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07.12.2018

06:59

Achterbahnfahrt an der Wall Street. Imago

Händler an der New Yorker Börse

Achterbahnfahrt an der Wall Street.

Börse New York

US-Börsen erholen sich in letzter Minute

Von: Felix Holtermann, Marc Renner, Astrid Dörner

Der Dow Jones rutscht zunächst knapp 800 Punkte ins Minus, kann die Verluste aber kurz vor Handelsschluss fast wieder wettmachen. Dafür gibt es vor allem einen Grund.

Düsseldorf, New YorkWas für ein Handelstag: Die US-Börsen starteten zunächst tief im Minus. Der Leitindex Dow Jones verlor in der Spitze 785 Punkte oder 3,1 Prozent, bevor am Nachmittag eine überraschende Wende einkehrte.

Der Dow schloss nur noch knapp im Minus mit 0,3 Prozent oder 24.947 Zählern. Der Nasdaq Composite schloss sogar 0,4 Prozent im Plus bei 7.188 Zählern. Dabei hatte der Index der Technologiewerte zuvor um bis zu 3,8 Prozent nachgegeben. Der breit gefasste S&P 500 hatte zwischenzeitlich bis zu 3,2 Prozent verloren und schloss am Ende 0,2 Prozent im Minus bei 2.696 Zählern.

Ein Grund für die rasante Umkehr war die erstarkte Hoffnung der Anleger, dass die US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen im kommenden Jahr langsamer als geplant anheben würde. Der Chef der regionalen Notenbank, Robert Kaplan, hatte am Donnerstag in einem Interview mit dem Börsensender CNBC dafür geworben, „geduldig zu sein“ und mit den Zinsschritten nichts zu überstürzen. Notenbankchef Jay Powell hatte sich zuvor ebenfalls vorsichtiger geäußert.

Am Donnerstagmorgen hatte noch eine Mischung aus politischen Nachrichten und sich eintrübenden Marktindikatoren für schlechte Stimmung unter Anlegern gesorgt.

Die Nachricht über die Verhaftung einer Topmanagerin des chinesischen Telekommunikationsriesen Huawei hatte die Investoren aufgeschreckt. Die Finanzchefin des Netzwerkausrüsters, zugleich Tochter des Firmengründers, war in Kanada festgenommen worden und soll an die USA ausgeliefert werden. Washington wirft Huawei Geschäfte mit dem Iran vor, gegen den die USA ein einseitiges Embargo verhängt haben. Peking protestierte scharf gegen den Schritt.

Damit sei wieder völlig offen, ob die USA und China eine dauerhafte Lösung im Handelskonflikt finden können, sagte Art Hogan, Chef-Anlagestratege der Investmentbank B. Riley FBR. „Schwer vorstellbar, dass diese Entwicklung zu einer Deeskalation im Zollstreit zwischen den USA und China beiträgt“, sagte Analyst Gregor Kuhn von Emden Research. Erst am Dienstag hatte US-Präsident Donald Trump erneut mit Zöllen gedroht, sollte es nicht zu einer umfangreichen Handelsvereinbarung kommen.

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Jamie Dimon, der Chef der größten US-Bank JP Morgan, machte vor allem die mit dem Handelsstreit verbundene Unsicherheit für die Schwankungen an den Märkten verantwortlich. „Man weiß nicht, wie schlimm es noch werden wird“, sagte er am Rande einer Konferenz in Washington. Dimon geht nicht davon aus, dass die USA und China in 30 Tagen zu einem finalen Verhandlungsergebnis kommen werden. Unternehmer müssten derweil ihre Lieferketten und Investitionen überdenken. „Solche Dinge sorgen für Unsicherheit, was wiederum zu Volatilität führt“, so Dimon.

Der Fehlbetrag der US-Handelsbilanz ist derweil auf den höchsten Stand seit zehn Jahren geklettert. Mit dem Rest der Welt hätten die USA im Oktober ein Defizit von 55,5 Milliarden US-Dollar verzeichnet, teilte das Handelsministerium am Donnerstag in Washington mit. Das ist der höchste Wert seit Oktober 2008.

Derweil hatte der US-Kongress einen Übergangshaushalt verabschiedet und damit einen drohenden Stillstand von Teilen der Regierung vorerst abgewendet. Damit haben die Abgeordneten und Senatoren die Diskussion über die Finanzierung der von Präsident Donald Trump geforderten Mauer an der Grenze zu Mexiko aber nur vertagt. Der Streit darüber könnte sich in den kommenden zwei Wochen zuspitzen.

Spekulationen auf eine sinkende Ölnachfrage als Folge eines sich wieder zuspitzenden Handelskonflikts ließen zudem den Ölpreis sinken. Auch das Opec-Treffen zur Förderpolitik, das zunächst ohne konkretes Ergebnis blieb, trug zum Preisrückgang bei. Die Ölsorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um 2,1 Prozent auf 60,29 Dollar je Barrel (159 Liter).

