MenüZurück
Wird geladen.

08.01.2019

14:49

Interview

Warum US-Fondsmanager Hasenstab nicht mehr in Europa investiert

Von: Anke Rezmer

Der Anleihe-Fondsmanager Michael Hasenstab verwaltet 114 Milliarden Dollar Kundenvermögen – davon fließt aber kein Cent mehr nach Europa. Er bevorzugt exotischere Anlageziele.

Der Fondsmanager sieht viel Potenzial in Schwellenländern. Bloomberg

Michael Hasenstab

Der Fondsmanager sieht viel Potenzial in Schwellenländern.

FrankfurtMichael Hasenstab ist Anleihefondsmanager des US-Fondshauses Franklin Templeton und verantwortet 114 Milliarden Dollar Kundenvermögen. Er erwartet, dass die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe über vier Prozent steigt. Er erläutert, warum der Euro und die Gemeinschaft der EU-Staaten durch Populismus und Nationalismus gefährdet sind. Und warum es immer weniger Anlagemöglichkeiten gibt.

Herr Hasenstab, wo erzielen Sie jetzt Rendite für Ihre Fonds? Vor allem die US-Kapitalmarktzinsen sind gestiegen, zuletzt aber wieder leicht gesunken.
Viele Investoren unterschätzen die Bewegung der US-Kapitalmarktzinsen: Als die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe bei zwei Prozent war, konnten sie sich nicht vorstellen, dass sie auf drei Prozent klettert. Jetzt glauben viele nicht, dass sie auf vier Prozent steigt. Das wird für Überraschungen sorgen.

Wann wird die zehnjährige US-Treasury vier Prozent erreichen?
Noch in diesem Jahr. Die US-Kapitalmarktzinsen werden weiter steigen, auch wenn die Fed etwas zögerlicher ist mit ihrer Geldpolitik. Die Renditen länger laufender Staatsanleihen werden aus verschiedenen Gründen klettern: wegen des höheren Budgetdefizits infolge von Trumps Ausgabenpolitik und weil große Investoren wie die Fed sowie China und die Ölexportländer keine zusätzlichen Bonds mehr kaufen. Außerdem gibt es Inflationsdruck: strukturellen wegen der aggressiven US-Arbeitsmarktpolitik gegen Immigranten und konjunkturellen, weil die US-Wirtschaft an ihrer Kapazitätsgrenze arbeitet.

Und was passiert, wenn die vier Prozent erreicht sind?
Wenn die Wirtschaft das verkraftet und weiter wächst, wird es weiter hoch gehen. Wenn es die Finanzmärkte destabilisiert, wird es das Ende sein.

Anlegen 2019: Sieben Anlegerfehler – und wie man sie vermeidet

Anlegen 2019

Sieben Anlegerfehler – und wie man sie vermeidet

Das vergangene Börsenjahr hat den Anlegern wenig Freude bereitet. Aber wer die richtigen Lehren daraus zieht, hat in Zukunft weniger Sorgen.

Wie investieren Sie nun? Haben Sie überhaupt US-Staatsanleihen?
Nur sehr kurzfristige US-Papiere als Liquiditätsersatz. Denn es gibt kein Bonitätsrisiko in den USA. Ansonsten setzen wir darauf, dass die Kapitalmarktzinsen weiter steigen. Wir setzen darauf mit Derivaten, beispielsweise Zinsswaps. Im Oktober haben wir gut verdient, aber zuletzt im Dezember nicht, als die Zinsen wieder gesunken sind. Aber der Aufwärtstrend wird intakt bleiben.

Investieren Sie in Europa?
Nein. Wir sorgen uns über immer stärkeren Druck durch Populismus in Europa: Der Zusammenhalt der EU-Gemeinschaft ist gefährdet, der politische Wille für mehr Zusammenarbeit und Integration ist abhandengekommen. Das zeigen Umfragen. Und viele Politiker stehen für weniger Integration und eine laxe Fiskalpolitik wie in Italien. Es gibt eine Bewegung hin zu mehr Nationalismus wie in Österreich, in Belgien sorgt man sich über Immigration und den freien Arbeitsmarkt. Viele Franzosen akzeptieren ihren Staatspräsidenten Emmanuel Macron nicht, den großen Vertreter des Euro-Zonen-Projekts und Anhänger ökonomischer Reformen. Das macht den Euro verletzlich. Investoren unterschätzen dies.

