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19.12.2018

04:49

Fusionen und Übernahmen

Nach dem Höhenflug droht im M&A-Geschäft die harte Landung

Von: Peter Köhler, Robert Landgraf

Die größten Übernahmen seit der Finanzkrise haben Investmentbankern Millioneneinnahmen beschert. Doch jetzt brechen schwierige Zeiten an.

Die ehemalige RWE-Ökostromtochter war Teil einer komplexen Milliardentransaktion. dpa

Innogy-Zentrale:

Die ehemalige RWE-Ökostromtochter war Teil einer komplexen Milliardentransaktion.

Frankfurt Es war das große Fressen: Mit zahlreichen Multimilliarden-Deals wie dem Erwerb des US-Mobilfunkunternehmens Sprint durch T-Mobile USA für 59 Milliarden Dollar haben deutsche Konzernchefs dieses Jahr ihre Übernahmelust wiedererweckt. Seit Jahresbeginn haben sie laut dem Informationsdienstleister Refinitiv Firmen im Wert von knapp 254 Milliarden Euro gekauft, verkauft oder fusioniert. Das ist fast doppelt so viel wie im Vorjahr und das höchste angekündigte Dealvolumen seit der Finanzkrise – und es ließ bei den beratenden Investmentbankern die Champagnerkorken knallen.

Doch die Party dürfte bald schon wieder vorbei sein. Die Berater der Investmentbanken erwarten im Jahr 2019 einen Einbruch im Geschäft mit Unternehmenskäufen und -zusammenschlüssen („M&A“): „Der Markt für Fusionen und Übernahmen hat seine Spitze erreicht und wird im nächsten Jahr geschätzt um ein Fünftel zurückgehen“, schätzt Rainer Langel, Europachef der australischen Großbank Macquarie.

Es ist eine unheilvolle Mischung, die den Dealappetit der Manager abflauen lässt: Der jüngste Kurseinbruch an den Aktienmärkten – der Deutsche Aktienindex (Dax) hat seit Januar 17 Prozent eingebüßt – drückt auf die Stimmung. Auch die sich abschwächende Konjunktur bremst das Übernahmefieber. Und die geopolitischen Risiken wie der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und die handelspolitischen Spannungen zwischen China, Europa und den USA tun ihr Übriges.

Erschwerend hinzu kommt ein weiterer Faktor: Der M&A-Markt leidet unter immer höheren kartellrechtlichen Hürden und strengeren sicherheitspolitischen Maßstäben. Christian Kames, Chef des deutschen Investmentbankings von JP Morgan, hält deshalb „ganz große Transaktionen im zweistelligen Milliardenbereich für eher unwahrscheinlich, dafür erwarte ich weiter einen robusten Markt im Segment der kleinen und mittelgroßen Deals“.

Weniger Großübernahmen

Es ist das Ende der Megalomanie, die den M&A-Markt in den vergangenen Jahren bestimmt hatte. Spätestens seit Bayers Riesenübernahme des US-Saatgutherstellers Monsanto vor zwei Jahren haben deutsche Vorstandschefs bei Zukäufen nicht mehr gekleckert, sondern geklotzt. Beispiel Energieversorger: Eon übernahm dieses Jahr in einer knapp 39 Milliarden Dollar schweren Transaktion Innogy.

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Und in der Telekombranche erwarb T-Mobile USA den Rivalen Sprint, zudem griff der britische Vodafone-Konzern für rund 22 Milliarden Dollar bei der hiesigen Unitymedia zu. Dank solcher Deals gibt es 2018 ein Zehnjahreshoch bei innerdeutschen Transaktionen sowie das größte Volumen von Übernahmen deutscher Unternehmen durch ausländische Käufer seit 1999.

 Und es sind vor allem die Megadeals wie Innogy und Sprint, die Millionen in die Kassen der Berater spülen. Laut Refinitiv steigen die Gebühreneinnahmen im deutschen Investmentbanking – das neben M&A auch Aktien- und Anleiheemissionen sowie das Arrangieren von Krediten umfasst – um sieben Prozent auf 2,85 Milliarden Euro. „Bei M&A und Aktienemissionen wurde in Deutschland der höchste Stand seit elf Jahren erreicht“, sagt Leon Saunders Calvert, Chef Capital Markets bei Refinitv.

