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23.11.2018

04:00

Angetrieben wird diese Entwicklung von Banken, Kreditkartenunternehmen, aber auch Amazon, Google und Apple.

Bargeld wird aus unserem Alltag verdrängt

Angetrieben wird diese Entwicklung von Banken, Kreditkartenunternehmen, aber auch Amazon, Google und Apple.

Devisen

Das Ende des Bargelds – Wie Bezahldienste unsere Welt verändern

Von: Katharina Schneider, Elisabeth Atzler, Sha Hua, Britta Weddeling, Helmut Steuer

Kaum jemand in der Welt bezahlt so gerne mit Münzen und Scheinen wie die Deutschen. Dank Smartphone setzt sich aber das elektronische Bezahlen unaufhaltsam durch.

Frankfurt, Peking, Stockholm, San FranciscoEs geht alles ganz schnell: Der Kunde des Supermarkts in der 7th Street in Seattle greift sich einen Salat, ein paar Müsliriegel und belegte Brote, lässt alles in seiner Tasche verschwinden, spaziert durch den Ausgang hinaus und taucht im hektischen Feierabendgewusel unter. Kein Alarm, keine Security hält ihn auf.

Willkommen bei Amazon Go, wo sich jeder Einkauf anfühlt wie ein Ladendiebstahl. Auf knapp 170 Quadratmetern zeigt Amazon-Gründer Jeff Bezos den Einkauf der Zukunft. Im Vordergrund steht das Erlebnis, nicht das lästige Bezahlen.

Möglich machen das die Amazon-Go-App, mit der sich die Kunden am Eingang identifizieren, und Tausende Sensoren und Kameras, die jeden Handgriff, jede Bewegung des Einkäufers registrieren. Vorab muss der Kunde ein Amazon-Konto einrichten, über das der Einkauf abgerechnet wird. Sechs solcher Shops hat der Onlinehändler bereits in den USA eröffnet, bis 2021 sind 3.000 Filialen geplant.

Das Bezahlen der Zukunft beschränkt sich keineswegs auf Hightech-Geschäfte. Sein Bezahlsystem Amazon Pay will der E-Commerce-Riese auch in Restaurantketten oder Tankstellen einführen. Dort können Kunden einfach mit ihrem Smartphone bezahlen.

Google und Apple haben solche Dienste schon seit Jahren. In Deutschland ist seit Kurzem die Bezahl-App von Google – Google Pay – am Markt. Auch Apple steht mit seinem eigenen Bezahldienst Apple Pay kurz vor dem Start.

Handelsblatt live

„Vom bargeldlosen Bezahlen profitieren nur die Amerikaner – und das ist so geplant"

Handelsblatt live: „Vom bargeldlosen Bezahlen profitieren nur die Amerikaner – und das ist so geplant"

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Es sind die Speerspitzen einer technologischen Revolution: Rund 2 500 Jahre nach Erfindung des Münzgelds und etwa 1 000 Jahre nach dem ersten Geldschein wird das Bargeld mit großer Macht und hoher Geschwindigkeit aus unserem Alltag verdrängt. „Die Welt verändert sich, auch in Deutschland“, sagt Alfred Kelly, Chef vom Kartengiganten Visa im Interview mit dem Handelsblatt.

Angetrieben wird diese Entwicklung von Banken, Kreditkartenunternehmen, aber auch Amazon, Google und Apple. Schon seit vielen Jahren verändert der Siegeszug des E-Commerce den Einzelhandel und macht Kreditkarten oder andere elektronische Zahlmittel notwendig. Deutschland wird den gleichen Weg gehen wie die USA, Schweden oder die Niederlande.

Dort ist bereits heute elektronisches Bezahlen beliebter als Bargeld. Und in China haben die mobilen Apps von Alipay mit 520 Millionen Nutzern und WeChat Pay mit 900 Millionen Kunden die Münzen und Scheine längst an den Rand gedrängt.

