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08.05.2019

04:01

Marktprognosen

Kaum noch Luft nach oben für den Deutschen Aktienindex

Von: Andrea Cünnen

Die Dax-Prognosen für das Jahresende sind vielfach bereits jetzt überschritten. Trotzdem passen die wenigsten Banken ihre Kursziele an – aus mehreren Gründen.

Dax: Kaum noch Luft nach oben für den Deutschen Aktienindex Reuters

Deutsche Börse

Steigende Skepsis der Marktbeobachter.

Frankfurt Analysten gehören prinzipiell zu den optimistischen Zeitgenossen. Fallende Aktienkurse sagen sie nur selten vorher, und noch im vergangenen November setzten nicht wenige auf eine Jahresendrally an den Aktienmärkten. Stattdessen kam der Jahresendjammer, in dem der Dax zwischen Oktober und Dezember um rund 14 Prozent einbrach.

Doch was sich seither an den Börsen abgespielt hat, überrascht selbst die Optimisten. Der Dax hat seit Jahresbeginn rund 14,5 Prozent zugelegt und sogar Ende vergangener Woche mit über 12 .400 Punkten den höchsten Stand seit acht Monaten erreicht. Damit hat er das ehrgeizige Kursziel, das viele Bankstrategen erst für Ende 2019 vorhergesagt hatten, schon annähernd erreicht oder sogar überschritten.

Das wird langsam auch den hart gesottenen Optimisten zu viel: Weiter vor trauen sie sich kaum noch. Von den 15 Banken, die das Handelsblatt nach ihren aktuellen Kurszielen für den Dax befragt hat, halten sechs an ihren ursprünglichen Prognosen für das Jahresende fest. Drei haben ihre Kursziele sogar gesenkt.

Für Anleger heißt dies, dass sie sich auf schwierigere Zeiten einstellen müssen und dass die besten Zeiten in diesem Jahr wohl vorbei sind. Einen Vorgeschmack darauf gab es bereits seit Anfang dieser Woche: Nachdem US-Präsident Donald Trump am Sonntag über sein Lieblingsmedium Twitter China erneut den Handelskrieg erklärt hatte, eröffnete der Dax die Woche mit einem Minus von fast zwei Prozent.

Anleger sind vorsichtig

Das halbierte er später wieder, aber auch am Dienstag gab der deutsche Leitindex wegen des Handelsstreits kräftig nach. Auch die Analysten sind längst vorsichtiger geworden. Selbst diejenigen, die den Dax Ende des Jahres höher sehen als jetzt, erwarten mit Ausnahme der Helaba nur noch Kurssteigerungen zwischen zwei und sechs Prozent.

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Einigen Experten wird die Rally langsam unheimlich. Am Mittwoch kletterte der Leitindex auf ein Jahreshoch – die 12.000-Punkte-Marke scheint greifbar.

Andere rechnen mit Kursrückgängen von einem bis fünf Prozent, hier sticht die Société Générale mit einer Verlustvorhersage von mehr als 13 Prozent auf Sicht von zwölf Monaten besonders negativ hervor. Nach Ansicht der Société Générale wird vor allem die zweite Jahreshälfte schwierig. Die Helaba dagegen geht davon aus, dass sich die positiven Erwartungen der Märkte in der zweiten Jahreshälfte auch in tatsächlich besseren Konjunkturdaten niederschlagen werden.

Insgesamt dürfte die Lage so sein, wie sie Ulrich Stephan beschreibt: „Die niedrig hängenden Früchte sind abgeerntet“, sagt der Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. Er hat sein Prognosemodell zuletzt umgestellt und sagt keinen Jahresendstand für den Dax mehr voraus, sondern nur einen Stand in zwölf Monaten.

Dabei ist er indes zuletzt oft gefragt worden, ob sein Dax-Ziel von 12.300 Punkten nicht zu niedrig sei. Stephan meint: „Nein. Die Börsen insgesamt und der deutsche Aktienmarkt spiegeln schon jetzt sehr viele positive Erwartungen wider.“ Selbst Strategen, die ihre Kursziele über den aktuellen Dax-Stand angehoben haben, sehen das ähnlich. „Die Luft für weitere Kursgewinne wird zunehmend dünner“, betont etwa Carsten Klude, leitender Anlagestratege bei der Privatbank M. M. Warburg.

Das zeigen auch die durch die neuen Handelssorgen ausgelösten Kursrückgänge der vergangenen beiden Tage. Dabei gehört die Hoffnung auf ein Ende des Handelsstreits neben der mehr oder weniger expliziten Absage der US-Notenbank an weitere Zinserhöhungen zu den Gründen, die Analysten am häufigsten als Erklärung für die zuvor überraschend schnelle Rally an den Börsen anführen.

Grafik

Das gilt gerade für den Dax. „Ohne die Strafzölle für Einfuhren auf chinesische Waren in die USA dürfte sich Chinas Wirtschaft erholen, und das käme gerade der immer noch exportabhängigen deutschen Wirtschaft mit ihren global agierenden Unternehmen im Dax zugute“, erklärt Klude.

Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie wenig der Dax auf die neuesten Drohungen aus dem Weißen Haus in Washington reagiert hat. Schon ab diesem Freitag wollen die USA laut Trump Warenimporte aus China mit einem Gegenwert von 200 Milliarden Dollar mit einem Zoll von 25 statt wie bislang zehn Prozent belegen.

