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27.05.2019

18:45

Nach der Europawahl

Europas Börsen stehen unter Beobachtung

Von: Andrea Cünnen

Die Märkte reagieren mit leichten Gewinnen auf den Ausgang der EU-Wahlen. Dabei sind die neuen Konstellationen für die Börsen alles andere als gut.

Der Dax notiert wie viele europäische Indizes im Plus. Reuters

Börse Frankfurt

Der Dax notiert wie viele europäische Indizes im Plus.

Frankfurt Investoren gehen idealerweise nüchtern an ihre Anlageentscheidungen heran und lassen sich nicht von Emotionen leiten. Am Tag nach den Wahlen zum Europaparlament halten sie sich daran. Die Klagelieder über den Stimmengewinn der populistischen Parteien singen Großanleger jedenfalls nicht mit.

Im Gegenteil: Sie konzentrieren sich auf das Positive. „Die proeuropäischen Parteien dominieren weiterhin“, betont Jörg de Vries-Hippen, Chefanlagestratege Aktien beim Fondshaus Allianz Global Investors. „Auch künftig werden die populistischen Gruppierungen nicht stark genug sein, um die Agenda in Brüssel zu diktieren“, stimmt Frank Engels, Fondschef bei der genossenschaftlichen Union Investment, zu.

Ökonomen und Strategen äußern sich ähnlich. „Die Europawahlen haben die Welt nicht auf den Kopf gestellt“, sagt Thomas Gitzel, Chefökonom bei der VP Bank in Liechtenstein. „Alles in allem gibt das Ergebnis den Rechten keine Möglichkeit, die Politik in Europa nennenswert zu beeinflussen“, meint auch Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Berenberg Bank.

Für die Strategen der US-Großbank JP Morgan ist ebenfalls zentral, dass die populistischen Parteien bei den Wahlen nicht besser als erwartet abgeschnitten haben. Die Europäische Volkspartei (EVP) und die sozialdemokratische S&D verloren zwar beide deutlich und werden gemeinsam nicht mehr die Mehrheit im Parlament stellen.

Zusammen mit den Liberalen und Demokraten, zu denen auch die französische „La République en Marche“ zählt, sowie den Grünen, werden die proeuropäischen Parteien aber 503 der 751 Sitze im neuen Europaparlament belegen.

Keine Angst vor Populisten

Die Populisten legten zwar zu, sie bleiben aber deutlich in der Minderheit. Dazu kommt: „Die Populisten sind kein monolithischer Block“, gibt Jens-Oliver Niklasch, Ökonom bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Entwarnung. Konflikte – auch der Rechtspopulisten untereinander – gibt es in der Tat mit Blick auf Themen wie Fiskalpolitik, Handelspolitik und das Verhältnis zu Russland mehr als genug.

Dass die Investoren den Ausgang der Europawahlen gelassen hinnehmen, zeigt sich nicht nur an ihren Aussagen, sondern auch an den Kursverläufen. Die meisten europäischen Aktienindizes legten am Montag leicht zu, Verluste gab es kaum. In Deutschland gewann der Dax bis zum späten Nachmittag gut ein halbes Prozent, in Frankreich stieg der CAC 40 um 0,2 Prozent, und in Großbritannien legte der „Footsie“ genannte Leitindex FTSE 100 sogar 0,6 Prozent zu. Allein in Italien drehte der führende Aktienindex FTSE Mib am Nachmittag leicht ins Minus (siehe Grafiken).

Grafik

In Griechenland, wo Investoren nach dem schlechten Abschneiden der linken Regierungspartei Syriza bei den für Ende Juni angesetzten Neuwahlen auf einen Regierungswechsel setzen, kletterte der Leitindex ASE General sogar um gut sechs Prozent. Am Devisenmarkt verlor der Euro zum Dollar nur leicht – setzte damit allerdings seinen seit Februar 2018 bestehenden Abwärtstrend fort.

