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25.04.2019

20:01

Deutsche Bank und Commerzbank

Bessere Chancen ohne Fusion? Sewings riskante Wette

Von: Jan Hildebrand, Michael Maisch, Yasmin Osman, Daniel Schäfer

Der Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank ist geplatzt. Woran er gescheitert ist und warum jetzt vor allem der Deutsche-Bank-Chef in Zugzwang ist.

Deutsche Bank und Commerzbank: Bessere Chancen ohne Fusion? Smetek

Christian Sewing

Der Chef der Deutschen Bank hat sich durchgesetzt.

Die Zentrale der Commerzbank an der Frankfurter Kaiserstraße überragt die nahe gelegenen Zwillingstürme der Deutschen Bank um genau 104 Meter. Aus den Vorstandsetagen ganz oben im Commerzbank-Tower schauen die Chefs des kleineren der beiden Frankfurter Geldinstitute auf die Kollegen des größeren Konkurrenten herab.

Am Donnerstagmorgen um neun Uhr konnte auch die Führungsspitze der Deutschen Bank noch einmal den Blick aus ungewohnter Höhe genießen. In der Commerzbank traf sich ein illustres Quartett zum vorerst letzten Mal. Paul Achleitner, der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, sein Vorstandschef Christian Sewing und ihre Pendants Stefan Schmittmann und Martin Zielke von der Commerzbank waren zusammengekommen, um die Fusionspläne der beiden größten deutschen Privatbanken in aller Form zu beerdigen.

Unmittelbar danach rief Sewing persönlich bei Bundesfinanzmister Olaf Scholz an, um ihm die Gründe für das Ende der Verhandlungen zu erklären. Keine leichte Aufgabe, denn mit der Bankenfusion stirbt auch ein industriepolitisches Lieblingsprojekt des SPD-Politikers.

An atmosphärischen Unverträglichkeiten, so viel steht fest, sind die Fusionsgespräche nicht gescheitert. Sechs Wochen lang hatten „der Christian“ und „der Martin“, wie sich die beiden Vorstandschefs längst nannten, intensiv miteinander verhandelt. Man duzte sich, man sah sich mehrmals in der Woche, mal in der Commerzbank, mal bei den Kollegen von der Deutschen Bank, ab und zu auch bei einer der Beraterbanken. Es galt über die immer neuen Zahlen und Szenarien zu befinden, die die im Dauerbetrieb vor sich hin rackernden Arbeitsgruppen produzierten. Die Gespräche seien immer kollegial verlaufen, ist aus Verhandlungskreisen zu hören.

Nun, an diesem bewölkten Aprildonnerstag um 10.35 Uhr, versendeten beide Banken quasi identische Ad-hoc-Mitteilungen. Bei der Deutschen Bank lautete sie: „Nach gründlicher Prüfung ist der Vorstand heute zum Schluss gekommen, dass ein Zusammenschluss mit der Commerzbank keinen ausreichenden Mehrwert bieten würde – auch mit Blick auf die Umsetzungsrisiken, Restrukturierungskosten und Kapitalanforderungen, die mit einer solch großen Integration einhergehen. Daher haben beide Banken entschieden, die Gespräche nicht fortzusetzen.“

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Sachliche Worte, um einen paradoxen Trauerfall zu beschreiben: Der Tod kam plötzlich und doch mit Ansage, und so richtig traurig scheint auch keiner zu sein. Von Anfang an standen über der geplanten Fusion der Deutschen Bank und der Commerzbank mehr skeptische Frage- als euphorische Ausrufezeichen.

Klar, eine Fusion der beiden Banken hätte Marktmacht addiert und Kosten gesenkt. Aber es wären eben auch zwei kranke Riesen gewesen, die sich da gegenseitig zu stützen versuchen. Seit der Finanzkrise haben es weder Deutsche Bank noch Commerzbank geschafft, zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell mit stabiler Ertragskraft zurückzufinden.

Deutsche Bank und Commerzbank müssen die überfälligen Antworten nach ihrer Zukunftsstrategie nun allein beantworteten. Sewing kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Er war es, nach allem, was zu hören ist, der die Fusion von Anfang an skeptisch beurteilt hat. Jetzt muss er liefern.

