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06.09.2019

04:01

Unterschlagung

Schatten auf der heilen Sparkassenwelt

Von: René Bender

Die Staatsanwaltschaft Kassel hat Anklage gegen einen Sparkassenmitarbeiter erhoben, der vermögende Kunden über Jahre betrogen haben soll – nicht der einzige Fall seiner Art.

Der jüngste Fall wirft erneut Fragen nach ausreichenden Kontrollmechanismen auf. dpa

Sparkasse

Der jüngste Fall wirft erneut Fragen nach ausreichenden Kontrollmechanismen auf.

Kassel Ob im blauen Anzug oder im Freizeitpullover: Gregor Loster*, sportlicher Typ, Anfang 40, der mit seinen gestylten Haaren deutlich jünger wirkt, macht in jeder Kleidung eine gute Figur. Eine Krankenkasse im hessischen Werra-Meißner setzte den Sparkassen-Mitarbeiter mit dem gewinnenden Lächeln sogar als Werbeträger ein. Werbetauglich war viele Jahre auch das Privatleben des Finanzexperten: verheiratet, drei Kinder, ein schmuckes Eigenheim am Wald, Vorsitzender im örtlichen Fußballverein.

Einem wie ihm vertraute die Sparkasse Werra-Meißner gern ihre vermögenden Privatkunden an. Doch Anfang 2019 brach die heile Welt zusammen. Wie ein Lauffeuer sprach sich der Verdacht herum: Loster habe mehrere Kunden um insgesamt eine Million betrogen.

Loster stritt ab. Doch die Indizien wogen schwer. Er kam in Untersuchungshaft, nur gegen Auflagen wieder frei. Nun droht ihm schon bald eine längere Haft, womöglich mehrere Jahre, denn die Staatsanwaltschaft Kassel hat ihn angeklagt. Auf 25 Seiten erhebt sie ihre Vorwürfe: gewerbsmäßiger Betrug in 29 Fällen sowie Urkundenfälschung – verteilt auf fast fünf Jahre.

Es gelang Loster dabei offenbar, zu einigen der „äußerst wohlhabenden Kunden“ der Sparkasse ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und dies dann für seine Betrügereien auszunutzen, um sich „eine auf Dauer angelegte Einkommensquelle von einigem Gewicht zu verschaffen“, wie es die Behörde formuliert.

Vor allem auf das Geld einer über 80-jährigen Kundin soll es Loster abgesehen haben. Er habe für sie Gold bei der Hessischen Landesbank bestellt, soll es aber für eigene Zwecke verwendet haben, heißt es. Allein dadurch habe er sich 195.000 Euro verschafft. Als gesamten Schaden nennt die Staatsanwaltschaft 436.000 Euro, die Sparkasse geht sogar von rund einer Million aus.

Was aus dem Geld wurde, ist offen. Loster, der laut Informationen des Handelsblatts später zumindest einen Teil der Vorwürfe eingeräumt haben soll, wollte nicht Stellung nehmen. Die Staatsanwaltschaft macht dazu keine Angaben.

Kontrollsysteme in der Kritik

Die Sparkasse teilte mit, dass schon fast alle Kunden in voller Höhe entschädigt worden seien, einschließlich der Anwaltskosten. Sie werde „alles dafür tun, dass der ehemalige Mitarbeiter für den von ihm verursachten Schaden aufkommen muss“. Weitere Mitarbeiter seien nicht beteiligt gewesen. „Nach allem, was wir wissen, hat ein Einzelner mit hoher krimineller Energie die vorhandenen Kontrollen ausgehebelt“, teilte sie mit.

Man habe „in den letzten Wochen und Monaten alle Systeme umfassend auf den Prüfstand gestellt und, wo notwendig, Anpassungen vorgenommen“. Aber wie konnten die Betrugsfälle so lange unentdeckt bleiben?

Die Sparkasse gibt an, der Mitarbeiter habe sich zunächst nur sporadisch bereichert, „sodass seine Aktivitäten durch das Netz unserer Kontrollsysteme geschlüpft“ seien. Erst 2018 habe er die Aktivitäten stark erhöht – dann erwischte ihn der Arbeitgeber.