Unter Verkaufsdruck gerieten am Donnerstag vor allem Technologiewerte, da Huawei Experten zufolge einer der weltgrößten Abnehmer für Computerchips ist. So büßte Huawei-Zulieferer Qualcomm zeitweise bis zu 6,4 Prozent ein, ging schließlich aber unverändert aus dem Handel.

Die Aktien von Apple dagegen blieben bis zum Börsenschluss unter Druck, sie gaben 1,1 Prozent nach. Unter die Räder kamen auch Autobauer, für die China ein wichtiger Absatzmarkt ist. General Motors verloren 1,2 Prozent und Ford 1,7 Prozent.

Die Aktien des Flugzeugbauers Boeing waren mit einem Abschlag von rund 3 Prozent einer der größten Verlierer. Zwischenzeitlich waren die Anteilscheine um mehr als 7 Prozent abgesackt. Ein Gericht in São Paulo hatte die geplante Übernahme der Mehrheit am Verkehrsflugzeuggeschäft seines brasilianischen Wettbewerbers Embraer zunächst gestoppt.

Ferner weiteten die Aktien der Citigroup ihren rund 4,5-prozentigen Verlust vom Dienstag aus und büßten 3,53 Prozent ein. Finanzchef John Gerspach hatte am Mittwoch gesagt, dass die Bank ihr Rentabilitätsziel für 2018 wegen rückläufiger Erträge im vierten Quartal verfehlen könnte.

Exxon Mobil und Chevron büßten mehr als ein Prozent ein. Für die Anteilscheine des Bohrfeldausrüsters Halliburton ging es um gut fünf Prozent nach unten.

Unter den Favoriten im S&P 500 zogen die Aktien von Hewlett Packard Enterprise um mehr als 6 Prozent an. Die für IT-Services zuständige Schwestergesellschaft von Hardwarehersteller HP Inc hatte überraschend positive Quartalszahlen vorgelegt.

Beobachter fürchten, dass nach der erzwungenen Handelspause vom Mittwoch nun der große Ausverkauf beginnt. „Es wird ein Blutbad werden“, sagte Naeem Aslam, Chef-Anlagestratege von Think Markets U.K. in London gegenüber Bloomberg. „Der risikoaverse Handel ist zurück.“ Die Hoffnung auf eine Annäherung zwischen den USA und China, die kurzzeitig zu Optimismus im Markt geführt habe, sei nach der Verhaftung der Huawei-Managerin verflogen.

Außerdem treiben langfristige Trends den Pessimismus der US-Anleger. Sie könnten zu einer anhaltenden Verkaufswelle und stark volatilen Märkten führen.

So sorgt die Annäherung der Renditen kurz- und langfristiger US-Anleihen für Sorgenfalten. Fallen die Renditen langfristiger Titel unter diejenigen mit kürzerer Laufzeit, wird das im Fachjargon als „inverse Zinskurve“ bezeichnet. Das Problem: Die kurzfristigen Renditen haben die langfristigen bisher vor jeder Rezession seit 1975 überflügelt.

Die Abschwungsorgen befeuert auch die Tatsache, dass zahlreiche Börsenwerte, die als sogenannte Frühindikatoren gelten, schwächeln. Dazu zählen vor allem Transport-Aktien, die die gesamtwirtschaftliche Entwicklung regelmäßig vorwegnehmen und Anfang der Woche deutlich nachgaben.

Zu guter Letzt fürchten Analysten den Einfluss der Psychologie auf die Weltwirtschaft und die Börsen. Viele Beobachter sehen einen sich selbst verstärkenden Abwärtstrend nach dem Motto: Wenn genug Marktakteure fest mit einem Abschwung rechnen, kommt er auch. Zum Beispiel können pessimistische Zukunftserwartungen zu Investitions- und Konsumzurückhaltung führen – und so die befürchtete Rezession erst real werden lassen.

Die Bank of America erklärte am Dienstag, sie rechne damit, dass die „Bärenmarkt-Stimmung“ des Jahresendes bis weit ins nächste Jahr anhalten werde. Die Aktienmärkte könnten demnach im ersten Halbjahr neue Tiefstände erreichen.

Andere Beobachter raten zu einer nüchternen Betrachtung – und dazu, die aktuellen Turbulenzen nicht überzubewerten. Zu ihnen zählt Maximilian Kunkel von der Großbank UBS: „Die US-Wirtschaft tritt in eine neue Phase ein. Das Wachstum verlangsamt sich, die Unternehmensrenditen steigen weniger schnell an, und die Geldpolitik normalisiert sich“, sagte der Chefanlagestratege für Deutschland und Österreich dem Handelsblatt. „Das führt zu Kursturbulenzen und zur Rückkehr einer normalen Volatilität an den Börsen. Mit einer Rezession rechnen wir für das kommende Jahr nicht.“

Demnach sollten auch deutsche Anleger einen kühlen Kopf bewahren. „Europa kann sich zwar nicht von den Entwicklungen in den USA abkoppeln, aber zu einem starken realwirtschaftlichen Abschwung dürfte es nicht kommen. Der europäische Konjunkturzyklus hängt vielmehr vier Jahre hinter dem US-amerikanischen hinterher“, so Kunkels Fazit.

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Mit Agenturmaterial.

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