Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.07.2018

20:00 Uhr

Britische Finanzbranche

Theresa Mays Brexit-Kurs alarmiert die Londoner City

VonCarsten Volkery

Londons Banken sehen in den EU-Austrittsverhandlungen ihre Interessen vernachlässigt – und warnen vor den Folgen für den Finanzstandort.

Brexit: Theresa Mays Kurs alarmiert die Londoner City Getty Images

City of London

Seit den 1980er-Jahren wurden die Banken gepäppelt. Jetzt droht Liebesentzug.

LondonWenn Theresa May am Donnerstag ihr Brexit-Weißbuch vorlegt, werden die Europäer mehr Details über ihren neuen Kurs erfahren. Auf mehr als hundert Seiten will die britische Premierministerin die künftige Handelsbeziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union skizzieren. Im Zentrum wird die geplante Freihandelszone für Güter und Agrarprodukte stehen. Sie soll Lieferketten schützen und Zollkontrollen überflüssig machen.

Eine Branche wird in Mays Masterplan aber wohl wieder nur am Rande erwähnt werden: der Finanzsektor, der immerhin elf Prozent der britischen Wirtschaftsleistung ausmacht. Schon das dreiseitige Abschlussdokument der Kabinettsklausur auf dem Landsitz Chequers vergangene Woche zeigte Mays Prioritäten. Die Londoner City wurde nur mit einem Satz erwähnt: Der künftige Handelsvertrag mit der EU müsse „die Vorteile integrierter Finanzmärkte bewahren und die Finanzstabilität schützen“, hieß es knapp.

In den Brexit-Verhandlungen spielt der Dienstleistungssektor nur die zweite Geige hinter der Industriebranche. „Der Frust in der City ist groß“, sagt William Wright vom Londoner Thinktank New Financial. „Seit dem Beginn der Brexit-Verhandlungen hat die Finanzbranche erfahren, dass ihr nicht mehr die gleiche Bedeutung eingeräumt wird wie früher. Andere Branchen stehen nun im Vordergrund.“

Banker fühlen sich vernachlässigt

May will vor allem die Autohersteller und andere Industrieunternehmen davon abhalten, ihre Produktion im Zuge des EU-Austritts Großbritanniens auszulagern. Das politische Kalkül: Der Wegzug einer Fabrik mit dem Verlust Tausender Arbeitsplätze muss als offensichtliche Brexit-Folge verhindert werden. Hingegen ist der Umzug einiger Banker politisch leichter zu verkraften.

Ihre neue Nebenrolle im politischen Diskurs verstört die Londoner Banker. Seit der Reformagenda von Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980er-Jahren war die Branche von der Politik als Juwel der britischen Wirtschaft hofiert worden. Heute ist die Regierung zwar immer noch stolz auf Londons Status als Weltfinanzhauptstadt. Doch die Brexit-Verhandlungen verlaufen aus Sicht der City unbefriedigend.

Schon als May verkündete, dass Großbritannien den europäischen Binnenmarkt verlassen wird, war klar, dass die Banken ihre Passporting-Rechte verlieren würden, die es ihnen bisher erlaubten, von London aus in der ganzen EU Geschäfte zu machen. Seitdem überlegen Lobbyverbände wie UK Finance und City UK, wie sie auch nach dem EU-Austritt einen größtmöglichen Zugang für ihre Mitglieder sicherstellen können.

Die beste Lösung wäre ein bilaterales Abkommen gegenseitiger Anerkennung. Großbritannien und die EU würden sich dann verpflichten, ihre Regeln gegenseitig anzuerkennen und Konflikte durch eine unabhängige Schiedsstelle lösen zu lassen. Der Vorteil aus britischer Sicht bestünde darin, dass man einen vertraglich garantierten Zugang zum Binnenmarkt und die Möglichkeit zur Klage hätte.

Die EU will aber die alleinige Deutungshoheit über die Binnenmarktregeln behalten. Sie bietet Großbritannien bislang nur das Äquivalenzregime an, welches für alle Drittstaaten, auch die USA, gilt. Britische Finanzdienstleister bekämen Zugang zum EU-Markt dann nur unter Vorbehalt. Der Zugang könnte jederzeit binnen 30 Tagen widerrufen werden, sollte die EU einen Regelverstoß feststellen. Und ein Einspruchsrecht hätten die Banken nicht.

Zusätzliche Kapitalkosten

Auf dieser wackeligen Basis ließen sich keine langfristigen Geschäftsmodelle aufbauen, argumentieren die City-Verbände. Doch die meisten Akteure glauben nicht mehr daran, dass die EU sich auf ein Modell gegenseitiger Anerkennung einlassen wird. Sie gehen davon aus, dass künftig das Äquivalenzregime gelten wird. Ihr Ziel ist es nun, es so zu reformieren, dass die Rechtssicherheit für britische Firmen erhöht wird.

Großbritannien: May gewinnt ein Machtspiel, und dennoch droht die Brexit-Blamage

Großbritannien

May gewinnt ein Machtspiel, und dennoch droht die Brexit-Blamage

Großbritanniens Regierungschefin hat ihren Sturz abgewendet – und die eigene Position gar gestärkt. Beim Brexit herrscht aber weiter Unklarheit.

Während die britische Industrie also de facto im europäischen Binnenmarkt und in der Zollunion bleiben soll, deutet im Finanzsektor alles auf einen härteren Brexit hin. Die Folge wären steigende Kapitalkosten für die Banken und eine Zersplitterung der Kapitalmärkte. Die europäischen Märkte würden weiter gegenüber den USA zurückfallen, schließt eine Studie der Deutschen Bank.

Da sie nicht mehr auf eine gütliche Einigung hoffen, gründen viele in London ansässige Banken aktuell Dependancen in der restlichen EU oder wandeln Zweigstellen in Töchter um, um ihre europäischen Kunden auch in Zukunft betreuen zu können. Die neuen Töchter müssen freilich die Kapitalanforderungen der Aufseher erfüllen: Allein die zusätzlichen Kapitalkosten schätzt die Deutsche Bank auf bis zu 40 Milliarden Euro.

Weitere Kosten könnten entstehen, wenn die EU-Aufseher auch noch das Euro-Clearing in die Euro-Zone holen. „Wenn es wirklich so weit kommt, werden die Banken einfach eine Rechnung schreiben und die zusätzlichen Kosten für das Clearing an die Realwirtschaft weiterreichen“, hatte der Chef der britischen Großbank Standard Chartered, Bill Winters, kürzlich im Handelsblatt gewarnt. Am Ende könnte Europa mit „schlecht ausgestatteten Clearinghäusern“ dastehen, die nicht in der Lage seien, im Krisenfall die nötigen Volumina abzuwickeln. „Das wäre ein enormes Risiko.“

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×