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01.10.2019

10:35

Beschattungsaffäre

Die Credit Suisse schließt die Reihen um Tidjane Thiam

Von: Michael Brächer

Von der Überwachung des Bankers Iqbal Khan soll der CEO der Schweizer Großbank nichts gewusst haben. Stattdessen müssen zwei Manager gehen.

Credit Suisse: Personelle Konsequenzen in Überwachungs-Affäre Reuters

Credit Suisse

Die missglückte Überwachungsaktion brachte der Schweizer Großbank herbe Kritik ein.

Zürich Es soll ein Befreiungsschlag sein: Als Urs Rohner am Dienstagmorgen in Zürich ans Mikrofon tritt, präsentiert der Verwaltungsratschef nicht nur einen ‧Untersuchungsbericht zur Beschattungsaffäre bei der Credit Suisse, sondern verkündet auch personelle Konsequenzen.

Nach der Bespitzelung von Iqbal Khan verlassen zwei hochrangige Manager die Bank. Sie hält aber an ihrem Chef Tidjane Thiam fest. Die Untersuchung durch eine Kanzlei habe eindeutig ergeben, „dass unser CEO diese Überwachung weder angeordnet hat noch von seinen Untergebenen informiert worden war“, sagte Rohner.

Laut Darstellung der Credit Suisse war die Überwachung Khans eine Art Einzelkämpferaktion. So habe der Chief Operating Officer Pierre-Olivier Bouée den Sicherheitschef Remo Boccali mit der Überwachung des Bankers beauftragt.

Bouée, ein langjähriger Vertrauter von CEO Thiam, tritt nun mit sofortiger Wirkung zurück. Zum neuen operativen Chef hat die Credit Suisse James Walker ernannt.

Sicherheitschef Boccali verlässt die Bank ebenfalls sofort. Die Bank will unter die Affäre einen Schlussstrich ziehen, doch es bleiben Fragen.

Knapp zwei Wochen lang hatten Privatdetektive den Banker Iqbal Khan, einst Leiter der CS-Vermögensverwaltung, im Auftrag der Bank observiert. Am 17. September bemerkt Khan, dass er beschattet wird.

Er stellt einen Detektiv in der Züricher Innenstadt zur Rede. Was genau sich an jenem Tag vor dem Restaurant Metropol ereignet hat, ist umstritten. So viel steht fest: Khan fühlte sich bedrängt, die Züricher Behörden ermitteln gegen mehrere Personen wegen des Verdachts der Nötigung.

Der Spitzelskandal brachte die Credit Suisse international in die Schlagzeilen. Er beschädigte nicht nur das Image der Bank, sondern auch das ihres Chefs.

Denn wie sich bald zeigte, lag Thiam mit seinem Untergebenen Khan persönlich über Kreuz. Die beiden Topbanker hatten sich im Januar auf einer Cocktailparty im Haus von ‧Thiam an der Züricher Goldküste gestritten.

Den Konflikt der beiden Alphatiere konnte Verwaltungsratschef Rohner offenbar nicht lösen, sodass Khan die Bank verließ.

Er heuerte beim Rivalen UBS an, wo er die Co-Leitung der Vermögensverwaltungssparte übernimmt. Schweizer Medien spekulierten darüber, dass Thiam die Detektive aus persönlichen Motiven auf Khan angesetzt haben könnte.

Die Untersuchung fand jedoch keinen Beleg dafür, dass Thiam in die Überwachung Khans involviert war. Der Manager selbst stand am Dienstag nicht auf der Bühne.

"Vollstes Vertrauen"

Rohner sprach Thiam sein „vollstes Vertrauen“ aus. Zuvor hatten sich wichtige Aktionäre der Bank für den CEO starkgemacht.

Der französisch-ivorische Manager hatte die Bank durch einen umfangreichen Umbau gesteuert und das Geschäft mit vermögenden Kunden ausgebaut – mit Erfolg. So verdiente die Credit Suisse im vergangenen Jahr rund 2,1 Milliarden Franken.

