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14.07.2019

18:09

Cum-Ex-Geschäfte

Geld, Gier, Gerechtigkeit – Investmentbank Macquarie im Visier der Ermittler

Von: Sönke Iwersen, Volker Votsmeier

Shemara Wikramanayake, Chefin der australischen Bank Macquarie, steht womöglich vor einer Anklage in Deutschland. Der Verdacht: besonders schwere Steuerhinterziehung.

Die Chefin der australischen Bank Macquarie steht im Visier deutscher Staatsanwälte. Reuters

Shemara Wikramanayake

Die Chefin der australischen Bank Macquarie steht im Visier deutscher Staatsanwälte.

Düsseldorf Die schönen Künste, Reisen um die Welt und Dienst an der Allgemeinheit hatten Shemara Wikramanayake nicht ausgefüllt. Am 8. März, dem Weltfrauentag, gibt Australiens bestbezahlte Frau Interviews. Wikramanayake steht an der Spitze des Bankriesen Macquarie. Sie ist die einzige Frau, die auf dem Kontinent je ein Institut dieser Größe führte. Am Weltfrauentag erzählt sie von ihrem Weg an die Spitze.

„Ich war zwölf Jahre lang bei Macquarie, als ich mich fragte, ob es nicht jenseits der Finanzwelt Herausforderungen für mich gab“, sagte Wikramanayake. Ihr Arbeitgeber bewilligte ein Jahr unbezahlten Urlaub. Sie besuchte ferne Länder, malte, etablierte eine Stiftung für Kinder. „Das war großartig“, sagte Wikramanayake. „Aber mir fehlte die soziale und intellektuelle Stimulation bei Macquarie. Also kehrte ich zurück.“

Nun erfährt die Welt mehr von dem, was sie dort tat. Der 57-jährigen Chefin von Macquarie könnte eine Anklage wegen besonders schwerer Steuerhinterziehung bevorstehen. Laut Staatsanwaltschaft Köln soll sie Aktiengeschäfte genehmigt haben, bei denen der Profit ihrer Bank auf Kosten der deutschen Steuerzahler ging.

Bei Cum-Ex-Geschäften schoben Banken große Aktienpakete hin und her, um den Fiskus um die Kapitalertragsteuer zu bringen. Im Endeffekt suggerierten die Beteiligten, dass ein Papier mehreren Aktionären zuzurechnen ist. So zahlte das Finanzamt eine einmal abgeführte Dividendensteuer doppelt oder sogar mehrfach aus.

Der Blick der Ermittler richtet sich im Fall Macquarie vor allem auf das Jahr 2010. In diesem Jahr wurden die Deals der Dividendensaison 2011 minutiös vorbereitet – im vollen Bewusstsein um ihre Schädlichkeit für deutsche Steuerzahler. Neben Wikramanayake wurden zunächst 21 Mitarbeiter von Macquarie beschuldigt, darunter ihr Vorgänger, Nicholas Moore. Inzwischen gibt es mehr als 30 Verdächtige. Damit ist für die Australier genau die Situation eingetreten, die vermieden werden sollte.

Nahe genug, um den Profit mitzunehmen, aber zu weit weg, um ins Blickfeld der Steuerfahndung zu geraten – das war die Geschäftsposition, die sich die Führung von Macquarie im Sommer 2010 für den Aktienhandel ausgesucht hatte. Immer wieder rangen die Trader und die Juristen um dieselbe Frage: Was würde passieren, wenn die Beteiligung von Macquarie an Cum-Ex-Geschäften bekannt wurde?

Schwierig, schrieb der Münchener Niederlassungsleiter Axel von Rosen in einer Mail am 26. Juni 2010. Er habe zum Thema Reputationsrisiken „Erkundigungen bei einigen Playern“ eingeholt, erklärte Rosen. Die Deutsche Bank sei im Markt sehr aktiv gewesen, hätte sich aber zurückgezogen.

Die Schweizer UBS und Credit Suisse, die Investmentbank Merrill Lynch und die Bank of America hätten als Darlehensgeber gehandelt. Die Aktien für den Handel seien von Depotbanken beschafft worden. Die größten Namen seien dabei gewesen, berichtete Rosen: Caceis, State Street, die Apo Bank. „Die Depotbanken sind Teil der Transaktion und wissen genau, was vor sich geht, dafür nehmen sie höhere Gebühren.“

Bloomberg

Macquarie-Gebäude in Sydney

Als der deutsche Gesetzgeber endlich gegen Cum-Ex-Geschäfte einschritt, wurden die Banker in Australien wütend: „Scheiße“, schrieb Macquarie-Manager Rosen bereits am 23. März 2009 an seinen Kollegen Christoph D. Rosen hatte gerade eine Mail von Thomas Wiesenbart erhalten, Steuerexperte bei der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer.

