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08.08.2019

12:52

Zinspapiere

Vier Gründe für die gigantische Blase am Anleihemarkt

Von: Andrea Cünnen

Wer Staaten Geld leiht, bekommt derzeit dafür keinen Zins, sondern zahlt drauf: In Deutschland wirft keine Bundesanleihe eine positive Rendite ab. In anderen Staaten ist das ähnlich.

In Deutschland steht der Anleihemarkt komplett auf dem Kopf. Für keine Staatsanleihe gibt es noch positive Renditen. Imago

Spiegelbild des Frankfurter Römers in einer Seifenblase

In Deutschland steht der Anleihemarkt komplett auf dem Kopf. Für keine Staatsanleihe gibt es noch positive Renditen.

Frankfurt Die Realität überholt die Analysten am Anleihemarkt derzeit fast jeden Monat. Aktuell sogar ganz besonders: Denn die Renditen von Staatsanleihen sacken immer weiter ab – und übertreffen selbst die kühnsten Prognosen der Analysten.

Anfang des Jahres hatten vom Handelsblatt befragte Analysten im Schnitt noch geschätzt, dass die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe – des am meisten beachteten Zinspapiers in der Euro-Zone – Ende 2019 um einen halben Prozentpunkt auf 0,7 Prozent steigen würde. Tatsächlich ist die Rendite am gestrigen Mittwoch kurz auf das Rekordtief von minus 0,6 Prozent abgesackt.

Investoren stürzen sich aktuell geradezu auf Zinspapiere. Seitdem die zehnjährige Bund-Rendite Anfang Juni das bisherige Tief von minus 0,2 Prozent aus dem Sommer 2016 – also der Zeit nach dem Votum der Briten gegen die EU – unterschritten hat, gibt es im Prinzip kein Halten mehr. In Deutschland findet sich keine einzige Staatsanleihe mehr mit positiver Rendite.

Im übrigen Europa ist es nicht viel besser. „In der ganzen Euro-Zone rentieren fast 90 Prozent aller Staatsanleihen im Minus“, sagt Martin Hasse, Stratege bei der Privatbank MM Warburg.

Das bedeutet: Wer Staaten Geld leiht, bekommt dafür keinen Zins, sondern zahlt drauf. Gemessen am globalen Bloomberg-Barclays-Anleiheindex ist das Volumen von Anleihen mit negativer Rendite auf mehr als 15,6 Billionen Dollar angeschwollen. Selbst für viele Unternehmensanleihen, die riskanter als Staatsanleihen gelten, gibt es weniger als nichts. Am Anleihemarkt hat sich dadurch eine gigantische Blase aufgepumpt.

In den USA steht bei den Renditen zwar noch ein Plus vor dem Komma, mit 1,7 Prozent nähert sich die Rendite zehnjähriger US-Papiere aber ihrem ebenfalls im Sommer 2016 erreichten Rekordtief von unter 1,4 Prozent.

Besonders auffällig in den USA ist, dass in schon drei Monaten fällige Geldmarktpapiere höher rentieren als Anleihen, die erst in zehn Jahren zurückgezahlt werden. Der Abstand ist so groß wie zuletzt vor zwölf Jahren. Üblicherweise verlangen Investoren für langfristige Anleihen mehr Zinsen als für kurzfristige, weil mit der Laufzeit die Risiken steigen. Dreht sich dieses Verhältnis um, spricht man von einer inversen Zinskurve. Sie gilt an den Finanzmärkten als Warnsignal für eine kommende Rezession.

Diese Gründe sorgen dafür, das Investoren in Staatsanleihen fliehen:

1. Rezessionsängste

Die Angst vor einer Rezession ist der erste der vier Hauptgründe. Denn wenn es hart auf hart kommt, sind Anleihen die sicherere Alternative im Vergleich zu Aktien. Bei Zinspapieren von soliden Staaten und Unternehmen gehen Anleger schließlich davon aus, dass der Schuldner das geliehene Geld zurückzahlt. Die Abstriche durch die negative Verzinsung sind in diesem Fall weniger gering als die Verluste von Aktien im Umfeld einer deutlich einbrechenden Wirtschaft.