Laut Staatsanwaltschaft soll Loster sich aber von 2014 bis 2017 schon 20-mal bereichert haben. 2018 griff er neunmal zu. Das nährt den Verdacht, dass die Kontrollsysteme der Sparkasse nicht ausreichten oder zu lax gehandhabt wurden.

Möglicherweise ist der Fall Loster sogar ein Warnsignal für die ganze Sparkassen-Organisation. In der jüngeren Vergangenheit kamen mit dem in Werra-Meißner vergleichbare Vorfälle fast regelmäßig vor. Der wohl größte Tatort liegt ebenfalls in Hessen.

Knapp neun Millionen Euro Schaden verursachte der damalige Leiter Rechnungswesen der Sparkasse Oberhessen. Fast ein Jahrzehnt lang blieb der Betrug unbemerkt, erst 2017 schöpfte eine Kreditbank Verdacht. Bis dahin galt der Mitarbeiter, der den Abfluss des Geldes durch verwirrende bankinterne Buchungen verschleiert hatte, als besonders honorig und fiel als engagierter Lokalpolitiker auf.

Erfundene Kunden

Ein anderer Angestellter griff in Hamburg zu. Um seine Spielsucht zu finanzieren, veruntreute der stellvertretende Filialleiter der Hamburger Sparkasse 1,7 Millionen Euro, indem er 85 Konten für erfundene Personen anlegte, ihnen Kredite gewährte und diese auf zwei Privatkonten bei einer Bank in München transferierte.

Im ostwestfälischen Rietberg gelang es einem Sparkassen-Mitarbeiter, 1,4 Millionen Euro abzuzweigen – verteilt auf mindestens 65 Fälle in vier Jahren. Auch bei der Ostsächsischen Sparkasse, in Regensburg und einem Institut bei Stade verursachten kriminelle Mitarbeiter Schäden, die bis in die Millionen reichten. Manchmal war der Arbeitgeber das Opfer, manchmal waren es die Kunden.

„Die Kontrollen waren da, das System an sich wasserfest. Der Mann war halt ein Genie und hat die schmale Lücke erkannt.“ So lapidar erklärte der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Oberhessen, Günter Sedlak, den jahrelangen Betrug im eigenen Haus. Der Betrüger selbst widersprach. „Das war kein Hexenwerk“, gab er im Prozess zu Protokoll.

Sehr leicht habe ihm die Sparkasse den Betrug gemacht. So konnte er etwa ein internes Konto der Sparkasse für Überweisungen nutzen, das eigentlich nur für Einnahmen vorgesehen war. Kontrollen seien entweder viel zu lax oder nicht vorhanden gewesen. Die Ermittler stimmten zu: Bei konsequenter Umsetzung der Regeln hätten die Betrügereien schnell auffallen müssen. Das Gericht sprach von einem „Totalausfall der Kontrollmechanismen“.

Auch der Richter in Hamburg kam gegenüber dem Angeklagten zu dem Ergebnis: „Die Haspa hat es Ihnen sehr leicht gemacht. Man fragt sich, wie so was angehen kann.“ Und der in Rietberg verurteilte Mitarbeiter zeigte sich selbst überrascht, dass sein Betrug so lange klappte.

Ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands verweist darauf, dass es sich angesichts von 381 Sparkassen mit rund 210.000 Mitarbeitern um Einzelfälle handele. Die Institute hätten „regelmäßige Compliance-Schulungen, mit denen meistens schon in den ersten Tagen der Ausbildung begonnen“ werde. Früher oder später komme alles heraus.

Welche Konsequenzen ziehen die Institute? Sie sind bisweilen überschaubar. Die Sparkasse Oberhessen trennte sich nur von dem Betrüger selbst und dessen direktem Vorgesetzten. Die Kontrolle wurde einem anderen Vorstandsmitglied unterstellt. Zuvor waltete dort der Chef persönlich. Er durfte bleiben und geht bald regulär in Ruhestand.

*Name geändert

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