Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

27.09.2019

10:11

Die Commerzbank will 600 Millionen Euro einsparen dpa

Skyline von Frankfurt

Radikaler Sparkurs der Commerzbank.

Umbau

Die Commerzbank will 600 Millionen Euro einsparen – und Kunden zur Kasse bitten

Von: Yasmin Osman, Andreas Kröner

Das Frankfurter Geldinstitut hat die Details zum großen Umbau erläutert. Für die neuen Ziele werden Kosten gesenkt und 14 Prozent der Stellen abgebaut.

Frankfurt Jahrelang lag bei der Commerzbank der Fokus auf Wachstum, Wachstum, Wachstum. Nun steuert der Konzern um – und will künftig stärker darauf achten, dass sich das Wachstum auch finanziell lohnt. „Ertragswachstum ist eine Herausforderung. Wir werden die Ertragsqualität unserer Kundenbeziehungen daher noch stärker in den Blick nehmen“, sagte Vorstandschef Martin Zielke auf der Pressekonferenz am Freitag.

Das hat auch Folgen für viele Kunden der Bank. „Preise und Gebühren für großvolumige Einlagen werden aktuell geprüft“, heißt es unter anderem in den Presseunterlagen der Bank. Das bedeutet wohl konkret, dass das Institut die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank für überschüssige Liquidität noch stärker auf die eigenen (Groß-)Kunden umlegen will. Außerdem will sich das Institut von einer Million inaktiven Kundenkonten trennen. Bis 2023 soll dieser Rückschlag mit einer Million neuen Kunden wieder ausgebügelt werden.

„Darunter ist aber kein Kunde, den wir seit 2013 gewonnen haben, nur damit da kein Missverständnis entsteht“, betonte Zielke. Die Bank habe aber festgestellt, dass sie zum Teil Kundenverbindungen, teils noch aus der Zeit der 2008 gekauften Dresdner Bank, hätten, die nicht mehr aktiv seien. „Das kostet zunehmend Geld“, so Zielke. Das liege an wachsenden regulatorischen Kosten für Kunden.

Die Bank hat außerdem angedeutet, ihre Gebühren zu überprüfen – was zu höheren Kosten für Kunden führen dürfte. „Das ist aber nicht die Einstimmung auf einen Abschied vom kostenlosen Girokonto“, so Zielke.

In der Vergangenheit ist immer wieder daran gezweifelt worden, dass die Commerzbank mit ihren neuen Kunden, die zum Teil mit aggressiven Marketing-Aktionen gewonnen wurde, auch wirklich Geld verdient. Doch von den neuen Kunden stammten ein Drittel der Erträge im Privatkundengeschäft im Jahr 2018, hob Zielke hervor. „Die Kunden, die wir herausnehmen, haben dagegen keine Erträge gemacht.“

Insgesamt will die Bank etwa jede fünfte Filiale schließen. Bislang war die Bank auf ihre rund 1000 Zweigstellen sehr stolz. Zielke bestritt, dass dies eine Kehrtwende zur bisherigen Strategie der Bank sei. „Mit einem Netz von rund 800 Filialen bleiben wir flächendeckend in ganz Deutschland persönlich präsent.“

Kosten sollen gesenkt werden

Daneben will die Bank ihre Kosten bis 2023 unter dem Strich um 600 Millionen Euro gegenüber dem aktuellen Kostenniveau senken. Nach dem Verkauf der polnischen Tochter M-Bank bleibe eine Kostenbasis von 5,5 Milliarden Euro. Ein neues Betreuungsmodell bei Privat- und Unternehmenskunden soll rund 300 Millionen Euro einsparen. Änderungen in der IT sollen etwa 400 Millionen Euro bringen, effizientere Prozesse 100 Millionen. Auch die Zentrale muss einen Sparbeitrag von 200 Millionen Euro einbringen.

Das soll brutto 4300 Vollzeitjobs kosten. Rechnet man die M-Bank-Mitarbeiter heraus, entspricht das einem Rückgang von 14 Prozent der Stellen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi brachte sich bereits in Stellung. „Gegen einen Personalabbau im Filialbereich sprechen wir uns ganz entschieden aus“, betonte Stefan Wittmann, der bei Verdi für die Commerzbank zuständig ist. Es gebe keinerlei Einsparpotenzial in den Filialen.

