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30.07.2019

16:51

Brexit

Wie die britischen Märkte auf Johnsons „No Deal“-Kurs reagieren

Von: Jürgen Röder

Großbritanniens Premier Johnson steuert rasant auf einen Brexit ohne Abkommen zu. Der britische Aktienmarkt steigt dennoch auf ein neues Jahreshoch. Das hat zwei Gründe.

Brexit: So reagieren die britischen Märkte auf Johnsons „No Deal“-Kurs Bloomberg

Britischer Börsenindex

Bildschirme zeigen Mitte März dieses Jahres den Kurs des britischen Börsenbarometers FTSE 100. Mittlerweile notiert der Index 500 Punkte höher.

Düsseldorf, London Der Brexit-Kurs des neuen britischen Premierministers Boris Johnson hinterlässt deutliche Spuren am Devisenmarkt. Das Pfund hat an diesem Dienstag 0,3 Prozent nachgegeben und kostete zeitweise mit 1,2117 Dollar so wenig wie seit dem Frühjahr 2017 nicht mehr. Und der Kursrutsch dürfte noch nicht zu Ende sein.

„Im Falle eines ,No-Deal‘ dürfte das Pfund Sterling im Vorfeld des 31. Oktober auf den Wert von 1,18 Dollar fallen und diese Schwelle unmittelbar danach klar durchbrechen“, prognostiziert Seema Shah, Chefstrategin der Investmentfondsgesellschaft Principal Global Investors. Sie erwartet, dass das britische Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 schrumpfen wird, was die britische Wirtschaft in eine Rezession stürzen dürfte.

Allein seit dem Amtsantritt Johnsons vergangene Woche gab die Währung 2,4 Prozent nach. In diesem Monat beträgt das Minus 4,3 Prozent. Das ist der bislang größte Verlust seit Oktober 2016.

Börsianer fürchten, dass Großbritannien auf eine ungeregelte Trennung von der Europäischen Union (EU) zusteuert, was die weltweite Wirtschaft und die Finanzmärkte in Mitleidenschaft ziehen dürfte. Seit dem Referendum im Juni 2016, bei dem sich die britische Bevölkerung mehrheitlich für einen EU-Austritt ausgesprochen hatte, verlor das Pfund gegenüber dem US-Dollar 28 Cent an Wert.

Ein ähnliches Bild zeigt auch das Pfund in Relation zum Euro. Das Pfund Sterling war nach dem Referendum am 23. Juni 2016 stark abgerutscht und gegenüber dem Euro von etwa 1,30 Euro auf 1,10 Euro gesunken. Seitdem wurde es in einem relativ engen Bereich gehandelt, um etwa 1,08 bis 1,20. Mit einem Wert von aktuell 1,0915 Euro lag die britische Währung in den vergangenen zehn Jahren lediglich zwei Mal für wenige Tage tiefer: Ende August 2017 mit 1,0807 und im Oktober 2016 mit 1,08 Euro.

Unternehmen profitieren vom schwächelnden Pfund

Doch der Aktienmarkt auf der Insel zeigt eine andere Entwicklung. Nachdem Johnson am vergangenen Wochenende seinen Brexit-Kurs verschärft hatte, legte der britische Auswahlindex FTSE 100 um 1,8 Prozent zu und erreichte mit 7.711 Zählern ein neues Jahreshoch.

Für diese auf den ersten Blick erstaunliche Entwicklung gibt es zwei Gründe. Der eine ist die schwächelnde Währung. „Im Durchschnitt erzielen europäische Unternehmen etwa 40 Prozent ihrer Umsätze außerhalb der Region, bestimmte Branchen und Länder sogar deutlich mehr“, erläutert Andrew Milligan, Leiter der globalen Aktienmarktstrategie beim Fondsanbieter Aberdeen.

Bei größeren Aktien aus dem Auswahlindex liege diese Zahl bei bis zu 70 Prozent. „So ist ein Rückgang des Pfund-Kurses eigentlich sogar gut für die Umrechnung der Gewinne aus Übersee zurück ins Pfund Sterling“, erläutert er.

Der zweite Grund ist die Notenbank. Nach Meinung von Strategin Shah dürfte nach einem „No Deal“-Brexit die Inflation aufgrund des niedrigen Wechselkurses und der höheren Preise der EU-Einfuhren angesichts der zusätzlichen Zölle deutlich über das Ziel von zwei Prozent steigen. „Eine sofortige Zinssenkung um 50 Basispunkte wäre zu erwarten, und die Zentralbank würde wahrscheinlich die Möglichkeit eines weiteren ‚Quantitative Easing‘ [Anleihekaufprogramm, Anm. d. Red.] in Betracht ziehen.“

Eine Zinssenkung ist positiv für die Kurse am Aktienmarkt, weil die Renditen auf dem Anleihemarkt fallen.

„Schwache Währung und unterstützende Geldpolitik wären ein Silberstreif am Horizont für britische Aktien“, sagt Shah. Nach dem Brexit sei es an der Zeit, britische Vermögenswerte einzusammeln. Aber Investoren müssten starke Nerven haben, um in der Folgezeit die schweren Turbulenzen und die schwächere Konjunktur durchzustehen.

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