Entsprechend erleichtert zeigten sich Analysten über die Entlastung des Bankchefs: „Die CS Group ohne Tidjane Thiam wäre heute eine ganz andere Bank, die wesentlich schlechter für die Zukunft gerüstet wäre“, sagt etwa ZKB-Analyst Javier Lodeiro.

Im Rahmen der Untersuchung führten die Homburger-Anwälte mit Khan, Thiam und weiteren involvierten Personen insgesamt 14 Gespräche und werteten E-Mails und Messenger-Nachrichten aus.

Doch manche Frage bleibt: Welche Rolle spielte der Streit zwischen Khan und Thiam in der ganzen Sache? Und weshalb war der Credit-Suisse-Chef nicht über die Pläne seines Vertrauten Bouée im Bilde?

Die Bank legte am Dienstag nicht den vollständigen Bericht, sondern eine „Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse“ vor.

Darin weisen die ‧Anwälte darauf hin, dass manche private Nachrichten von Beteiligten offenbar gelöscht wurden. Auch sei der persönliche Konflikt zwischen Thiam und Khan nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen.

Tod eines Mittelsmannes

Trotzdem sieht der Verwaltungsrat den CEO durch die Untersuchung entlastet: „Die Fakten zeigen, dass nur zwei Personen von der Untersuchung in Kenntnis waren“, sagte CS-Verwaltungsrat John Tiner, der die Untersuchung überwacht hat.

Thiam habe die Organisation im Griff, so Tiner. Er könne nicht für das Verhalten einzelner Manager belangt werden.

Verantwortlich sollen der operative Chef Bouée und Sicherheitschef Boccali gewesen sein. Bouée sei „besorgt gewesen, dass Iqbal Khan ein Risiko für die wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen der Credit Suisse darstelle“.

Im Klartext: Der COO fürchtete wohl, dass Khan Mitarbeiter oder Kunden bei der CS abwerben und zu seinem neuen Arbeitnehmer mitnehmen könnte.

Ende August habe er deshalb den Überwachungsauftrag an Sicherheitschef Boccali übergeben. Das sei falsch gewesen und entspreche nicht der Art, wie die Bank Geschäfte mache, so Verwaltungsratschef Rohner.

Er bat Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre um Entschuldigung. „Und ich entschuldige mich bei Iqbal Khan und seiner Familie für die Folgen der nicht angemessenen Überwachung.“

Der Verwaltungsratschef äußerte zudem sein Bedauern über den Tod eines in die Affäre involvierten Sicherheitsexperten.

Wie erst jetzt bekannt wurde, wurde der Mann bereits vergangene Woche tot aufgefunden. Er hatte im Auftrag der Bank als Mittelsmann die Überwachung durch die Detektei in die Wege geleitet.

Sein Name war aus bislang ungeklärter Quelle an Journalisten gelangt. Die Züricher Oberstaatsanwaltschaft bestätigte eine laufende Untersuchung.

„Wie üblich bei Todesfällen untersuchen Staatsanwaltschaft und Polizei die Umstände des Todesfalls“, sagte ein Sprecher. Nach derzeitigen Erkenntnissen gebe es keine Anzeichen für eine Einwirkung durch Dritte.

Von dem Tod des Mannes habe man „mit großer Trauer und Betroffenheit Kenntnis genommen“, sagte Verwaltungsratschef Rohner. „Wir sprechen seinen Angehörigen unser tief empfundenes Beileid aus.“ Darüber hinaus wollte sich Rohner nicht zu dem Vorfall äußern.

So steht am Ende der Beschattungsaffäre nicht nur ein veritabler Imageschaden, sondern auch viel persönliches Leid – und all das offenbar völlig umsonst.

Denn auch Iqbal Khan wurde durch die Homburger-Anwälte entlastet. Weder die Untersuchung der Kanzlei noch die Überwachung Khans hätten Hinweise darauf ergeben, dass dieser entgegen seinen vertraglichen Verpflichtungen versucht habe, Mitarbeiter oder Kunden der Credit Suisse abzuwerben.

Khan hatte am Dienstag bei der UBS seinen ersten Arbeitstag.

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