Erstaunlich ist indes, dass sich die Börsen ausgerechnet in Italien und Großbritannien am Tag nach den EU-Wahlen so stabil hielten. Denn in beiden Ländern gab es handfeste Überraschungen, die Investoren aus ihrer Gelassenheit hätten reißen können. In Italien legte die rechte Lega deutlicher zu, als Demoskopen vorhergesagt hatten.

Über 34 Prozent der Italiener stimmten für die rechtsnationale und ausländerfeindliche Partei. Matteo Salvini, Chef der Lega, Vizepremier und Innenminister in Personalunion, betonte zwar zunächst, dass sich durch den Wahlsieg nichts an Italiens Innenpolitik ändern werde. Doch Beobachter gehen davon aus, dass Salvini seine Macht in der Koalitionsregierung mit der Fünf-Sterne-Bewegung ausbauen will. Auch Neuwahlen sind möglich.

Dabei können Investoren kaum darauf hoffen, dass ein rechtspopulistisches Bündnis mehr Haushaltsdisziplin wahren würde als die derzeitige populistische Regierung. Salvini hatte im Wahlkampf sogar einen Anstieg der Schuldenstandsquote auf 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht ausgeschlossen. Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank, geht davon aus, dass das gute Abschneiden der Lega den Haushaltskonflikt mit der EU verschärfen wird.

Brexit im Blick

Gestiegen ist die Unsicherheit auch mit Blick auf den Brexit, den Engels von Union Investment ebenso wie die Lage in Italien als sehr relevantes Thema für die Kapitalmärkte einstuft. Die Brexit-Partei vereinte mit knapp 32 Prozent die meisten Wählerstimmen in Großbritannien auf sich.

Parteichef Nigel Farage reklamierte für sich umgehend einen Platz am Verhandlungstisch für den Austritt der Briten aus der EU. „Das macht den Brexit noch komplizierter und könnte die europäischen Märkte mittelfristig belasten“, fürchtet Eric Brard, Leiter des Anleiheteams bei der Fondsgesellschaft Amundi.

Schwieriger geworden ist die Lage auch in Frankreich für Regierungschef Emmanuel Macron. Seine Partei „La République en Marche“ blieb mit 22,5 Prozent der Stimmen einen Prozentpunkt hinter der rechtsextremen „Rassemblement National“ von Marine Le Pen zurück. Dazu steigt in Deutschland nach den deutlichen Verlusten vor allem für die SPD, aber auch für die CDU die Unsicherheit über die Zukunft der schwarz-roten Regierungskoalition.

Für Engels bedeutet dies: „Aus mehreren Mosaiksteinchen ergibt sich für Investoren ein Bild steigender politischer Risiken in Europa.“ Genau das dürfte mit dazu beitragen, dass die europäischen Börsen weiter schlechter abschneiden werden als die Aktienmärkte in den USA. Seit Jahresanfang haben viele große Indizes in Europa zwar deutlich zugelegt, auf Sicht von zwölf Monaten liegen sie aber – anders als die großen Indizes an der Wall Street – noch im Minus.

Dabei ist Europa für Herausforderungen wie den Handelsstreit mit den USA nun schlechter gerüstet. „Auch wenn die populistischen Parteien in der Minderheit sind, wird es künftig schwerer und vor allem langwieriger, politische Entscheidungen im EU-Parlament zu treffen“, sagt dazu Krämer von der Commerzbank. Problematisch dürfte das unter anderem in den Verhandlungen der EU mit US-Präsident Donald Trump über US-Importzölle für europäische Autos werden.

Fazit: Die Europawahl ist für die Märkte zu Recht kein Schock, aber die erste Reaktion der Investoren fiel womöglich zu gelassen aus. Kleiner geworden sind die Probleme Europas nach den Wahlen nicht – im Gegenteil.

Mehr: Der deutliche Rechtsruck in Europa ist ausgeblieben. Das machte sich auch beim Dax bemerkbar, der positiv in die neue Woche startete.

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