Davon scheint Deutschland noch weit entfernt. Hier wird das Bargeld geradezu mystifiziert. Doch Experten erwarten große Veränderungen. Vor allem junge Deutsche sind die vielen Münzen in der Hosentasche leid, sie wollen schnell und bequem zahlen – überall.

Neue Bezahlsysteme machen das möglich und könnten dem Bezahlen per Smartphone zum Durchbruch verhelfen. Die Banken stehen in Alarmbereitschaft, könnten sie doch durch die neuen Anbieter aus dem lukrativen Geldfluss gedrängt werden.

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Was für das Silicon Valley und für manchen Zukunftsfan die schöne neue Welt des Bezahlens ist, treibt Skeptikern in Deutschland die Sorgenfalten auf die Stirn: Sie fürchten, dass durch die Abschaffung des Bargelds ältere Menschen und andere Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen werden.

Sie fürchten um die individuelle Freiheit, Bürger könnten durch Banken, Staat und Konzerne effizient und allumfassend überwacht werden. „Bargeld ist der letzte Hort individueller Freiheit, wer nur elektronisch zahlt, wird völlig gläsern“, sagt Friedrich Schneider, Ökonom an der Universität Linz. Niemand wisse, wer all die gesammelten Daten in die Hände bekomme. Zudem gäbe es für die Bürger dann kein Entkommen mehr vor den Negativzinsen der Banken.

Was also kommt da auf uns zu? Eine radikale Erleichterung unseres Alltags – oder ein Verlust einer der letzten Bastionen an bürgerlicher Freiheit?

Elektronischer Klingelbeutel

Wer die Zukunft des Bezahlens erleben will, muss nicht gleich nach Seattle fliegen. Eine Fahrt nach Stockholm reicht völlig aus. Etwa zum Hotel Rival, das von Benny Andersson betrieben wird. Der war Gründungsmitglied von der Popgruppe Abba, die mit Hits wie „Money, Money, Money“ weltberühmt wurde. „Kontantfritt – Cashless“ steht auf einem kleinen Schild an der Rezeption.

Wer keine Kreditkarte parat hat, muss sich ein anderes Nachtquartier suchen. Das edle Art-déco-Hotel akzeptiert schon seit Jahren kein Bargeld mehr. „Das Handling ist kompliziert, und die meisten unserer Gäste haben sowieso eine Kreditkarte“, erklärt die Rezeptionistin.

Auch in Bussen der Nahverkehrsbetriebe in den größeren Städten wird in Schweden kein Bargeld mehr akzeptiert. In vielen Geschäften informiert ein Aufkleber an der Tür: „Wir akzeptieren kein Bargeld“. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Kunde nur ein Brötchen oder gleich einen ganzen Backofen kaufen will.

Nach Schätzungen des schwedischen Einzelhandelsverbands werden mehr als 90 Prozent aller Einkäufe mit Kreditkarte oder Handy abgewickelt. Selbst der Klingelbeutel in einigen Kirchen wurde digitalisiert: Die Kollekte wird per „Swish“ entrichtet, einem mobilen Zahlungssystem, das gemeinsam von vier schwedischen Großbanken entwickelt wurde.

Schweden war beim Bezahlen schon mal Vorreiter: Um 1660 führten sie als erstes Land in Europa Banknoten als Zahlungsmittel ein. In nicht allzu ferner Zukunft könnten sie auch die Ersten sein, die Banknoten wieder abschaffen. „Bargeld braucht nur noch deine Oma und der Bankräuber“, werben die Finanzdienstleister in einer Kampagne.

Nach Berechnungen der königlich-technischen Universität KTH befinden sich nur noch weniger als 78 Milliarden Kronen (8,4 Milliarden Euro) in Umlauf. Vor acht Jahren waren es noch 109 Milliarden. Bis 2030, so die Prognose von Niklas Arvidsson, dem Autor der Studie „The Cashles Society“, wird das Bargeld in Schweden verschwinden. Getrieben wird das von der Technikbegeisterung der Schweden, die sich in allen skandinavischen Ländern spiegelt. Ob Finnen oder Dänen, sie sorgen sich wenig darum, dass ihre Daten missbraucht werden. Es herrscht ein Grundvertrauen in den Staat und seinen Datenschutz.

