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22.09.2019

17:30

Strategieprogramm 5.0

Commerzbank streicht 4.300 Stellen, schließt 200 Filialen und integriert Comdirect

Von: Andreas Kröner, Yasmin Osman, Tom Körkemeier

Die Frankfurter Großbank hat Details zu ihrem Strategieprogramm vorgelegt. Die Eckpunkte haben es in sich – und treffen auch Comdirect und M-Bank massiv.

Die Verkaufserlöse könnte das Frankfurter Geldhaus in Wachstumsinitiativen investieren. dpa

Commerzbank

Die Verkaufserlöse könnte das Frankfurter Geldhaus in Wachstumsinitiativen investieren.

Frankfurt Ursprünglich wollte die Commerzbank ihre Strategie erst am 27. September präsentieren. Für 9 Uhr hat sie an diesem Tag zu einer Pressekonferenz geladen, ab 11.30 Uhr sind Analysten und Investoren dran. Doch ein Bericht des Handelsblatts über einen möglichen Verkauf der polnischen Tochter M-Bank hat das Institut am Freitag dazu gezwungen, die Eckpunkte der Strategie „Commerzbank 5.0“ bereits eine Woche früher vorzulegen. Und diese Eckpunkte haben es in sich.

Deutschlands zweitgrößte Privatbank will ihre Mehrheitsbeteiligung an der M-Bank verkaufen und im Gegenzug ihre deutsche Onlinetochter Comdirect komplett schlucken. Zudem sollen 200 Filialen geschlossen und rund 4300 Vollzeitstellen abgebaut werden. Das Management legt damit gleich bei mehreren Themen eine Kehrtwende hin.

In den vergangenen Jahren hatte das Institut eisern an seinem Netz von rund 1000 Filialen festgehalten, während andere Institute reihenweise Geschäftsstellen dichtmachten. „Der Mythos, dass Kunden Filialen überflüssig finden, stimmt nicht“, sagte Privatkundenvorstand Michael Mandel im vergangenen Jahr. Doch der Druck durch Null- und Negativzinsen und der Trend hin zu Online- und Mobilbanking haben nun zu einem Umdenken geführt.

Das Filialnetz bleibe zwar „eine feste Säule der Strategie“, erklärte die Commerzbank. Doch künftig seien dafür 800 Filialen ausreichend. Das Handelsblatt hatte über entsprechende Pläne bereits Mitte August exklusiv berichtet.

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Künftig will die Commerzbank noch stärker auf Online- und Mobile-Banking setzen. In diesen Bereichen gibt es branchenweit seit Jahren die höchsten Wachstumsraten. Und Experten gehen davon aus, dass in Zukunft immer mehr Menschen ihre Bankgeschäfte über das Smartphone abwickeln.

Der Schwerpunkt im Privatkundengeschäft solle deshalb künftig „auf dem Ausbau des Mobil-Kanals“ und der Zusammenführung von Comdirect und Commerzbank liegen, erklärte das Geldhaus.

„Kein Zeichen der Stärke“

Über eine Komplettübernahme von Comdirect, an der die Commerzbank aktuell 82 Prozent hält, ist immer wieder spekuliert worden. Vorstandschef Martin Zielke hatte die bestehende Struktur jedoch stets verteidigt. „Solange Commerzbank und Comdirect erfolgreich sind, gibt es für mich keinen Grund, das infrage zu stellen“, sagte er vor zwei Jahren im Handelsblatt-Interview.

Seine Kehrtwende begründet das Management nun damit, „dass sich durch die fortschreitende Digitalisierung die Geschäftsmodelle der Commerzbank und der Comdirect immer stärker angleichen“. Übersetzt heißt das wohl: Die Commerzbank soll mehr wie die Comdirect werden und nicht andersherum.

Analysten und Investoren reagierten verhalten auf den geplanten Umbau. Die Commerzbank-Aktie beendete den Freitagshandel mit einem kleinen Plus von 0,4 Prozent. „Nicht der Königsweg“, kommentierte RBC-Analystin Anke Reingen trocken.

„Der Verkauf der M-Bank und die Integration der Comdirect sind überraschend“, sagt Philipp Häßler vom Investmenthaus Pareto Securities. Bei der Gewinnung neuer Kunden sei Comdirect zuletzt der Wachstumsmotor innerhalb des Konzerns gewesen.

