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09.08.2019

03:58

Bankenlandschaft

Fintechs machen Banken im Firmenkundengeschäft zunehmend Konkurrenz

Von: Katharina Schneider

Finanz-Start-ups wollen Banken Marktanteile im Firmenkundengeschäft abjagen. Ob sie Erfolg haben, wird sich erst im Konjunkturabschwung zeigen.

Die traditionellen Banken beherrschen (noch) den Markt für Firmenkredite. Getty Images; Per-Anders Pettersson

Blick auf Frankfurt

Die traditionellen Banken beherrschen (noch) den Markt für Firmenkredite.

Frankfurt Vergleichsplattformen, die Transparenz schaffen, Vertriebsportale, die lästigen Papierkram ersparen, und Marktplätze, die klassische Banken überflüssig machen – solch innovative Konkurrenz hatten Geldhäuser lange Zeit nur im Geschäft mit Privatkunden. Doch die Schonfrist für das Firmenkundensegment ist längst vorbei.

Das gilt insbesondere bei der Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Eine Studie der Unternehmensberatung Barkow Consulting und der Solarisbank – selbst ein digitaler Kreditgeber – zeigt: Bei der Vergabe neuer Kredite haben digitale Anbieter immerhin schon einen Marktanteil von etwa zwei Prozent, und sie wachsen schnell.

Für die traditionellen Geldhäuser sind das schlechte Nachrichten, denn die Kreditvergabe an Firmenkunden ist ohnehin ein schwieriges Feld. Der Markt ist hart umkämpft, schließlich sind dank guter Wirtschaftslage in den vergangenen Jahren vergleichsweise wenige Firmenkundenkredite ausgefallen. Vor diesem Hintergrund sind die Margen deutlich zurückgegangen. Zugleich sind die Eigenkapitalkosten gestiegen. Die digitalen Anbieter sorgen für zusätzlichen Druck.

„Die Entwicklung ähnelt der Digitalisierung im Bereich der Baufinanzierung“, sagt Berater Peter Barkow. Zur Jahrtausendwende waren Portale wie Interhyp oder Dr. Klein aufgekommen, über die Kunden die Immobilienkredite zahlreicher Banken vergleichen können. Seitdem wenden sich viele Kunden für solche Darlehen nicht mehr zuerst an ihre Hausbank, sondern klicken auf die Portale.

Auch im Firmenkundengeschäft wäre das für Banken ungünstig. „Banken setzen häufig darauf, den Firmen noch andere Produkte zu verkaufen, das geht besser, wenn sie für die Kunden die erste oder alleinige Anlaufstelle sind“, so Barkow.

Die Nachfrage ändert sich. „Unternehmer suchen zunehmend nach alternativen Finanzierungsangeboten, zumindest als Ergänzung zum Kredit der Hausbank“, beobachtet Christian Fahrholz, Referatsleiter Unternehmensfinanzierung und Finanzmärkte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). „Die häufig günstigen Konditionen der digitalen Anbieter setzen die Margen der Banken zusätzlich unter Druck.“

Kredite bis eine Million Euro

Im Fokus der Studie von Barkow und Solarisbank stehen Kredite mit einem Volumen von maximal einer Million Euro und einer Laufzeit von mehr als drei Monaten, die an Firmen mit bis zu 500 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz in Höhe von maximal 50 Millionen Euro vergeben werden.

Mit zuletzt 219 Milliarden Euro machen diese Darlehen laut der Analyse 23 Prozent aller Unternehmenskredite in Deutschland aus. Über digitale Anbieter sind nach Schätzung von Barkow im vergangenen Jahr bereits neue Kredite in Höhe von rund einer Milliarde Euro abgeschlossen worden. Setzt sich das Wachstum fort, könnte ihr Neugeschäft 2023 bei 4,2 Milliarden Euro liegen – was einem Anteil von sieben Prozent des gesamten Neukreditvolumens entspräche.

Dominierend sind bisher Vergleichsplattformen. Sie wickeln laut der Studie 70 Prozent der digitalen Darlehen ab. Am deutschen Markt zählt Barkow sieben Anbieter – neben Bankenscout.de und Finmatch etwa auch Compeon und Fincom‧pare. Letztere agieren zugleich als Vertriebsplattform.