Ob ihm das gelingt, ist nicht nur für die Aktionäre, Kunden und Mitarbeiter der Deutschen Bank hochrelevant, sondern auch für Deutschland insgesamt. Eine Volkswirtschaft von der Größe der deutschen ohne eine starke eigene Geschäftsbank – das hat es in der Wirtschaftsgeschichte noch nicht gegeben. Es ist kein Experiment, auf das man sich einlassen möchte.

Auch die Zukunft der Commerzbank hat eine hohe Relevanz über die Grenzen des Unternehmens hinaus. Der Bund ist hier mit über 15 Prozent der größte Einzelaktionär. Eine anhaltende Schwäche oder gar ein Notverkauf der Commerzbank, das wäre vor allem eine persönliche Pleite für Finanzminister Scholz, der sich inoffiziell von Anfang an für die nun gescheiterte Fusion starkgemacht hatte.

Woran es gescheitert ist

Es hing also viel ab von der Entscheidung für oder gegen die Bankenhochzeit zu Frankfurt. Auf keinen Fall wollte man sich daher die Entscheidung zu leicht machen. Sewing und Zielke vermaßen Synergieeffekte und stellten Dissynergien dagegen. Dann unterwarfen sie alle diese Zahlenspiele einem Stresstest. Wie würde das Ganze aussehen, wenn die Konjunktur einbricht oder die Kapitalmärkte implodieren? Das Ergebnis fiel ernüchternd aus.

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Einen nationalen Bankenchampion aus Deutscher Bank und Commerzbank wird es nicht geben. Fragen und Antworten zum gescheiterten Zusammenschluss.

Selbst im optimistischsten Szenario wäre bei der Fusion eine Großbank mit einer Eigenkapitalrendite im mittleren einstelligen Bereich herausgekommen. Das wäre zwar mehr, als die beiden Banken heute vorweisen können, aber viel zu wenig, um die skeptischen Investoren auch nur ein bisschen zu begeistern und um die enormen Umsetzungsrisiken der Fusion rechtfertigen zu können. Die neue Großbank hätte am Ende noch immer nicht ihre Kapitalkosten verdient, und dafür hätten Sewing und Zielke in einer Hauruck-Aktion 30.000 Stellen streichen müssen.

Das Scheitern der Gespräche hat sich bereits über das Osterwochenende abgezeichnet. In den vergangenen Tagen gab es nochmals sehr intensive Verhandlungen zwischen beiden Seiten, bei denen immer klarer wurde, dass der Deal wohl tot ist. Neben den hohen Restrukturierungskosten und den Risiken der Integration waren die sogenannten Dissynergien eines der größten Probleme, sprich wegfallende Erträge durch überlappende Kundenstrukturen.

Analysten hatten diesen negativen Effekt auf eins bis 1,6 Milliarden Euro geschätzt. Hochgerechnet auf die Zukunft sei das ein potenziell wegfallender Ertragswert von bis zu 9,5 Milliarden Euro gewesen, den man durch die Fusion erst wieder hätte hereinholen müssen.

Anders als lange befürchtet ist die Übernahme dagegen nicht am Widerstand der Aufsichtsbehörden zerbrochen. Die entsprechenden Gespräche mit den Behörden hatten noch gar nicht begonnen. Mehr Einfluss besaßen da schon die Belegschaften. Die Mitarbeiter von Commerzbank und Deutscher Bank waren von Anfang an in Fundamentalopposition gegen den Deal gegangen. Entsprechend erleichtert zeigten sich die Betriebsräte nach dem Ende der Gespräche.

„Ich begrüße die Entscheidung des Vorstands zum Abbruch der Fusionsverhandlungen“, sagte der Gesamtbetriebsratschef der Deutschen Bank, Frank Schulze, dem Handelsblatt. In einer Umfrage des Gesamtbetriebsrats hatten vor zwei Wochen knapp 70 Prozent der Teilnehmer eine Übernahme der Commerzbank abgelehnt. Auch bei der Commerzbank war die Ablehnung groß.

Erleichterung und Häme in Berlin

Angesichts dieses breiten Widerstands im Arbeitnehmerlager schwante wohl auch dem Sozialdemokraten Olaf Scholz, dass er damals, am Nachmittag des 11. März 2019, einen Fehler gemacht hatte. Der Finanzminister und Vizekanzler ist gerade im EU-Ratsgebäude in Brüssel angekommen, gleich soll das Treffen der europäischen Finanzminister beginnen.