Die meisten Ökonomen glauben zwar noch nicht, dass eine Rezession unmittelbar bevorsteht. Doch Stimmungsindikatoren wie sinkende Einkaufsmanagerindizes und rückläufige Auftragseingänge verheißen nichts Gutes. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen ihre Gewinnerwartungen deutlich reduzieren.

2. Politische Unsicherheit

Einer der Auslöser für die Rezessionsängste ist die politische Unsicherheit, vor allem der Handelsstreit zwischen den USA und China. Der Konflikt spitzt sich immer weiter zu. US-Präsident Donald Trump droht damit, ab September alle chinesischen Importe mit Strafzöllen zu belegen. China will im Gegenzug keine Agrarprodukte mehr aus den USA importieren.

Der Freihandel zwischen den beiden Ländern käme damit komplett zum Erliegen. In der globalisierten Welt mit ihren vielfältigen Verflechtungen und Lieferketten würde das die Wirtschaft hart treffen. „Für Europa und wahrscheinlich auch für die USA wäre eine Rezession dann kaum noch zu vermeiden“, fürchtet Rolf Schäffer, leitender Makro-Stratege bei der Landesbank Baden-Württemberg.

Die Gründe für die Flucht der Investoren in den Anleihemarkt hängen also eng zusammen. Das gilt auch für Geldpolitik, die ein weiterer Auslöser für die Rally an den Anleihemärkten ist.

3. Geldpolitik

Die Notenbanken haben auf die sich verschlechternden Wirtschaftsdaten reagiert und die Kehrtwende in ihrer Geldpolitik weg von höheren hin zu niedrigeren Zinsen eingeleitet. Formell berufen sich die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) dabei auf die gesunkenen Inflationserwartungen, die sie zum Handeln zwingen.

Die Fed hat Ende Juli zum ersten Mal seit zehn Jahren die Leitzinsen gesenkt. Fed-Chef Jerome Powell hielt sich mit der Ankündigung weiterer Zinssenkungen zwar zurück, aber Investoren spekulieren weiter darauf.

Im Euro-Raum setzen Investoren ebenfalls darauf, dass die EZB die Geldpolitik weiter lockert. Der Leitzins für Ausleihungen an Banken liegt schon bei null Prozent, doch gestaffelte Senkungen der negativen Einlagenzinsen von Banken sind möglich.

Zudem hat EZB-Chef Mario Draghi eine Neuauflage des eigentlich in diesem Jahr beendeten Anleihekaufprogramms ins Spiel gebracht. Wenn die EZB erneut als großer Nachfrager nach Anleihen auftritt, dürfte das die Kurse weiter treiben und die Renditen nach unten drücken.

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4. Spekulation

Am Anleihemarkt geht es den institutionellen Investoren wie zum Beispiel Fonds weniger darum, ihr Kapital zu erhalten. Sie spekulieren auf Kursgewinne. Die Ängste vor einer Rezession, die verunsichernden Tweet-Attacken von Donald Trump und die Hoffnung auf billiges Geld der Notenbanken lässt Investoren auf weitere Kursgewinne hoffen. Und die sind beachtlich.

Ein extremes Beispiel dafür ist die 30-jährige Bundesanleihe. Ihr Kurs ist seit Jahresanfang um fast 27 Prozent gestiegen und damit viel deutlicher als der Dax, der er gut elf Prozent zugelegt hat. Investoren, die diese Rally verpasst haben, springen nach und nach auf den Zug auf – und treiben so die Kurse noch weiter.

Das kann noch eine Weile so weitergehen. Die meisten Analysten gehen zwar immer noch davon aus, dass die Renditen von Staatsanleihen Ende des Jahres höher liegen werden als jetzt, die Kurse also fallen sollten. Mit ihren längerfristigen Prognosen für die Anleihemärkten haben Strategen aber selten richtig gelegen

Kurzfristig ist laut Analysten wie Hasse von MM Warburg bei Bundesanleihen „nicht zu erkennen, dass der Trend zu negativen Renditen zum Stillstand kommt“. Auch bei US-Anleihen sei es wohl „nur eine Frage der Zeit“, bis neue historische Tiefs markiert werden.

