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04.09.2019

17:40

Banken-Gipfel

Martin Zielke: „Ich würde gern eine Sparkasse kaufen“

Von: Elisabeth Atzler, Andreas Kröner

Der Commerzbank-Chef sieht Strukturprobleme im öffentlich-rechtlichen Bankensektor und fordert Veränderungen. DSGV-Präsident Schleweis widerspricht.

Commerzbank-Chef Zielke: „Ich würde gern eine Sparkasse kaufen“

Banken-Gipfel 2019

Commerzbank-Chef Martin Zielke (links) und Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis (rechts) im Gespräch mit Andrea Rexer, Ressortleiterin Unternehmen & Märkte beim Handelsblatt.

Frankfurt Martin Zielke ist ein besonnener Manager, der auf der großen Bühne bisher nicht durch kontroverse Thesen oder Gefühlsausbrüche aufgefallen ist. Doch beim Doppelinterview mit Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis auf dem Handelsblatt-Banken-Gipfel zeigte sich der Vorstandschef der Commerzbank am Mittwoch ungewohnt angriffslustig. Denn das Thema, um das es geht, treibt den 56-Jährigen seit Langem um: die mangelnde Profitabilität des deutschen Bankensektors.

Neben der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist dafür aus Sicht von Zielke vor allem das deutsche Drei-Säulen-Modell aus privaten, genossenschaftlichen und öffentlich-rechtlichen Banken verantwortlich. „Alle anderen Länder haben ihr Bankensystem in den letzten 20, 30 Jahren modernisiert“, sagt Zielke. „In Deutschland haben wir das nicht getan.“ Der Steuerzahler habe dafür in der Finanzkrise einen hohen Preis bezahlen müssen. Neben der Commerzbank seien auch zahlreiche Landesbanken mit staatlichen Milliarden vor dem Aus gerettet worden.

Strukturelle Probleme sieht Zielke vor allem im öffentlich-rechtlichen Sektor. Die Landesbanken, die die Liquidität der Sparkassen anlegen, seien in der Vergangenheit zu hohe Risiken eingegangen. „Und damit das nicht auf die Sparkassen zurückschlägt, ist der Staat am Ende dort eingestiegen.“

Damit sich das Ganze nicht wiederholt, müsse Deutschland über „strukturelle Veränderungen nachdenken“, forderte Zielke. Er sei „immer offen für alle möglichen Diskussionen“.

Die Commerzbank hat mehrfach versucht, den öffentlich-rechtlichen Sektor aufzubrechen und eine Sparkasse zu übernehmen. Im Jahr 2003 bekundeten die „Gelben“ Interesse an der Sparkasse Stralsund, die dann aber letztlich doch nicht verkauft wurde. 2007 beteiligte sich die Commerzbank an einem Bieterwettkampf um die Bankgesellschaft Berlin, zu der die Berliner Sparkasse gehörte. Die öffentlich-rechtlichen Banken wehrten den Angriff jedoch ab. Im vergangenen Jahr prüfte die Commerzbank eine Übernahme der NordLB, zu der die Sparkasse Braunschweig gehört, entschied sich am Ende aber gegen eine Offerte.

„Ich würde gern in unserem sehr zersplitterten Markt Konsolidierung vorantreiben“, sagte Zielke auf dem Banken-Gipfel. „Aber das ist schwierig. Ich würde gern eine Sparkasse kaufen. Aber da ist Herr Schleweis, glaube ich, nicht so begeistert.“

Der Sparkassen-Präsident bestätigte dies umgehend. „Bei Sparkassen werden wir uns nicht einig, bei Landesbanken können wir darüber reden“, sagte Schleweis. 2018 wurde mit der HSH Nordbank erstmals eine Landesbank privatisiert – sie heißt nun Hamburg Commercial Bank und gehört einer Gruppe um den US-Finanzinvestor Cerberus.

Aktuell berät die BayernLB über eine neue Strategie, die spätestens bis Jahresende beschlossen werden soll. Finanzkreisen zufolge beschäftigen sich die Münchener Bank und ihre Eigentümer – der Freistaat Bayern und die bayerischen Sparkassen – dabei auch mit grundlegenden Reformen wie einer Aufspaltung, einem Teil- oder Vollverkauf sowie einem Börsengang. „Der Freistaat denkt kreativ über alle Möglichkeiten nach“, sagte BayernLB-Chef Stephan Winkelmeier im Sommer.

Schleweis will alle Landesbanken zu einer Sparkassen-Zentralbank verschmelzen. Die meisten der rund 380 Sparkassen stehen hinter dem Plan, der vor knapp einem Jahr bekannt wurde. Gerade bei den Ländern Bayern und Baden-Württemberg, die an der BayernLB beziehungsweise an der LBBW maßgeblich beteiligt sind, muss Schleweis allerdings noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Im Handelsblatt-Interview hatte der 65-Jährige zuletzt gesagt: „Wenn ich allein entscheiden könnte, würde ich Ihnen jetzt alles darlegen. Tatsächlich besteht meine wesentliche Aufgabe darin, andere von dieser Notwendigkeit zu überzeugen.“

Wo die Ansichten auseinander liegen

Aus Sicht von Commerzbank-Chef Zielke würde die Schaffung einer Sparkassen-Zentralbank „das Strukturproblem“ des öffentlich-rechtlichen Sektors nicht lösen. Schleweis ist dagegen überzeugt, dass ein Zentralinstitut, das sich ganz an den Bedürfnissen der Sparkassen orientiert und diesen zu 100 Prozent gehört, die richtige Lösung wäre. Gleichwohl will er damit nicht die Großbanken angreifen: „Es ist nicht die Idee, einer Deutschen Bank, einer Commerzbank Konkurrenz zu machen. Das wäre Hybris, das ist nicht unser Thema“, sagte der Sparkassenpräsident.