Auf Scholz wartet bereits eine Traube Journalisten, er beantwortet beim Reingehen noch schnell einige Fragen zur konjunkturellen Lage in Deutschland, zu Griechenland und dem Brexit. Der Neuigkeitswert seiner Aussagen erfüllt mit null Komma null jedes EU-Defizitkriterium.

Die global agierende deutsche Industrie braucht konkurrenzfähige Kreditinstitute, die sie in aller Welt begleiten. Olaf Scholz, Finanzminister (SPD)

Doch dann folgt noch diese letzte Frage: „Herr Minister, wie bewerten Sie die Berichte über eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank?“ Scholz denkt kurz nach und antwortet: „Es gibt Beratungen über die Situation, wie sie ist. Die Bundesregierung ist ein fairer Begleiter von privatwirtschaftlichen Diskussionen. Aber mehr gibt es dazu gegenwärtig nicht zu sagen.“ Ein kurzes Nicken, Scholz dreht sich um und geht.

Wenige Minuten später tickern die Nachrichtenagenturen: Scholz bestätigt Beratungen von Deutscher Bank und Commerzbank. Bisher gab es nur Gerüchte, aber die offizielle Bestätigung des Bundesfinanzministers bringt die Banken nun gefährlich nahe an die Ad-hoc-Pflicht.

Spätestens an diesem Nachmittag des 11. März wurden die Fusionsverhandlungen von Deutscher Bank und Commerzbank auch zum Projekt des Olaf Scholz. Schon vorher hatte es all die Berichte gegeben über die vielen Treffen, Scholz hatte jeweils zweimal Spitzenvertreter von Deutscher Bank und Commerzbank getroffen. Bei seinem Staatssekretär Jörg Kukies, zuvor Deutschlandchef von Goldman Sachs, waren es sogar 23 Gesprächstermine. Dann gab es Berichte, die beiden Banken fühlten sich vom Bundesfinanzministerium unter Druck gesetzt.

Kommentar: Warum das Scheitern der Bankenfusion Olaf Scholz freuen sollte

Kommentar

Warum das Scheitern der Bankenfusion Olaf Scholz freuen sollte

Nach den gescheiteren Verhandlungen zwischen Deutscher Bank und Commerzbank steht Finanzminister Scholz in der Kritik. Die geplatzte Fusion hat für ihn jedoch auch Vorteile.

Wenige Tage später, als beide Institute dann offiziell ihre Verhandlungen bekanntgaben, brach auch über den SPD-Finanzminister ein Sturm der Kritik herein. Die Gewerkschaft Verdi, die viel Einfluss in der SPD hat, kritisierte die Fusionspläne und das Agieren von Scholz. Zehntausende Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel. Bei Protesten vor der Bankzentrale hielt ein Mitarbeiter ein Schild mit der Aufschrift „Wir lassen uns nicht verscholzen“ hoch.

Erst zu diesem Zeitpunkt schien Scholz richtig zu realisieren, in welche Lage er sich da gebracht hatte. Nun änderte sich plötzlich sein Ton. Von fairer Begleitung der Gespräche war keine Rede mehr. Stattdessen sagte Scholz nun: „Wir wollen nicht spekulieren, was private Unternehmen in Deutschland erwägen und was nicht.“

Doch die kommunikative Kehrtwende misslang. Der Bundesfinanzminister war bereits in Mithaftung genommen für das Fusionsprojekt – und ist es nun auch für das Scheitern. Allein schon deshalb, weil die Commerzbank aufgrund der Staatsbeteiligung alles andere als eine rein privatwirtschaftliche Veranstaltung ist. Verwaltet wird die Beteiligung von Scholz’ Ministerium.

„Olaf Scholz erlebt gerade seinen zweiten Hafengeburtstag: Er hat sich völlig verschätzt“, sagt FDP-Finanzexperte Florian Toncar dem Handelsblatt. „Er hat durch sein amateurhaftes Vorpreschen in Sachen Bankenfusion ganz erheblichen Schaden angerichtet und das Vertrauen internationaler Investoren in die deutsche Regierung strapaziert.“

Nicht freundlicher fällt das Urteil der Grünen aus. „Die Gefahren einer solchen Fusion wären ungleich größer gewesen als der Nutzen, nicht zuletzt angesichts der systemischen Risiken“, sagte der Grünen-Finanzexperte Danyal Bayaz. „Es ist daher gut, dass sich Vernunft gegen Größenwahn durchgesetzt hat.“

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Es sei „völlig in Ordnung“ gewesen, eine Fusion zu prüfen, sagt hingegen der finanzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lothar Binding, dem Handelsblatt. Die Absage sei allerdings keine Überraschung. Die beiden Institute könnten auch ohne Fusion eine europäische und globale Rolle spielen. 