„Wenn Integration bedeutet, dass die Comdirect nicht mehr das schnelle Beiboot sein kann mit eigenständigem Profil und Angeboten, die viele Kunden angelockt haben, wäre das negativ. Wenn es nur darum geht, Komplexität im Konzern zu reduzieren, wäre das aber sinnvoll.“

Dass sich die Commerzbank von der M-Bank trennt, sieht Häßler kritisch. „Der geplante Verkauf ist kein Zeichen der Stärke.“ Die M-Bank sei schließlich profitabel. „Und der polnische Bankenmarkt dürfte in den nächsten Jahren bessere Aussichten haben als der deutsche Markt.“

Normen Fritz, der den Bereich Financials bei der Fondsgesellschaft Union Investment leitet, findet es dagegen gut, dass sich die Commerzbank von ihrer polnischen Tochter trennt. „Um Restrukturierungskosten zu stemmen ohne eine Kapitalerhöhung, ist der Verkauf drastisch, aber sinnvoll.“

Der Portfoliomanager fürchtet allerdings, dass sich der geplante Verkauf der M-Bank schwer gestalten könnte, da in Polen noch Urteile zur Vergabe von Krediten in Schweizer Franken ausstehen (siehe Kasten rechts). Somit gebe es für den gesamten Umbau der Commerzbank hohe Umsetzungsrisiken, da dieser mit dem Verkauf der M-Bank gekoppelt sei.

Genauso wie der Nachbar Deutsche Bank, der das Investmentbanking drastisch zurückfährt und 18.000 Stellen streicht, müsse auch die Commerzbank ihren Worten Taten folgen lassen. „Sollten die Programme erfolgreich und im geplanten Zeitrahmen umgesetzt werden, erwarte ich positive Reaktionen bei den Risikoaufschlägen“, sagt Fritz. Beide Banken wären dann schlanker aufgestellt.

Falls es Anzeichen für ein Scheitern des Umbaus geben sollte, würde dies dagegen zu höheren Risikoaufschlägen bei den Bankanleihen führen.

Im Rahmen ihres Umbaus will die Commerzbank die Kosten weiter drücken. Bis 2023 sollen aus eigener Kraft etwa 600 Millionen Euro im Vergleich zum Status quo eingespart werden. Inklusive des M-Bank-Verkaufs sollen die Kosten in den kommenden fünf Jahren auf 5,5 Milliarden Euro sinken. Für das laufende Jahr hat sich die Commerzbank vorgenommen, die Ausgaben leicht auf 6,8 Milliarden Euro zu senken.

Bereits im Rahmen der Strategie „Commerzbank 4.0“, die bis Ende 2020 ausgelegt ist, hatte das Institut den Abbau von 9600 Stellen angekündigt. Nun sollen weitere 4300 Vollzeitstellen wegfallen. „Ein weiterer konzernweiter Stellenabbau ist leider unvermeidbar“, erklärte die Commerzbank.

Da das Geldhaus in strategischen Bereichen 2000 neue Mitarbeiter einstellen will, beläuft sich der Stellenabbau unter dem Strich auf 2300. Hinzu kommen die rund 6000 Mitarbeiter der M-Bank, die künftig nicht mehr zum Konzern gehören wird.

Die Details des Stellenabbaus sollen in den nächsten Monaten ausgearbeitet und mit den Arbeitnehmergremien beraten werden, erklärte die Commerzbank. „Ziel ist es, den geplanten Stellenabbau möglichst sozialverträglich zu gestalten.“ Da viele Mitarbeiter, die dem Institut ohnehin den Rücken kehren wollten, die Commerzbank bereits im Rahmen des letzten Abbauprogramms verlassen haben, gehen Experten davon aus, dass der Jobabbau für das Geldhaus diesmal teurer wird.

Grundsätzlich sei das Restrukturierungsprogramm angesichts der operativen Herausforderungen aber nötig, sagt Union-Investment-Manager Fritz. Die Commerzbank leidet unter der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank sowie dem harten Wettbewerb um Privat- und Firmenkunden in Deutschland. Zudem fürchten viele, dass die Zahl der Kreditausfälle im Zuge der Konjunktureintrübung in den nächsten Jahren steigen wird.

