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10.03.2019

17:30

Großbanken-Zusammenschluss

Deutsche Bank und Commerzbank loten „inoffiziell“ Fusion aus

Von: Michael Maisch, Daniel Schäfer, Jan Hildebrand

Die Politik will, dass die beiden größten heimischen Privatbanken zügig einen Zusammenschluss prüfen. Deutsche-Bank-Chef Sewing stellt Bedingungen.

Die Politik wünscht sich eine schnelle Fusion. dpa

Commerzbank und Deutsche Bank

Die Politik wünscht sich eine schnelle Fusion.

Frankfurt, Berlin Die Gemengelage rund um eine mögliche Fusion der beiden größten deutschen Privatbanken ist nach wie vor kompliziert. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass Deutsche Bank und Commerzbank zueinanderfinden, wird immer größer – auch durch Druck der Politik. Dafür spricht, dass der Vorstand der Deutschen Bank mittlerweile grünes Licht für Diskussionen mit dem Frankfurter Nachbarn gegeben hat.

Nach Informationen aus Finanzkreisen hat sich Vorstandschef Christian Sewing vor etwa drei Wochen informelle Gespräche mit der Commerzbank von seinen Kollegen im Topmanagement absegnen lassen. Die Diskussionen in sehr kleiner Runde über eine mögliche Übernahme der Commerzbank durch die Deutsche Bank befänden sich allerdings noch in einem sehr frühen Stadium, heißt es.

Die Aufsichtsräte beider Geldhäuser wurden nach Informationen des Handelsblatts bislang nicht über die Fusionsgespräche informiert und haben kein Mandat für offizielle Verhandlungen gegeben.

Bisher hatte Sewing stets betont, dass er an seinem Plan A festhalte, die Bank aus eigener Kraft zu sanieren. Ein Zusammengehen mit der Commerzbank sei aber ebenfalls eine interessante Option, heißt es nun. Allerdings werde der Deutsche-Bank-Chef nur einem wirtschaftlich sinnvollen Deal zustimmen. Eine politisch motivierte Fusion lehne er ähnlich wie sein Kollege Martin Zielke von der Commerzbank ab.

Das bedeutet, Sewing würde darauf bestehen, dass die möglichen Kosteneinsparungen zügig und konsequent angegangen werden. Analysten gehen davon aus, dass durch den Zusammenschluss der beiden Geldhäuser bis zu 40 Prozent der Kosten der Commerzbank wegfallen könnten. Das würde allerdings auch den Verlust von bis zu 30.000 Arbeitsplätzen bedeuten.

Großbanken-Zusammenschluss: Commerzbank und Deutsche Bank – Diese Übernahmeszenarien sind möglich

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Commerzbank und Deutsche Bank – Diese Übernahmeszenarien sind möglich

Noch ist es ein langer Weg bis zu einer möglichen Übernahme der Commerzbank durch die Deutsche Bank. Analysten überlegen sich mögliche Szenarien.

Sewings Bedingung ist keine Selbstverständlichkeit. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hat immer wieder die Bedeutung einer starken deutschen Großbank betont. Insidern zufolge haben Scholz und sein Staatssekretär Jörg Kukies (SPD) mehrfach deutlich gemacht, dass sie einer Fusion positiv gegenüberstehen würden. Die größte Hürde aus Sicht der Politik wäre allerdings ein schmerzhafter Stellenabbau nach einer Verschmelzung.

Die Gewerkschaft Verdi, in der SPD nicht ohne Einfluss, macht bereits Stimmung gegen einen Zusammenschluss. Deshalb sollen einige in der SPD-Führung Scholz“ Offenheit für eine Fusion durchaus kritisch sehen. Man müsse vermeiden, in der Öffentlichkeit als aktiver Förderer eines solchen Schritts angesehen zu werden, sonst werde man später auch für die Konsequenzen mitverantwortlich gemacht, empfiehlt ein Genosse.