„Die global agierende deutsche Industrie braucht konkurrenzfähige Kreditinstitute, die sie in aller Welt begleiten können“, sagte Scholz am Donnerstag. Das klang wie die nachträgliche Rechtfertigung seine Engagements in der Angelegenheit. Scholz hatte schon kurz nach Amtsantritt als Bundesfinanzminister betont, dass er Industriepolitik für die Finanzbranche machen wolle, nachdem sein Vorgänger Wolfgang Schäuble (CDU) stets auf einen öffentlichen Sicherheitsabstand zur unbeliebten Finanzindustrie geachtet hatte.

Allerdings war es nicht so, dass Schäuble untätig gewesen wäre. In seiner Amtszeit gab es im Jahr 2016 den „Sommerflirt“ zwischen Deutscher und Commerzbank. Auch damals loteten beide die Möglichkeit einer Fusion aus, und auch damals war das Bundesfinanzministerium informiert und involviert. Nur wurde es nicht öffentlich.

Warum also hat Scholz sich mit seinem Engagement so exponiert? Die positive Deutung seiner Leute lautet: Scholz traut sich was. Und deshalb habe er sich der Sache angenommen, habe sich Gedanken gemacht, wie man die schwierige Lage beider Institute verbessern könne. Zur heroischen Interpretation passt allerdings nicht, dass auch Scholz in Deckung ging, als die Kritik zu laut wurde.

Isabel Schnabel im Interview: „Niemand weiß, welche Risiken in der Deutschen Bank schlummern“

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„Niemand weiß, welche Risiken in der Deutschen Bank schlummern“

Isabel Schnabel reagiert erleichtert auf den Abbruch der Fusionsgespräche. Im Interview erklärt die Finanzwissenschaftlerin, warum sie auf den Bankenmarkt Europa setzt.

Und deshalb gibt es auch die zweite, für ihn weniger positive Deutung, die manch einer in der SPD parat hat: Scholz habe die Sache falsch eingeschätzt. Er habe gedacht, sich mit so einem Großprojekt als Macher profilieren zu können. Und erst als der Entrüstungssturm losbrach, als die Gewerkschaften Druck machten und Ökonomen monierten, Scholz habe nichts gelernt aus der Finanzkrise und dem „Too big to fail“-Problem, da habe er kalte Füße bekommen.

Anders als Scholz hatte die Union von Beginn an darauf geachtet, Abstand zu den Fusionsgesprächen zu halten – was sich nun auszahlt. „Wir haben gut daran getan, die beteiligten Gremien über mögliche Fusionen verhandeln zu lassen, ohne uns in diesen Prozess einzumischen“, sagte die finanzpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Antje Tillmann (CDU). „Ich wünsche beiden Instituten, dass sie unabgelenkt ihre Chancen nutzen und ihre Risiken reduzieren. Denn die deutsche Wirtschaft braucht international aufgestellte Kreditinstitute.“

Tatsächlich sind starke Banken enorm wichtig für eine Volkswirtschaft. Das sieht auch Klaus Rosenfeld so. Der Vorstandschef des Automobilzulieferers Schaeffler sagt: „Für uns als global tätiges und börsennotiertes Familienunternehmen ist entscheidend, dass es in Deutschland langfristig eine Bank gibt, die Unternehmen wie uns auf den globalen Märkten kompetent, zuverlässig und vertrauensvoll begleitet.“

Ich weiß, dass viele nicht nachvollziehen konnten, warum wir diese Gespräche geführt haben. Martin Zielke, Commerzbankchef

Doch auch Rosenfeld ist skeptisch, ob die Fusion von Deutscher und Commerzbank diesem Ziel gedient hätte. „Es ist gut, wenn sich die Deutsche Bank auf diese Rolle als starker Partner der Industrie fokussiert. Das geht bestimmt auch allein!“
Geht es auch allein? Und wenn ja, wie? Das sind für die beiden Banken nun die entscheidenden Fragen.

