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18.10.2019

14:56

Ölkonzern

Saudi Aramcos Börsengang ist erneut gescheitert – was das für Anleger bedeutet

Von: Mathias Brüggmann

Schon wieder ist ein Versuch gescheitert, den Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse zu bringen. Das sind die drei Gründe, warum damit der ganze IPO infrage steht.

Eine Bewertung unterhalb der von dem arabischen Kronprinzen genannten Summe für den Börsengang Saudi Aramcos wäre eine Brüskierung des saudischen Königshauses. Reuters

Mohammed bin Salman

Eine Bewertung unterhalb der von dem arabischen Kronprinzen genannten Summe für den Börsengang Saudi Aramcos wäre eine Brüskierung des saudischen Königshauses.

Berlin Saudi Aramco steckt in der Zwickmühle. Schon wieder musste der Ölkonzern seinen Börsengang verschieben, der zuletzt für Sonntag geplant gewesen war. Denn das Ziel, das der Staatsfonds PIF und die Konzernführung von Saudi Aramco erreichen wollen, konnten ihnen die 25 angeheuerten Investmentbanker und Finanzberater nicht garantieren: Dass der weltgrößte Ölkonzern mit zwei Billionen Dollar bewertet würde – und es zum größten Börsengang der Geschichte käme.

Das sagen durch beteiligte Banken informierte Berater unter der Bedingung, sie nicht zu zitieren, sowie übereinstimmend die Zeitungen Bloomberg, „Financial Times“ und das „Wall Street Journal“.

Dass Saudi Aramco mit dem IPO weiter wartet, hat mehrere Gründe. Diverse Hürden stehen einem erfolgreichen Börsengang derzeit im Weg:

1. Das Zwei-Billionen-Dollar Problem

Die Bewertung von zwei Billionen Dollar hatte der mächtige saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, der auch Chairman des Staatsfonds Public Investment Fund ist, mehrfach öffentlich verkündet. Ohnehin hatten einige einflussreiche Saudis den geplanten Börsengang von Aramco als „Verscherbeln der Kronjuwelen“ gebrandmarkt. Unternehmer wie Essam Al Zamil und Jamil Farsi kamen wegen ihrer Kritik am Aramco-IPO auf Twitter und der Feststellung, das saudische Öl gehöre dem Volk, 2017 sogar ins Gefängnis.

Der Kronprinz führt das Land anstelle seines kranken Vater, König Salman, weitgehend alleine. Eine Bewertung unterhalb der von ihm genannten Summe wäre eine Brüskierung des Königshauses.

Aber die Rahmenbedingungen sind so schlecht, dass eine derart hohe Börsenbewertung des Konzerns unmöglich erscheint: Der Ölpreis ist deutlich gefallen. Saudi-Arabien muss im Rahmen der mit dem Ölkartell Opec und Russland vereinbarten Fördermengenbegrenzung seine Ölproduktion erheblich reduzieren.

Die Aktienkurse an Riads Börse Tadawul, an der Aramco seine Erstnotiz bekommen soll, sind seit Mai im freien Fall. Die von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelskriege belasten die Märkte und haben den Appetit auf große Emissionen deutlich reduziert. Saudi-Arabiens Wirtschaft und Haushalt sind erheblich unter Druck, der Internationale Währungsfonds und Ratingagenturen haben ihre Prognosen für das Land deutlich reduziert.

2. Die Sorge vor neuen Angriffen auf Aramco

Noch mehr als das ambitionierte Bewertungsziel belasten die massiven Drohnen- und Raketenattacken vom 14. September den Ölgiganten. Dabei waren die weltgrößte Ölaufbereitungsanlage Abqaiq und das Ölfeld Khurais getroffen worden. Aramco musste den Ausfall von 5,7 seiner 9,9 Millionen Barrel Tages-Ölförderung verkraften und Kunden aus seinen gebunkerten Reserven beliefern. Bis Anfang Oktober waren die Anlagen repariert und die Ölproduktion wieder auf das normale Niveau hochgefahren worden.

Dennoch wollen Investoren wissen, inwieweit die Attacken auf die Unternehmensbilanz durchschlagen. Deshalb solle das Ergebnis des dritten Quartals vor einer Entscheidung über den Börsengang abgewartet werden. Aber auch prinzipiell herrsche Sorge, dass es zu neuen Angriffen auf Aramcos Anlagen und Ölfelder kommen könnte, da das sunnitische Saudi-Arabien im benachbarten Jemen Krieg führt und Gegenspieler der schiitischen Vormacht Iran ist.

