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11.09.2019

18:15

Börsenbetreiber

Hongkonger Börse plant Übernahme der LSE – doch willkommen ist die Offerte nicht

Von: Dana Heide, Andreas Kröner, Carsten Volkery

Die Börse der asiatischen Metropole prescht mit einem Überraschungsangebot für die Londoner Rivalin vor. Dabei planen die Briten selbst einen Deal.

Nach der Ankündigung aus Hongkong zog der Aktienkurs der Londoner Börse zeitweise um mehr als 15 Prozent an. Bloomberg

Sitz der LSE in London

Nach der Ankündigung aus Hongkong zog der Aktienkurs der Londoner Börse zeitweise um mehr als 15 Prozent an.

Peking, Frankfurt, London Zwei Jahre nach der gescheiterten Fusion mit der Deutschen Börse beginnt ein neues Pokerspiel um die Londoner Börse. Diesmal will die Hongkonger Börse die London Stock Exchange (LSE) kaufen. Die Asiaten bieten rund 30 Milliarden Pfund – das könnte nun einen Übernahmekampf auslösen, denn die Londoner planen selbst eine Großübernahme.

Charles Li, Vorstandschef der Hongkonger Börse (HKEX), sparte nicht mit Superlativen, als er sein Angebot via Blogeintrag begründete. Die Vereinigung der beiden Börsen werde die globalen Kapitalmärkte „auf Jahrzehnte hinaus neu definieren“, schwärmte er. Das Vorhaben sei zudem ein „bedeutender Meilenstein“ für Hongkong selbst.

Mit der Beschleunigung des chinesischen Wirtschaftswachstums habe auch die Bedeutung Hongkongs als wichtiges Bindeglied zwischen Ost und West zugenommen, sagte Li. „Die heutige Ankündigung ist der nächste große Schritt auf dem Weg, China und Asien mit der Welt zu verbinden.“

Tatsächlich entstünde ein neuer Gigant. Die Hongkonger Börse macht mit 2.100 Mitarbeitern einen Umsatz von 1,6 Milliarden Pfund, die Londoner Börse erwirtschaftete zuletzt mit 4.400 Mitarbeitern 2,1 Milliarden Pfund.

Insgesamt bieten die Hongkonger 83,61 Pfund pro LSE-Aktie – das ist eine Prämie von 23 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Dienstagabend. Ein Viertel des Kaufpreises soll in bar, der Rest in HKEX-Aktien gezahlt werden. Die Anleger halten die Offerte offenbar für attraktiv. Der LSE-Aktienkurs zog am Mittwoch zeitweise um mehr als 15 Prozent an.

Das Angebot hat jedoch einen großen Haken: Die LSE soll den Kauf des Datenanbieters Refinitiv absagen. Der 27-Milliarden-Pfund-Deal war erst vor wenigen Wochen verkündet worden und muss noch von den Aktionären und den Kartellbehörden genehmigt werden.

Angesichts der gerade beschlossenen Übernahme von Refinitiv wäre es überraschend, wenn das LSE-Management nun den HKEX-Deal bevorzugen würde, sagte UBS-Analyst Michael Werner. Die jüngsten Proteste in Hongkong ließen den Deal zusätzlich riskant erscheinen.

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Tatsächlich wirft das Timing der Hongkonger Börse die Frage auf: Warum gerade jetzt? Zum einen wollte sie offenbar noch rechtzeitig zuschlagen, bevor der Refinitiv-Deal abgeschlossen ist. Danach wäre die LSE zu teuer geworden. Zum anderen scheinen auch die Massenproteste in Hongkong eine Rolle zu spielen.

Seit Wochen gehen Hunderttausende Menschen gegen die chinesische Regierung auf die Straße. Sie befürchten, dass die Stadt ihre Sonderrechte verliert. Der Kauf der Londoner Börse wirkt in diesem Umfeld wie eine Versicherungspolice gegen die heimische Krise, eine Diversifizierung der wirtschaftlichen Risiken.

In London gilt es aber als unwahrscheinlich, dass die Hongkonger den Zuschlag erhalten. Das Angebot dürfte auf erheblichen Widerstand stoßen, sowohl von der LSE selbst als auch von der britischen Regierung. Die erste Reaktion der LSE fiel knapp aus. Das Board werde das Angebot prüfen, teilte die Firma mit. Zugleich halte man an dem Refinitiv-Deal fest und werde ihn im November den Aktionären zur Abstimmung vorlegen.

Die Übernahme der US-Firma Refinitiv ist das Prestigeprojekt des neuen Börsenchefs David Schwimmer, der den Fokus weg vom traditionellen Handelsgeschäft hin auf das schnell wachsende Geschäft mit Daten und Nachrichten verschieben will. Mit seinen Eikon-Terminals für Börsenhändler ist Refinitiv der Hauptkonkurrent des US-Informationsdienstes Bloomberg.

Der Zusammenschluss würde ein britisch-amerikanisches Schwergewicht mit Sitz in London schaffen. Diese Vision aufzugeben wäre ein hoher Preis für die LSE. Die Anleger hatten die strategische Entscheidung für Refinitiv begrüßt, die Aktie war nach der Verkündung Anfang August um 20 Prozent gestiegen.

HKEX-Chef Li hingegen wirbt damit, dass sein Angebot die langfristige Bedeutung der Finanzplätze Hongkong und London stärke. Tatsächlich muss sich die Londoner City nach dem Brexit neu ausrichten und orientiert sich bereits stärker nach Asien. Die Hongkonger Börse hatte 2012 auch bereits die London Metal Exchange für 1,4 Milliarden Pfund übernommen – ohne größere Probleme.