Der Berater erklärt den Unterschied: „Vergleichsplattformen bieten den Zugang zu unterschiedlichen Kreditangeboten und empfehlen den Kunden das jeweils beste Angebot, Vertriebsplattformen haben dagegen meist nur wenige Partner und sind zudem stärker in die Kreditvergabe involviert.“

Die große Bedeutung der Vergleichsportale könnten Banken als Entwarnung werten. Schließlich bieten sie ihre Darlehen auch über solche Plattformen an. Markus Hamprecht, der bei Accenture den Bereich Financial Services leitet, rät dringend, auf den Vergleichsplattformen präsent zu sein. „Das ist das Mindeste, das Banken tun können“, sagt er.

Die ideale Lösung sei das aber nicht, „denn die Geldhäuser verlieren dabei den direkten Kundenzugang und damit auch die Chance, den Unternehmen weitere Produkte anzubieten“, sagt er. Besser sei es, wenn Banken selbst digitale Angebote machen.

Marktplätze greifen tiefer in die Wertschöpfung der Banken ein, sie sollen einen Anteil von 30 Prozent an den digital vergebenen Krediten haben. Genannt werden sieben, darunter etwa Bitbond, Creditshelf und Fundingcircle. Sie bringen im Rahmen eines Crowdinvesting-Ansatzes Kreditnehmer und -geber zusammen. Die Bank machen sie quasi überflüssig, denn das Geld kommt dabei sowohl von privaten als auch von institutionellen Investoren.

Im vergangenen Jahr ist auch die Solarisbank in das Geschäft mit KMU-Krediten eingestiegen. Sie vergibt Firmenkredite in Höhe von 10.000 bis 750.000 Euro mit Laufzeiten von bis zu 60 Monaten. Dabei richtet sie sich aber nicht selbst an die Kreditnehmer, sondern nutzt für den Vertrieb die Plattformen Auxmoney, Compeon, Fincompare und Teylor. Diese Kredite seien nur zum Teil in seine Schätzung eingegangen, erklärt Barkow, da die Angebote erst in diesem oder im vergangenen Jahr gestartet seien.

Faktor Zeit wird wichtiger

Punkten können die jungen Angreifer insbesondere mit Schnelligkeit und bequemen Abläufen. „Bei vielen Banken müssen Firmenkunden immer noch lange auf eine Kreditentscheidung warten, mindestens einige Tage, häufig sogar Wochen“, sagt Carsten Baumgärtner, Senior Partner bei der Beratung BCG. „Bei den Digitalen geht das schneller.“ Bei den Vertriebsportalen sollen bis zur Kreditauszahlung nur drei Tage vergehen.

Solarisbank-Vorstand Jörg Diewald hält den Zeitfaktor für entscheidend. „Unternehmer wollen Kredite heute zeitnah abfragen und dafür keinen langen Vorlauf einplanen“, sagt Diewald. Auch die papierlose Abwicklung treffe den Zeitgeist. Die traditionellen Banken sind davon meist noch weit entfernt. „Den Faktor Bequemlichkeit sollten Banken nicht unterschätzen“, meint auch Hamprecht. „Wenn Kunden einmal bequem einen Kredit von einem Fintech bekommen haben, kehren sie beim nächsten Mal nicht zur Bank zurück.“

Was Banken angesichts der digitalen Wettbewerber tun können? Diewald hat eine Lösung parat, die dem Geschäft seiner Firma einen Schub geben würde: „Banken können ihre Prozesse an uns auslagern, mit ersten Häusern führen wir bereits Gespräche“, wirbt er. Die traditionellen Anbieter könnten entweder die von der Solarisbank vergebenen Kredite finanzieren oder ihre Technologie zur digitalen Kreditvergabe einkaufen.

Berater Baumgärtner allerdings hält die Technologie hinter digitalen Kreditangeboten grundsätzlich für „wenig komplex, das können auch traditionelle Banken entwickeln“, sagt er. Die ING hat eine andere Lösung gefunden: Anfang 2018 hat sie die Kreditplattform Lendico gekauft. Ein zumindest teilweise automatisierter Kreditprozess ist laut Barkow zudem bei der Fidor Bank, Postbank und der PSD-Bank Berlin-Brandenburg zu beobachten.

Bleibt die Frage, wie sich der Markt entwickelt, wenn die Konjunktur abkühlt. „Bislang war die Risikosituation noch extrem gut, die Risikokosten waren niedrig“, sagt Baumgärtner. Doch die Zahl der Pleiten könnte bald steigen. Dann steht auch der Lackmustest für digitale Angebote an. „Ob auf die Algorithmen zur Risikobewertung auch in einem schwierigen Marktumfeld Verlass ist, wird sich zeigen“, sagt Fahrholz. Insbesondere die Bonität kleiner Unternehmen sei häufig schwer zu beurteilen.

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