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08.04.2019

18:26

Handelsblatt Live

Betrugsfälle bei N26: Was das für die Bank und ihre Kunden bedeutet

Handelsblatt Live: Betrugsfälle bei N26: Was das für die Bank und ihre Kunden bedeutet

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Frankfurt Die Smartphone-Bank N26 gilt als Star der deutschen Start-up-Szene. Das Kundenwachstum: atemberaubend. Der Investorenkreis: illuster. Die Finanzierungsrunden: üppig. Im Januar steckten namhafte Geldgeber wie die Allianz und der Staatsfonds GIC aus Singapur 260 Millionen Euro in die Firma.

Der Unternehmenswert von N26 wurde dabei mit 2,3 Milliarden Euro angesetzt. Das macht das 2015 gestartete Institut zum ersten deutschen Fintech-Einhorn – also zu einem Unternehmen, das mehr als eine Milliarde Euro wert ist.

Doch die Zeiten der Jubelmeldungen scheinen für die erfolgsverwöhnte Bank mit rund 2,5 Millionen Nutzern vorerst vorbei zu sein. Denn neben einigen Kunden klagen nun auch andere Geldhäuser, N26 sei für sie in kritischen Situationen nicht erreichbar gewesen. Noch schwerer wiegt, dass sich die Finanzaufsicht Bafin das Berliner Start-up vorgeknöpft hat. Die Behörde stellte nach Informationen des Handelsblatts 2018 zahlreiche Mängel fest, die N26 nun schnellstmöglich abstellen muss.

Vorstandschef Valentin Stalf will sich zu konkreten Prüfungen nicht äußern. Aber er betont, die Bank stehe „in sehr engem Austausch mit der Bafin“ und nehme jede Überprüfung extrem ernst. „Wenn es bei einer Prüfung Beanstandungen gibt, dann setzen wir Verbesserungsmaßnahmen in Abstimmung mit der Bafin zeitnah um“, sagt Stalf.

Die Finanzaufsicht ist Insidern zufolge der Ansicht, dass N26 schnell gewachsen ist, die Strukturen aber nicht im gleichen Tempo angepasst hat. Bei einer Sonderprüfung stellte die Behörde Finanzkreisen zufolge unter anderem Mängel bei der Personalausstattung, beim Management von ausgelagerten Aufgaben und bei der Technik fest. Zudem kritisierte sie, dass der Mutterkonzern N26 GmbH zu viele Aufgaben für die N26 Bank übernimmt.

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Sonderprüfungen gibt es regelmäßig bei allen Banken. Doch die Kritik der Bafin an N26 war ungewöhnlich hart. Die Aufseher mahnten laut den Insidern mit deutlichen Worten Verbesserungen an. Falls es dazu nicht komme, stehe als ultimative Drohung eine Deckelung des Einlagengeschäfts im Raum. Die Bafin äußerte sich dazu nicht.

N26-Chef Stalf ist nicht der Ansicht, dass die Bank mit mehr als 800 Mitarbeitern personell schlecht ausgestattet ist. Insbesondere der Kundenservice sei inzwischen aufgestockt worden.

Zuletzt haben Kriminelle mehrere Konten bei N26 leer geräumt, in einem Fall ging es um 80 000 Euro. Betroffene Kunden klagten, sie hätten wochenlang keine Informationen erhalten. N26 hatte im August die Telefonhotline eingestellt, und der Kunden-Chat ist nicht rund um die Uhr besetzt.

Auch mehrere Banken haben sich Insidern zufolge bei der Bafin über die schlechte Erreichbarkeit von N26 beschwert. Sie bekamen bei der Smartphone-Bank teilweise niemanden ans Telefon, als sie betrügerische Überweisungen stoppen wollten.

Das Muster: Betrüger eröffneten ein N26-Konto unter einer falschen oder geklauten Identität. Dann wurde Geld von einem Konto, zu dem sich die Kriminellen Zugang verschafft hatten, auf das N26-Konto überwiesen und von dort aus auf ein anderes Konto im Ausland weitergeleitet.

Wenn der bestohlene Kunde rechtzeitig etwas merkt, kann seine Bank versuchen, die Überweisung rückgängig zu machen. Doch das war bei N26 Finanzkreisen zufolge in mehreren Fällen nicht möglich. Ein Sparkassen-Chef, der nicht genannt werden will, berichtet, sein Haus habe an einem Vormittag Ende Februar online einen Rückruf an N26 geschickt.