Kein Kommentar von beiden Banken

Das Gegenargument lautet: Wenn man weiterhin tatenlos zusieht, könnte das angesichts des schlechten Zustands der beiden Geldhäuser irgendwann noch schlimmere Folgen haben.

Weder die Deutsche Bank noch die Commerzbank wollten die Fusionsspekulationen kommentieren. Über das Vorstandsmandat für Sewing hatte zuerst die Zeitung „Welt am Sonntag“ berichtet.

Durch eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank entstünde das mit Abstand größte deutsche Geldhaus. Im internationalen Vergleich wäre diese neue Bank aber immer noch ein Leichtgewicht. Viele Analysten und Investoren bezweifeln außerdem, dass aus zwei schwächelnden Banken ein solides Institut entstehen kann. Solche Zweifel plagen auch einige der einflussreichsten Aktionäre der Deutschen Bank.

Allerdings hat der US-Fonds Cerberus, der an beiden Instituten beteiligt ist, nach Informationen des Handelsblatts seine Meinung inzwischen geändert und befürwortet mittlerweile eine Fusion. Hinter dem Stimmungsumschwung stecken die unklare Zukunftsperspektive beider Institute und die Erkenntnis, dass der rasche technologische Wandel eine Bündelung der Kräfte fordert. Ähnliche Gedanken treiben auch die Bundesregierung um.

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Staatssekretär Kukies, zuvor Deutschlandchef von Goldman Sachs, steht im regelmäßigen Austausch mit beiden Banken. Über aktuelle Entwicklungen lässt er sich berichten. So ist das Finanzministerium auch informiert über den Beschluss des Vorstands der Deutschen Bank, Gespräche mit dem Konkurrenten abzusegnen. Mitunter wirkt es so, als sei dieser Beschluss überhaupt erst auf Druck aus Berlin zustande gekommen.

Offiziell will sich in der Bundesregierung zwar niemand zu dem Thema Bankenfusion äußern. Hinter vorgehaltener Hand wird aber deutlich gemacht, dass man zügig Klarheit haben will. Eine Festlegung seitens der Politik, ob es eine Fusion geben soll oder nicht, sei damit allerdings nicht verbunden, wie betont wird. Das sei letztlich Sache der Banken. In der Bundesregierung wächst allerdings die Furcht, dass beiden Banken neue Probleme drohen, sollte sich die Konjunktur empfindlich abkühlen.

Das gilt insbesondere für die Deutsche Bank, die bereits jetzt mit höheren Refinanzierungskosten als die Konkurrenz kämpft. Eine Situation, die sich durch eine mögliche Verschlechterung der Bonitätseinstufung noch verschlechtern könnte. Mit Moody’s und Fitch haben derzeit zwei große Ratingagenturen einen negativen Ausblick für das Frankfurter Geldhaus.

Da dem Staat nach der Rettungsaktion in der Finanzkrise noch immer 15 Prozent der Commerzbank gehören, wäre die Bundesrepublik bei einem reinen Aktientausch auch mit rund fünf Prozent an dem neuen Institut beteiligt. Eine fusionierte Bank könnte davon profitieren. Die Idee: Die – wenn auch geringe – Beteiligung könnte von Investoren als eine Art implizite staatliche Garantie gesehen werden. Das könne das Vertrauen der Investoren zurückbringen.

Außerdem würden durch eine Übernahme der Commerzbank die Einlagen der Deutschen Bank deutlich steigen, auch das könnte die Finanzierungskosten senken.