Wie gefährdet ist der Euro denn?
Heute wird die Euro-Zone stärker getestet als 2011. Das kann zu einer deutlich volatileren Phase führen als vor acht Jahren. Damals gab es einen klaren politischen Willen für mehr Zusammenarbeit – sogar für einen Rettungsschirm für Griechenland, auch wenn es größere ökonomische Probleme gab. Dieser Wille zu einem Rettungsschirm für das hoch verschuldete Italien ist heute nicht zu erkennen: nicht in der breiten Bevölkerung und auch nicht bei den von ihnen gewählten Politikern. Und das schafft Volatilität an den Märkten.

Wie sieht es in Deutschland aus?
Die deutschen Fundamentaldaten sind sehr stark. Wir sorgen uns, dass es sehr schwer wird, zu einer Fiskalunion in der Euro-Zone zu kommen, wenn man die Wählerpräferenzen anschaut. Das liegt auch daran, wie lax etwa Italien mit seinen Staatsfinanzen umgeht im Vergleich zu vorsichtigeren Ländern wie Deutschland. Das sorgt für Spannungen. Und es gibt in der EU Stress in Osteuropa: Probleme zwischen Polen, Ungarn und Brüssel. Deshalb investieren wir gar nicht in Europa.

Bundesanleihen: Warum in Deutschland die Renditewende bei Anleihen ausbleibt

Bundesanleihen

Warum in Deutschland die Renditewende bei Anleihen ausbleibt

Der Bund will mehr Anleihen als im Vorjahr ausgeben. Doch an den rekordniedrigen Renditen dürfte das vorerst nichts ändern.

Ist die Brexit-Bewegung Ausdruck dieses Trends zu mehr Populismus?
Ja, sie ist Ausdruck eines globalen Trends der Stärkung populistischer und nationalistischer Gedanken. Und sie weist auf eine immer stärker gespaltene Bevölkerung hin – wie wir es auch in den USA sehen. Das erschwert es, Kompromisse zu finden – mit Konsequenzen auf vielen Ebenen. Rein ökonomisch betrachtet führt Nationalismus zu hohen Staatsausgaben, damit zu Defiziten, treibt Inflation, beschränkt Handel und die freie Bewegung von Arbeitskraft. Der Brexit zeigt diese Strömung mit am deutlichsten. Und deshalb muss man sehr vorsichtig investieren – die Anlagemöglichkeiten werden weniger und weniger.

Ihr Anlagefokus liegt aktuell auf Lateinamerika und Asien.
Ja, Mexiko ist beispielsweise sehr interessant. Das Land ist in Richtung Populismus geschwenkt, hat aber starke Institutionen, ein ausgeglichenes Fiskalsystem und etwa ein Handelsabkommen mit den USA ausgehandelt.

Und was reizt Sie an Brasilien und Argentinien?
Deren Staatsanleihen haben aktuell das größte Potenzial in den Schwellenländern. Beide Länder sind durch sehr schwere Zeiten gegangen, haben es aber geschafft. In Brasilien geht es dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro vor allem mit einer Politik von Recht und Ordnung (Law and Order) mit drastischen Gesetzen um Anti-Korruption und Sicherheit – das waren die Haupttreiber für seine Wahl. Außerdem will er mit Arbeitsmarkt- und Rentenreform ökonomisch punkten. Argentinien setzt noch stärker auf ökonomische Erholung. Das sind gute Nachrichten für Bondinvestoren.

Welche Rendite erzielen Sie dort?
In Mexiko gibt es für Anleihen in Lokalwährung rund sieben Prozent Rendite im Jahr, in Brasilien zehn Prozent, in Argentinien für Peso-Anleihen 40 Prozent.

Und was ist interessant in Indien, wo sie ebenfalls investieren?
Das Land hat schwierige strukturelle Reformen bewältigt: zum Beispiel ein Gesetz zu Firmenpleiten und eine Steuerreform verabschiedet und wird in den nächsten Jahren davon profitieren. Dort bringen Staatsanleihen auch rund sieben Prozent Rendite. Südkorea dient als Stabilitätspuffer mit ein paar Prozent Rendite.

Was waren Ihre faszinierendsten Investments überhaupt?
Die Restrukturierung der ukrainischen Staatsschulden nach 2014 war sehr schwer, aber am Ende die einzige mit positivem Ausgang für das Land und die Investoren. Das war eines der schwierigsten zugleich spannendsten Projekte. Ein paar Ukraine-Bonds haben wir noch. Aber auch Irland inmitten der Euro-Zonen-Krise zu helfen, aus dem Teufelskreis zu kommen, war faszinierend. Und Argentinien steckt noch mitten im Umbau seit dem Wahlsieg von Staatspräsident Macri vor rund drei Jahren. Das ist schwierig, entwickelt sich aber in die richtige Richtung.

Herr Hasenstab, vielen Dank für das Gespräch.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×