Valentin Stalf im Interview: N26-Gründer räumt Fehler ein: „Hätten schon früher mehr Leute einstellen sollen“

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Da Zeit bei betrügerischen Überweisungen eine wichtige Rolle spielt, ist es in solchen Fällen üblich, sich zusätzlich telefonisch zu melden. Die Sparkasse habe aber nur eine Bandansage zu hören bekommen. Am frühen Nachmittag habe das Institut zusätzlich ein Fax geschickt. Eine Rückantwort von N26 sei aber erst am nächsten Tag erfolgt – und da war das gestohlene Geld schon weg.

So ein Verhalten sei absolut unüblich in der Branche, sagten mehrere Banker. Jedes Institut sei darauf angewiesen, dass andere Banken in solchen Fällen gut erreichbar seien und noch am selben Tag reagierten.

Bei der Bundesbank ist ein brancheninternes Telefonbuch mit Nummern hinterlegt, unter denen sich Banken gegenseitig zeitnah erreichen können sollen. Ein Abkommen aller deutschen Bankenverbände und der Bundesbank sieht außerdem vor, dass solche Anfragen von anderen Instituten „unverzüglich zu bearbeiten“ sind.

Laut Stalf hat N26 an seiner Erreichbarkeit zuletzt hart gearbeitet: „Seit zwei, drei Wochen sind wir auch für andere Banken wirklich gut erreichbar, für unsere Kunden schon länger.“

Fälschungsanfälliges Verfahren

Einige Banken haben zudem den Eindruck, dass die Betrüger ungewöhnlich oft N26 als Zwischenkonto nutzen. Eine Volksbank berichtet, ihr sei im ersten Quartal aufgefallen, dass bei Überweisungsbetrügereien das Betrüger-Konto „in mehr als jedem zweiten Fall“ bei N26 geführt worden sei. Aus Sicht von IT-Sicherheitsexperte Vincent Haupert von der Universität Erlangen-Nürnberg ist die Foto-Identifizierung bei der Kontoeröffnung, die N26 in einigen ausländischen Märkten einsetzt, eine Schwachstelle.

„Dieses Verfahren ist fälschungsanfälliger als beispielsweise das Video-Ident-Verfahren“, sagt Haupert. Beim Foto-Ident-Verfahren können Kunden Fotos von ihren Ausweispapieren hochladen. In Deutschland ist das Verfahren wegen Sicherheitsbedenken verboten, aber im Ausland darf es in mehreren Ländern genutzt werden.

Gelingt die Kontoeröffnung unter falschem Namen, hat ein N26-Konto aus Sicht von Haupert für den Betrüger einen Vorteil: Er erhält unabhängig von Nationalität und Wohnsitz eine deutsche Kontonummer (IBAN). Das könne dazu führen, dass die Risikosysteme der Banken nicht anschlagen, so Haupert. Für sie sähen potenziell betrügerische Transaktionen aus wie Inlandsüberweisungen.

N26-Chef Stalf hält die Kritik für ungerechtfertigt. „In unseren Daten finden sich keinerlei Belege dafür, dass unsere Konten häufiger für Betrug genutzt werden, weil wir eine deutsche IBAN vergeben“, sagte er. Prozentual gebe es bei N26 „sehr wenige Fälle“, bei denen Konten mit gestohlenen Identitäten eröffnet wurden. Im Ausland setze die Bank neben der Foto-Identifizierung oft noch zusätzliche Sicherheitschecks ein.

Christian Nagel, der als Mitgründer des Wagniskapitalgebers Earlybird im Beirat von N26 sitzt, stellt sich hinter Stalf. „Das Thema Sicherheit hat für N26 höchste Priorität“, sagt er. „Der Kundenservice muss mit dem Wachstum mithalten.“ Deshalb habe die Bank ihren Kundenservice in den vergangenen sechs Monaten kräftig ausgebaut.

N26 steht im Rampenlicht. Entsprechend prominent werden Einzelfälle herausgestellt. Christian Nagel, Mitgründer Earlybird

Dass die Kritik an N26 zugenommen hat, führt Nagel auch auf den gestiegenen Bekanntheitsgrad zurück. „N26 steht im Rampenlicht. Entsprechend prominent werden Einzelfälle herausgestellt.“ Stalf sieht das ähnlich. Verglichen mit vielen Banken, habe N26 bessere Kundenbewertungen und höheres Wachstum. „Das kommt nicht von irgendwo.“

Künftig will Stalf auch beim Thema Kundenschutz ganz vorn dabei sein. „Wir wollen in den Feldern Betrugsprävention und Sicherheit Branchenführer werden.“ Die Finanzaufsicht und die anderen Banken werden sehr genau beobachten, ob Stalf seinen Worten auch Taten folgen lässt.

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