In Deutschland herrscht dagegen das Bargeld. Im Jahr 2017 wurden laut Deutscher Bundesbank 74 Prozent der Transaktionen bar bezahlt. Auf die Girocard – ehemals EC-Karte – entfielen 18 Prozent und auf Kreditkarten nicht einmal zwei Prozent.

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Insbesondere bei kleineren Beträgen bis 20 Euro liegt Bargeld vorn. „Offensichtlich wird die Barzahlung in Deutschland als sicheres und einfaches Zahlungsmittel angesehen“, sagt Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz.

Das hat nicht zuletzt historische Gründe. Ob die Hyperinflation in den Zwanzigerjahren oder der Zusammenbruch der Reichsmark nach dem Zweiten Weltkrieg – die Erfahrungen prägten die Menschen, das Misstrauen gegenüber dem Finanzsystem sitzt tief.

„Anfang des 20. Jahrhunderts war schon der Scheckverkehr weniger weit entwickelt als etwa in Großbritannien“, sagt Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Frankfurter Universität. Nur die wenigsten hätten eine Bankverbindung gehabt. „Und so horteten die Menschen ihr Bargeld zu Hause – auch vor Gebühren waren sie dadurch sicher.“

Aber das Bild wandelt sich nach und nach. Der Anteil der Kartenzahlungen steigt seit Jahren kontinuierlich. Vor zehn Jahren bezahlten die Deutschen nur 35 Prozent ihrer Einkäufe im Einzelhandel mit einer Geldkarte, heute sind es fast 47 Prozent.

In einem aktuellen Report zu „Global Payments“ konstatiert die Unternehmensberatung BCG, dass die bargeldlos bezahlten Beträge im Schnitt kleiner werden. Damit fügt sich Deutschland in einen internationalen Trend, der nicht zuletzt durch die Verbreitung der Funktechnologie NFC (Near Field Communication) gefördert wird.

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Beim Bezahlen per Smartphone oder App gibt es in Deutschland schon jetzt zahlreiche Dienste. Andere Konzerne legen jetzt erst los. Eine Orientierung.

Dabei halten die Kunden ihre Bank- oder Kreditkarte nur kurz ans Kassenterminal – und schon ist der Einkauf bezahlt. Das ist schneller und bequemer, als die Karte in das Kassengerät zu stecken, zumal bei Beträgen bis 25 Euro meist keine PIN eingegeben werden muss.

Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage hat jeder fünfte Inhaber einer Girocard schon einmal auf diese Weise bezahlt – im Vorjahr waren es erst sieben Prozent.

Kaffee per App bestellen

Bahnbrechend für das elektronische Bezahlen könnten Smartphone-Apps werden – Google Pay, Apple Pay oder Konkurrenzangebote der Banken. So sieht das zumindest Oliver Hommel. Beim mobilen Bezahlen habe Deutschland noch einen „echten Nachholbedarf“, findet der Zahlungsverkehrsexperte der Beratungsgesellschaft Accenture.

Mit Google Pay können deutsche Kunden erst seit diesem Sommer bezahlen, seit 2015 ist es in den USA am Start. Apple Pay veröffentlichte bereits eine Liste von Kooperationspartnern wie Deutsche Bank oder HypoVereinsbank, die deutsche Markteinführung steht kurz bevor. In den USA wurde die App bereits 2014 gestartet. Auch in etlichen europäischen Nachbarländern ist sie schon länger verfügbar.

