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07.07.2019

18:14

Sanierungsprojekt

Die Deutsche Bank beschließt radikalen Konzernumbau

Von: Michael Maisch, Andreas Kröner

Die Deutsche Bank verabschiedet sich von ihren jahrelangen Ambitionen im Investmentbanking. Christian Sewings Radikalumbau kostet rund 18.000 Stellen.

Umstrukturierung

Deutsche Bank streicht 18.000 Arbeitsplätze

Umstrukturierung: Deutsche Bank streicht 18.000 Arbeitsplätze

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  • Die Deutsche Bank verkleinert ihre Investmentbank. Sie will sich unter anderem aus dem weltweiten Aktiengeschäft zurückziehen.
  • Kern des Instituts wird nach dem Umbau die Corporate Bank sein, die das Geschäft mit großen Unternehmenskunden übernimmt.
  • Im Zuge der Restrukturierung baut die Bank bis 2022 18.000 Stellen ab.

Ein Jahr vor ihrem 150. Geburtstag will die Deutsche Bank zu ihren Ursprüngen zurückkehren. Statt an den globalen Wertpapiermärkten ein großes Rad zu drehen, soll künftig das Geschäft mit den Unternehmenskunden im Mittelpunkt stehen, so wie bei der Gründung des Geldhauses im 19. Jahrhundert.

Vorstandschef Christian Sewings entscheidendes Ziel: Bis 2022 soll das Geldhaus eine Rendite auf das materielle Eigenkapital von acht Prozent erzielen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag diese Rendite lediglich bei 0,5 Prozent.

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„Heute haben wir die umfassendste Transformation der Deutschen Bank seit Jahrzehnten vorgestellt. Wir packen all das an, was notwendig ist, um das volle Potenzial unserer Bank zu entfalten: unser Geschäftsmodell, unsere Kosten, unser Kapital und unser Führungsteam“, so kommentierte Vorstandschef Sewing das Sanierungsprojekt.

Großaktionäre und Finanzaufseher hatten nach Jahren der Dauerkrise und drei Chefwechseln innerhalb von sieben Jahren auf den Strategiewechsel gedrängt. Spätestens nach der abgeblasenen Fusion mit der Commerzbank und dem Absturz des Aktienkurses auf ein historisches Tief unter sechs Euro war klar, dass ein „Weiter-so“ keine Option ist.

Kernpunkt des Umbauprojekts ist die Verkleinerung der Investmentbank. Geplant ist der Rückzug aus dem weltweiten Aktiengeschäft und ein Gesundschrumpfen der risikogewichteten Aktiva in dem Bereich. Darüber hinaus plant die Bank, ihr Handelsgeschäft, insbesondere den Handel mit Zinsprodukten (Rates), einzudampfen und den Abbau ihres Portfolios an nichtstrategischen Aktiva zu beschleunigen.

Grafik

In der Summe wird die Investmentbank, gemessen an den risikogewichteten Aktiva, um etwa 40 Prozent kleiner. Vermögenswerte, die künftig nicht mehr zum Kerngeschäft gehören, wird die Bank in eine neue Abbaueinheit (Capital Release Unit) auslagern. Diese Positionen umfassen 74 Milliarden Euro an risikogewichteten Aktiva.

Für die Deutsche Bank ist das Sanierungsprojekt das Ende einer Ära, die 1989 mit dem Kauf der Londoner Bank Morgan Grenfell begann und mit der Übernahme von Bankers Trust in den USA 1999 zementiert wurde. Damals setzten Vorstandschef Hilmar Kopper und sein Nachfolger Rolf E. Breuer alles auf eine Karte: das Investmentbanking. Zunächst mit Erfolg, die Bank stieg zu einer Weltmacht im Wertpapierhandel auf. Doch nach der Finanzkrise und der anschließenden Offensive der Regulierer fand der Bereich nie zu seiner einstigen Stärke zurück. Stattdessen sorgten die Investmentbanker mit Skandalen und Milliardenstrafen für Schlagzeilen.

In den vergangenen beiden Quartalen hat die Sparte sogar Geld verloren und insgesamt einen Verlust vor Steuern von 390 Millionen Euro angehäuft. Verantwortlich dafür war vor allem ein Einbruch im Wertpapierhandel, der einstigen Gewinnmaschine der Bank.

Konzernchef Christian Sewing will mit der Konzentration auf stabilere Bereiche wie das Geschäft mit Unternehmen und Privatkunden den Weg aus der jahrelangen Krise finden. Im Investmentbanking verabschiedet er sich von den Ambitionen seiner Vorgänger. Vor allem in den USA, wo frühere Deutsche-Bank-Chefs mit den großen Wall-Street-Häusern auf Augenhöhe konkurrieren wollten, ist das Institut inzwischen abgeschlagen.

Lange Jahre war der Wertpapierhandel nicht nur der strategische Kern der Deutschen Bank – sondern auch ihr Erfolgsgarant. 2006, auf dem Höhepunkt des Booms, sorgten die Händler noch für Einnahmen von 13 Milliarden Euro. Die gesamte Investmentbank inklusive des Beratungsgeschäfts und einiger anderer Bereiche verdiente gut sechs Milliarden Euro vor Steuern.