Die Zukunft der Deutschen Bank

Mit dem Abbruch der Gespräche hat vor allem Sewing eine Entscheidung getroffen, die ihn in Zugzwang bringt. Er muss jetzt liefern. Die Investoren jedenfalls sind schon seit Langem skeptisch, dass die bisherige Strategie der Bank aufgehen kann. Ein Misstrauen, das sich in einer Kennziffer manifestiert: 0,26. Die Zahl drückt aus, dass der Börsenwert der Bank nur 26 Prozent des Eigenkapitals beträgt – sprich, dass die Investoren dem Geldhaus nicht zutrauen, ein nachhaltig erfolgreiches Geschäftsmodell gefunden zu haben.

Sewing sieht das naturgemäß anders. Er betrachtet die Zahlen des ersten Quartals (mit einem Minigewinn von 200 Millionen Euro) und die seit seinem Amtsantritt kontinuierlich gesunkenen Kosten als Ausweise dafür, dass er auf dem richtigen Weg ist. Einen großen Strategieschwenk, beispielsweise durch deutlich tiefere Einschnitte ins seit Jahren strauchelnde Investmentbanking, soll es mit ihm nicht geben. Er will die Strategie eher in homöopathischen Dosen weiterentwickeln: mit zusätzlichen Einschnitten hier und da und mit neuen Wachstumsinitiativen an der einen oder anderen Stelle.

So hat er im vergangenen Dezember ein „Growth Council“ ins Leben gerufen. Das mit dem Vorstand und den Chefs der wichtigsten Ertragsbringer besetzte Gremium kommt einmal im Monat zusammen, um ausschließlich über Wachstumsfelder zu sprechen. Mit dem im ersten Quartal gestiegenen Kreditwachstum sieht sich Sewing in diesem Vorgehen bestätigt.

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Auch am Donnerstag schwor der oberste Deutschbanker seine Führungsmannschaft nochmals auf diese von ihm zum Dienstbeginn vor einem Jahr als „Jägermentalität“ bezeichnete Haltung ein: In einer Telefonkonferenz hämmerte Sewing seinen 150 wichtigsten Managern die Botschaft ein, nach dem Abbruch der Fusionsgespräche nicht nachzulassen und jetzt voll auf Wachstum zu setzen.

Dazu soll auch der zweite Deal dienen, an dem Sewing derzeit noch arbeitet und der wohl deutlich wahrscheinlicher zum Abschluss kommen wird: Die Fondsgesellschaft DWS soll mit derjenigen der UBS verschmolzen werden. Das Kalkül: Indem die UBS-Fonds in die DWS eingebracht werden, soll der Sparte zu neuer Größe verholfen werden in einem Markt, in dem zunehmend die Giganten wie Blackrock und Vanguard das Geschäft untereinander aufteilen.

Die Ironie dabei: Lange spottete man in Frankfurt, dass die bessere Deutsche Bank mittlerweile in Zürich stehe. Dort führte Verwaltungsratschef Axel Weber, der 2011 auch als Chef der Deutschen Bank im Gespräch war, die schwer angeschlagene UBS zurück in sicheres Fahrwasser – auch wenn in Zürich mittlerweile ebenfalls nicht mehr alles rundläuft.

Parallel will Sewing die Kosten weiter drücken. Dabei ist es auch nicht ausgeschlossen, dass es einen weiteren Arbeitsplatzabbau in der Bank geben wird, der über die bisherigen Pläne hinausgeht. Bisher plant das Geldhaus, die Zahl der Stellen von zuletzt weniger als 92.000 bis Ende des Jahres auf unter 90.000 zu drücken.

Es ist gut, wenn sich die Deutsche Bank auf die Rolle als starker Partner der Industrie fokussiert. Das geht bestimmt auch alleine! Klaus Rosenfeld, Vorstandschef des Automobilzulieferers Schaeffler

Ob das alles reicht? Dass die Investoren daran weiterhin Zweifel hegen, lässt sich am Aktienkurs der Bank wie an einer Fieberkurve ablesen: Seit Sewings Amtsantritt hat der Kurs rund ein Drittel seines Wertes verloren. Und auch am Donnerstag überwog nach anfänglicher Zuversicht wieder die Skepsis: Der Kurs rutschte am Nachmittag ins Minus.

Nach vielen Jahren mit immer neuen Heilsversprechungen des Managements gehen die Investoren die Fortschritte einfach nicht schnell genug. Sie sind ungeduldig, und einige von ihnen fordern einen radikaleren Strategieschwenk, beispielsweise durch drastischere Einschnitte im Investmentbanking und ein Zurechtstutzen der seit vielen Jahren kaum profitablen US-Einheit.