Der Anwalt hatte einen Entwurf eines Schreibens des Finanzministeriums zu Cum-Ex-Geschäften in die Hände bekommen. „Das Thema könnte sich schnell erledigen“, schrieb Rosen.

Der Macquarie-Manager war verdrossen. Seine Bank hatte jahrelang an der „Party“ teilgenommen, wie die Geldbranche die Geschäfte nannte. War sie jetzt vorbei? Cum-Ex-Handel bot jahrelang eine Garantie, nach der alle suchten: Gewinn ohne Risiko. Es war gleich, welche Aktien man handelte. Solange man Milliarden umsetzte, machten alle Beteiligten reichlich Profit.

Trotz der gesetzlichen Einschränkungen setzte Macquarie deshalb auch in der Folgezeit auf den Cum-Ex-Handel. Die Zentrale in Sydney genehmigte die Beteiligung an drei Fonds für die Dividendensaison 2011, jeder brachte 15 Millionen Euro Gewinn. Doch das Risiko lag nicht mehr bei null.

Die Steuerfahndung war aufgewacht. Ein Berliner Milliardär war mit Cum-Ex-Geschäften in einer Betriebsprüfung aufgeflogen. Steuererstattungen wurden annulliert. Ein „Nein“ des Finanzamts bedeutete nicht nur weniger Gewinn für den Investor. In diesem Fall stand er sogar vor dem Totalverlust. Nicht aber die Bank, die ihm für diese Geschäfte Geld geliehen hatte.

Viel Fremdkapital

Auch Macquarie gehörte zu den Instituten, die solche Geschäfte mit viel Fremdkapital erst möglich machten. Peter Lucas, Leiter der Macquarie Funds Group, wies seine damalige Chefin Wikramanayake per Mail vom 7. Juli 2010 unverhohlen auf dieses Detail hin. Macquaries Profit würde auf diese Weise nicht davon abhängen, ob die Steuererstattung an die Besitzer der Aktien auch tatsächlich floss. Die Bank könne so das ganze Risiko an ihre Kunden auslagern.

Auch das Reputationsrisiko wurde sorgfältig besprochen. Alles bleibe im Verborgenen, selbst bei einem Scheitern, meinten die von Macquarie beauftragten Anwälte. Sogar wenn die Behörden die Geschäfte beanstandeten, dürften sie Macquaries Namen öffentlich nicht nennen, hieß es. Die australische Bank wäre durch das deutsche Steuergeheimnis geschützt.

Nicht alle waren gleich überzeugt. Roy L., Mitglied des Exekutivkomitees, fragte: Finanzieren wir hier Transaktionen, die wir selbst nicht durchführen wollen? Und Patrick U., Finanzmanager, merkte an: Die Deals seien doch illegal, wenn die Beteiligten sich kennen würden. Und man kannte sich, mahnte U. Brauchte man ein Gutachten?

Lieber nicht, meinte Bereichsleiter Lucas in Sydney. Die Transaktionen waren so organisiert, dass der Käufer den Verkäufer nicht kennen könne. „Ende der Geschichte“, schrieb Lucas an U. Im Übrigen sei es Sache der Kunden, sich genau dies von einem Wirtschaftsprüfer bestätigen zu lassen. Später meldete Lucas an Wikramanayake, die Vorbehalte von U. seien ausgeräumt. U. habe wohl an einem Jetlag gelitten.

Forderung: Anleger klagen

Die strafrechtlichen Ermittlungen

Die strafrechtlichen Ermittlungen sind nicht das einzige Problem von Macquarie. Nach Handelsblatt-Informationen fordern Investoren beim Landgericht München I Schadensersatz. „Seit dem 29. März 2018 ist eine Klage gegen die Macquarie Bank Ltd. anhängig“, sagte ein Gerichtssprecher. Streitwert: 30.408.201,96 Euro.

Die Kläger

Die Kläger werfen den Australiern vor, kollaborativ bei den aus ihrer Sicht betrügerischen Geschäften mitgewirkt zu haben. Macquarie weist die Forderung zurück.

Am 28. Oktober 2010 stimmte der Macquarie-Board unter Beteiligung von Wikramanayake zu, drei Cum-Ex-Fonds zu finanzieren. Die Chefs hatten aber einen Vorbehalt. Eine „anerkannte deutsche Persönlichkeit“ sollte bestätigen, dass Macquaries Ruf keinen Schaden nehme, falls die Geschäfte publik würden.

Was tun? Von Rosen und andere Macquarie-Manager zerbrachen sich die Köpfe. „Geräuschlos“ waren Cum-Ex-Geschäfte nicht mehr abzuwickeln, das hatten sie Wikramanayake schon gemeldet. Es waren Geschäfte auf Kosten der deutschen Steuerzahler. Welcher deutsche Patron würde sie absegnen?

