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29.10.2019

04:01

Volks- und Raiffeisenbanken

Aufbruch in die Minus-Welt: Genossen geben sich Anleitung für Negativzinsen

Von: Elisabeth Atzler, Andreas Kröner, Yasmin Osman, Frank Matthias Drost

Ein Strategiepapier zeigt, wie intensiv sich selbst die Volksbanken darauf vorbereiten, Minuszinsen von Privatkunden zu erheben. Die Dummen sind die Kunden.

Genossenschaftsbanken geben sich Anleitung für Negativzinsen dpa

Volksbank

Der BVR-Leitfaden zeigt: Das Tabu Minuszinsen bröckelt auch bei den Volksbanken.

Frankfurt Mario Draghi habe Spuren in Deutschland hinterlassen, sagte Kanzlerin Angela Merkel am Montag bei der Abschiedsfeier für den Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) und zog historische Vergleiche zu den Römern.

Spuren hinterlässt der aus Rom stammende Draghi mit seinem Wirken tatsächlich bei hiesigen Bankkunden. Denn eine wachsende Zahl Kreditinstitute will die Strafzinsen, die sie an die EZB abführen müssen, neuerdings an ihre Kunden weiterreichen.

Welche Rolle solche Szenarien spielen, zeigt ein Rundschreiben des Bundesverbands deutscher Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), das dem Handelsblatt vorliegt. Darin analysiert der Verband auf 60 Seiten die Rechtslage zum Thema Minuszins und gibt Kommunikationstipps, wie man die Kunden auf Strafzinsen vorbereiten könnte.

Angesichts der EZB-Politik sind negative Einlagenzinsen aus Sicht des Verbandes „eine der denkbaren geschäftspolitischen Optionen“. Und an der lockeren Geldpolitik der EZB dürfte sich auch unter Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde so schnell nichts ändern.

In dem Schreiben setzt sich der Verband der knapp 900 Genossenschaftsbanken intensiv mit den rechtlichen Möglichkeiten auseinander und schlägt erstmals auch einen Vier-Stufen-Plan vor, wie die Institute bei der Einführung von Minuszinsen mit Kunden und Öffentlichkeit am besten umgehen sollten.

„Schon allein mit Blick auf die Verpflichtung zur ordnungsgemäßen Geschäftsführung muss ein Bankvorstand dauerhaften Verlusten – auch aus einem einzelnen Produkt oder Geschäftsbereich – durch geeignete unternehmerische Entscheidungen entgegenwirken“, heißt es in der Ausarbeitung.

Bislang schreckten die meisten Banken davor zurück, von normalen Privatkunden Minuszinsen zu fordern. Doch der BVR-Leitfaden zeigt: Das Tabu bröckelt.

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Der Umgang mit Minuszinsen treibt nicht nur den genossenschaftlichen Finanzsektor um. Auch private Banken und Sparkassen gehen offenbar davon aus, dass ihre Kunden Draghis Erbe künftig noch deutlicher zu spüren bekommen als eh schon.

Bei der Tagung von Internationalem Währungsfonds, Weltbank und Weltbankenverband IIF Mitte Oktober vertraten viele deutsche Spitzenmanager die Auffassung, dass man um die Weitergabe von Negativzinsen auf mittlere Sicht nicht herumkommen werde. Banken könnten es sich angesichts des Zinsumfelds schlicht nicht leisten, Kunden dauerhaft vor Negativzinsen abzuschirmen, sagte ein Bankvorstand dem Handelsblatt.

Deutsche Banken klagen seit Langem darüber, dass sie Negativzinsen bezahlen müssen, wenn sie überschüssige Spargelder ihrer Kunden bei der Notenbank parken. Die Gebühr liegt aktuell bei minus 0,5 Prozent. An Brisanz gewonnen hat das Thema, weil die EZB auf ihrer September-Sitzung die Negativzinsen wohl für lange Zeit zementiert hat.

Darauf reagiert nun auch der BVR: Denn sein Vier-Stufen-Plan zur Einführung von Minuszinsen taucht in dem Leitfaden erst in der September-Version auf und enthält neben Einschätzungen zur Rechtslage auch Musterschreiben und Formulierungshilfen.

Der Leitfaden kommt zwar nicht einem allgemeingültigen Aufruf zum Minuszins gleich. Doch die Analyse der Rechtslage und die Kommunikationstipps machen ihn zu einer wichtigen Hilfestellung für die Genossenschaftsbanken, die Minuszinsen einführen wollen.

Negativklausel im Neugeschäft

Der BVR wollte sich zu Details des Schreibens nicht äußern, weil es ein internes Papier ist. Verbandspräsidentin Marija Kolak sagte aber: „Natürlich haben wir die Volks- und Raiffeisenbanken über rechtliche, steuerliche und wirtschaftliche Aspekte beim Thema Negativzinsen informiert.“

Viele Ratschläge des BVR beziehen sich auf das Neugeschäft, bei dem sich die Institute zumindest die Option auf Minuszinsen einräumen lassen sollen. Bei Bestandskunden brauchen die Banken die Zustimmung der Kunden, können die Kontoverbindung aber auch kündigen, wenn das nicht klappt.

