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03.04.2017

16:01 Uhr

Geplatzte Börsenhochzeit

Aktie, wechsel' dich!

VonMichael Brächer

Letzter Akt in der missglückten Fusion von Deutscher Börse und LSE: Anleger der Konzerne erhalten ihre alten Aktien zurück, im Dax wird zurückgetauscht. Der Fusionsversuch dürfte viele Millionen Euro verschlungen haben.

Hauptquartier der Deutschen Börse in Eschborn: Nach der geplatzten Fusion werden die Aktien zurückgetauscht. dpa

Deutsche Börse

Hauptquartier der Deutschen Börse in Eschborn: Nach der geplatzten Fusion werden die Aktien zurückgetauscht.

FrankfurtBeim Blick ins Depot schien die Fusion von Deutscher Börse und London Stock Exchange bereits erledigt: Wer dem Deal zugestimmt hatte, fand bereits die Aktien des Gemeinschaftskonzerns in seiner Depotübersicht. Doch auch die Aufseher hatten bei der Börsenhochzeit ein Wörtchen mitzureden. Weil die Wettbewerbshüter der EU-Kommission den Deal in der vergangenen Woche untersagten, ist die Fusion geplatzt – und die Aktien werden wieder zurückgetauscht.

Im Februar 2016 hatten beide Konzerne ihre Fusionspläne publik gemacht. Die überwiegende Mehrheit der Aktionäre stimmte dem Deal zu, indem sie ihre Papiere gegen die der Gemeinschaftsbörse umtauschte. So erhielten Anleger die Aktien der „Hldco123“ – das war der vorläufige Name der gemeinsamen Holdinggesellschaft. Er sollte geändert werden, sobald die Börsen einen Namen für ihren Gemeinschaftskonzern gefunden hatten.

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Für Aktionäre ist die gescheiterte Fusion von Deutscher Börse und London Stock Exchange eine schlechte Nachricht, sagt der Analyst Philipp Häßler von Equinet. Doch die Frankfurter Börse müsse die Zukunft nicht fürchten.

Doch dazu kommt es nun nicht mehr. Am Montag nach Handelsschluss erhalten die Anleger der Deutschen Börse nun die Papiere des Konzerns zurück, auch im Dax ist ab Dienstag wieder von der „Deutschen Börse“ die Rede. Laut Börse ist die Rückbuchung und Rückübertragung für Aktionäre kostenfrei, die ihre Aktien bei einer depotführenden Bank halten – vorausgesetzt, die Bank hält die Papiere beim Wertpapierverwahrer Clearstream.

Die EU-Kommission fürchtete ein Monopol bei der Verrechnung von Wertpapieren, dem so genannten Clearing. Deshalb forderten sie die Londoner Börse dazu auf, eine italienische Tochterfirma zu verkaufen. Doch dieser Auflage wollte die LSE nicht nachkommen. Als Erklärung für die Weigerung der Briten wird der Streit um den Standort des gemeinsamen Konzerns gehandelt. Beide Börsen hatten sich im Fusionsvertrag auf London geeinigt.

Das aber sorgte nach dem Brexit-Referendum in Großbritannien für Widerstand auf der deutschen Seite: Der Sitz der Superbörse hätte nach dem EU-Austritt der Briten außerhalb der Europäischen Union gelegen. Zwar sah der Fusionsvertrag ein „Referendumskomitee“ vor, das Reaktionen auf den Brexit erarbeiten sollte. Aber offenbar fanden beide Seiten im Standortstreit nicht zueinander.

Diese Fusionspläne der Deutschen Börse sind gescheitert

17. Juli 2000

Die Deutsche Börse präsentiert einen Plan für die Gründung de iX international exchange zusammen mit der Londoner LSE. Die beiden Partner hoffen, mit der paneuropäischen Handelsplattform weitere Börsenbetreiber mit ins Boot zu holen. Das Projekt scheitert allerdings an mangelnder Unterstützung.

Sommer 2003

Der damalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, trifft sich mit Euronext-Chef Francois Theodore. Die Gespräche über eine Fusion werden allerdings beendet, nachdem sich beide Seiten nicht über die Bewertung ihrer Häuser einig werden.

Frühling 2004

Seifert und Theodore nehmen ein weiteres Mal Kontakt auf. Ein Zwist über die Besetzung der Führungspositionen lässt sie abermals ergebnislos auseinandergehen.

August 2004

Die Schweizer Börse SWX lehnt Pläne der Deutschen Börse für eine Fusion, faktisch eine Übernahme, ab.

13. Dezember 2004

Die Deutsche Börse veröffentlicht ein Übernahmeangebot für die LSE über knapp zwei Milliarden Euro, das 2005 am Widerstand des Hedgefonds und Deutsche-Börse-Aktionärs TCI scheitert.

21. Februar 2006

Der neue Börsenchef Reto Francioni legt ein vorläufiges Fusionsangebot für die Pariser Euronext vor und facht damit ein Konsolidierungsfieber in der Branche an.

19. Mai 2006

Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

Juni 2006

Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

Dezember 2008

Deutsche Börse und NYSE Euronext loten eine Fusion aus. Die Pläne werden vorzeitig bekannt und scheitern.

April 2011

Die Börse wagt einen weiteren Versuch, mit der Nyse Euronext als Partner eine neue Größenordnung zu erreichen. Die US-Börsen Nasdaq OMX und ICE wollen die Fusion mit einer Gegenofferte für die Nyse torpedieren.

Februar 2012

Der Traum Francionis platzt erneut. Die EU-Kommission untersagt die Milliardenfusion mit der Nyse Euronext aus schwerwiegenden wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Die EU fürchtet vor allem ein weltweites Monopol im Handel mit europäischen Finanzderivaten.

Februar 2016

Die Deutsche Börse und die Londoner Börse machen nach Marktgerüchten Pläne für einen Zusammenschluss öffentlich.

März 2016

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) sind handelseinig und streben eine Fusion auf Augenhöhe an.

März 2017

Die EU-Kommission untersagt den milliardenschweren Deal, weil er auf dem Markt zur Abwicklung festverzinslicher Finanzinstrumente „ein De-Facto-Monopol“ geschaffen hätte.

Die Deutsche Börse machte in den vergangenen Jahrzehnten mit gescheiterten Fusionen viele Erfahrungen. Alleine mit der London Stock Exchange gab es drei formelle Anläufe, zweimal sollen informelle Gespräche geführt worden sein. Laut dem Betriebsrat der Deutschen Börse dürfte der jüngste Fusionsversuch bis zu 100 Millionen Euro bei dem Eschborner Konzern verschlungen haben.

In einem Rundschreiben, das dem Handelsblatt vorliegt, widmen sich die Arbeitnehmervertreter dem „Scheitern 5.0“. Sie fordern „nach diesem Desaster, dass die Gründe für das Scheitern der Fusion zeitnah aufgearbeitet werden und dem Vorstand mehr einfällt, als in den durch zahlreiche Restrukturierungsprogramme bekannten Sparmodus zurückzufallen und sich an der Belegschaft für das Fehlprojekt schadlos zu halten“. Die Börse hatte nach der geplatzten Fusion einen Einstellungsstopp verhängt.

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