„Es ist richtig, dass die Commerzbank endlich den längst überfälligen Umbau anpackt“, sagte die Grünen-Finanzexpertin Lisa Paus. „Ein Personalkahlschlag und Abbau der Filialen allein kann es aber nicht sein.“ Die verantwortlichen Manager müssten auch ihren Teil leisten. „Für massive Einschnitte wird es nur Akzeptanz geben, wenn endlich ein langfristiges und krisenfestes Geschäftsmodell vorgelegt wird“, sagte Paus.

Gewinnziel deutlich reduziert

Wie schwierig das Commerzbank-Management die Rahmenbedingungen in den kommenden Jahren einschätzt, zeigt auch das für 2023 ausgegebene Gewinnziel von „mehr als vier Prozent“. Im Rahmen der aktuellen, aber nun überholten Strategie „Commerzbank 4.0“ hatte das Management für kommendes Jahr eine Eigenkapitalrendite von mehr als sechs Prozent als Ziel ausgegeben.

Finanzchef Stephan Engels kassierte diese Prognose jedoch bereits Anfang des Jahres und sagte, die Bank werde am Ende zwischen fünf und sechs Prozent liegen.

Die neue Prognose für 2023 kam bei Analysten nicht gut an. „Die neuen Ziele sind nicht sonderlich ambitioniert“, kritisierten die Experten von Citi. Sie entsprächen in etwa dem, was Experten 2023 ohnehin erwartet hatten. „Die Ziele sind wenig inspirierend, aber auch symptomatisch für die schwierigen Rahmenbedingungen“, erklärten die Citi-Analysten.

Es sei positiv, dass die Commerzbank weitere Maßnahmen zur Senkung ihrer Kosten ergriffen habe. „Aber der Verkauf der M-Bank, die bisher 20 bis 25 Prozent zum Konzerngewinn beigetragen hat, bedeutet, dass die Commerzbank künftig völlig abhängig ist von ihrem hart umkämpften Heimatmarkt.“

Im Rahmen der neuen Strategie will die Commerzbank rund 1,6 Milliarden Euro in die Hand nehmen. „Davon sollen voraussichtlich 750 Millionen Euro auf zusätzliche Investitionen in Digitalisierung, IT-Infrastruktur und Wachstum und weitere 850 Millionen Euro auf Restrukturierungskosten für einen notwendigen Stellenabbau sowie geplante Anpassungen im Filialnetz entfallen“, erklärte das Institut. Die Strategie muss noch mit dem Aufsichtsrat diskutiert und dann final beschlossen werden.

Vergleichsweise wenig hat die Commerzbank bisher zur Zukunft des Firmenkundengeschäfts preisgegeben – mit einer Ausnahme: Im Geschäft mit mittelständischen Unternehmen will das Institut den Vertrieb ausbauen und somit weiter im Angriffsmodus bleiben.

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Kommentare (2)

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Herr Lothar Bitschnau

20.09.2019, 13:46 Uhr

Über 15 Jahre hinweg hat der Aufsichtsrat der Commerzbank und der Deutschen Bank als oberstes Verantwortungsgremium kapitalen Schaden angerichtet oder zugelassen. Die Aktionäre durften dafür mit vielen Kapitalerhöhungen bluten und/oder mussten die Verwässerung ihrer Aktien hinnehmen. Nachdem die Kurse dieser Banken jetzt an der untersten Kannte vegetieren wären weitere Kapitalerhöhungen ein „Betrug“ an den Altaktionären.
Die neue Strategie setzt jetzt auf die Veräußerung von Familiensilber. Schlimm, mehr noch! Die Commerzbank wird jetzt eventuell zu einem sich selbst verzehrendes Unternehmen, um zu überleben.

Herr ulf-elmar böttcher

20.09.2019, 17:08 Uhr

Strategieprogramm 5.0

Der Name passt zum Programm. Nur eine Strategie sieht anders aus.

Die Teilveröffentlichung am großen Verfallstag hat so einen kleinen Beigeschmack....
Auch für die Comdirect A.G. werden Optionscheine gehandelt.

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