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20.08.2019

18:39

Nachgefragt bei Michael Hünseler

„Der Commerzbank-Vorstand muss noch mal an die Kosten ran“

Von: Andreas Kröner

Fondsmanager Hünseler fordert weitere Einsparungen bei der Bank. Eine Übernahme hält er aktuell für wenig wahrscheinlich – eher müssten Filialen schließen.

Der Geschäftsführer der Assenagon Asset Management sieht die Commerzbank noch nicht auf dem Weg der Besserung. Assenagon Asset Management S.A.

Michael Hünseler

Der Geschäftsführer der Assenagon Asset Management sieht die Commerzbank noch nicht auf dem Weg der Besserung.

Michael Hünseler, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Assenagon Asset Management, hat Zweifel, dass sich die Aktie der Commerzbank nach dem jüngsten Kursrutsch zügig erholen kann. Ein wesentlicher Grund für diese Skepsis ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Hünseler ist überzeugt, dass deutsche Banken bei einer weiteren Zinssenkung der EZB gezwungen sein werden, ihre Gebühren anzuheben.

Herr Hünseler, die Commerzbank-Aktie ist kürzlich auf ein Rekordtief gefallen. Was läuft falsch bei Deutschlands zweitgrößter Privatbank?
Es läuft nicht viel falsch, aber es läuft auch nichts richtig. Ich kann derzeit nicht erkennen, warum der Gewinn und der Aktienkurs in naher Zukunft steigen sollten. Denn die Konjunktur trübt sich ein, und die EZB hat klargemacht, dass sie die Geldpolitik weiter lockern will. Die Hoffnung, dass sich die Lage bei der Commerzbank in absehbarer Zeit verbessert, ist angesichts der Zinsentwicklung 2019 gestorben. Zudem schwindet die Hoffnung, dass das Institut zeitnah von einem Konkurrenten übernommen wird.

Warum?
Wenn die Rahmenbedingungen schwieriger werden, halten sich Banken mit Übernahmen grundsätzlich zurück. Zudem haben die meisten Institute wenig finanzielle Puffer, um Restrukturierungskosten zu stemmen, die bei einer Übernahme immer anfallen.

Die Commerzbank berät gerade über eine neue Strategie. Wie kann das Institut aus eigener Kraft erfolgreicher werden?
Aufgrund des harten Wettbewerbs in Deutschland sind die Gewinnmargen im Kreditgeschäft so gering, dass die Bank damit kaum ihre Kosten decken kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Geldhaus seine Erträge in diesem Umfeld deutlich ausbauen wird. Und wenn es bei den Erträgen keine Fortschritte gibt, dann gibt es nur eine Lösung: Der Vorstand muss noch mal an die Kosten ran.

Sollte das Institut sein Netz mit rund 1000 Filialen ausdünnen?
Die Anzahl der Filialen wird abnehmen müssen. Aber die Commerzbank sollte dabei nicht mit der Brechstange vorgehen. Sie hat in den vergangenen Jahren auch dank ihres Filialnetzes Marktanteile gewonnen. Diese Position darf sie durch zu starke Kürzungen nicht gefährden. Im Gegensatz zu Skandinavien legen viele Deutsche noch Wert auf Bargeld und Bankfilialen – und das wird vermutlich auch noch einige Jahre so bleiben.

Kann die Commerzbank bei einer weiteren Zinssenkung der EZB am kostenlosen Girokonto festhalten?
Ich denke nicht. Wir haben bald den Punkt erreicht, wo den Banken das Heft des Handelns aus der Hand genommen wird. Wenn es zu einer weiteren Senkung des Einlagezinses bei der EZB kommt, der nicht anderweitig ausgeglichen wird, dann wir es unumgänglich sein, Gebühren zu erheben und auch von Privatkunden ab einem bestimmten Betrag negative Einlagesätze zu verlangen.

Welche Auswirkungen hätte das?
Wenn einige wenige Banken damit anfangen, werden die anderen schnell nachziehen. Denn kein Institut will im aktuellen Umfeld mit Einlagen überflutet werden. Wenn alle Banken so reagieren, wird es auch nicht zu massiven Kundenwanderungen kommen. Zugegeben: Den Privatkunden sind die sogenannten Strafzinsen nur sehr schwer vermittelbar. Aber die Banken werden sich früher oder später der ökonomischen Realität beugen müssen und haben angesichts der zu befürchtenden EZB-Politik dazu auch wenig Alternativen.

Die Commerzbank kommt aktuell auf eine harte Kapitalquote von 12,9 Prozent. Ist dieser Puffer angesichts der anstehenden Herausforderungen ausreichend? Neue Umbauprogramme kosten ja in der Regel erst mal Geld.
Für das normale Geschäft ist diese Kapitalquote ausreichend. Aber es gibt relativ wenig Spielraum für negative Überraschungen oder größere Anpassungen. Und der Bank wird es angesichts der trüben Gewinnaussichten auch künftig schwerfallen, ihre Kapitalquoten organisch deutlich zu steigern. Da bliebe als Notlösung nur der Abbau von Risikoaktiva, was wiederum die Erträge schmälern würde.

Fürchten Sie, dass die Commerzbank wie die Deutsche Bank im Rahmen ihrer neuen Strategie die Dividende streicht?
Das wäre aus meiner Sicht keine gute Idee, denn in der Folge würde die Aktie noch weiter sinken. Die Marktkapitalisierung wäre im internationalen Vergleich dann zunehmend bedeutungslos. Und es bestünde die Gefahr, dass der Aktienkurs irgendwann das Tagesgeschäft negativ beeinflusst.
Die Bank könnte dann in einen Teufelskreis geraten, über den ich gar nicht nachdenken mag – gerade vor dem Hintergrund, dass das Geschäftsmodell eigentlich gar nicht schlecht ist. Aber leider ist die Commerzbank in einem Markt tätig, in dem sich keine auskömmlichen Gewinne erzielen lassen.

Mehr: Die Commerzbank steht unter Druck, mit einer neuen Strategie den Abwärtstrend zu stoppen. Nun ist auch die Schließung von Filialen im Gespräch.

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