Angesichts der wachsenden Ungeduld der Investoren stellt sich die Frage, ob Sewing genug Zeit eingeräumt wird für diesen beharrlichen Weg, der – wenn überhaupt – nur sehr langsam zum Erfolg führen wird.

Die Geduld der Investoren mit einem anderen zentralen Spieler im deutschen Banken-Monopoly ist dagegen schon seit sehr langer Zeit reichlich überstrapaziert: Aufsichtsratschef Paul Achleitner gilt als einer der wichtigsten Triebfedern hinter dem jetzt gescheiterten Deal mit der Commerzbank. Und damit gilt er jetzt auch als einer der größten Verlierer. Zumal er einen großen Teil seines Berufslebens mit dem erfolglosen Versuch verbracht hat, die deutsche Bankenlandschaft neu zu ordnen. Schon vor 20 Jahren war er damit gescheitert, als Finanzvorstand der Allianz eine Ehe zwischen Deutscher und Dresdner Bank zu orchestrieren.

Der Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef gilt als eine der wichtigsten Triebfedern für den jetzt gescheiterten Deal. Tim Wegner/laif

Paul Achleitner

Der Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef gilt als eine der wichtigsten Triebfedern für den jetzt gescheiterten Deal.

Kein Wunder, dass sich Achleitner am Donnerstag bemühte, den Abbruch ostentativ zu befürworten: „So richtig die Entscheidung des Vorstands war, die Möglichkeit eines Zusammenschlusses mit der Commerzbank gründlich zu prüfen, so richtig ist die Entscheidung, diese nicht weiterzuverfolgen“, ließ er sich zitieren.

Achleitner hat sich dennoch in eine unglückliche Lage manövriert, zumal der Unmut der Anleger über den seit sieben Jahren amtierenden Aufsichtsratschef schon seit vielen Jahren besteht. Zu harmoniesüchtig und entscheidungsschwach sei der Österreicher, wurde ihm einst vorgeworfen, weil er zu lange an dem für die Bank desaströsen Vorstandschef Anshu Jain festgehalten hatte.

Nachdem sich der Nachfolger John Cryan ebenfalls als glücklos entpuppte, wollte Achleitner es dieses Mal besser machen: Also schmiss der ehemalige Goldman-Sachs-Banker den Briten Cryan vor einem Jahr raus und ersetzte ihn durch Sewing. Doch statt Beifall erntete Achleitner abermals deutliche Kritik auf der Hauptversammlung vor einem Jahr.

Und auch dieses Mal könnte es für den Oberaufseher der Bank ungemütlich werden: Mehrere Großinvestoren erwägen, ihn auf der Hauptversammlung im Mai nicht zu entlasten. Zumindest einen Denkzettel könnte Achleitner somit auf dem kommenden Aktionärstreffen kassieren.

Der Übernahmekandidat

Im Unterschied zu Sewing galt Commerzbank-Chef Zielke stets als deutlich enthusiastischer, was die Fusion angeht – womit Zielke sich den Zorn der eigenen Mitarbeiter zuzog. Einzelne Arbeitnehmervertreter drohten sogar damit, im Aufsichtsrat eine Revolte gegen den Vorstandschef anzuzetteln. Am Donnerstag, nach dem Scheitern der Fusionsgespräche, schrieb Zielke an die Mitarbeiter: „Ich weiß, dass viele von Ihnen nicht nachvollziehen konnten, warum wir diese Gespräche überhaupt geführt haben. Aber glauben Sie mir: Es gab gute Gründe hierfür. Wir wollen wachsen. Dazu gehört auch, externe Optionen zu prüfen.“

In diesen Worten spiegelt sich Zielkes Befürchtung, dass die auf das heimische Privat- und Firmenkundengeschäft spezialisierte Commerzbank allein zu klein ist, um auf Dauer auskömmliche Renditen zu erwirtschaften. Im vergangenen Geschäftsjahr verdiente die Commerzbank mit 865 Millionen Euro zwar deutlich mehr als die Kollegen von der Deutschen Bank, aber auch das reichte nur für eine Eigenkapitalrendite von 3,1 Prozent.

Die Angst, zu klein zu sein, ist nicht neu, sie treibt die Commerzbanker bereits seit Jahrzehnten um, und sie hat das Geldhaus zu zwei unglücklichen Zukäufen verleitet. 2005 übernahm die Commerzbank den Staats- und Immobilienfinanzierer Eurohypo, 2008 die Dresdner Bank. Beide Übernahmen kamen das Institut teuer zu stehen.

