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21.05.2019

18:00

Hauptversammlung

Endspiel für Paul Achleitner bei der Deutschen Bank

Von: Michael Maisch, Yasmin Osman, Anke Rezmer, Daniel Schäfer

Der Aufsichtsratschef muss wieder einmal um seine Zukunft kämpfen. Eine knappe Entlastung auf der Hauptversammlung wäre wohl nur ein Etappensieg.

Wachsendes Misstrauen wichtiger Aktionäre. Bloomberg

Paul Achleitner

Wachsendes Misstrauen wichtiger Aktionäre.

Frankfurt Paul Achleitner hat schon viele turbulente Hauptversammlungen der Deutschen Bank überstanden. Aber dieses Mal könnte es für den umstrittenen Aufsichtsratschef besonders unangenehm werden – nicht nur auf dem Aktionärstreffen am kommenden Donnerstag, sondern auch und vor allem in den Wochen danach.

Nach Informationen des Handelsblatts sind einige der größten Aktionäre des Geldhauses unzufrieden mit der Arbeit Achleitners. Sie drängen entweder auf eine vorzeitige Ablösung des Chefkontrolleurs oder fordern zumindest ein klares Bekenntnis zu tiefgreifenden Reformen.

Die Kritiker werfen Achleitner vor, dass die Deutsche Bank noch immer in der Krise steckt, obwohl er bereits zweimal im Hauruckverfahren den Vorstandschef ausgetauscht hat. Der Österreicher steht seit 2012 an der Spitze des Aufsichtsrats, und seither ist der Aktienkurs um mehr als 70 Prozent gefallen. Ein Ende dieser Talfahrt ist nicht in Sicht.

Am Dienstag rutschte der Aktienkurs vorübergehend auf ein neues Rekordtief von 6,59 Euro. „Achleitner muss endlich die Verantwortung für die teilweise verfehlte Personalpolitik übernehmen“, heißt es bei einem kritischen Großaktionär. Außerdem sehen einige einflussreiche Anteilseigner den Chefaufseher als Hindernis für einen entschlosseneren Umbau des Investmentbankings, wie er von vielen Investoren gefordert wird.

Ein wichtiger Großaktionär will Finanzkreisen zufolge sogar die Entlastung Achleitners davon abhängig machen, ob die Deutsche Bank sich zu einem entschlossenen Restrukturierungsplan für die Kapitalmarktsparte bekennt.

Spätestens seit dem 8. Mai ist klar, dass die diesjährige Hauptversammlung des deutschen Branchenprimus stürmisch werden wird. Zum ersten Mal empfehlen mit ISS und Glass Lewis beide großen internationalen Stimmrechtsberater, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Aufsichtsratschef Achleitner steht auf den Hauptversammlungen fast schon traditionell unter Beschuss.

Bislang konnte er sich aber stets auf die Unterstützung der Kernaktionäre verlassen. Dazu zählt die Herrscherfamilie des Emirats Katar, die weltgrößte Fondsgesellschaft Blackrock, der US-Fonds Cerberus und der chinesische Konzern HNA.

Obwohl sich auch auf der Hauptversammlung 2018 bereits heftige Kritik an Achleitner entzündet hatte, stimmten letztlich über 84 Prozent für eine Entlastung. Für eine Abwahl – die auch in diesem Jahr zur Abstimmung steht – votierten damals lediglich gut neun Prozent der Anleger.

Schwindender Rückhalt

Doch die Unterstützung der Kernaktionäre bröckelt. Nach Informationen des Handelsblatts ist HNA mittlerweile so unzufrieden mit Achleitners Amtsführung, dass das chinesische Unternehmen auf Dauer einen Wechsel an der Spitze des Kontrollgremiums anstrebt.

Die Chinesen sind Finanzkreisen zufolge davon überzeugt, dass sich ein echter Strategiewechsel nur mit einem neuen Aufsichtsratschef realisieren lässt. HNA baut zwar seit geraumer Zeit seinen Anteil an der Deutschen Bank ab, noch kontrollieren die Chinesen über eine komplexe Derivatekonstruktion aber knapp fünf Prozent der Aktien.

Der Finanzinvestor Cerberus, der mindestens drei Prozent der Anteile hält, hat sich Finanzkreisen zufolge noch nicht entschieden, wie er abstimmen will. Bereits die Tatsache, dass Cerberus so lange überlegt, ist bemerkenswert: Schließlich galt der Investor, der dem Geldhaus auch als Berater zur Seite steht, seit dem Einstieg bei der Deutschen Bank vor zwei Jahren als treuer Unterstützer der obersten Führungsriege.

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Keiner der Beteiligten will sich öffentlich zu dem schwindenden Rückhalt für den obersten Kontrolleur des Geldhauses äußern – ebenso wenig wie die Deutsche Bank selbst.

Trotz des wachsenden Misstrauens der Kernaktionäre gilt ein Eklat schon auf der Hauptversammlung als eher unwahrscheinlich.

