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30.10.2019

16:28

Analyse

Die Credit Suisse präsentiert gute Zahlen zur rechten Zeit

Von: Michael Brächer

Nach der Affäre um die Überwachung eines Topbankers verschaffen gute Zahlen dem Bankchef Tidjane Thiam etwas Luft. Für das Ergebnis ist allerdings auch ein Sondereffekt verantwortlich.

Seit 2015 ist Thiam Chef der Credit Suisse. Reuters

Tidjane Thiam

Seit 2015 ist Thiam Chef der Credit Suisse.

Zürich Lange schien es, als würde sich Tidjane Thiam nur seinem Lieblingsthema widmen: den Zahlen. Doch nachdem der Chef der Credit Suisse am Mittwoch über Eigenkapitalrenditen, Buchwerte und Sparanstrengungen referiert hat, setzt er noch einmal neu an.
„Ich möchte einige Bemerkungen zu den jüngsten Entwicklungen machen“, sagt Thiam. Was folgt, ist eine Verteidigungsrede. Zum ersten Mal äußert sich der Bankchef zur Affäre um die Überwachung seines ehemaligen Untergebenen Iqbal Khan. Der Tenor: Dessen Bespitzelung durch Detektive sei unverhältnismäßig gewesen. Thiam will von der Sache aber nichts gewusst haben. Und auch dem Geschäft soll die Affäre nicht geschadet haben. Tatsächlich konnte die Credit Suisse mit ihren Zahlen für das dritte Quartal trotz der Überwachungsaffäre positiv überraschen. Ganz ausgestanden ist das Thema für die Bank und ihren CEO aber wohl noch nicht.

Was war geschehen? Knapp zwei Wochen lang hatten Privatdetektive den Banker Iqbal Khan observiert. Khan, langjähriger Leiter der CS-Vermögensverwaltung, wechselte zum Erzrivalen UBS. Bei der Credit Suisse fürchtete man offenbar, dass Khan Kunden oder Mitarbeiter abwerben könnte. Doch die Detektive agierten reichlich glücklos. Im September flog die Überwachung mitten in der Züricher Innenstadt auf. Der Fall brachte die Credit Suisse international in die Schlagzeilen. Kein Wunder: Eine Großbank, die einen ihrer Topmanager von Detektiven überwachen lässt – das gab es am Finanzplatz Zürich noch nie.

Nach einer eilig anberaumten Untersuchung durch eine Züricher Anwaltskanzlei mussten zwei Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, darunter der Thiam-Vertraute Pierre-Olivier Bouée. Verwaltungsratschef Urs Rohner sprach von einem „schwerwiegenden Reputationsschaden“ für die Bank, stärkte seinem CEO aber den Rücken. Laut der Untersuchung soll Thiam nicht in die Überwachung involviert gewesen sein.

Trotzdem geriet der Credit-Suisse-CEO in die Defensive. Denn wie sich bald zeigte, befand er sich mit Khan persönlich im Streit. Die beiden Topbanker hatten sich im Januar auf einer Cocktailparty im Haus von Thiam an der Züricher Goldküste gestritten – ein Freudenfest für Schweizer Boulevardmedien.

Keine Rücktrittsgedanken

Thiam sprach am Mittwoch von einer regelrechten „Medienkampagne“ gegen seine Person, wollte die Hintermänner aber nicht beim Namen nennen. Zugleich ging der Credit-Suisse-Chef auf Distanz zu seinem ehemaligen Wegbegleiter Bouée, der Khans Überwachung angeordnet haben soll. Thiam und Bouée galten als enge Vertraute, die jahrelang bei unterschiedlichen Arbeitgebern zusammengearbeitet hatten. Umso distanzierter mutet Thiams Statement über seinen langjährigen Wegbegleiter an: „Ich weiß nicht, ob ich ihn einen Freund nennen würde“, sagte Thiam. Während der viereinhalb Jahre bei der Credit Suisse habe man vielleicht einmal gemeinsam zu Abend gegessen. Er trenne Berufliches und Privates stets, beteuerte der Credit-Suisse-Chef – und zeigte sich angesichts der Kritik betont gelassen: „Ich habe nie an einen Rücktritt gedacht.“

Rückhalt der Aktionäre

Bislang kann Thiam auf die Treue seiner Aktionäre bauen. Und auch die jüngsten Zahlen dürften für Rückenwind sorgen. In den Sommermonaten kletterten die Erträge der zweitgrößten Bank der Schweiz um neun Prozent auf 5,3 Milliarden Franken (4,8 Milliarden Euro). Unterm Strich weist die Credit Suisse einen Reingewinn von 881 Millionen Franken (798 Millionen Euro) aus, das war mehr als doppelt so viel wie im selben Quartal des Vorjahres. Das gute Ergebnis erklärt sich allerdings auch mit einem Einmaleffekt. Die Bank hatte ihre Anlageplattform namens Investlab verkauft.

Im Geschäft mit der vermögenden Kundschaft konnte die Credit Suisse im Sommer Boden gutmachen. Wenn man den Investlab-Verkauf außer Acht lässt, stieg der Vorsteuergewinn in der internationalen Vermögensverwaltungsparte um acht Prozent, die Nettoerträge kletterten um fünf Prozent. Die Sparte wird nach dem Abgang von Iqbal Khan von dem Manager Philipp Wehle geführt.

Positiv überraschen konnte auch die Handelssparte. Die Division namens „Global Markets“ machte einen Vorsteuergewinn von 272 Millionen Franken (246 Millionen Euro) und verdiente damit deutlich mehr als im gleichen Quartal des Vorjahres. Imposant fällt das Plus im Anleihehandel aus, wo die Erträge um 72 Prozent auf 903 Millionen US-Dollar kletterten. Beim Beratungsgeschäft und auf dem Schweizer Heimatmarkt vermochten die Ergebnisse der Bank dagegen nicht zu überzeugen.

Die Affäre um die Überwachung von Iqbal Khan soll dem Geschäft aber nicht geschadet haben, beteuerte Thiam: „Es ist vielleicht schwierig zu glauben, aber die Medienkampagne hat keine Auswirkungen auf unsere Kunden.“

Ganz ausgestanden ist die Affäre aber noch nicht: Die Finanzaufsicht Finma verfolgt den Fall, zudem ermittelt die Züricher Staatsanwaltschaft. Ihre Untersuchung soll sich auch gegen Mitarbeiter der Bank richten. Das Thema dürfte Thiam also weiter verfolgen – auch wenn der lieber über die Zahlen reden würde als über Detektive.

Mehr: Die US-Notenbank Fed wird die Erwartungen der Anleger mit einem Zinsschritt am Mittwoch erfüllen. Offen ist aber, was sie für die Zeit danach in Aussicht stellt.

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