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19.12.2018

04:19

Finanzsektor

Personalexperte Wilm: „In bestimmten Segmenten sehen wir Entlassungen“

Von: Peter Köhler, Robert Landgraf

Der Personalberater Nils Wilm erwartet, dass die Investmentbanken wegen des nachlassenden Übernahmebooms Stellen abbauen.

Im Finanzsektor steigt im Top-Management die Nachfrage nach Vorständen und Risikomanagern. dpa

Skyline von Frankfurt

Im Finanzsektor steigt im Top-Management die Nachfrage nach Vorständen und Risikomanagern.

Als ehemaliger Aktienhändler der Deutschen Bank kennt Nils Wilm, Chef von Bankenwelt Executive Search, die schwankenden Mitarbeiterzahlen der Investmentbanken aus eigener Erfahrung. Der 40-jährige Berater befürchtet ein schwieriges Jahr 2019.

Investmentbanker rechnen im nächsten Jahr mit einer geringeren Zahl an Fusionen und Übernahmen. Können die Banken das auffangen?
Wir sehen aktuell M&A-Teams bei den marktführenden Spielern, die an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten. Die Teams wurden dieses Jahr rund zehn Prozent aufgestockt. Bricht der Markt ein, wird es sofort Anpassungen geben. Hier sind meistens höhere Hierarchieebenen betroffen. Die Seniors mit über zehn Jahren Berufserfahrung sind teuer und nicht alle haben die wertvollen Kundenkontakte.

Gleichzeitig dürfte das Geschäft mit Börsengängen angesichts der Marktturbulenzen schlecht laufen.
Auch im Bereich Equity Capital Markets sehen wir Risiken, und durch die Rückkehr der Kursschwankungen werden weitere Börsenkandidaten ihre Pläne revidieren. Dies schlägt sofort auf den dünnen Personalbestand im Bereich ECM bei Banken und Beratern in Frankfurt durch. Wir sehen hier kaum noch Nachfrage nach Personal und rechnen mit Kapazitätsanpassungen im Jahr 2019.

Sind sogar Entlassungen zu befürchten, oder wird der befürchtete Einbruch dadurch aufgefangen, dass Banken angesichts des erwarteten Brexits Stellen verlagern?
In bestimmte Segmenten sehen wir Entlassungen bei zurückgehendem Geschäftsvolumen. Jedoch wird die durch den Brexit ausgelöste Sonderkonjunktur in Frankfurt Entlassungen in bestimmten Bereichen überkompensieren. Große Institute werden insgesamt weiter stark aufbauen.

Haben die Banken nicht bereits viele neue Leute eingestellt?
In der Tat haben die vom Brexit betroffenen Institute schon einen Großteil ihres Personalbedarfs im Backoffice, dem Verwaltungsbereich, gedeckt. Viele Banken sind gezwungen, eine eigene Banklizenz bei der Bafin zu beantragen. Hier bedarf es zur Lizenzerteilung etwa zweier Vorstände, einen für Markt und einen für Marktfolge. Die Nachfrage nach Vorständen und Risikomanagern steigt daher schon das gesamte Jahr über.

In welchen Bereichen holen die Banken die meisten neue Leute?
Die Einstellungen haben sich 2018 auf die Bereiche Risiko, Überwachung (Audit) und gute Unternehmensführung (Compliance) konzentriert. Da viele Banken suchten, war viel Unruhe im Markt. Abwerbeaktionen führten zu weiterer Dynamik. Aktuell fangen Banken an, Verkaufs- und Handelsteams nach Frankfurt zu verlagern. Ziehen Mitarbeiter nicht mit, werden sie freigestellt. Die in Frankfurt offenen Stellen werden dann über lokale Rekrutierungsaktivitäten besetzt.

Hat der geplante Brexit das Gehaltsniveau in Deutschland verändert?
Wir schätzen, dass der Brexit die Gehälter im deutschen Bankenmarkt deutlich steigen lässt. Die Steigerungsrate liegt teilweise bei 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Der Personalberater erwartet steigende Gehälter wegen des Brexits. Bankenwelt

Nils Wilm

Der Personalberater erwartet steigende Gehälter wegen des Brexits.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie etablierte Banken versuchen, Abwerbungsversuche zu verhindern?
Konkrete Namen kann ich nicht nennen, jedoch nutzt man wieder häufiger das Instrument der Halteprämie.

Wie stark heben die Geldhäuser die Festgehälter an?
Wir schätzen den Brexit–Effekt auf 20 Prozent langfristig.

Welche Rolle spielen die Boni?
Boni sind als Motivationsinstrument weiterhin extrem wichtig, da sie teilweise das Doppelte des Grundgehalts ausmachen. Im Fünf-Jahres-Vergleich werden die Boni im Investmentbanking 2018 ihren Höhepunkt erreichen. Wir erwarten 2019 und 2020 zurückgehende Boni. 

Gibt es viele Abwerbungsversuche?
Ja. Sehr viele.

Welche Banken sind vor allem das Ziel solcher Avancen?
Banken in Sonder-Situationen werden verstärkt attackiert. Man bedient sich gerne bei den Platzhirschen Deutsche Bank oder Commerzbank sowie den Landesbanken. Nach jahrelangen Restrukturierungsprogrammen und zurückgehender Boni sind die Mitarbeiter dieser Adressen froh über einen Tapetenwechsel und offen für berufliche Veränderungen.

Herr Wilm, vielen Dank für das Gespräch.

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