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11.07.2018

19:47 Uhr

Anne Brorhilker

Unterschätzte Steuerjägerin – Kölner Staatsanwältin steht in Cum-Ex-Verfahren vor dem Durchbruch

VonVolker Votsmeier , Sönke Iwersen

Die Kölner Staatsanwältin Anne Brorhilker hält die Fäden im größten Steuerverfahren der Republik zusammen. Nun steht steht sie vor dem Durchbruch.

Heimat der Staatsanwaltschaft. picture alliance / Geisler-Fotop

Justizzentrum Köln

Heimat der Staatsanwaltschaft.

DüsseldorfDie Frau, die Europas reichste Steuersünder jagt, schwelgt nicht im Luxus. Der Arbeitsplatz von Anne Brorhilker liegt in einem baufälligen Gebäude in Köln-Sülz. Nach der Eingangskontrolle wartet ein ruckeliger Aufzug, der Weg zu ihrem Einsatzort führt über mausgraue Flure. Das Büro von Brorhilker ist eigentlich zu klein für all die Akten, die sich hier stapeln. Der Bodenbelag hat seine besten Tage hinter sich.

Die Herren, die die Staatsanwältin hier besuchen, sind anderes gewohnt. Selten erscheinen die Steuersünder selbst, sie schicken ihre Anwälte. Männer in teuren Anzügen, die schon für den Anfahrtsweg ein paar Hundert Euro berechnen.

In ihren eigenen Kanzleien schreiten sie über Marmorflure, an ihren Wänden hängen Gemälde. Was für ein Glück, dass ich nicht in den öffentlichen Dienst gegangen bin, wird sich mancher denken, der auf dem Weg zu Brorhilker ist. Und dann macht sie ihre Ansagen

Zierlich, brünettes, schulterlanges Haar, braune Hornbrille. So sitzt Brorhilker hinter ihrem Schreibtisch und nimmt es mit der internationalen Finanzelite und ihren Rechtsbeiständen auf. Lange Zeit wurde sie bestenfalls bemitleidet. „Die versteht doch gar nicht, wie die Sache funktioniert“, sagte einer, der inzwischen in die Schweiz geflüchtet ist. Die Sache, das war die größte Steuerhinterziehung in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Cum-Ex nannten sich die Geschäfte, mit denen sich Banken, reiche Privatinvestoren und ihre Steuerberater zulasten der Steuerzahler die Taschen füllten. Riesige Aktienpakete wurden rund um deren Dividendenstichtag gehandelt – so lange, bis der Fiskus die Übersicht verlor.

Am Ende hatten sich mehrere der Beteiligten eine Kapitalertragsteuer erstatten lassen, die nur einer von ihnen abgeführt hatte. Zwölf Milliarden Euro zu viel sollen die Cum-Ex-Akteure auf diese Weise aus der Steuerkasse gekitzelt haben. Nun läuft eine riesige Rückholaktion.

Das Zentrum der Ermittlungen

Allerorten sind Staatsanwaltschaften in Sachen Cum-Ex aktiv. Frankfurt, München, Stuttgart. Doch nirgends wird das Thema so umfassend aufbereitet wie in Köln. Grund ist die Zuständigkeit Kölns für ausländische Fondsfirmen, denen das Bundeszentralamt für Steuern das Geld überweisen sollte. Brorhilker kommt mit der Jagd auf die Steuersünder eine riesige Verantwortung zu.

Eine unmögliche Aufgabe, frohlockten die Gejagten. Die Banken und Investoren hatten die besten Steuerberater, die besten Anwälte, die man für Geld kaufen konnte. Das ganze Cum-Ex-Geschäft war darauf ausgelegt, möglichst undurchsichtig zu sein. Auf dem Papier war zwischen Beteiligten, die sich bei dem Aktienhandel eng absprachen, keinerlei Kontakt zu sehen.

Brorhilker focht das nicht an. Viele Monate arbeitete sie praktisch im Stillen. Dann ihr Paukenschlag: Ende Oktober 2014 führte sie bei einer Großrazzia in der Schweiz die Zügel. Beamte durchsuchten Räume der Bank Sarasin in Basel und Zürich sowie Büros und Wohnungen an weiteren Orten in der Schweiz. Brorhilker und ihr Team notierten 30 Beschuldigte. Dann ließen sie sie schwitzen.

Keine Kronzeugenregelung

Die Vernehmungen waren für die Akteure ein Schock. Manch ein Steueranwalt, der sein Geld mit seinem guten Ruf verdient, sah sich einem jahrelangen Verfahren gegenüber. Zu Beginn eines Gesprächs bot Brorhilker ein Stück Merci-Schokolade auf ihrem Besprechungstisch an, dann schenkte sie ihrem Gegenüber nicht einen Zentimeter Spielraum.

Nach vielen Monaten solcher Termine knickten mehrere Insider ein. Die führten die Staatsanwältin hinter ihre Kulissen. Sie erklärten, welche Puzzlesteine zueinander gehörten. Und wo die lagen, die sie noch nicht hatte. Ihre große Hoffnung: ein Status als Kronzeuge.

Brorhilker ließ sie in dem Glauben, ja, bestärkte ihn sogar. Die Staatsanwältin richtete eine Prüfbitte an das Landgericht Bonn, ob man den redseligen Cum-Ex-Akteuren eine Anklage ersparen könne. Erfreulicher Nebeneffekt für Brorhilker: Das Landgericht Bonn war dadurch in der Lage, schneller eine eigene Kammer für das Verfahren einzurichten als ursprünglich geplant.

Nun ist klar, dass die Prüfbitte bei Gericht keinen Anklang findet. Folge: Höchstwahrscheinlich kommen auch die redseligen Beschuldigten vor Gericht. Für die hoffnungsvollen Kronzeugen ist das eine Katastrophe, Brorhilker verliert deshalb keinen Schlaf. Und wenn es inzwischen mehr als 100 Beschuldigte sein mögen, die auf ihrer Liste stehen.

Die 44-Jährige wird viele von ihnen in den Gerichtssaal zitieren, schon Ende des Jahres sollen die ersten Anklagen fertig sein. Die Zeiten, in denen Brorhilker unterschätzt wurde, sind vorbei.

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