Im Gegensatz zu Zielke ist Schleweis, der seit Anfang 2018 an der Spitze des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands steht, auch nicht der Ansicht, dass der deutschen Bankenmarkt zu stark zersplittert ist. Was die Zahlen der Filialen pro Einwohner angehe, liege Deutschland unterhalb des europäischen Durchschnitts. Die Zahl der Geschäftsstellen ist auch bereits deutlich gesunken. Im vergangenen Jahr fiel sie um gut 2200 auf knapp 28.000. Das ist ein Minus von mehr als sieben Prozent.

Auch am deutschen Drei-Säulen-Modell will Schleweis nicht rütteln. „Diese drei Säulen sind für mich mit ein Grund dafür, warum die deutsche Wirtschaft so erfolgreich ist: weil Bankdienstleistungen in allen Regionen, in allen Größenordnungen vorhanden sind.“ Die Zahl der Kreditinstitute ist in Deutschland mit rund 1 600 zwar ausgesprochen hoch, allerdings sind sowohl die Sparkassen als auch die nahezu 900 Volks- und Raiffeisenbanken lediglich in ihren jeweiligen regional abgesteckten Geschäftsgebieten tätig.

Die Sparkassen, deren Träger und somit quasi Eigentümer die Städte und Gemeinden sind, hätten einen öffentlichen Auftrag, betonte Schleweis. Sie würden sicherstellen, dass alle Menschen Zugang zu Bankdienstleistungen haben. Dies würde den Sparkassen finanziell nicht vergütet.

Um ihr Geschäft und ihr Wachstum zu finanzieren, müssten die Institute wie ihre privaten Konkurrenten Gewinne einfahren. Es sei ein Mythos, dass Sparkassen kein Geld verdienen müssten, so Schleweis. Im vergangenen Jahr haben die deutschen Sparkassen 2,2 Milliarden Euro nach Steuern verdient, die Commerzbank 870 Millionen Euro.

Der Commerzbank-Vorstand arbeitet gerade an einer neuen Strategie, die vermutlich im Oktober vorgestellt wird. Dabei prüft das Institut nach Handelsblatt-Informationen auch weitere Stellenstreichungen und eine Ausdünnung ihres Filialnetzes. Eine Arbeitsgruppe innerhalb der Bank rechnet Finanzkreisen zufolge unter anderem durch, ob eine Reduktion von 1000 auf 800 bis 900 Zweigstellen sinnvoll wäre. 

Harte Konkurrenz

Alle deutschen Geldhäuser leiden unter den Folgen der Null- und Negativzinsen der EZB, die auch in den kommenden Jahren deutliche Spuren in den Bilanzen hinterlassen wird. Ihre Erträge im Kerngeschäft, der Vergabe von Krediten und der Hereinnahme von Einlagen, dürften perspektivisch deutlich schrumpfen.

Einige Bankvertreter wollen inzwischen nicht mehr ausschließen, dass Geldhäuser den EZB-Strafzins auch an private Sparer weiterreichen. Bisher müssen in erster Linie Großkunden wie Unternehmen Minuszinsen zahlen. Bei Privatkunden haben etliche Institute in diesem Jahr die Preise für Girokonten angehoben oder dies angekündigt, darunter zahlreiche Sparkassen. Die Commerzbank hält dagegen bisher – wie auch ihre Onlinetochter Comdirect – am Gratiskonto für private Kunden fest.

Gerade Onlinebanken sind zuletzt stark gewachsen. Comdirect, die ING in Deutschland und die BayernLB-Tochter DKB zählen zusammen inzwischen 7,4 Millionen Girokonten. Die Berliner Smartphone-Bank N26 hat inzwischen 3,5 Millionen Kunden, von denen ein erheblicher Teil aus dem Heimatmarkt kommen dürfte. Zum Vergleich: Die Sparkassen kommen als Marktführer auf rund 35 Millionen, die Genossenschaftsbanken auf 26 Millionen Kunden.

Wie sehr Sparkassen und die Commerzbank dabei im Wettbewerb miteinander stehen, machte Zielke deutlich: Die Commerzbank habe seit 2012 rund 2,5 Millionen Kunden in Deutschland gewonnen, sagte er. „Die meisten Kunden kommen ehrlich gesagt von den Sparkassen.“ Und das häufig über die Filialen.

Dass Filialen vorerst wichtig bleiben, war einer der wenigen Punkte, bei denen sich Schleweis und Zielke einig waren. „Kunden, die Beratungsbedarf haben, besuchen Filialen“, betonte der Sparkassenpräsident.

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Kommentare (2)

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Herr Reinhard Beggerow

04.09.2019, 15:36 Uhr

Herr Schleweis kann weder über den Verkauf einer Sparkasse noch einer Landesbank reden (verhandeln). Das ist Aufgabe der Träger und Verwaltungsräte und der Eigentümer.

Herr Hans Schönenberg

04.09.2019, 17:16 Uhr

Danke für die Richtigstellung. Aber ich denke: das war mehr flapsig/spaßig gemeint.

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