Um die Dienste von Google und Apple nutzen zu können, benötigen Nutzer die Kreditkarte eines kooperierenden Finanzdienstleisters. Im Laden halten sie dann einfach ihr Smartphone ans Kassenterminal. „Dank Google und Apple dürfte das mobile Bezahlen in Deutschland im kommenden Jahr deutlich an Fahrt gewinnen“, sagt Ercan Kilic, Leiter Mobile Solutions & Financial Services bei GS1, einem Dienstleister für Standardisierungen. „Die Unternehmen haben eine enorme Reichweite, ein riesiges Werbebudget und können ihre Attraktivität künftig noch steigern, indem sie Händler-Coupons in ihre Apps integrieren.“

Auch Jochen Siegert, Vorstand der Interbanken-Plattform Traxpay und Zahlungsverkehrsexperte, glaubt an den Erfolg. „Nutzer können damit nicht nur an der Ladenkasse zahlen, sondern auch in Apps und beim Onlineshopping“, sagt er. Dies sei insofern relevant, da auch in Deutschland bereits viele Kunden über das Smartphone im Internet einkaufen.

Ausgerechnet in ihrem Heimatmarkt USA haben es Apple und Google allerdings noch nicht geschafft, beim Bezahlen im Laden zum Marktführer unter den Apps aufzusteigen. Und das hat einen guten Grund: Nach Zahlen der US-Statistik-Plattform eMarketer verbucht die App der Kaffeekette Starbucks die meisten Nutzer.

Mit rund 23 Millionen sollen es zuletzt etwas mehr als bei Apple Pay und doppelt so viele wie bei Google Pay sein. Vorteil bei Starbucks: Kunden können schon auf dem Weg zum Café ihr Getränk ordern und bezahlen und es vor Ort direkt mitnehmen.

Rabattaktionen machen das Angebot zusätzlich attraktiv. In Deutschland plant die Fast-Food-Kette McDonald’s, das gleiche Prinzip bis Jahresende in 200 Filialen einzuführen, auch bei der Pizza- und Pasta-Kette Vapiano können Kunden in vielen Restaurants schon länger bargeldlos mit der App bezahlen.

Technologiesprung in China

An der Mautstation zum Pekinger Flughafen bietet sich jeden Tag das gleiche Bild. Die Autos stehen Schlange. Wenn der Verkehrsfluss kurzzeitig zum Erliegen kommt, spielt sich für Nichteingeweihte ein merkwürdiges Ritual ab. Es geht eine Autotür auf, eine Person läuft mit Smartphone in der Hand zum nächsten Wagen, klopft ans Fenster. Wird es heruntergekurbelt, scannt sie mit ihrem Smartphone den Handy-Bildschirm des Fahrers und bekommt Geld in die Hand gedrückt.

Des Rätsels Lösung: An der Mautstation wird nur Bargeld akzeptiert. Mithilfe einer Smartphone-App helfen sich die Leute gegenseitig aus. Die Zahlstation wirkt wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Bargeld ist in China längst in den Hintergrund gerückt.

Im vergangenen Jahr benutzen laut einer Erhebung der Zentralbank fast 80 Prozent der Chinesen mobile Zahlsysteme – 2016 waren es erst 22 Prozent. Zwei Drittel der Befragten nannten Rabattaktionen von den Bezahlplattformen als Grund. Begünstigt wurde ihr Erfolg von einer vergleichsweise schwachen Infrastruktur der chinesischen Banken und einer geringen Verbreitung von Kreditkarten.

Viele Händler und Gastronomen haben sich dagegen auf das neue Bezahlverhalten eingestellt – und beschleunigen dadurch den Einkauf. Das zeigt sich an Schnellrestaurants wie McDonald’s oder KFC. Gleich am Eingang sind mehrere Bildschirme aufgebaut, auf denen die Kunden Burger, Menüs und Getränke auswählen und dann per Smartphone bezahlen können – das Einscannen eines QR-Codes genügt.

Die Theke ist in zwei Bereiche geteilt: Auf der einen Seite werden noch immer Bestellungen entgegengenommen. Auf der anderen holen Kunden die zuvor per Handy ausgewählten und bezahlten Speisen nur noch ab.

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Treiber des mobilen Bezahlens in China sind die Technologiekonzerne Ant Financial und Tencent mit ihren Apps Alipay und WeChat Pay. Alipay ist 2004 als Bezahlmethode für den Onlinehandel gestartet und hat sich seither zur Lifestyle-Plattform entwickelt.

