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12.03.2019

04:20

Kewsong Lee im Interview

„Die Vermögen sind zu ungleich verteilt“ – Carlyle-Co-Vorstandschef über soziale Spaltung

Von: Peter Köhler, Daniel Schäfer

Der Co-Vorstandschef der Private-Equity-Gesellschaft spricht über soziale Ungleichheit – und rechtfertigt zugleich die hohen Gehälter in seiner Branche.

Der Großteil seines privaten Vermögens steckt in den eigenen Beteiligungsfonds. Nils Bröer für Handelsblatt

Carlyle-Manager Lee

Der Großteil seines privaten Vermögens steckt in den eigenen Beteiligungsfonds.

Der Co-Vorstandschef der US-Beteiligungsgesellschaft Carlyle, Kewsong Lee, warnt vor einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. „In allen Ländern weltweit sind die Vermögen zu ungleich verteilt. Als Folge dessen polarisieren sich die Gesellschaften zunehmend. „Hier müssen wir dringend gegensteuern“, sagte Lee im Interview mit dem Handelsblatt.

Carlyle habe Hunderte Milliarden Dollar Gewinne an seine Geldgeber wie etwa Stiftungen und Pensionskassen ausgeschüttet und sich an den Standorten seiner übernommenen Unternehmen engagiert. Das sei ein positiver Beitrag. „Wir haben unser Geschäftsmodell allerdings nicht immer ausreichend erklärt. Das ist die eigentliche Herausforderung der Private-Equity-Branche weltweit“, sagte der 53-jährige Manager.

Lee zeigte sich auch offen dafür, über höhere Steuern für Reiche zu diskutieren. „Als US-Bürger denke ich durchaus darüber nach, was die richtige Steuerpolitik ist und was fair ist. Und ich bin für die Förderung des Unternehmertums, um den Wohlstand zu mehren. Gleichzeitig muss aber auch der Reichtum angemessen verteilt werden.“ Letztlich sei es aber an der Politik, die richtige Antwort auf diese Frage zu finden.

Auf den globalen Handelsstreit reagiert Carlyle mit einer Neuausrichtung der Lieferketten seiner Portfoliounternehmen. „Unsere Manager denken darüber nach, wie sie sich künftig besser vor Risiken durch Handelsbarrieren schützen können. Deshalb könnten bestimmte Teile der Lieferkette nach Südostasien verlagert werden. Und in Europa werden Zentral- und Osteuropa an Bedeutung gewinnen“, erläuterte Lee. Außerdem gebe es Unternehmen, die ihre Standorte in den USA überdenken würden. Generell sei das Bewusstsein gegenüber Länderrisiken in den Vorständen gewachsen.

Carlyle erwartet nach den Worten von Lee zwar keine Rezession, wappnet sich aber für einen konjunkturellen Abschwung. Neben dem Verkauf von Beteiligungen sollen die Firmenlenker ihre Unternehmen wetterfest machen. „Wir müssen mehr als bislang geplant die Kosten senken und die Produktivität erhöhen, um negative Auswirkungen einer konjunkturellen Abkühlung möglichst zu vermeiden. Wir sagen allen unseren Managern: Seid nicht zufrieden. Handelt so, als wäre die Lage schon schlechter als sie tatsächlich ist“, erklärte Lee die Strategie von Carlyle.

Lesen Sie hier das komplette Interview

Herr Lee, in den USA tobt eine Debatte über die wachsende Ungleichheit. Carlyle-Mitgründer David Rubenstein hat kürzlich selbst darauf verwiesen, dass das Nettovermögen der unteren Einkommensschichten seit den 80er-Jahren stark abgenommen hat, während das oberste ein Prozent sein Vermögen weit mehr als verdoppelt hat. Muss der Kapitalismus reformiert werden?
Was hat David dazu gesagt? David hat immer recht. (lacht)

Rubenstein hat keine Lösung für das Problem aufgezeichnet, er hat es nur benannt.
Dabei ist es wichtig, zu betonen, dass es sich nicht um ein ausschließlich amerikanisches Problem handelt. In allen Ländern weltweit sind die Vermögen zu ungleich verteilt. Als Folge dessen polarisieren sich die Gesellschaften zunehmend. Hier müssen wir dringend gegensteuern. Aber ich habe dafür kein Patentrezept.

Private Equity ist heute ein großer Machtfaktor in der Wirtschaft. Müssten Sie nicht mehr Haltung zeigen bei dem Thema?
Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten vielen Unternehmen zu mehr Wachstum verholfen. Wir haben dadurch Hunderte Milliarden Dollar Gewinne an unsere Geldgeber wie etwa Stiftungen und Pensionskassen ausgeschüttet. Und wir haben uns an den Standorten unserer Unternehmen engagiert. Das ist unser positiver Beitrag. Wir haben unser Geschäftsmodell allerdings nicht immer ausreichend erklärt. Das ist die eigentliche Herausforderung der Private-Equity-Branche weltweit.