Er hieß Bernd Gottschalk. Der deutsche Lobbyist, jahrelang Präsident des Verbands der Automobilindustrie, war kein Steuerexperte, saß aber als Chairman im Beirat der Macquarie Capital Europe. Gottschalk hatte zweifelsohne einen Namen in Deutschland. Seine erste Reaktion auf Macquaries Bitte schien den Bankern allerdings ungeeignet.

Macquarie könne doch einfach die Finanzaufsicht fragen, ob die Geschäfte zulässig wären, schlug Gottschalk vor. Die Banker wehrten ab und setzten sich noch mal mit Gottschalk zusammen.

Wenige Tage später gab von Rosen Entwarnung. Man habe Gottschalk klargemacht, worum es bei den Cum-Ex-Geschäften gehe und dass sie vom Bundesfinanzministerium gerade verhindert werden sollten, berichtete von Rosen nach Sydney. Gottschalk habe nun „begriffen, dass es wahrscheinlich keine gute Idee sei“, die Bafin einzuschalten. Zusätzlich habe man ihn noch in eine Konferenz mit einem Steueranwalt gesetzt.

Anschließend sagte Gottschalk, was Macquarie hören wollte. Er bestätigte, dass ein Reputationsrisiko zwar vorhanden, aber kalkulierbar sei. Gottschalk und von Rosen wollten sich auf Nachfrage dazu nicht äußern.

In der Dividendensaison 2011 finanzierte Macquarie Cum-Ex-Geschäfte mit einem Volumen von 5,6 Milliarden. Es ist die Saison, welche die Staatsanwaltschaft Köln inzwischen als möglichen „Tatzeitraum“ bezeichnet. 462 Millionen Euro wollten sich die von Macquarie finanzierten Fonds erschleichen. Das Finanzamt machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Ein Schaden für den Steuerzahler blieb aus, ihn erlitten stattdessen Macquaries Kunden. Einige verklagen nun die Bank.

Macquarie hatte offenbar darauf spekuliert, weder ein finanzielles Risiko als Geldgeber noch einen Rufschaden zu erleiden. Das zeigen die Akten. Unter dem Strich hätte für die Bank nur der Profit bleiben sollen – und die Macquarie-Führungsriege, bis hinauf zum Vorstandsvorsitzenden Nicholas Moore, segnete diesen Plan ab.

Moore trat Ende 2018 ab, seitdem führt Wikramanayake die Geschäfte. Die Frau, die liebt, was sie tut, verdiente im vergangenen Jahr mehr als elf Millionen Euro, 90 Prozent davon gewinnabhängig. Mitarbeiter beschreiben sie als eine beeindruckende Persönlichkeit, die keine Bühne braucht. 16 Stunden täglich arbeite die Bankchefin, berichtete einmal ihr Mann, der zu Hause die Kinder hütet. Das stimme gar nicht, korrigierte ihn seine Frau. Es seien nur zwölf Stunden.

Wikramanayake stehen schwierige Monate bevor. „Anonymität ist ein Luxus“, sagte sie bei Amtsantritt – und schien gewillt, sich ihn auch als Vorstandsvorsitzende zu gönnen. Sie scheut das Licht der Öffentlichkeit – selbst wenn es weich ist. Nun warten ganz andere Scheinwerfer auf sie.

Prozess in Bonn möglich

Mehrmals pro Woche müsste Wikramanayake im Fall einer Anklage in einem Prozess in Bonn auftreten. Als Angeklagte würde sie ihre bisherige Vorbildfunktion verlieren.

Macquarie wollte Fragen zu möglichen Folgen einer Anklage der Bankchefin nicht beantworten. Man arbeite bezüglich der Cum-Ex-Geschäfte mit den deutschen Behörden zusammen, sagte ein Sprecher. „Macquarie war eines von mehr als 100 Finanzinstituten, die sich an diesem Markt beteiligten. Wir zogen uns 2012 davon zurück. Wie üblich erhielten wir bei den Transaktionen umfangreiche externe juristische Beratung.“

Beratung schützt im Zweifel nicht vor Strafe. Die Staatsanwaltschaft Köln gibt keine Auskünfte zum Fortschritt des Verfahrens gegen Australiens mächtigste Bankerin und die Vielzahl anderer Manager, die beschuldigt sind. Die Entfernung zwischen Deutschland und Australien ist kein Hindernis – es besteht ein Auslieferungsabkommen. Wikramanayake mag in der Vergangenheit ihre Arbeit dem Reisen vorgezogen haben. Diese Einladung nach Deutschland könnte sie aber nicht ablehnen.

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