700 Millionen Nutzer können darüber ihr ganzes Leben steuern – das nächste Restaurant finden, ein Taxi bestellen, einen Arzttermin vereinbaren – und natürlich auf allen Kanälen bezahlen. „Das gesamte Konzept ist konsequent vom Konsumenten aus gedacht“, sagt Alipays Europa-Chef Robert Palmer.

Tencents Plattform WeChat Pay dagegen ist aus einem Chat-Dienst entstanden – und feiert unfassbare Erfolge. Ganze 900 Millionen Nutzer haben die Erweiterung in ihrer WeChat-App freigeschaltet. Auch hier ist das Bezahlen nur eine von vielen Funktionen.
Das Bezahlen per Smartphone ist aber erst der Anfang. Auch Fitnessarmbänder, Ringe oder gar wiederverwendbare Kaffeebecher mit NFC-Chip könnten die Kreditkarte ersetzen. Erprobt wird auch das Bezahlen per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung. Alipay nutzt das schon: Bei „Smile to pay“ reicht der Blick in eine Kamera, um einzukaufen oder etwas zu essen zu bestellen.

Das Geld sitzt lockerer

Der Gedanke an eine solche Technologie lässt hierzulande so manchem das Lächeln einfrieren. Schließlich hat die schöne neue Bezahlwelt auch Schattenseiten: Bei jeder elektronischen Zahlung werden Daten über die Kunden gespeichert – erst recht, wenn das Ganze auch noch per Gesichtserkennung funktioniert. Gefährlich wird das, wenn solche Daten missbraucht werden.

In China beispielsweise hat der Staat leichten Zugriff auf Daten. Es gibt Überwachungskameras mit Gesichtserkennungsfähigkeiten an Bahnhöfen, in Flughäfen und sogar in Taxen, wo jedes Gespräch mit aufgezeichnet wird. Die großen Internetunternehmen in China benutzen Künstliche Intelligenz und beschäftigen Tausende von Mitarbeitern, um problematische Inhalte auf sozialen Plattformen zu löschen.

WeChat soll auch nach politisch sensiblen Posts fahnden und die Autoren dem Staat offenlegen. Da liegt es nahe, auch die Finanzdaten zur Überprüfung heranzuziehen. Manche befürchten, dass ein totalitäres Überwachungssystem drohen könnte, wie es einst George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat.

In Europa scheint das schon wegen strenger Datenschutzgesetze unmöglich. Doch beim bargeldlosen Bezahlen werden auch hier jede Menge Daten gespeichert. Bei Zahlungen per Girocard wandern diese an die Bank. Bei Kreditkartenzahlungen sind die Kartenanbieter mit im Spiel und bei mobilen Bezahlverfahren die App-Betreiber.

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Eine Karte in ein Lesegerät zu stecken ist fast schon überholt. Längst gibt es neue Methoden zum bargeldlosen Zahlen – sogar per Gesichtserkennung.

Johannes Caspar sieht das mit großer Sorge. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte ist in Deutschland für Google zuständig. „Dass Google – wie auch andere global agierende Internetdienstleister – verstärkt in das Bankgeschäft eingreift, ist aus Datenschutzsicht überaus problematisch“, sagt er. „Über Finanzdienstleistungen sind zahlreiche Informationen, nicht nur über Konsumgewohnheiten, sondern auch über die persönlichen Vermögensverhältnisse und die Kreditfähigkeit von Personen verbunden.“ Das Wissen hierüber sei lukrativ und ließe sich in ganz unterschiedlicher Weise nutzen.

Ökonom Friedrich Schneider befürchtet: Die Daten könnten von Unternehmen oder auch von staatlichen Institutionen ausgewertet werden. „Wer behauptet, er habe nichts zu verbergen, hat noch nicht genug über das Thema nachgedacht“, meint Schneider. Von sich aus würde kaum jemand all die Informationen veröffentlichen, die in den Zahlungsdaten stecken. Er selbst zahle auch gelegentlich mit Karte, „aber ich bin mir der Risiken bewusst und möchte eine Wahlmöglichkeit haben“.