Mehr: Jedes Wertpapier des deutschen Staates wirft mittlerweile negative Renditen ab. Diese Phase dürfte anhalten – und erschwert es Privatanlegern, noch Profit zu machen.

Kommentare (3)

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Herr Helmut Metz

08.08.2019, 13:39 Uhr

Ja, die Staatsanleihenblase ist ein Monster - aber sie ist noch nicht einmal die größte aller Blasen. Das ist die Derivate-Blase. Das Entscheidende ist jedoch: alle diese Blasen konnten einzig und alleine mit der heißen Luft des Fiat Money aufgepumpt werden.
Gestern haben wir hier über Keynes diskutiert, und dass der Staat - wie seit Keynes bei aufziehenden Rezessionen üblich - sich dann eben mehr verschulden solle, um "die Wirtschaft wieder anzukurbeln".
Wieso sind Staatsschulden jedoch höchst ineffizient dazu - und das auch noch in zunehmendem Maße?
"Das makabre Geschehen hat auch mit dem besonderen Charakter der Staatsschulden zu tun. Staatsschulden heißen zwar genauso "Schulden" wie Privatschulden (Schulden von Unternehmen und Privatpersonen), sind jedoch völlig anderer Natur. Zwar stehen ihnen, wie bei den privaten Schulden auch, Forderungen in gleicher Höhe gegenüber, aber keineswegs die gleiche Leistungskraft und die gleichen Sicherungswerte. Während private Kredite meist in produktive Investitionen gesteckt werden, deren Erträge die Verzinsung und Tilgung der Schulden gewährleisten, fließen Staatschulden-Gelder weit überwiegend in den staatlichen oder privaten Konsum und sind somit als Ertragsgrundlage für Verzinsung und Rückzahlung verloren. Der Staat verfügt niemals über eigenes Geld, weil er keine unternehmerische Wertschöpfung betreibt. Was er ausgibt, muß er den Bürgern wegnehmen. Deshalb kann er auch die Zinsen (und eventuelle Tilgungen) für seine Schulden niemals aus der eigenen Tasche bezahlen, sondern muß dafür den Steuerzahler melken. Was der Staat dem einen Teil der Bürger (z.B. den Gläubigern von Staatsanleihen) schuldet, muß stets von anderen (oder denselben) Bürgern in Form von Steuern bezahlt werden."
https://forum.finanzen.net/forum/Staatsbankrott_und_Konkursverschleppung-t250965?page=0


Herr Helmut Metz

08.08.2019, 13:40 Uhr

- Fortsetzung -

Machen wir uns nichts vor: eher früher als später werden die meisten Zentralbanken diese Staatsschulden "drucken" / monetarisieren müssen - mit allen Konsequenzen für die Kaufkraft ihrer Fiat-Währungen.

Herr Helmut Metz

08.08.2019, 15:11 Uhr

- Nachtrag -

Wenn schon Keynes, dann muss man ihn "richtig" anwenden - nämlich "österreichisch-mengerianisch". ;-)
Der von mir überaus geschätzte Herr Häring kann als "Keynesianer" darüber ja mal nachdenken.
Was macht nämlich die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Gegensatz zu dem meisten anderen Zentralbanken? Sie kauft (Schweizer) Aktien und eben keine Staatsanleihen. Natürlich ist auch das ein schwerer Eingriff in den Markt, weil sie ja durch ihre Selektion einige Unternehmen bevorzugen und andere benachteiligen muss und dadurch die natürliche Selektion durch den freien Markt untergräbt; aber damit fördert sie eben wenigstens Produktivität und nicht den unproduktiven Staat mit seiner Bürokratie, der es in Deutschland noch nicht einmal auf die Reihe bekommt, einen Flughafen zu bauen.
Wer hat´s erfunden? Eben nicht - wie früher - die Deutschen; - und damit sind die Schweizer auch zurecht heute wesentlich wohlhabender als wir...

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