Zum Vergleich: 2018 schrumpften die Einnahmen der Händler auf 7,5 Milliarden Euro. Und der Vorsteuergewinn der gesamten Investmentbank brach auf 530 Millionen Euro ein.

Die neue Strategie wird sich auch in einer neuen Organisationsstruktur widerspiegeln. Kern des Geldhauses wird künftig die sogenannte Corporate Bank sein. Zu diesem Bereich zählt das Geschäft mit den großen Unternehmenskunden, aber auch die Transaktionsbank, die Sewing auf der Hauptversammlung als Herz des Instituts bezeichnete. Dieses Geschäft umfasst den Zahlungsverkehr, die Handelsfinanzierung und Wertpapier-Dienstleistungen. Darüber hinaus werden rund eine Million Firmenkunden aus der Privat- und Firmenkundenbank in Deutschland Teil der neuen Unternehmensbank werden. Die Rendite auf das materielle Eigenkapital soll in der Unternehmensbank von neun Prozent 2018 auf mehr als 15 Prozent 2022 steigen.

In der neuen, deutlich kleineren Investmentbank wird sich die Deutsche Bank künftig auf Finanzierungs-, Beratungs- und Zins- und Währungsgeschäfte konzentrieren. Dabei sollen die Bereiche ausgebaut werden, die für Unternehmen von besonderer Relevanz sind, einschließlich der Bereiche Kredit- und Devisenprodukte. Da die Bank auch in Zukunft in der strategischen Beratung und im Emissionsgeschäft eine Rolle spielen will, wird sie an einer fokussierten Research- und Aktienvertriebsabteilung festhalten.

Milliardenverluste drohen

Zum Sanierungskonzept gehört ein Kostensenkungsprogramm, das die bereinigten Kosten bis 2022 auf 17 Milliarden Euro senken soll. Bis dahin will die Bank für jeden Euro, den sie einnimmt, nur noch 70 Cent ausgeben. Zum Vergleich: 2018 lagen die bereinigten Kosten noch bei 22,8 Milliarden Euro und das Verhältnis von Kosten zu Einnahmen bei 93 Prozent.

Die Restrukturierung wird kurzfristig für Belastungen von rund drei Milliarden Euro sorgen, wovon sich rund 200 Millionen Euro auf die harte Kernkapitalquote auswirken. Wegen dieser Lasten rechnet die Deutsche Bank für das zweite Quartal 2019 mit einem Verlust von etwa 500 Millionen Euro vor Steuern und 2,8 Milliarden Euro nach Steuern. Bereinigt um die Kosten des Umbaus hätte die Bank in den Monaten April bis Juni einen Gewinn vor Steuern in Höhe von rund 400 Millionen Euro erzielt. Durch die Sanierungskosten dürfte die Bank auch im gesamten Jahr in die roten Zahlen rutschen, es wäre der vierte Verlust innerhalb von fünf Jahren. Bis 2022 rechnet die Deutsche Bank mit Belastungen von insgesamt 7,4 Milliarden Euro durch den Umbau.

Im Zuge der Restrukturierung plant die Bank bis 2022 einen Stellenabbau um rund 18.000 auf etwa 74.000 Vollzeitstellen. Neben dem Investmentbanking sind offenbar vor allem Zentral- und Infrastrukturbereiche von den Einschnitten betroffen. Aber auch im Privatkundengeschäft gehen Jobs verloren. So fallen im Zuge der Integration der Postbank in den Deutsche-Bank-Konzern weitere 2000 Stellen weg.

Um die Aktionäre nicht erneut um frische Mittel bitten zu müssen, will die Bank ihr Kapitalpolster abschmelzen und dadurch Geld für den Umbau freisetzen. Die neue Zielquote für das harte Kernkapital wird bei mindestens 12,5 Prozent liegen. Bislang strebten die Frankfurter eine Kapitalquote von mehr als 13 Prozent an. Ende März lag sie mit 13,7 Prozent deutlich über dem eigenen Ziel und den Vorgaben der Aufseher. Wegen der Belastungen will die Bank 2019 und 2020 keine Dividende zahlen. Sie geht aber davon aus, dass sie ihre sogenannten Nachranganleihen bedienen kann.

Sewing will aber nicht nur sparen, sondern auch investieren: Vier Milliarden Euro sollen in verbesserte Kontrollen fließen. Nachdem das Geldhaus zuletzt in mehrere Geldwäscheaffären verwickelt wurde, werden die Bereiche Risiko, Compliance und die Abteilung gegen Finanzkriminalität gebündelt, um Prozesse und interne Kontrollen zu stärken und die Effizienz zu steigern. Gleichzeitig schafft die Bank eine eigenständige Technologiefunktion, um die Digitalisierung aller Geschäftsbereiche voranzutreiben. Dazu steht bis 2022 ein Budget von 13 Milliarden Euro bereit.

Ab Montag beginnt Bankchef Sewing seine Roadshow, um die Aktionäre zu überzeugen, dass die Wende dieses Mal wirklich gelingt.

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