In den Frankfurter Zentralen der beiden Geldhäuser hält man sich zu den Gerüchten um einen näher rückenden Zusammenschluss bislang offiziell bedeckt. Die Spekulationen seien „verständlich“, hatte Commerzbank-Chef Martin Zielke zuletzt bei der Bilanzvorlage Mitte Februar gesagt: „Das ist etwas, das nicht neu ist. Es macht aber überhaupt keinen Sinn, solche Spekulationen zu kommentieren oder sich daran zu beteiligen.“

Finanzkreisen zufolge hat Zielke jedoch bei internen Diskussionen mehrfach darauf hingewiesen, dass das Beteiligungsverhältnis für die eigenen Aktionäre bei einer Fusion aktuell so attraktiv wäre wie lange nicht. Gemessen an den Marktwerten würden die Commerzbank-Aktionäre bei einem Zusammenschluss derzeit gut ein Drittel an dem fusionierten Institut halten. In den Jahren zuvor kamen die Gelben oft nur auf ein Viertel.

Fusion würde Finanzierungskosten senken

Deutsche-Bank-Chef Sewing hatte sich noch Anfang Februar kämpferisch gegeben: „Wir haben es selbst in der Hand.“ Zugleich hatte er mit Blick auf die Fusionsgerüchte gesagt: „Wir glauben an unseren Plan. Dafür müssen wir hart arbeiten. Und über alles andere mache ich mir keine Gedanken. Wir beteiligen uns an diesen Spekulationen nicht.“

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2018 hat die Deutsche Bank nach drei Verlustjahren in Folge wieder einen kleinen Gewinn erzielt. Allerdings hat Sewing auch knapp zwölf Monate nach seiner Amtsübernahme noch immer große Probleme, die seit Jahren anhaltende Erosion der Erträge zu stoppen und umzukehren. Für dieses Jahr hat er den Investoren eine Eigenkapitalrendite von vier Prozent versprochen.

Ob Sewing dieses Ziel erreichen kann, wird sich nach Meinung vieler Experten bereits im ersten Quartal zeigen, traditionell das stärkste im Bankgeschäft.

Große internationale Banken wie JP Morgan haben bereits vor einem schwierigen Start ins Jahr gewarnt, und auch aus Kreisen der Deutschen Bank ist von einem herausfordernden Jahresbeginn die Rede. Im Schnitt gehen die Analysten zwar davon aus, dass das größte heimische Geldhaus 2019 einen Gewinn von knapp einer Milliarde Euro erreichen wird – das würde aber nur für eine Eigenkapitalrendite von 1,7 Prozent reichen.

Sollte das Renditeziel in Gefahr geraten, werde die Bank ihre Sparbemühungen verschärfen, hatte Sewing versprochen. Dabei werde es in erster Linie um Einsparungen in der Konzernzentrale und im sogenannten Backoffice gehen, heißt es in Finanzkreisen. Bevor man durch tiefere Einschnitte im Investmentbanking einen weiteren Rückgang der Einnahmen riskiere, spare man erst einmal bei der Infrastruktur.

Einige der einflussreichen Großaktionäre, die noch immer am Sinn einer Fusion zweifeln, fordern stattdessen einen radikalen Rückbau des Investmentbankings in den USA. Das so frei werdende Kapital könne die Bank dann in lukrativere Geschäfte investieren.

Commerzbank-Chef Zielke kämpft ebenfalls mit der Umsetzung seiner Strategie und musste wesentliche Ziele, die er für 2020 ausgegeben hat, zurücknehmen. Nach der Ertragsprognose, die das Institut bereits im November 2018 gestutzt hatte, kassierte die Bank vor einigen Wochen auch noch zwei weitere Ziele. Die angepeilte Eigenkapitalrendite von über sechs Prozent wird der Konzern 2020 genauso verfehlen wie das angestrebte Verhältnis von Kosten zu Erträgen, das auf unter 66 Prozent fallen sollte.

Angesichts der Schwäche beider Banken melden Oppositionspolitiker massive Zweifel an der Frankfurter Bankenehe an: „Ich halte eine Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank zu diesem Zeitpunkt für falsch. Zwei angeschlagene Institute ergeben kein gesundes“, meint Danyal Bayaz, Finanzexperte der Grünen.

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