Die Vita von Kewsong Lee

Der Manager

Der Manager Lee stieß 2013 zum Private-Equity-Haus Carlyle und war davor für den Finanzinvestor Warburg Pincus tätig. Der 53-jährige Beteiligungsexperte hatte seinen MBA an der Harvard Business School erworben. Unter anderem sitzt er in allen wichtigen Carlyle-Gremien, die über Firmenkäufe und Kreditengagements entscheiden. Außerdem sitzt er im Verwaltungsrat des Lincoln Center Theater in New York.

Das Unternehmen

Carlyle verwaltet insgesamt 216 Milliarden Dollar an Investments abseits der klassischen Aktien- und Rentenmärkte. Davon entfallen 81 Milliarden Dollar auf das Private-Equity-Geschäft, für das bislang insgesamt 33 Fonds aufgelegt wurden. Seit 1990 hat die Firma weltweit 626 Deals abgeschlossen.

Eines ist allerdings auch schwer zu erklären: Top-Beteiligungsmanager werden oft mit hohen zweistelligen Millionensummen bezahlt. Trägt das nicht zur wachsenden Ungleichheit bei?
Managementteams, die anhaltend und langfristig Wert steigern, sollten angemessen vergütet werden. Wichtig ist dabei nicht so sehr die absolute Höhe der Bezahlung. Es kommt vor allem darauf an, dass die Interessen der Beteiligungsmanager denen ihrer Investoren entsprechen. Das bedeutet auch, dass wir alle selbst in den Fonds investiert sind.

Wie viel haben Sie persönlich investiert?
Der Großteil meines privaten Vermögens liegt in Fonds von Carlyle.

Aber muss Private Equity nicht auch seine Vergütungsstrukturen reformieren? Heute verlangen Sie eine Managementgebühr von einem Prozent auf das verwaltete Geld und eine Gewinnbeteiligung von 20 Prozent. Bei einem Technologiefonds von Carlyle sind es jetzt sogar 25 Prozent.
Ja, aber das ist ein gutes Beispiel dafür, was das Management leisten muss. Bei dem besagten Technologiefonds erhalten die Manager die erhöhte Gewinnbeteiligung erst, wenn die Investoren für jeden eingesetzten Euro mehr als 2,25 Euro zurückbekommen.

Das klingt alles nicht sehr selbstkritisch. Dabei gibt es selbst in der Finanzbranche immer mehr Topleute wie JP-Morgan-Chef Jamie Dimon oder Hedgefonds-Gründer Ray Dalio, die höhere Steuern für Spitzenverdiener befürworten, um die Ungleichheit zu mildern.
Moment! Das Thema Steuern ist eine ganz andere Frage. Als US-Bürger denke ich durchaus darüber nach, was die richtige Steuerpolitik ist und was fair ist. Und ich bin für die Förderung des Unternehmertums, um den Wohlstand zu mehren. Gleichzeitig muss aber auch der Reichtum angemessen verteilt werden.

Und wie? Mit höheren Steuern für Reiche?
Ich bin kein Politiker und weiß die richtige Antwort nicht. Aber ich bin offen für neue Konzepte und vertraue darauf, dass unsere Politiker vernünftige Lösungen finden.

Droht Ihre Branche wegen dieser Debatten wieder in die politische Diskussion zu geraten?
Die Finanzbranche stand in den vergangenen beiden Dekaden im Rampenlicht. Das hat sich zuletzt geändert. Jetzt konzentriert sich die öffentliche Diskussion mehr auf die Technologiebranche, auf Themen wie Privatsphäre und Datensicherheit. Und das wird auch erst einmal so bleiben, denn für die Gesellschaft ist das derzeit potenziell das weitaus größere Risiko.

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Derzeit werden die Schlagzeilen vor allem von den handelspolitischen Spannungen zwischen Washington und Peking, aber auch zwischen den USA und Europa beherrscht. Welche Folgen hat das für Ihr eigenes Geschäft?
Die Geschäfte laufen weiter. Allen Managern ist klar, dass die geopolitischen Unsicherheiten zugenommen haben und dass wir damit leben müssen.

Aber als Folge des politischen Streits über die Handelspolitik gibt es weniger grenzüberschreitende Deals. Das muss doch auch Carlyle spüren?
Ja, wir spüren das. Aber es ist auch klar, dass es früher oder später zu einer Einigung kommen wird. Die größte und die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wissen beide, dass partnerschaftlicher Handel deutliche Vorteile bringt. Mit Handel kann man mehr gewinnen als mit wenig hilfreichen Barrieren. Am Ende wird es Reformen geben und Verbesserungen etwa beim Recht am geistigen Eigentum und dem Technologietransfer. Davon werden beide Seiten profitieren.