Je mehr Geräte mit dem Internet und dem Bankkonto oder der Kreditkarte verknüpft sind, desto gläserner werden die Verbraucher. „Internet der Dinge“ heißt dieser Trend und praktische Beispiele gibt es längst.

So bestückt beispielsweise Hello Fresh deutsche Unternehmen mit Snackautomaten, die selbstständig ordern, wenn sich Fertiggerichte und Smoothies dem Ende neigen. Die hungrigen Mitarbeiter öffnen den Automaten per Fingerabdruck, der Warenwert wird einfach von ihrem Konto abgebucht. Auch der Kühlschrank zu Hause soll künftig selbstständig Milch bestellen, das Auto bezahlt per Internet und Standortbestimmung den Parkplatz. All das vergrößert das Datenprofil des Nutzers.

Schneller und bequemer soll es werden, die Kunden müssen immer weniger tun. Das versprechen auch Sprachassistenten. Wer mit belegter Stimme zu Amazons Alexa spricht, könnte künftig Hustensaft angeboten bekommen. Eine kurze Zustimmung genügt, schon wird die Medizin bestellt. Mit dem Bezahlen muss sich der Kunde nicht beschäftigen, das wird im Hintergrund über Amazon Pay oder eine hinterlegte Kreditkarte abgewickelt.

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Ähnlich ist es bei Amazons „Dash-Buttons“, die in Deutschland seit zwei Jahren verfügbar sind. Die kaum daumengroßen Geräte sind mit dem Internet verbunden. Auf Knopfdruck können Kunden damit Produkte des täglichen Gebrauchs nachbestellen – Toilettenpapier, Kaffee oder Geschirrspülmittel.

Nach Ansicht von Verbraucherschützern geht dieser Einkauf jedoch zu schnell, da den Kunden beim Knopfdruck der Preis des Produkts nicht angezeigt werde. Ob der Vorwurf stimmt, darüber entscheiden derzeit die Gerichte. Der Rechtsstreit zeigt aber ein grundlegendes Problem auf: Wenn das Bezahlen derart unsichtbar wird, können Verbraucher den Überblick verlieren. Das Geld sitzt womöglich lockerer – eine Gefahr für Menschen, die sich mit persönlichen Finanzen schwertun.

Doch damit nicht genug: Wenn das Bargeld an Bedeutung verliert, kann das zum Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen führen. Sebastian Seifert hat 2011 das Finanz-Start-up Barzahlen.de gegründet. Auf den ersten Blick wirkt es, als habe er sämtliche Trends in der Bezahlwelt verschlafen.

Doch das Gegenteil ist richtig: „Beim Bezahlen gibt es sehr unterschiedliche Nutzertypen. Insbesondere für Menschen mit vergleichsweise niedrigem Einkommen oder hohem Sicherheitsbewusstsein spielt Bargeld noch immer eine große Rolle“, sagt er

Zahlen der Bundesbank bestätigen das. Demnach zahlen Bürger mit einem monatlichen Einkommen von weniger als 1 500 Euro deutlich häufiger mit Bargeld als Besserverdiener mit einem Gehalt von mehr als 3 000 Euro.

Mit Barzahlen.de können die Nutzer Onlinerechnungen Tausender Händler bar an den Ladenkassen von Kooperationspartnern wie dm, Real und Rewe begleichen. Nutzer können an der Supermarktkasse die Stromrechnung begleichen oder sich Geld auszahlen lassen. „Mit Barzahlen.de schlagen wir dem Bargeld die Brücke ins digitale Zeitalter“, sagt Seifert, „so werden bargeldaffine Zielgruppen nicht von der Digitalisierung ausgeschlossen.“

Gefahr für Banken: Wenn der Kunde zum Unbekannten wird

Gefahr für Banken

Wenn der Kunde zum Unbekannten wird

Banken befürchten, beim mobilen Bezahlen von Tech-Konzernen abgehängt zu werden. Dabei geht es nicht nur um Geld – sondern auch um Informationen.

