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10.04.2019

21:24

Anhörung in Washington

„Sie verstehen nicht, warum die Menschen wütend sind?“ – US-Bankchefs im Kreuzverhör

Von: Katharina Kort

Im Finanzausschuss des US-Kongresses müssen sich die CEOs der größten Banken scharfen Fragen stellen. Die Anhörung bietet einen Vorgeschmack auf den Präsidentschaftswahlkampf.

„Lehman könnte heute nicht noch einmal passieren“, sagte JP-Morgan-Chef Dimon. AP

Michael Corbat (l.) und Jamie Dimon

„Lehman könnte heute nicht noch einmal passieren“, sagte JP-Morgan-Chef Dimon.

New YorkWie Schuljungen sitzen die sieben Männer hinter schweren Holztischen. Gemeinsam stehen sie auf und heben ihre Hand zum Schwur, „nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ zu sagen.

Es ist das Who’s who der Finanzwelt, das sich an diesem Mittwoch vor dem Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses in Washington aufgereiht hat. Jamie Dimon, der CEO der größten US-Bank JP Morgan Chase ist ebenso vor Ort wie Michael Corbat von Citigroup, David Solomon von Goldman Sachs und vier weitere Vorstandsvorsitzende.

„Megabanken zur Verantwortung ziehen: Eine Prüfung der global systemisch wichtigen Banken zehn Jahre nach der Finanzkrise“, ist der Titel der Anhörung.

Die Anhörung fällt mitten in den US-Vorwahlkampf, in dem sich vor allem bei den Demokraten die Präsidentschaftskandidaten positionieren. Bei vielen steht dort mittlerweile das kapitalistische System an sich in der Kritik und damit auch die Banken.

Die Vorsitzende des Ausschusses Maxine Waters wirft den sieben Banken unter anderem vor, Strafen von insgesamt 164 Milliarden Dollar über zehn Jahre als reine Geschäftskosten abzutun. Die CEOs sind vorgeladen worden, sich zu verteidigen.

Die Anhörung kommt auch zu einer Zeit, in der es den Banken finanziell wieder bestens geht. In den vergangenen zehn Jahren seit der Krise haben die Geldhäuser insgesamt 780 Milliarden Dollar verdient – allen voran JP Morgan mit 125 Milliarden Dollar. Die Boni sind in der Zeit wieder kräftig gestiegen.

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Da fragen sich einige Politiker, warum die nach der Krise verhängten strengen Regeln zuletzt wieder gelockert wurden. „Das ist eine Vorschau auf den Wahlkampf im Jahr 2020 und darauf, was passieren könnte, wenn die Demokraten gewinnen“, meinte der Analyst Jaret Seiberg bereits vor der Anhörung im Finanzausschuss.

Wochenlang haben sich die Bank-CEOs auch mithilfe großer Anwaltskanzleien auf den großen Tag in Washington vorbereitet. Einer nach dem anderen versuchen sie im Fünf-Minuten-Takt die Ausschussmitglieder von ihrem Wert für die Gesellschaft zu überzeugen.

Citigroup-Chef Michael Corbat erinnert daran, dass seine Bank in der Krise vom Staat gerettet wurde, aber alle Kredite mit einem satten Plus für den Staat zurückgezahlt hat. „Wir sind kein finanzieller Supermarkt, wir sind keine Versicherung, wir sind kein Hedgefonds“, betont er.

„Lehman könnte heute nicht noch einmal passieren“, zeigt sich Jamie Dimon, der Vorstandsvorsitzende von JP Morgan, überzeugt. „Wir sind zuversichtlich, dass wir auch schweren Schocks widerstehen könnten“, sagt David Salomon von Goldman Sachs und nutzt seine Redezeit auch gleich, um die noch junge Onlinetochter Marcus bekannter zu machen.

Alle sieben Männer zählen auf, wie viele Kredite ihre Häuser vergeben, wie sie an der Diversität arbeiten und wie sie mit guten Taten im sozialen Wohnungsbau oder mit Krediten für Kleinunternehmer oder Frauen der Gesellschaft helfen.

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Dann ist es Zeit für die Fragen. Ebenfalls im Fünf-Minuten-Takt schießen die Ausschussmitglieder ihre Fragen heraus: „Es wurde viel über die Deutsche Bank geschrieben, dass sie ein Wegbereiter für Kriminelle, Kleptokraten und russische Individuen ist, die mit Putin im Zusammenhang stehen. Wie sieht es bei Ihnen aus?“, fragte etwa die Ausschussvorsitzende Maxine Waters die vorgeladenen Herren.

Sie alle beteuerten, keine solche Kunden gefunden zu haben. Längere Erklärungen würgte Waters abrupt ab.

Die Demokratin Nidya Velazqez wollte vom Citigroup-CEO wissen, wie er sich als Citi-Angestellter fühlen würde, der wisse, dass sein Chef für jeden Dollar, den er verdiene, 480 Dollar verdiene. Als der ihr antwortete: „Ich wäre hoffnungsvoll, bald aufzusteigen“, entgegnete sie entsetzt: „Das zeigt, dass Sie einfach nicht verstehen, warum die Menschen und vor allem die Millennials mit ihren Studentenkrediten wütend sind.“

Das Ausschussmitglied Brad Sherman erinnerte die Banker daran, dass die Geldhäuser in der Krise wollten, dass der Staat mit dem Tarp-Programm toxische Papiere – vor allem gebündelte faule Häuserkredite – kauft. Stattdessen habe die Politik entschieden, Aktien der Banken zu kaufen.

„Nur deshalb haben wir unserer Geld wiedergesehen“, betonte Sherman. Wäre es nach den Banken gegangen, hätte der Staat toxische Papiere gekauft, und der Kapitalismus in den USA würde heute so nicht mehr existieren, zeigte er sich überzeugt.

Wie unangenehm die Anhörung in Washington für die Bank-CEOs sein musste, zeigte der ironische Tweet von Goldman Sachs’ ehemaligem Vorstandsvorsitzenden Lloyd Blankfein. Der twitterte einen Artikel zur Anhörung mit dem Kommentar: „Ich vermisse meinen alten Job!“

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