Hat der Handelsstreit die Lieferketten Ihrer Unternehmen beeinträchtigt?
Ja. Unsere Manager denken darüber nach, wie sie sich künftig besser vor Risiken durch Handelsbarrieren schützen können. Deshalb könnten bestimmte Teile der Lieferkette nach Südostasien verlagert werden. Und in Europa werden Zentral- und Osteuropa an Bedeutung gewinnen. Außerdem gibt es Unternehmen, die ihre Standorte in den USA überdenken. Generell ist das Bewusstsein gegenüber Länderrisiken in den Vorständen gewachsen.

Wird denn auch schon entsprechend gehandelt?
Es sind sehr intensive Diskussionen, und viele sind dabei, den Gedanken auch Taten folgen zu lassen.

Neben politischen Risiken bereitet auch die Konjunktur Kopfzerbrechen. Wie bereiten sich die Portfoliounternehmen von Carlyle auf den Abschwung vor?
Wir glauben, dass das Wachstum 2019 weltweit nachlassen, aber sicher nicht zum Stillstand kommen wird. Die US-Wirtschaft wächst weiter mit 2,5 Prozent, China mit 4,75 Prozent und die EU mit rund einem Prozent. Deshalb wird es im laufenden Jahr keine globale Rezession geben. Aber die Gewinne der Unternehmen könnten in diesem Jahr zunehmend unter Druck geraten.

Der Boom neigt sich dem Ende zu.
Ja, wir sind in der Spätphase des Wirtschaftsaufschwungs. Aber man darf auch nicht unterschätzen, dass die Politik gegensteuern wird.

An was denken Sie?
Die chinesische Zentralbank lockert die Geldpolitik, Japans Notenbank ebenfalls, und die EZB bleibt bei ihrer expansiven Haltung. Selbst die US-Notenbank Fed denkt über eine Pause bei ihren Zinserhöhungen nach. Das alles federt die negativen Entwicklungen ab.

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Was heißt das für Ihre Portfoliounternehmen?
Erstens: Bei Investments, bei denen ein Verkauf möglich und im Interesse unserer Investoren ist, denken wir über eine Veräußerung nach. Zweitens: Die Kapitalmärkte sind weiter offen und helfen uns, die Bilanzen zu stärken. Drittens: Wir müssen mehr als bislang geplant die Kosten senken und die Produktivität erhöhen, um negative Auswirkungen einer konjunkturellen Abkühlung möglichst zu vermeiden. Wir sagen allen unseren Managern: Seid nicht zufrieden. Handelt so, als wäre die Lage schon schlechter als sie tatsächlich ist.

Werden die hohen Bewertungen der Unternehmen runtergehen?
In den USA sind sie weiter recht hoch, in Europa wird man eine Annäherung zwischen den Aktienkursen und den Bewertungen der Private-Equity-Firmen sehen. Der Beteiligungsmarkt hinkt der Entwicklung an den Börsen immer hinterher.

Wie schnell passen sich beide Märkte an?
Das dauert normalerweise sechs bis zwölf Monate.

Zuletzt wurde im vierten Quartal im Schnitt das Elffache des operativen Gewinns bezahlt – ein rekordverdächtiger Wert. War das der Gipfel?
(Lacht) Oh, das weiß ich nicht. Der harte Wettbewerb im Private-Equity-Markt hält die Preise hoch. Und es hat den Anschein, dass das viele überschüssige Kapital nach unten einen Boden bildet. Aber wenn die Umsätze nicht mehr so stark wachsen und die Gewinne schrumpfen, dann werden die Käufer ihre Preisvorstellungen nach unten anpassen.

Müssen nicht auch die Renditen sinken, wenn so viel Geld im Markt ist?
Das sagen viele, und Sie schreiben es auch dauernd. Aber die besten 25 Prozent der Private-Equity-Fonds liegen dauerhaft 300, 500 oder sogar 1.000 Basispunkte über den Aktienmärkten.

Ein Thema, bei dem die Beteiligungsbranche allerdings hinterherhinkt, ist die Diversität ihrer Mitarbeiter. Sie haben selbst einmal moniert, dass nur neun Prozent der Topmanager in der Branche zu Minderheiten gehören oder Frauen sind. Was muss geschehen, um das zu ändern?
Das Thema ist mir sehr wichtig. Ich bin aber gegen Quoten. Letztlich entscheidet die individuelle Leistung, welche Karriere man macht. Aber eines ist für uns bei Carlyle ganz klar: Die Zukunft gehört Unternehmen, in denen es eine Vielfalt an Meinungen und Ideen gibt. 42 Prozent unserer Belegschaft sind weiblich, und 60 Prozent der neuen Partner waren im vergangenen Jahr Frauen.

Aber es gibt nur zwei Frauen im zwölfköpfigen Vorstand.
Das stimmt. Und wir wissen, dass wir noch mehr tun müssen.

Herr Lee, vielen Dank für das Interview.

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