Auf Anfrage sagte Wittmann, die Bank habe auch einen Personalabbau in den Filialen in unbekannter Höhe angekündigt. „Die Personaldecke in den Filialen ist ohnehin zu dünn“, so Wittmann. Verdi will, dass die vorhandenen Filialmitarbeiter auf die verbleibenden Zweigstellen verteilt würden. Einen etwaigen Personalabbau in anderen Bereichen werde Verdi kritisch begleiten. „Wir verstehen aber, dass durch die Zusammenlegung von Comdirect mit der Commerzbank auch Stellen in den Zentralen wegfallen“, so Wittmann. Da sei die Frage nicht das „Ob“, sondern das „Wie“.

Der Umbau kostet das Institut insgesamt 1,6 Milliarden Euro. Gerade einmal 750 Millionen Euro davon fließen in Investitionen für die IT. Mit der übrigen Summe finanziert die Commerzbank ihren Rückbau: Etwa 700 Millionen Euro kostet der Abbau von brutto 4300 Vollzeitstellen. Die Filialschließungen werden etwa 150 Millionen Euro kosten.

Die Bank nannte auch Details zu ihren Investitionsplänen: Von den 750 Millionen Euro sollen etwa 30 Prozent in das Privatkundengeschäft und mehr mobile Banking-Angebote dort fließen. Ein Viertel wird in die Digitalisierung und das Wachstum des Firmenkundengeschäfts investiert. Dazu zählen auch 150 neue Stellen im Vertrieb für Firmenkunden. Ihren Fokus in dieser Sparte, die seit Längerem als Sorgenkind der Bank gilt, ist die Ausweitung „es höhermargigen Geschäfts mit Mittelstandskunden“.

Drohung an Comdirect-Aktionäre

Die Bank will ihre Direktbank Comdirect vollständig integrieren. Das soll Einsparungen in Höhe von 150 Millionen Euro einbringen. Da die Bank nur 82 Prozent der Aktien an Comdirect besitzt, muss sie zunächst die Minderheitseigner aus dem Institut herausdrängen. Die Bank bietet den Minderheitsaktionären dazu freiwillig 11,44 Euro je Aktie.

Nehmen genügend Aktionäre das Angebot an, kann das Institut die übrigen Aktionäre notfalls zwangsabfinden. Auf Nachbesserungen sollten die Comdirect-Aktionäre besser nicht setzen. Denn gelingt der Herauskauf nicht, winkt keine höhere Abfindung, sondern die beiden Unternehmen werden verschmolzen. „In diesem Fall bekämen die Aktionäre der Comdirect für ihre Anteile Commerzbank-Aktien“, drohte Finanzvorstand Stephan Engels.

Trotz des kostspieligen und schmerzlichen Umbaus peilt die Bank gerade einmal eine Rendite von vier Prozent im Jahr 2023 an. In den nächsten drei Jahren rechnet die Bank Engels zufolge eine Rendite auf das materielle Eigenkapital von zwei bis vier Prozent. „Im günstigsten Fall wäre eine Rendite von über fünf Prozent möglich“, betonte Engels.

Viele Analysten haben das Renditeziel von vier Prozent im Jahr 2023 als wenig ambitioniert bezeichnet. „Mir ist nicht entgangen, dass es hierzu Kritik gab“, sagte Zielke. Doch er ist überzeugt, dass angesichts des Zinsumfelds und harten Wettbewerbs in Deutschland nicht mehr drin ist. „Wir versuchen, die Dinge realistisch zu sehen, und das gilt auch für unsere Renditeziel.“

In der Vergangenheit hatte die Commerzbank ihre Renditeziele wiederholt verfehlt. Damit sich das nicht fortsetzt, legt Zielke die Latte für 2023 nun deutlich tiefer. Der Vorstandschef findet, dass dies der richtige Ansatz ist. „Wir sind in der Vergangenheit immer wieder für Entscheidungen kritisiert worden, die sich im Nachhinein als realistisch erwiesen haben“, sagte Zielke.

Die Commerzbank habe als einer der Ersten den Eigenhandel im Investmentbanking eingestellt und sei aus der Schiffsfinanzierung ausgestiegen. Auch beim Verkauf von Teilen des Derivategeschäfts habe sich die Commerzbank als Erste bewegt. „Nun trennen sich auch andere Häuser von diesen Geschäften.“

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×