Auch für ältere Leute kann der Bargeld-Bann zum Problem werden. In Schweden beklagen Seniorenverbände bereits, dass viele ihrer Mitglieder weder Smartphone noch Kreditkarte besitzen und sich immer häufiger ausgeschlossen fühlen. Ein Argument, das bislang allerdings auf taube Ohren stößt.

In China dagegen hat man offenbar auf Verbraucherbeschwerden reagiert: Im August teilte eine Zweigstelle der chinesischen Zentralbank auf ihrer Webseite mit, dass Läden, die Bargeld ablehnen, mit einer Geldbuße belegt werden.

Schwarzarbeit gibt es weiter

Insbesondere in Krisenzeiten kann Bargeld von Bedeutung sein. Schon ein Stromausfall nach einem Sturm zeigt, wie wertvoll Geldscheine und Münzen sein können. Auch bei Finanzkrisen, in denen Kapitalmarktkontrollen eingeführt werden oder gar Banken pleitegehen, ist Bargeld das sicherste Zahlungsmittel.

Zudem schützt die Möglichkeit, Scheine und Münzen vom Bankkonto abzuheben, die Sparer vor Negativzinsen. Ohne Bargeld könnten die Banken privaten Kunden ungehemmt Minuszinsen in Rechnung stellen. Harvard-Professor Kenneth Rogoff forderte schon vor zwei Jahren, möglichst wenig Banknoten in Umlauf zu bringen, um Kriminalität und Steuerhinterziehungen zu erschweren – aber auch, um den Einsatz von negativen Zinsen zu erleichtern.

Einen Rückgang der Schwarzarbeit und der Geldwäsche streitet Ökonom Schneider nach jahrelanger Forschung jedoch ab: „Auch ohne Bargeld wird es Schwarzarbeit geben, der Ablauf wird dann nur ein bisschen komplizierter und läuft beispielsweise über Prepaid- oder Gutscheinkarten.“ Auch die organisierte Großkriminalität lässt sich Schneider zufolge durch die Abschaffung von Bargeld nicht aufhalten. „In Krimis werden regelmäßig Geldkoffer überreicht, da können die echten Kriminellen nur lachen.“ Wer Geld waschen will, mache das eher über Scheinfirmen.
Schneider sieht noch mehr Nachteile: Angesichts einer zunehmenden Cyberkriminalität können Hacker Kreditkartendaten stehlen und missbrauchen. Und nicht zuletzt habe Bargeld auch eine wichtige Erziehungsfunktion: Kinder können es sich nicht vorstellen, wenn man ihnen sagt, dass nach einem Einkauf weniger Geld auf dem Konto ist. Aber wenn weniger Münzen und Scheine im Portemonnaie sind, verstehen sie das schnell.

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Bundesbank-Vorstand Balz betont: „Der Verbraucher soll selbst entscheiden können, wie er bezahlt. Uns geht es darum, dafür zu sorgen, dass ein breiter Mix an sicheren und effizienten Zahlungsmitteln zur Verfügung steht.“ Er sehe für Deutschland derzeit nicht, „dass wir uns mittel- oder sogar langfristig der bargeldlosen Gesellschaft nähern“. Gleichwohl sinkt der Anteil der Barzahlungen seit Jahren. Balz vermutet, dass sich die Tendenz fortsetzt.

Mit welchem Tempo – darüber sind die Meinungen geteilt. Bisher aber lässt die Begeisterung der deutschen Kunden auf sich warten. 64 Prozent der Verbraucher sind skeptisch, wenn es um das Bezahlen per Handy geht, ergab eine Umfrage des Handelsforschungsinstituts EHI. Sie haben unter anderem Zweifel wegen Datenschutz und Sicherheit – und sehen die möglichen Vorteile nicht.