Bei der LSE handelt es sich jedoch um ein ungleich größeres und symbolisch wichtigeres Ziel. Der Übernahmeversuch wird daher auch das Interesse der britischen Regierung und der Aufseher wecken. Die Finanzaufsicht FCA und die Bank of England müssen beide grünes Licht geben. Vor allem in der Regierung dürfte der Zusammenschluss auf Skepsis stoßen.

Zwar ist sie grundsätzlich eher marktliberal eingestellt. Doch der Finanzplatz London bangt ohnehin um seine Bedeutung nach dem Brexit, und die Regierung wird den Verkauf der wichtigsten Börse nach China kaum gutheißen. Die HKEX hat in ihrem Angebot bereits deutlich gemacht, dass die Zentrale der fusionierten Börse künftig in Hongkong wäre.

Politische Einmischung

Schon bei den gescheiterten Fusionsgesprächen mit der Deutschen Börse vor drei Jahren hatte sich die britische Regierung eingemischt. Auch damals erhitzte die Standortfrage die Gemüter. Der Sitz in London sei eine „klare politische Vorgabe der Regierung Cameron“ gewesen, sagte Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Joachim Faber damals. „Andernfalls hätten die Briten sich darauf gar nicht eingelassen.“

Voraussichtlich würde auch die US-Regierung Druck auf London ausüben: US-Präsident Donald Trump fürchtet den wachsenden Einfluss Chinas, und viele US-Firmen nutzen die LSE für ihre Börsengänge und weitere Finanzierung.

Hinzu kommt: Börsenfusionen sind zuletzt aus der Mode gekommen. Zwar streben Börsenbetreiber aufgrund der Skalierbarkeit ihres Geschäftsmodells weiterhin nach Größe. Auch gab es seit der Jahrtausendwende einige erfolgreiche Übernahmen oder Fusionen – vor allem unter US-Börsen.

Die Intercontinental Exchange (ISE) aus Atlanta übernahm die New York Stock Exchange und deren britische Derivatebörse Liffe. Die Chicago Mercantile Exchange (CME) schluckte die US-Konkurrenten CBOT und Nymex.

Charles Li, Chef der Hongkonger Börse HKEX, will den Londoner Börsenbetreiber LSE übernehmen.

Ehrgeizige Pläne

Charles Li, Chef der Hongkonger Börse HKEX, will den Londoner Börsenbetreiber LSE übernehmen.

Doch anderswo waren die Erfahrungen ernüchternd. Die Deutsche Börse und die LSE scheiterten gleich fünf Mal mit Fusionsgesprächen, der letzte Anlauf misslang 2017. Verantwortlich dafür war wie bei anderen fehlgeschlagenen Deals der Widerstand von Regulatoren und Politikern. Sie sehen Börsenbetreiber oft als nationale Ikonen und fürchten bei einem Verkauf eine Schwächung des eigenen Finanzplatzes.

Angesichts zahlreicher geplatzter Deals hat bei einigen Börsenmanagern inzwischen ein Umdenken eingesetzt. In der Branche habe es schon „eine ausreichende Menge an Konsolidierung“ gegeben, meint etwa Adena Friedman, die Chefin der US-Technologiebörse Nasdaq. Es gebe große Hürden für Megadeals, weil diese von Wettbewerbshütern und Politikern kritisch gesehen würden.

Auch Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer ist der Ansicht, dass die Zeit klassischer Börsenfusionen vorbei ist. Es gehe nun darum, einzelne Asset-Klassen zu konsolidieren, sagte er Anfang des Jahres, beispielsweise das Geschäft mit Währungen, Daten, Anleihen und Rohstoffe. In diesen Sektoren gibt es weniger politische Befindlichkeiten als bei der Übernahme einer klassischen Börse.

Sollten die LSE-Anleger sich für das HKEX-Angebot entscheiden und sollte die Übernahme von Refinitiv nicht zustande kommen, würden sich Chancen für die Deutsche Börse ergeben. Denn die Frankfurter hätten dann wieder die Möglichkeit, wie angepeilt Teile des Devisenhandelsgeschäfts von Refinitiv zu kaufen. Die LSE hatte diese Pläne mit ihrer Offerte für Refinitiv durchkreuzt.

Unterstützung aus Peking

Peking hingegen hätte Interesse an einer noch schlagkräftigeren Börse in Hongkong – das zeigt auch die positive Reaktion von chinesischen Staatsmedien auf den Vorstoß der HKEX. Der Handelsplatz ist bereits jetzt entscheidend für Chinas Wirtschaft, um an ausländisches Kapital zu kommen.

Rund 70 Prozent der Börsengänge von Unternehmen vom chinesischen Festland liefen in den Jahren 2010 bis 2018 über die Hongkonger Börse. Zwar versucht China, mit der Schanghaier Börse eine Alternative aufzubauen. Experten sehen sie aber noch sehr weit entfernt von diesem Ziel, denn Festland-China hat wesentlich stärkere Kapitalverkehrskontrollen als Hongkong.

HKEX-Chef Li hält den politischen Widerstand in Großbritannien und den USA für überwindbar. Tatsächlich gebe es selten einen perfekten Zeitpunkt für eine Fusion. „Angesichts der derzeitigen Unsicherheiten in der Geopolitik und der Wirtschaft könnte es den Eindruck erwecken, dass jetzt nicht die richtige Zeit wäre, um eine größere Investition in eine grenzüberschreitende Akquisition zu tätigen“, so Li.

Die Übernahme sei jedoch eine „sehr überzeugende Transaktion“. „Und wenn wir es nicht versuchen, dann scheitern wir natürlich per Definition.“ Zusammen könne man eine „weltweit führende globale Börse“ schaffen, die Asien, Europa und die Vereinigten Staaten umfasse.

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