3. Probleme mit dem Softbank Vision Fund

Aramco ist der mit Abstand größte Ölförderer der Welt mit einem Umsatz von 356 Milliarden Dollar und mit 111.1 Milliarden Dollar Nettogewinn 2018 das weltweit profitabelste Unternehmen.

Die Teilprivatisierung des Megakonzerns ist ein Hauptbestandteil der „Vision 2030“ genannten Strategie des Kronprinzen, sein Land unabhängiger von Öleinnahmen zu machen. Die ursprünglich erhofften 100 Milliarden Dollar für fünf Prozent der Aramco-Anteile sollten dem PIF zufließen. Der Staatsfonds, der unter direkter Kontrolle des Königssohns steht, soll dieses Geld in Zukunftsprojekte investieren, wie die Hightech-Stadt Neom am Roten Meer und international in vielversprechende Unternehmen.

45 Milliarden Dollar hat der PIF bereits in den 100 Milliarden Dollar umfassenden Vision Fund der japanischen Softbank Group gesteckt.

Doch seit dem Absturz von Aktienkursen von einstigen Start up-Hoffnungswerten wie Uber und den Problemen des Börsengangs bei WeWork gibt es erhebliche Sorgen um den weltgrößten Investmentfonds, bei dem die Saudis der größte Einzelanteilseigner sind.

Kampf mit allen Mitteln

Der 2016 erstmals angedachte und zuletzt für November geplante Aramco-Börsengang dürfte nach Ansicht von Analysten nun wieder grundsätzlich in Frage stehen. Denn das Problem mit der erhofften Börsenbewertung des Giganten mit zwei Billionen Dollar sei kurzfristig nicht lösbar. Ohnehin war die geplante Listung Aramcos an einer internationalen Börse wie New York, London, Tokio oder Hongkong auf 2020 verschoben worden. Nur an der heimischen Börse in Riad (Tadawul) sollte die Erstnotierung erfolgen.

Doch dort sind die Kurse seit Mai um ein Fünftel gefallen. Nur Argentiniens Börse lief seither noch schlechter. Und das trotz der Aufnahme Saudi-Arabiens in den weltweit führenden MSCI Global-Aktienindex.

Die Liquidität an der Börse in Riad gilt als zu gering für einen Mega-Börsengang. Und sollten saudische Investoren andere Aktien zu Gunsten eines Einstiegs bei Aramco verkaufen, brächte dies andere Notierungen erheblich unter Druck.

Und so macht Riad mächtig Druck auf potenzielle Investoren: Reiche saudische Familien, von denen einige Mitglieder 2017/18 festgenommen und teilweise monatelang in Riads Ritz-Carlton Luxushotel inhaftiert wurden, werden erpresst. Sie sollten Aramco-Aktien kaufen oder ihre für die Freilassung aus dem Ritz erpressten, eingefrorenen Vermögen in Aramco-Anteile tauschen, heißt es unter der Bedingung, nicht namentlich zitiert zu werden.

Auch in den vom Staat weitgehend überwachten Social Media-Kanälen wird massiv für den IPO Werbung gemacht und behauptet, Patrioten müssten Aramco-Aktien kaufen.

Zudem wurden Staatsfonds in befreundeten und abhängigen Ländern wie Kuwait oder den Vereinigten Arabischen Emiraten zu Investments gedrängt, ebenso Großkunden wie chinesische oder japanische Ölfirmen. Denn sie können mit einem Kauf von Aramco-Paketen die hochfliegenden Pläne des Kronprinzen retten.

Immer wieder hatten Finanzexperten am Golf davon berichtet, dass nur ein solches Private Placement bei Großinvestoren wie Staatsfonds oder Ölkonzernen der Hauptabnehmerländer des saudischen Öls die erhoffte Teilprivatisierung Aramcos möglich mache. Nun dürfte sich diese Sicht durchsetzen.

Dem mächtigsten Monarchen am Golf geht es dabei um viel Prestige: Gerade vor der erstmaligen Präsidentschaft Saudi-Arabiens bei der G20-Gruppe der 20 wirtschaftlich wichtigsten Staaten der Welt 2020 will der König, dass sein Land mit Aramco auch öffentlich sichtbar das wertvollste Unternehmen der Welt besitzt.

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