Doch es wäre nicht das erste Mal, dass sich etwas erst langsam und ab einem bestimmten Punkt rasant durchsetzt. „Es ist in der Regel so, dass die Bedenken nach und nach fallen, wenn immer mehr Menschen eine neue Technik nutzen. Der soziale Einfluss ist groß“, sagt Felix Sühlmann-Faul, der sich als Techniksoziologe mit den Folgen der Digitalisierung beschäftigt. „Wenn Menschen zusehends per Smartphone bezahlen und davon Familie und Freunden erzählen, wird die Nutzerzahl schnell steigen.“

Als Vergleich nennt Sühlmann-Faul die Handys, die sich von einem Gimmick in den Neunzigerjahren zum unverzichtbaren Begleiter wandelten. „Das Konsumentenverhalten ändere sich nur evolutionär und nicht von heute auf morgen, sagt auch Markus Braun, Vorstandschef des Zahlungsdienstleisters Wirecard. „Bei vielen Technologien gibt es am Anfang eine kurze Hypephase, dann werden sie verteufelt. Und am Ende setzt sich doch der Mehrwert durch.“

Die Anbieter müssten dazu aber lange durchhalten. Als Belohnung winkt ein unglaublicher Erfolg, wie Braun bestätigen kann. Sein Unternehmen Wirecard war als ehemaliger Neuer-Markt-Wert lange Zeit abgeschrieben, um heute im Leitindex Dax zu notieren.
Auch den milliardenschweren US-Tech-Konzernen ist das Wort Kapitulation fremd. Ihnen folgen immer mehr deutsche Unternehmen. So eifert etwa der Elektronikhändler Saturn Amazon Go nach und testet den Verzicht auf klassische Kassen.

Per Smartphone-App sollen die Kunden künftig die Barcodes ihrer gewünschten Produkte scannen und sie in der App per Kreditkarte oder Paypal zahlen. Danach spazieren sie damit einfach aus dem Laden, denn auch die Diebstahlsicherung an den Waren wird per App deaktiviert. In der Hamburger Altstadt – in einem Laden mit 18 000 Quadratmeter Fläche – soll das System die herkömmlichen Kassen noch dieses Jahr ergänzen.

Wie das Bargeld könnte übrigens auch der Ladendiebstahl der Vergangenheit angehören. In Supermärkten wie dem Amazon Go erfassen die Sensoren einfach alles. Nun, fast alles.

Eine Reporterin vom US-Börsenfernsehen berichtete stolz auf Twitter, einen Joghurt geklaut zu haben. „Lassen Sie es sich schmecken“, sagte Gianna Puerini, Chefin von Amazon Go. Das passiere so selten, Amazon würde sich darum nicht weiter kümmern.

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Kommentare (7)

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Herr Thomas Riemke

23.11.2018, 08:59 Uhr

Ohne Bargeld gibt es keine Freiheit mehr, man wird Sklave des Systems.

Nun, etwas Gutes ist doch dran am bargeldlosem Bezahlen. Man kann noch nach 35 Jahren nachvollziehen, was man alles am 12.08.2019 im Getränkeladen gekauft hat, oder am 25.07.2019 im Puff. Nun, wem es gefällt.....

Frau Petra Hosch

23.11.2018, 09:45 Uhr

Ich stimme Herrn Riemke zu. Wie soll man den Wert des Geldes kennenlernen, wenn man es nicht in die Hand nehmen kann? Das gilt nicht nur für Kinder. Eine Bevölkerungsgruppe wäre dann ganz vom Einkauf in Geschäften ausgeschlossen: Geistig behinderte Menschen, sofern sie aufgrund ihrer Behinderung des Rechnens nicht mächtig sind. So etwas würde meines Erachtens gegen den Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz verstoßen. Beste Grüße

Herr Matthias Moser

23.11.2018, 09:48 Uhr

Nur bares ist wahres

Es wäre das Ende unserer individuellen Freiheit. Ich muß die Wahl behalten, ob ich mit Kreditkarte (kontrollierbar) oder bar (schwer oder unkontrollierbar) bezahle.

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