein juristisches Nachspiel. Das US-Justizministerium teilte am Dienstag mit, dass der Chef-Investor für mehrere „Structured Alpha“-Fonds, Greg Tournant, sowie zwei Fondsmanager die Entwicklung der Fonds über Jahre hinweg manipuliert hätten. Die mit den Anlagen verbundenen Risiken seien untertrieben gewesen.

    Chef-Investor Tournant werde der Verschwörung, des Wertpapier- und Anlagebetrugs und der Behinderung der Justiz beschuldigt. Er habe sich in Denver den Behörden gestellt, sagte ein Ministeriumssprecher.

    Die drei strafrechtlich angeklagten Portfolio-Manager, Trevor Taylor, Stephen Bond-Nelson und Gregoire Tourant, sollen „mehrere Berichte und andere Informationen manipuliert haben, die Investoren vorgelegt wurden“, heißt es seitens der SEC. In einem Fall sollen sie die möglichen Verluste bei einem Crash-Szenario „von 42,1505 auf 4,1505 Prozent reduziert haben, in dem sie einfach die Zwei weggelassen haben“. In einem anderen Fall sollen die Portfolio-Manager einen Tagesverlust „geglättet“ haben, in dem sie die Zahl vor dem Komma schlicht halbiert haben, von 18,26 auf 9,26 Prozent, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Dokument der Börsenaufsicht.

    Die Allianz sieht die Schuld an dem Hedgefonds-Debakel bei einigen wenigen Personen in der Abteilung für strukturierte Produkte in der AGI US, die nicht mehr bei der Allianz beschäftigt sind. Sie verweist zudem auf die Untersuchung des Justizministeriums, die weder Beteiligung noch Kenntnis der Allianz oder einer ihrer Gruppen festgestellt habe.

    Noch vor Monaten herrschte die Einschätzung, es handele sich bei den Verlusten vor allem um Fehlspekulationen. Demnach hätten die Fondsmanager die heftigen Turbulenzen, die zu Beginn der Pandemie geherrscht hätten, falsch eingeschätzt und wären daraufhin von der vereinbarten Strategie mit ihren Kunden abgewichen.

    Die Ermittlungen der US-Behörden zeigten nun aber, dass die Fondsmanager die Anleger mindestens seit 2014 bewusst getäuscht haben. Es habe weit weniger Sicherheitsnetze gegeben als angegeben, um die Großinvestoren bei einem Absturz vor Verlusten zu schützen. „Kein Compliance-System ist perfekt, aber die von AGI hatten nicht die geringste Chance“, kritisierte Staatsanwalt Damian Williams am Dienstag auf einer Pressekonferenz in New York. Unternehmen würden in den USA nur selten verklagt, doch in diesem Fall sei das „die richtige Entscheidung gewesen“.

    Auswirkungen auf das US-Geschäft von AGI

    Konsequenzen ergeben sich auch für die weitere geschäftliche Tätigkeit der AGI in den USA. Da sich die AGI schuldig bekannt hat, „ist sie automatisch und mit sofortiger Wirkung disqualifiziert, registrierte US-Investmentfonds zu beraten, und zwar für die kommenden zehn Jahre“, stellt die SEC klar. Es werde jedoch eine Übergangsfrist geben, um eine reibungslose Übergabe sicherzustellen.

    Das AGI-Management hat darauf reagiert, indem man am Dienstag den Plan öffentlich machte, in den USA künftig mit dem Vermögensverwalter Voya IM zusammenzuarbeiten. AGI will sich mit bis zu 24 Prozent am Kapital von Voya beteiligen.

    Zudem sollen ausgewählte Investment-Teams und Vermögenswerte von AGI zu Voya wechseln. In einer Adhoc-Mitteilung der Allianz von Dienstag ist von einem verwalteten Vermögen von rund 120 Milliarden Dollar die Rede.

    Für Voya würde das einen gewaltigen Schub bedeuten. Das verwaltete Vermögen würde so auf rund 370 Milliarden Dollar anwachsen. Die langfristige strategische Partnerschaft, die voraussichtlich in den kommenden Wochen fertiggestellt werden soll, soll auch eine langfristige strategische Partnerschaft zwischen AGI und Voya außerhalb des US-Marktes beinhalten.

    Schon in den vergangenen Monaten war erwartet worden, dass die US-Tochter der AGI Teile des Geschäfts in den USA nicht mehr selbst betreiben darf. Rund ein Sechstel des verwalteten AGI-Vermögens von rund 640 Milliarden Euro liegen in den USA. Deshalb treffen nicht nur die Strafzahlungen, sondern auch die künftigen geschäftlichen Einschränkungen den Konzern empfindlich, hieß es am Dienstag aus der Allianz. Mit der Beteiligung am bisher unbelasteten Vermögensverwalter Voya werde so ein Neuanfang versucht.

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