Über weitere Güter im Umfang von 325 Milliarden Dollar könnten ebenfalls Strafzölle verhängt werden. Damit wären nahezu sämtliche chinesische Waren mit Ziel USA mit einem Strafzoll behaftet.

Die Märkte scheinen indes nicht zu glauben, dass es so weit kommt. „Beide Seiten sind aus Sicht der Investoren wohl zu einer Einigung verdammt, sonst wäre der Einbruch an den Börsen größer“, meint dazu Robert Halver, der bei der Baader Bank die Kapitalmarktanalyse leitet.

Auch die US-Wirtschaft würde unter einem Handelskrieg leiden und Trump wolle weder einen Einbruch der Wirtschaft noch einen Absturz der Aktienbörsen riskieren. Auch China könne sich einen Handelsstreit wirtschaftlich nicht leisten. Doch der Handelsstreit zwischen den USA und China ist nicht das einzige Risiko, das Investoren anscheinend ausblenden.

So stehen unter anderem die angedrohten Autozölle der USA auf europäische Importe im Raum. Sie allein könnten Deutschland 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte an Wirtschaftswachstum kosten, meint Stephan von der Deutschen Bank. Auch die anstehende Europawahl und der noch nicht geklärte Brexit könnten die Märkte zwischendurch in die Knie zwingen.

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Für 16 der 30 Dax-Konzerne ist der US-Markt wichtiger als Deutschland. Trumps Zölle bedrohen nicht nur die globalisierten Geschäfte der deutschen Autobauer.

Dabei hält Stephan Rückgänge von fünf bis zehn Prozent für möglich: „Diese Konsolidierung täte dem Markt nicht weh, aber zunächst sollten Anleger abwarten und erst danach wieder stärker einsteigen.“ Strategen, die bis Jahresende unter dem Strich einen Rückgang im Dax erwarten, raten – wenig überraschend – ebenfalls zur Vorsicht.

Andreas Hürkamp von der Commerzbank zum Beispiel würde im Sommer Dax-Niveaus im Bereich von 12.200 bis 12.500 Punkten nutzen, um Positionen abzubauen. Hürkamp hatte seine Prognose für den deutschen Leitindex im März auf 11.800 Punkte mit Blick auf das Jahresende gesenkt. Dabei habe er unterschätzt, wie stark Hoffnungen auf einen Handelsdeal und auf eine Trendwende für die chinesische Konjunktur die Märkte antreiben könnten, räumt der Aktienstratege ein.

Gewinnprognosen im Blick

Dennoch hält Hürkamp an seiner gesenkten Prognose fest, denn er geht davon aus, dass sich die Konjunktur und damit die Gewinne der Unternehmen im zweiten Halbjahr schlechter entwickeln werden, als die Märkte derzeit erwarten. Im Konsens erwarten Analysten laut der in der Datenbank Ibes gesammelten Schätzungen derzeit, dass die Dax-Unternehmen ihre Gewinne in diesem Jahr um zehn Prozent steigern werden. Hürkamp rechnet jedoch nur noch mit Gewinnerhöhungen von zwei bis vier Prozent.

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In den vergangenen 20 Jahren haben die Kurse der größten deutschen Aktiengesellschaften kaum zugelegt. Im Rest der Welt sind die Indizes deutlich stärker gestiegen.

„Für kurzfristig orientierte Anleger ist es nicht verkehrt, die Risiken etwas abzubauen, auch aus saisonalen Gründen“, betont auch Frank Klumpp, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Er hat seine Dax-Prognose ebenfalls gesenkt. Seine vorsichtige Haltung überdenken würde der LBBW-Stratege erst, wenn der Handelsstreit zwischen den USA und China tatsächlich beigelegt wird, es gleichzeitig mit Blick auf zusätzliche Zölle eine Einigung zwischen den USA und Europa gibt und die Gewinne der Unternehmen im zweiten Quartal deutlich über den Erwartungen liegen.

Auch Stephan von der Deutschen Bank würde seine Prognosen erst ändern, wenn die Konjunkturdaten die an den Märkten jetzt schon vorweggenommene Erholung der Weltwirtschaft untermauern. Dabei sollten sich Anleger aber nicht zu sehr auf Prognosen verlassen. Sie geben eine gewisse Orientierung, stützen sich aber auf die gegebenen Daten. Stephan fasst das so zusammen: „Wenn sich die Daten gravierend ändern, ändern sich auch die Prognosen.“

Kommentare (1)

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Frau Edelgard Kah

08.05.2019, 10:55 Uhr

Sehr geehrte Cünnen,

erinnern Sie sich noch? Letztes Jahr tippten fast alle Banker darauf, dass der DAX 15 % zulegen werde. Tatsächlich geworden sind es dann - 18 %. Zwischen Soll und Ist gab es somit eine scherenartiges Auseinanderlaufen von 33 % bzw. 4000 DAX-Punkten. Eine Herde von Affen, die mit Dart-Pfeilen auf den Kurszettel wirft, hätte sicher besser gelegen.

Macht ja nichts. Einen Menschen, der ihnen vertraut, haben die Banker ja noch. Sie ahnen wohl dass Sie damit gemeint sind, verehrte Frau Cünnen.

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