Deutsche Bank und Commerzbank: Zurück auf Los mauritius images / Bernd Wittelsbach

Blick auf Frankfurts Bankenviertel

Viele Analysten fordern von Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing eine deutlich angepasste Strategie.

Doch diese Pannen ändern nichts daran, dass Zielke grundsätzlichen davon überzeugt ist, dass die deutsche Bankenlandschaft dringend eine Konsolidierung braucht, deshalb hat er auch Interesse signalisiert, als die kränkelnde Landesbank NordLB Anfang des Jahres zum Verkauf stand.

Vor allem aber wollte Zielke endlich eine Entscheidung in Sachen Deutscher Bank. Nach dem Scheitern der Gespräche hat Zielke jetzt allerdings ein Problem, das ein anderer deutscher Spitzenbanker auf den Punkt bringt: „Ich habe nicht verstanden, dass er sich so eindeutig positioniert hat, die Commerzbank gilt jetzt in der Öffentlichkeit als Übernahmeziel, das alleine nicht zurechtkommt.“ Tatsächlich haben mit der italienischen Großbank Unicredit und der niederländischen ING in den vergangenen Monaten bereits zwei europäische Konkurrenten vorsichtig beim Großaktionär Bundesregierung vorgefühlt, wie sie denn zu einer möglichen Übernahme stünde.

Drei Argumente machen die Commerzbank für internationale Bieter grundsätzlich interessant: Sie hat eine gute Marktstellung in der größten europäischen Volkswirtschaft, mit einem Marktwert von rund zehn Milliarden Euro wäre die Bank vergleichsweise günstig zu haben, und sie hat zahlreiche Privat- und Firmenkunden, die andere Geldhäuser auch gerne hätten. „Die Absage an eine nationale Fusion hat die Tür für eine Konsolidierung auf europäischer Ebene geöffnet“, sagt etwa Deka-Experte Ingo Speich.

Das sehen die Commerzbanker allerdings etwas anders. Die Strategen des Geldhauses haben bereits alle möglichen internationalen Permutationen durchkalkuliert. Ergebnis: Grenzüberschreitende Zusammenschlüsse rechnen sich deutlich schlechter als nationale.

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Grund: Harte Kostensynergien spielen bei internationalen Fusionen eine kleinere Rolle, außerdem ist der europäische Bankenmarkt regulatorisch noch immer zersplittert, was es ebenfalls schwieriger macht, Effizienzgewinne zu heben. Bleiben Ertragssynergien, doch die bleiben häufig Hoffnungswerte. Im Commerzbankturm stellen sich die Verantwortlichen in den kommenden Wochen zwar auf viel Lärm rund um internationale Interessenten ein, aber letztlich auf Lärm um nichts.

Deutsche und Commerzbank stehen nun wieder vor den gleichen Problemen, die sie seit Jahren mit sich herumschleppen. Zwei Vorstandschefs und zwei Aufsichtsratschef haben sich gegen den einen, hochriskanten Befreiungsschlag entschieden und für den deutlich steinigeren Weg der allmählichen Sanierung und Erneuerung. Nach all den Bankenfusionen und -übernahmen der vergangenen zwei Jahrzehnte, die die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnten, ist das erst einmal keine schlechte Nachricht. Aber die Absage löst auch noch kein einziges Problem.

Kommentare (1)

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Herr Andre Peter

26.04.2019, 16:50 Uhr

Wenn sich die Deutsche Bank darauf konzentriert wieder vernünftige Gewinne einzufahren trotz der Schwierigkeiten, welche die Regulierung und die Niedrigzinsen sowie der Negativzins für Einlagen bei der EZB bereiten, dann ist die Deutsche Bank auf dem rechten Weg. Dazu gehört allerdings auch, dass keine enormen Boni mehr gezahlt werden, die mehr als 10 % des Börsenwertes der Bank ausmachen oder mehr als 50 % des Gewinnes. Da müssen klare Regeln her.
Falls die Gewerkschaften da Probleme bereiten, so sollte ihnen klar sein, dass der europäische Banken - Standort vernichtet wird. Technologisch existiert Europa eh schon nicht mehr auf der Weltkarte - siehe Tencent - Amazon - Apple - Uber ....

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