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21.02.2019

09:14

Bafin-Maßnahme

Wirecard-Leerverkauf wäre keine Gefahr für den Finanzmarkt

Von: Volker Votsmeier

Der Asset-Manager-Berater Jochen Kindermann übt an der Maßnahme der Bafin deutliche Kritik, weil sie den Markt beunruhigen könnte.

Der Kurs des Zahlungsdienstleisters schwankt seit einigen Wochen wegen Vorwürfen eines Bilanzskandals. Bloomberg

Wirecard

Der Kurs des Zahlungsdienstleisters schwankt seit einigen Wochen wegen Vorwürfen eines Bilanzskandals.

DüsseldorfHerr Kindermann, der Aktienkurs von Wirecard befindet sich seit einigen Tagen in extremen Turbulenzen. Nun verbietet die Bafin Investoren, auf fallende Kurse zu spekulieren. Gibt es Beispiele für ein solches Verbot?
In Deutschland ist das ein Novum. In Großbritannien hat es einen solchen Fall wohl einmal gegeben, aber praktisch gibt es solche Einschränkungen an den Finanzmärkten nicht. Im Zuge der Eurokrise wurden in einzelnen Ländern wie Deutschland oder Italien Leerverkäufe für eine Vielzahl von Banken vorübergehend grundsätzlich verboten, allerdings nicht bezogen auf einzelne Werte.

Auf welcher Grundlage verbietet die Bafin Leerverkäufe von Wirecard-Aktien?
Offensichtlich sieht die Bafin eine „ernstzunehmende Bedrohung“ für die Stabilität des Finanzmarktes. In einem solchen Fall ist eine entsprechende Maßnahme möglich – vorausgesetzt sie ist verhältnismäßig. Letztlich hat die Bafin hier jedoch ein großes Ermessen.

Ist das aus Ihrer Sicht nachvollziehbar?
Nach derzeitigem Stand nicht. Zwar schwankten die Kurse von Wirecard in den letzten Wochen enorm. Ich kann aber auf der Grundlage der aktuell bekannten Sachlage keine Gefahr für die Stabilität des Finanzmarkts erkennen. Man darf nicht vergessen, dass Wirecard im Dax eines der kleineren Unternehmen ist mit einem Anteil von 1,4 Prozent am Index. In der vergangenen Woche ist der Dax sogar gestiegen, obwohl Wirecard-Aktien massiv an Wert eingebüßt haben. Es mag aber natürlich auch sein, dass die Bafin aktuell schon über einen anderen Informationsstand verfügt, der sie zu einer anderen Einschätzung veranlasst hat.

Halten Sie das Verbot für einen wirksamen Schritt, den Kursausschlägen entgegenzuwirken?
Darin habe ich große Zweifel. Leerverkäufe sind nicht grundsätzlich negativ, sie gehören zu einem freien Markt, dessen Preise sich regulieren können müssen. Ein Verbot von Leerverkäufen könnte sogar kontraproduktiv sein und langfristig für eine Destabilisierung sorgen. Es sorgt für eine erhebliche Unruhe im Markt, weil strategische Investoren behindert werden. Außerdem könnten die Kursausschläge größer sein, wenn das Leerverkaufsverbot wieder aufgehoben wird.

Erste Shortseller haben angekündigt, gegen die Bafin zu klagen. Wie groß schätzen Sie die Erfolgsaussichten ein?
Die sind aus meiner Sicht sehr gering, auch wenn ich solche Überlegungen nachvollziehen kann. Die Kläger müssten zunächst ein juristisch kompliziertes Verwaltungsverfahren anstrengen. Das kann sich sehr lange hinziehen und der Ausgang ist vollkommen offen. In einem zweiten Schritt müsste man dann noch Schadensersatz einfordern. Auch hier ist ein Erfolg unwahrscheinlich, zumal sich der Schaden nur schwer beziffern lässt.

Jochen Kindermann ist Partner der Kanzlei Simmons & Simmons. Er berät regelmäßig Asset Manager zu aufsichtsrechtlichen Themen.

Jochen Kindermann

Jochen Kindermann ist Partner der Kanzlei Simmons & Simmons. Er berät regelmäßig Asset Manager zu aufsichtsrechtlichen Themen.

Könnten sich Investoren gegen den Emittenten, also Wirecard wenden?
Das wäre möglich, allerdings mit einer vollkommen anderen Zielrichtung. Die Frage wäre, ob an den geäußerten Vorwürfen tatsächlich etwas dran ist und Wirecard die Kapitalmärkte im Rahmen einer Ad-hoc-Meldung über die möglichen Compliance-Verstöße hätte informieren müssen. Wenn Aktionäre getäuscht worden wären, könnten sie Ansprüche geltend machen.

Herr Kindermann, vielen Dank für das Interview.

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