Nach Informationen aus Finanzkreisen stehen die Chancen für Vorstand und Aufsichtsrat, trotz der Ablehnung der US-Stimmrechtsberater und der Kritik der Kernaktionäre auf der Hauptversammlung eine Entlastung zu erreichen, nicht schlecht. Bei einer Hauptversammlungspräsenz, die erfahrungsgemäß bei um die 40 Prozent liegt, sei dies nach wie vor der wahrscheinlichste Fall, heißt es.

So will zum Beispiel Klaus Nieding, der Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, beide Gremien entlasten. Nieding warnte vor einem Führungsvakuum im Falle einer Nichtentlastung. Es habe Fälle gegeben, in denen Vorstände, die nicht oder nur mit schlechtem Ergebnis entlastet wurden, die Brocken hingeworfen hätten, so Nieding.

Damit spielte er auf das frühere Deutsche-Bank-Führungsduo Anshu Jain und Jürgen Fitschen an, die nach einem miserablen Stimmergebnis auf der Hauptversammlung im Jahr 2015 aufgeben mussten.

„Wir brauchen bei der Deutschen Bank Ruhe und eine stabile Führung, denn die äußeren Umstände sind schwierig“, sagte Nieding, der auf der Hauptversammlung sowohl Kleinaktionäre als auch Großinvestoren wie Bayern Invest, Oddo BHF oder Hansa Invest vertritt.

Union Investment, die Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken, will trotz deutlicher Kritik an der Leistung des Managements Vorstand und Aufsichtsrat ebenfalls entlasten. Fondsmanagerin Alexandra Annecke begründet ihr Votum damit, dass man dem Vorstandsvorsitzenden Christian Sewing und dem Aufsichtsratschef Paul Achleitner die Chance geben wolle, den Restrukturierungskurs fortzusetzen.

Angst vor Destabilisierung

Doch selbst bei einer knappen Entlastung wäre der Chefkontrolleur noch nicht auf der sicheren Seite. Einer der größten Aktionäre der Deutschen Bank will auf der Hauptversammlung zwar ebenfalls für den Vorstand und den Aufsichtsrat stimmen, danach aber Paul Achleitner dazu drängen, einen Nachfolger aufzubauen und anschließend abzutreten. Der Vertrag des Österreichers läuft noch bis ins Jahr 2022.

Auch anderen Kritikern des Aufsichtsratschefs liegt viel daran, weiteres Chaos zu vermeiden. Das Geldhaus brauche einen geordneten Übergang an der Spitze des Kontrollgremiums, sonst drohe eine weitere Destabilisierung, heißt es von mehreren Seiten.

Im Gegensatz zu Achleitner hält sich die Kritik an Vorstandschef Sewing bislang in Grenzen. In seinem ersten Jahr an der Spitze habe er zumindest bewiesen, dass er die Kosten in den Griff bekomme, ist bei einem der Kernaktionäre der Deutschen Bank zu hören. Das Problem der stetig erodierenden Erträge habe allerdings auch Sewing bislang nicht gelöst.

Deshalb bezweifeln viele Investoren, dass das Geschäftsmodell der Bank noch trägt. Sie fordern einen Umbauplan für die wichtigste Sparte, das Investmentbanking. „Eine Anpassung der Strategie ist überfällig“, mahnt Fondsmanagerin Annecke. Eine Investmentbank in der heutigen Größe könne sich die Bank schlicht nicht mehr leisten.

Die einstige Vorzeigesparte der Deutschen Bank hat mittlerweile zwei Verlustquartale hinter sich. Vor allem der Wertpapierhandel treibt den Aktionären die Sorgenfalten auf die Stirn. Im Jahr 2018 schrumpften die Erträge um 16 Prozent, im ersten Quartal 2019 sogar um 19 Prozent. Zum Umbau der Investmentbank scheint es in der Chefetage der Bank durchaus unterschiedliche Meinungen zu geben.

In einem Interview drohte Sewing den Investmentbankern mit Konsequenzen, sollten sie nicht bald wieder auskömmliche Renditen erwirtschaften. Ein paar Tage später machte Achleitner klar, dass er eine Grundsanierung der Sparte für unnötig hält und dass kleinere Eingriffe ausreichen würden. Dass dieser Dissens durch Achleitners Vorstoß in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurde, soll auch europäischen Bankenaufsehern negativ aufgefallen sein.

Ob Achleitner seinen Posten am Ende wirklich vorzeitig aufgeben muss, ist trotz aller Kritik aber selbst für ausgewiesene Gegner keine ausgemachte Sache. „Bislang war er stets beweglich genug, um sich am Ende allen Rücktrittsforderungen zu entziehen“, meint einer von ihnen.

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Kommentare (2)

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Herr Andre Peter

21.05.2019, 19:55 Uhr

Achleitner muss weg

Herr Lothar Bitschnau

22.05.2019, 08:44 Uhr

Der gesamte Aufsichtsrat hat viele Jahre versagt und ist im Wesentlichen verantwortlich für den großen Schaden.

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