Der größte Gewinner dieses Aufschwungs ist JP Morgan. Die US-Investmentbank schob sich in diesem Jahr auf den Top-Platz der Gebühreneinnahmen vor, während Platzhirsch Deutsche Bank auf den zweiten Rang verwiesen wurde – noch vor der Bank of America Merrill Lynch. In der „Königsdisziplin“ M&A-Beratung dagegen konnte sich die Deutsche Bank vom vierten auf den zweiten Platz verbessern. Weltweit verschlechterte sie sich aber um zwei Plätze und steht nur noch auf Rang zehn.

Das neue Jahr wird zwar deutlich schwächer erwartet. Doch ein Trendthema dürfte unvermindert wichtig bleiben: milliardenschwere Konzernabspaltungen. So will sich der Technologiekonzern Bosch von der Verpackungstechnik trennen, der Metro-Konzern von der Supermarkttochter Real; und im Pharmasektor plant Bayer nach der Übernahme von Monsanto, den Bereich Tiergesundheit abzugeben. Der Energiekonzern Evonik hat das Methacrylat-Geschäft mit der Marke Plexiglas ins Schaufenster gestellt. Und Volkswagen sowie Continental planen Börsengänge für die Nutzfahrzeugsparte Traton und die Antriebstechniktochter.

Strengere Regeln

Als Showstopper für weitere Übernahmen gelten die immer strengeren Auflagen wegen sicherheitspolitischer Bedenken. Das gilt auch für Deutschland, wo jetzt die Außenwirtschaftsverordnung verschärft wird. Die Schwelle, ab der die Bundesregierung einen Anteilserwerb durch einen Investor außerhalb der EU prüfen kann, soll in sicherheitsrelevanten Bereichen von derzeit 25 Prozent auf zehn Prozent gesenkt werden.

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Der Personalberater Nils Wilm erwartet, dass die Investmentbanken wegen des nachlassenden Übernahmebooms Stellen abbauen.

Das entspricht einer schärferen Regelung als bisher von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) favorisiert. Er wollte die Schwelle nur auf 15 Prozent absenken. „Ich gehe davon aus, dass die Verunsicherung der Investoren nun mit Absenkung der Prüfeintrittsschwelle auf zehn Prozent weiter zunehmen wird“, meint Dimitri Slobodenjuk von der Kanzlei Clifford Chance. Für das Investitionsklima in Deutschland sei diese Entwicklung nicht förderlich.

Seit 2017 habe es insgesamt 16 Deals mit einem Volumen von mindestens zehn Milliarden Dollar gegeben, bei denen der Abschluss der Transaktion länger als ein Jahr dauerte. Bei Bayer seien es sogar mehr als zwei Jahre gewesen, betont Holger Knittel, der bei Citi das Geschäft mit Übernahmen im deutschsprachigen Raum leitet. Er erkennt Ausweichstrategien, um über Deals weiterwachsen zu können. „Ich gehe von einer stärkeren Regionalisierung aus, um etwa die US-Investitionskontrolle Cfius zu vermeiden“, sagt Knittel.

Doch das allein reicht nicht aus, um das M&A-Rekordniveau zu halten. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zeichnet sich eine deutliche Abkühlung ab. Die Kanzlei Baker McKenzie und die Analysegesellschaft Oxford Economics gehen in einer gemeinsamen Prognose für das Jahr 2020 von Deals im Wert von 2,3 Billionen Dollar aus, nach 3,1 Billionen im zu Ende gehenden Jahr.

Das wäre ein Einbruch von einem Viertel gegenüber dem laufenden Jahr. Erst im Jahr 2021 werde es wieder zu einem „zyklischen Aufschwung“ kommen, prognostiziert Paul Rawlinson, Global Chair von Baker McKenzie. Die Investmentbanker müssen also noch lange warten, bis sie wieder ordentlich feiern können.

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