Grafik

Auch die geschäftspolitische Analyse des BVR im Rundschreiben untermauert den Eindruck, dass der Verband davon ausgeht, dass viele seiner Mitglieder mit der Weitergabe von Negativzinsen liebäugeln.

Auf Dauer seien die zusätzlichen Erträge, die die EZB-Geldpolitik erfordere, kaum durch den Ausbau des Provisionsgeschäfts oder das Senken von Kosten zu erzielen, schreibt der BVR.

Ähnlich argumentiert der Bundesobmann der Sparkassen, Walter Strohmeier. Er prognostiziert, dass sich die Negativzinsen „mehr und mehr in die Märkte hineinfressen“ werden, wie er kürzlich der Nachrichtenagentur Bloomberg sagte. „Demzufolge werden sicher auch immer mehr Kreditinstitute Negativzinsen an den Kunden weiterreichen und Freibeträge senken“, so Strohmeier.

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Kommentare (4)

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Herr Helmut Oser

29.10.2019, 10:19 Uhr

Unser Geld wird wertlos gemacht. Klappte es lt EZB nicht mit der Inflation werden die Bürger der EU mit Minuszinsen, einer EZB-Steuer, enteignet.
Die Banken sind nur die Übermittler der schlechten Nachricht, zu verantworten haben sie diese nicht.
Die EU mit der EZB und ihrem Chef, dem ehemaligen Goldman Sachs Banker Draghi der am Rande der Legalität operiert, ist es zu verdanken, dass Sparguthaben schon seit Jahren real an Wert verlieren und zukünftig auch nominal durch die EZB-Steuer, dem Minuszins, zusätzlich auch noch nominal weniger wird.
Wie sagte Merkel, scheitert der Euro scheitert Europa. Diese Aussage ist so falsch, falscher geht es nicht mehr. Die Bürger leiden unter dem Euro und der EZB und werden, vor allem die mit Sparguthaben, werden drastisch ärmer. Scheitert der Euro scheiter keinesfalls die EU, wir kehren dann zur Währungsschlange zurück und der Verrechnungseinheit Ecu. Das wäre ein Gewinn für Europa.

Herr Helmut Metz

29.10.2019, 12:25 Uhr

@ Helmut da Silva
"Unser Geld wird wertlos gemacht. Klappte es lt EZB nicht mit der Inflation werden die Bürger der EU mit Minuszinsen, einer EZB-Steuer, enteignet."

Ihr Konto-Girlageld wird nicht wertlos, Herr da Silva, es ist gar nicht mehr da. Es ist schon längst weiterverliehen als Kredit.
Warum ist es nicht mehr da? Weil es sich um ein BRUCHTEILSRESERVEbankwesen handelt.
99,9% der Menschen, die EINLAGEN auf einer Bank haben, glauben felsenfest daran, dass die Bank ihre Einlagen nur VERWAHREN würde. Damit würde sie aber so gut wie kein Geld verdienen.
Früher wurde Geld in der Tat auf der Bank eingelagert, und die Bank hat dem Eigentümer einen Lagerschein, eine BANKNOTE. ausgestellt. Dafür hat der Eigentümer natürlich auch keine Zinsen bekommen, sondern er musste eine Lagergebühr bezahlen. Diese BANKNOTEN wurden im Laufe der Zeit wie echtes Geld angesehen, da sie jederzeit bei der Bank wieder eingelöst werden konnten (REDEEMABLE; können Sie z.B. noch auf historischen Dollar-Banknoten lesen). Gleichzeitig kamen die Banken ebenfalls im Laufe der Zeit auf den Trichter, dass bei weitem nicht alle Geld-Lagerscheine wieder eingelöst wurden, sondern tatsächlich nur ein kleiner Teil. Also konnten sie weitaus mehr KREDITE vergeben (natürlich für Zinsen - und damit selber Geld "verdienen"), als es Einlagen bei ihnen gab.
Das heutige ungedeckte Fiat-Money-System ermöglichte es den Banken aber erst, die KREDITEXPANSION auf die Spitze zu treiben: heute gilt bei den Banken im EU-Raum eine Mindestreserve von 1%. Der Kehrwert ist der sogenannte KREDITMULTIPLIKATOR . Er beschreibt also die Obergrenze der möglichen Kreditexpansion.
Es wäre tatsächlich also ein Leichtes, Minuszinsen (und überhaupt dieses betrügerische Bruchteilsreservebankwesen) zu beenden: Würden die Kontoinhaber nicht der lächerlichen "Einlagensicherung" bis zur SCHERZgrenze vertrauen und ihre Kontoeinlagen in Bargeld oder reale Werte umtauschen wollen, dann wäre das Spiel schon morgen vorbei.

Herr Helmut Metz

29.10.2019, 12:27 Uhr

- Fortsetzung -

Nix mehr mit Minuszinsen - aber gleichzeitig natürlich auch nix mehr mit der trügerischen Illusion, "Vermögen" zu besitzen.

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